Abraham Geiger Kolleg

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Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam
Gründung 1999
Ort Potsdam
Bundesland Brandenburg
Land Deutschland
Leitung ad interim Gabriele Thöne[1]
Website www.abraham-geiger-kolleg.de (englisch)
Der Standort Neues Palais im westlichen Teil des Parks Sanssouci (Luftbild 2008)

Das 1999 gegründete Abraham Geiger Kolleg in Potsdam ist ein Rabbinerseminar, ein An-Institut der Universität Potsdam in der Bundesrepublik Deutschland und die erste entsprechende Neugründung in Kontinentaleuropa nach der Schoa. Es ist nach Abraham Geiger, einem wichtigen Vertreter des liberalen Judentums in Deutschland, benannt und wurde von den Rabbinern Walter Jacob und Walter Homolka ins Leben gerufen. Gründungsrektor des Kollegs war bis Mai 2022 Walter Homolka. Seit 2008 bildet es auch Kantoren aus.

Geschichte, Profil, Vernetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Abraham-Geiger-Kolleg (AGK) ist als Kapitalgesellschaft eine gemeinnützige GmbH (gGmbH), wobei Homolka laut Handelsregister 90 Prozent der Geschäftsanteile hielt und die Leo Baeck Foundation die übrigen zehn Prozent;[2] am 21. Mai 2022 wurde bekannt, dass sich Homolka als Gesellschafter des AGK zurückziehe und die Leo Baeck Foundation seine Anteile unentgeltlich übernommen habe.[3] Aufgrund der Rechtsform als gGmbh untersteht das Kolleg nicht der staatlichen Stiftungsaufsicht, und das Arbeitsrecht des öffentlichen Dienstes findet keine Anwendung.[2] Das AGK wird aus Mitteln der Bundesrepublik Deutschland, der Kultusministerkonferenz aller deutschen Bundesländer, des Zentralrats der Juden in Deutschland, des Landes Brandenburg und der Leo Baeck Foundation gefördert.

Das AGK ist ein An-Institut der Universität Potsdam. Die fünfjährige Ausbildung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Kollegium Jüdische Studien. Sie schließt mit einem Magister in Jüdischen Studien ab.

Seit 2001 ist das AGK Mitglied der World Union for Progressive Judaism. Seine Absolventen sind seit 2005 durch die Central Conference of American Rabbis (CCAR) akkreditiert. Die Ordination des ersten Jahrgangs erfolgte am 14. September 2006: Daniel Alter, Tomáš Kučera und Malcolm Mattitiani wurden zu Rabbinern bestellt. Alter betreute von September 2006 bis Juli 2008 die Jüdische Gemeinde zu Oldenburg, Kučera betreut die Liberale Jüdische Gemeinde München Beth Shalom. Mattitiani kehrte nach Südafrika zurück und übernahm die geistliche Leitung der Temple of Israel Congregation in Kapstadt.[4]

Dies war die erste Ordination seit 1942 in Deutschland, als die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin durch die Gestapo geschlossen wurde.

2007 wurde das Kolleg als „Ort im Land der Ideen“ ausgezeichnet, einer Standortinitiative unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler. Die gleiche Auszeichnung erhielt 2009 die Kantorenausbildung.

2010 wurde Alina Treiger als erste Frau in Deutschland nach der 1944 ermordeten Regina Jonas durch das Kolleg zur Rabbinerin ordiniert.

Machtmissbrauch durch Vorgesetzte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2022 veröffentlichte die Die Welt Artikel über Vorfälle sexueller Belästigung am Kolleg. Die Presse warf dem Leiter Walter Homolka eklatanten Machtmissbrauch im Umgang mit den Vorwürfen vor.[5][6]

Im Oktober wurde der Machtmissbrauch durch eine unabhängige Kommission bestätigt. Eine sexuelle Belästigung konnte „nicht nachweislich bestätigt“ werden. Es habe jedoch „Begegnungen in Pool und Sauna“ gegeben. Konkret wurde eine „Ausnutzung institutioneller Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse“ bestätigt. Dabei seien Entscheidungen gefallen, „die den weiteren Lebens- und Karriereweg der Betroffenen sehr negativ beeinflussten und für die Herrn Homolka wegen der Fülle seiner direkten und indirekten Einflussmöglichkeiten die Verantwortung persönlich zugeschrieben wurde[n]“. Herr Homolka soll der Verursacher eines „Klimas der Angst“ gewesen sein. Angestellte wurden unter Druck gesetzt auch am Wochenende private Dienstleistungen für ihre Vorgesetzte zu erbringen, z. B. deren Steuererklärung vorzubereiten. Der verantwortliche Direktor und Geschäftsführer des Kollegs Walter Homolka wurde beurlaubt. Sein Ehepartner wurde bereits seit Februar 2022 nicht mehr beschäftigt.[7]

Abraham-Geiger-Preis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kolleg verleiht seit 2000 meist alle zwei Jahre den Abraham-Geiger-Preis für „Verdienste um das Judentum in seiner Vielfalt“. Die einst im Jahr 2000 von Karl-Hermann Blickle gestiftete[8] Preissumme beträgt 10.000 Euro.[9] Bisherige Preisträger sind:

Emil Fackenheim Lecture[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kolleg lädt bedeutende Vertreter der judaistischen Wissenschaften, die durch ihr Wirken Tradition und Moderne verbinden, sowie weitere Persönlichkeiten ein.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Pressemitteilung des Abraham Geiger Kollegs vom 19. Mai 2022: Abraham Geiger Kolleg stellt Weichen für die Zukunft, abgerufen am 21. Mai 2022
  2. a b Michael Thaidigsmann: »Herrliches neues Gebäude und ruiniertes Ansehen«. In: www.juedische-allgemeine.de. 20. Mai 2022, abgerufen am 21. Mai 2022.
  3. Gründer des Abraham Geiger Kollegs zieht sich als Gesellschafter zurück. In: www.spiegel.de. 21. Mai 2022, abgerufen am 21. Mai 2022.
  4. Chajm Guski: Erste Rabbinerordination in Deutschland nach der Schoah. (Nicht mehr online verfügbar.) In: talmud.de. Chajm Guski, September 2006, archiviert vom Original am 31. Juli 2009; abgerufen am 7. Dezember 2018.
  5. Alan Posener: Die Methode Homolka. In: welt.de. 9. Mai 2022, abgerufen am 10. Mai 2022 (Artikelanfang frei abrufbar).
  6. Der Tagesspiegel, 6. Mai 2022
  7. https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/klima-der-angst-an-liberalem-rabbinerkolleg-in-potsdam-18415138.html
  8. Otto-Hirsch-Auszeichnung – 2007 – Karl-Hermann Blickle. (Nicht mehr online verfügbar.) In: stuttgart.de. Landeshauptstadt Stuttgart, 28. Juli 2009, archiviert vom Original am 28. Juli 2009; abgerufen am 22. Juli 2017.
  9. a b Michiel Hendryckx: Amos Oz erhält den Abraham-Geiger-Preis 2017. In: abraham-geiger-kolleg.de. Abgerufen am 18. Mai 2017.
  10. Abraham Geiger Preis. (Nicht mehr online verfügbar.) In: abraham-geiger-kolleg.de. Archiviert vom Original am 1. Oktober 2012; abgerufen am 7. Dezember 2018 (Preisträger bis 2011). (englisch; alle Preisträger).
  11. Merkel mit Abraham-Geiger-Preis für Verdienste um Judentum ausgezeichnet. „Absage an jede Form von Antisemitismus“. In: Domradio. Bildungswerk der Erzdiözese Köln, 3. Dezember 2015, abgerufen am 3. Dezember 2015 (Quelle: KNA).
  12. Barbara Just: Der Abraham-Geiger-Preis geht an Christian Stückl. In: Domradio. Bildungswerk der Erzdiözese Köln, 15. Januar 2020, abgerufen am 15. Januar 2020.
  13. Kardinal Hollerich bekommt Abraham-Geiger-Preis. Für pluralistische Denkweise. In: Domradio. Bildungswerk der Erzdiözese Köln, 19. Dezember 2021, abgerufen am 19. Dezember 2021 (Quelle: KNA).
  14. Emil Fackenheim Lectures. (Nicht mehr online verfügbar.) In: abraham-geiger-kolleg.de. 10. Februar 2013, archiviert vom Original am 10. Februar 2013; abgerufen am 7. Dezember 2018 (englisch, alle Lehrenden bis 2011).
  15. Ruth Schulhof-Walter: Eine Preisverleihung. In: Gemeindeblatt. Synagogen-Gemeinde Köln. Dezember 2016, S. 11 (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven: @1@2Vorlage:Toter Link/www.sgk.de sgk.de [PDF; 911 kB; PDF-S. 1; abgerufen am 22. Juli 2017; keine Mementos]).
  16. Willkommen Welcome. ברוכים הבאים. Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis. Sommersemester 2017, S. 22, 24, 32 (Fackenheim Lecture am Forum Religionen im Kontext: Sources for survival and transformation: The women of the bible; abraham-geiger-kolleg.de [PDF; 495 kB; abgerufen am 22. Juli 2017]).

Koordinaten: 52° 24′ 4″ N, 13° 0′ 43″ O