Abstand und Ausbau

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Abstand und Ausbau sind Begriffe der Sprachwissenschaft – genauer der Dialektologie –, die zur Charakterisierung sprachlicher Varietäten verwendet werden. Sie wurden ursprünglich vom Sprachsoziologen Heinz Kloss (1978) geprägt, eine Präzisierung erhielten diese Begriffe unter anderem durch Georg Bossong (2008).

Sprache und Dialekt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt sprachliche Varietäten, deren Charakter als „Sprache“ bzw. „Einzelsprache“ oder „Standardsprache“ eindeutig ist, wie z. B. Deutsch, Englisch oder Spanisch, andere Varietäten, deren Status als „Dialekt“ einer zugeordneten Sprache ebenso eindeutig ist wie z. B. das Bairische als Dialekt(gruppe) des Deutschen. Dazwischen gibt es viele Varietäten, die nicht ohne Weiteres eindeutig als Sprache oder als Dialekt qualifiziert werden können. Mit den Begriffen „Abstand“ und „Ausbau“ lässt sich das weite Spektrum zwischen Hochsprache und Dialekt genauer beschreiben und die Definition von „Sprache“ präzisieren.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Begriffspaar Abstand- und Ausbausprache geht auf den Sprachsoziologen Heinz Kloss zurück, der in seinem Buch Die Entwicklung neuer germanischer Kultursprachen seit 1800 von 1978 den Versuch unternahm, die vielen Idiome germanischer Sprachen daraufhin zu untersuchen, welche von ihnen als Dialekt, welche als Sprache aufgefasst werden und warum.

Abstand und ausbau werden als Germanismen auch in nicht-deutschsprachiger Fachliteratur verwendet.

Abstandsprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Abstandsprache bezeichnet man eine Sprachvarietät, die so verschieden von einer anderen Sprachvarietät ist, dass sie unmöglich als Dialekt dieser anderen Varietät aufgefasst werden kann. Diese Definition wird zum Teil unabhängig vom Ausbaugrad getroffen (so Kloss 1978), teilweise nur für Varietäten mit geringem Ausbaugrad (so Bossong 2008). Der Abstand einer Sprachvarietät zu einer anderen Varietät wird durch ihre Unterschiede in den Bereichen Wortschatz, Phonetik, Morphologie (NominalsystemVerbalsystem), Syntax und durch den Grad ihrer wechselseitigen Verständlichkeit festgestellt, wobei das letzte Merkmal eher problematisch ist. Selbstverständlich ist die Feststellung, dass eine Varietät von einer anderen einen „großen Abstand“ oder „geringen Abstand“ hat, nicht mit mathematischer Präzision und als allgemeingültiges Urteil zu treffen. Außerdem ist ein so definierter Abstandsbegriff graduell.

Als unzweifelhaftes Beispiel einer Abstandsprache wird das Baskische genannt, das sich als isolierte Sprache eindeutig von allen romanischen Varietäten der geographischen Umgebung des Sprachgebiets unterscheidet, oder auch indigene Sprachen Amerikas, afrikanische Sprachen, australische Sprachen und Sprachen Papua-Neuguineas. Unklar bleibt, ob weit voneinander entfernte Varietäten innerhalb eines Dialektkontinuums unter die Definition „Abstandsprache“ fallen.

Aufgrund des „Abstandes“ zu Nachbarsprachen wie Deutsch (Hochdeutsch), Englisch, Sächsisch (Niederdeutsch) und Niederländisch wird z. B. Friesisch als Sprache und nicht als Dialekt einer anderen Sprache betrachtet. Auch das Frankoprovenzalische hat innerhalb der romanischen Sprachen einen deutlichen Abstand zu allen französischen und okzitanischen Varietäten.

Ausbausprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter Ausbausprache oder Ausbaudialekt versteht man eine Sprachvarietät, die so weit entwickelt ist, dass sie für anspruchsvolle kommunikative Zwecke (z. B. Sachprosa) dienen kann. Zum Ausbau der Sprache gehört ein gewisser Grad der Normierung in Bezug auf die Grammatik, Orthographie und den Wortschatz. Ausbausprachen unterscheiden sich von den Abstandsprachen darin, dass sie aufgrund des eher geringen sprachlichen Abstandes zu den benachbarten Varietäten nicht unbedingt als „Sprachen“ anzusehen sind, infolge der Anwendung für Hochliteratur, Sachprosa, Wissenschaft, Verwaltung usw. aber dennoch die Positionen einer Standardsprache einnehmen, also in ihrem Gebrauch entsprechend „ausgebaut“ sind.

Während das Abstandkriterium sich ausschließlich auf die inneren qualitativen Eigenschaften von Sprachvarietäten bezieht, ist der Begriff „Ausbau“ eine externe Charakterisierung, die auch eher quantifiziert werden kann. Maßgeblich für den Grad des Ausbaus einer Sprachvarietät sind folgende Kriterien:

  • Existenz einer Verschriftung mit einer anerkannten orthographischen Norm (Schriftsprache)
  • Standardisierung von Phonetik, Morphologie und Syntax
  • Nutzung der Varietät für anspruchsvolle kulturelle und wissenschaftliche Texte
  • Vorhandensein einer selbständigen Literatur
  • Verwendung der Varietät als National- oder Amtssprache

In diesem Sinne sind natürlich Sprachen wie Deutsch oder Italienisch hoch ausgebaute Varietäten, während es den meisten deutschen Dialekten an einer orthographischen Norm und anspruchsvoller wissenschaftlicher Prosa fehlt, sie also eher gering ausgebaut sind.

Von Ausbausprachen oder -dialekten ist aber vor allem bei Sprachvarietäten die Rede, die aufgrund ihrer engen Verwandtschaft und hohen gegenseitigen Verständlichkeit keine Abstandsprachen sind. Beispiele für Ausbausprachen in diesem Sinne sind das Jiddische, das Galicische oder das Mazedonische. Auch das Luxemburgische wird oft als Ausbausprache angesehen, obgleich als Amtssprachen Französisch und Deutsch immer noch sehr dominant sind.

Autoren, die solchen Varietäten aus politischen oder sprachwissenschaftlichen Motiven den Status von Einzelsprachen absprechen, verwenden die Bezeichnungen „Ausbaudialekt“ oder „Kulturdialekt“. Die Unterscheidung zwischen Sprache und Dialekt, die hier vorausgesetzt wird, ist jedoch sprachwissenschaftlich schwierig. Überdies sind die Grenzen Dialekt ↔ Ausbaudialekt ↔ Sprache fließend und können sich im Laufe der Zeit verschieben.

Der Ausbau einer Varietät erfordert eine gewisse Zeit und kann in unterschiedlichem Tempo verlaufen. Meist ist mit dem Ausbau auch eine Erweiterung des Wortschatzes verbunden. Solange der Prozess des Sprachausbaus noch in den Anfängen steckt, ist es oft schwierig zu entscheiden, ob es sich um eine Ausbauvarietät handelt oder nicht. Auch der umgekehrte Prozess kommt vor, nämlich dass ein Standard nicht gepflegt wird und eine Sprache so wieder zur Umgangsvarietät wird. Diesen Vorgang nennt man auch Destandardisierung. Dieses ist zum Beispiel mit einigen neuindischen Sprachen geschehen, die mit der Expansion des Hindi wieder zu Dialekten des Hindi wurden, obwohl sie einst Ausbausprachen waren (beispielsweise Rajasthani, Bihari).

Auch viele Gebärdensprachen haben einen Prozess des Ausbaus durchlaufen, wobei die Schreibung von Gebärdensprachen noch in den Kinderschuhen steckt und man deshalb auch keine Regeln zur Orthographie erwarten kann. Das über den Wortschatz und die Grammatik Gesagte gilt aber auch für Gebärdensprachen.

Nicht zu verwechseln mit dem Begriff Ausbausprache ist derjenige der nationalen Varietät. Schweizer Hochdeutsch etwa baut nicht auf den schweizerdeutschen Dialekten auf, sondern weicht nur in einer überschaubaren Anzahl Punkten von der deutschen oder der österreichischen Standardvarietät ab, mit denen zusammen es die deutsche Standardsprache bildet.

Abstandsprache und Ausbausprache im Sinne von Kloss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Heinz Kloss gelten folgende Definitionen:

  • Abstandsprachen“ sind sprachliche Varietäten, die von allen anderen sie umgebenden Varietäten einen großen sprachlichen Abstand besitzen, unabhängig von ihrem Ausbaugrad.
  • Ausbausprachen“ sind alle Varietäten, die einen hohen Ausbaugrad besitzen, unabhängig von ihrem Abstand zu anderen Varietäten.
  • Eine Varietät ist dann als „Sprache“ qualifiziert, wenn sie Abstandsprache oder Ausbausprache (oder beides) ist.

Die Abstandsprachen-Definition muss allerdings dahingehend präzisiert werden, dass das nicht für den Abstand zu den eigenen Untervarietäten gilt, der naturgemäß gering ist; sonst wären alle Sprachen, die Dialekte besitzen (und es gibt kaum Sprachen ohne dialektale Aufgliederung), keine Abstandsprachen im strengen Sinne der Definition.

Auch die Ausbausprachen-Definition greift nicht völlig unabhängig vom Abstand: das in Deutschland gesprochene Deutsch ist vom österreichischen Deutsch linguistisch so minimal entfernt, dass die Tatsache, dass beide Varietäten sehr hoch ausgebaut sind, aus diesen Varietäten noch keine zwei verschiedene Sprachen macht. Anders ist es beim „ausgebauten“ Luxemburgischen: hier ist der Abstand zum Deutschen zwar auch gering, aber genügend groß, um von einer eigenständigen „Sprache“ zu sprechen. Diese Beispiele zeigen, dass die Klassifikation als Abstand- oder Ausbausprache im Einzelfall sehr schwierig sein kann.

Abstandsprache und Kulturdialekt im Sinne von Bossong[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Bossong werden von Kloss abweichend als „Abstandsprachen“ nur solche Abstandsvarietäten bezeichnet, die einen geringen Ausbaugrad besitzen. Ausbauvarietäten mit geringem Abstand zu anderen Varietäten bezeichnet Bossong als „Kulturdialekt“. Damit kommt er zu folgender Kategorisierung:

Abstand zu
Referenzvarietät
Ausbaugrad Bezeichnung
nach Bossong
groß hoch Sprache, Hochsprache
groß gering Abstandsprache
klein hoch Kulturdialekt
klein gering Dialekt

Eine „Sprache“ ist also eine hoch ausgebaute Abstandsvarietät, ein „Kulturdialekt“ eine hoch ausgebaute Varietät, die zu anderen Varietäten einen eher kleinen Abstand hat, während ein „Dialekt“ zu seiner Referenzvarietät einen relativ kleinen Abstand und einen geringen Ausbaugrad besitzt. Der Begriff „Abstandsprache“ wird hier nur bei geringem Ausbaugrad verwendet, also anders als von Kloss.

Beispiele aus dem Romanischen

Nach dieser Definition sind im Romanischen

Spanisch, Französisch oder Italienisch haben zu allen anderen romanischen Varietäten einen klar definierbaren Abstand und sind voll ausgebaute Kultursprachen. Frankoprovenzalisch hat zwar zu den benachbarten französischen und okzitanischen Varietäten einen deutlichen linguistischen Abstand, besitzt aber keinen hohen Ausbaugrad, z. B. fehlt eine verbindliche Orthographie oder auch umfangreichere Fachprosa. Galizisch und Korsisch haben nur einen geringen linguistischen Abstand zu portugiesischen bzw. italienischen Varietäten, weisen aber auf Grund ihrer eigenständigen Literatur einen hohen Ausbaugrad auf.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Georg Bossong: Die romanischen Sprachen. Eine vergleichende Einführung. Buske, Hamburg 2008, ISBN 978-3-87548-518-9, insbesondere S. 25–28.
  • Helmut Glück (Hrsg.), unter Mitarbeit von Friederike Schmöe: Metzler Lexikon Sprache. Dritte, neubearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart/ Weimar 2005, ISBN 978-3-476-02056-7.
  • Harald Haarmann: Abstandsprache – Ausbausprache. In: Ulrich Ammon, Norbert Dittmar, Klaus J. Mattheier & Peter Trudgill: Soziolinguistik. Ein internationales Handbuch zur Wissenschaft von Sprache und Gesellschaft, Band 1. de Gruyter, Berlin/ New York 2004 (2. Auflage), S. 238 ff.
  • Heinz Kloss: Die Entwicklung neuer germanischer Kultursprachen seit 1800. 2., erweiterte Auflage. Schwann, Düsseldorf 1978, ISBN 3-590-15637-6.
  • Snježana Kordić: Plurizentrische Sprachen, Ausbausprachen, Abstandsprachen und die Serbokroatistik. In: Zeitschrift für Balkanologie. Band 45, Nr. 2 2009, ISSN 0044-2356, S. 210–215 (online [abgerufen am 2. Dezember 2010]).
  • Heinrich Löffler: Germanistische Soziolinguistik. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1985, ISBN 3-503-02231-7, S. 63–65.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]