Abtei Saint-Bertin

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Ruine der Abtei St. Bertin

Die Abtei Sankt Bertin (frz. Abbaye Saint-Bertin) ist ein ehemaliges Kloster in der Region Hauts-de-France im Norden Frankreichs. Es liegt etwa 30 km von der Kanalküste zwischen Calais und Dünkirchen entfernt in der nach dem Klostergründer benannten Stadt Saint-Omer.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gründung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts war Audomar (auch Otmar genannt, frz. Omer), von König Dagobert zum Bischof von Tarvanna (auch Teruana, heute Thérouanne) ernannt worden, der römischen Colonia Morinorum. Audomar schickte wohl um 648 zur Missionierung der Bevölkerung die Mönche Mummolenus, Bertinus und Ebertramnus („Bertram“) in die sumpfige Gegend nördlich der Bischofsstadt, um dort ein Kloster zu errichten. So entstand das von Mummolenus geleitete Vetus monasterium („Altes Kloster“, heute St-Momelin). Jedoch war der Ort zu sumpfig, und Audomar bewegte den frisch zum Christentum bekehrten örtlichen fränkischen Landbesitzer Adroald dazu, ihm für den Klosterneubau den 21 Meter hohen Hügel Sithiu [1] direkt am Ufer der Aa zu schenken. Dort errichteten die Mönche das Kloster „Sithiu“.

Abt Bertinus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bertinus amtierte nach dem um 660 als Nachfolger des Eligius zum Bischof von Noyon ernannten Mummolinus als erster Abt der Neugründung. Er bewirtschaftete das Kloster erfolgreich und benannte es nach seinem Lehrer Audomarus, dem Initiator der Gründung. Beide stammten offenbar auch aus demselben Geburtsort in der heutigen Normandie. Bischof Audomar starb um 670 in Sithiu und galt sehr bald als Heiliger.

Wie Audomar und die übrigen Missionare war Bertinus durch seine Ausbildung in dem von dem Iren Columban von Luxeuil († 615) gegründeten Kloster Luxeuil vom iroschottischen Mönchtum geprägt. Die Lebensweise der Mönche von Sithiu war wahrscheinlich durch eine benediktinisch-kolumbanischen Mischregel bestimmt, die iroschottische und römische Elemente kombinierte. Bertin galt später als „Apostel“ des heutigen Pas-de-Calais und wurde schon um 745 ebenfalls als Heiliger verehrt. Ab etwa 1100 erhielt das Kloster seinen Namen, während der um die Abtei entstandene Ort nach Audomar benannt blieb und noch heute Saint-Omer heißt. Die Stadt wuchs rasant und hatte zu Beginn des 14. Jahrhunderts bereits etwa 40.000 Einwohner.

Frühe Selbstständigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Audomar gewährte seinen Mitarbeitern weit reichende Freiheiten und legte noch selbst den Grundstein für die Eigenständigkeit des Klosters. Bereits erblindet, unterschrieb er 663 eine Urkunde, mit der er die Güter des Klosters Sithiu der Verfügung des Bischofs, also seiner eigenen, entzog und die Mönche von seiner disziplinarischen Oberhoheit befreite. 691 bestätigte König Chlodwig III. dem Kloster auch seinerseits die Immunität. Die Exemtion der Klöster aus der bischöflichen Verfügungsgewalt war im 8. und 9. Jahrhundert ein innerkirchlich viel diskutiertes Streitthema.

Verbindung zum fränkischen Hochadel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 737, dem Todesjahr des Königs Theuderich IV., wurde der Merowinger Childerich III. als Erbe des Thrones von Karl Martell in Saint-Bertin gefangen gehalten; 743 von dessen Sohn Karlmann wieder an die Regierung geholt, 751 von Pippin dem Jüngeren wieder abgesetzt und erneut, diesmal als Mönch, nach Saint-Bertin gebracht. Auch in der folgenden Zeit blieb das Kloster immer sehr eng mit den führenden Adelskreisen des Frankenreichs verbunden, etwa dem Bischof Folcuin von Thérouanne, einem Enkel Karl Martells.

Die Tätigkeit des Abtes Fridugis, der ein hochrangiger Berater Ludwig des Frommen war, schildert der selbst aus hohem fränkischen Adel stammende Chronist Folcuin von Lobbes (ein Verwandter des älteren Folcuin von Thérouanne) im 10. Jahrhundert anders als das Wirken der nachfolgenden Äbte Hugo und Hilduin überaus negativ.[2] Unabhängig davon, inwieweit Folcuins Vorwürfe zutreffen oder auf unhistorischen Projektionen beruhen, gab es jedenfalls zu seiner Zeit gepflegte Negativerinnerungen an Fridugis, die wohl frühe Konflikte zwischen den (damals in der Regel Laien-)Mönchen und der priesterlichen Gruppe der Chorherren widerspiegeln, welche an der dem Kloster benachbarten Marienkirche wirkten und von Fridugis angeblich bevorzugt wurden.[3]

Aus der vom Gründerbischof Audomar gestifteten Marienkirche, in der sich auch seine Grablege befand, entwickelte sich die spätere Kathedrale von Saint-Omer. Deren Konkurrenzsituation zur Abtei blieb auch im späteren Mittelalter prägend und führte zu zahlreichen Auseinandersetzungen, die besonders häufig den Verbleib und die Verwahrung der Gebeine Adomars betrafen.

Die Abtei war schon im 8. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum der angelsächsischen Buchmalerei. Im 12. Jahrhundert wurde sie von der kluniazensischen Reform erfasst und der Kongregation von Cluny eingegliedert.

Literarisches Zentrum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Abtei um 1756

Saint-Bertin war ein bedeutendes Zentrum klösterlicher Geschichtsschreibung. Die Annalen von St. Bertin sind eine wichtige Quelle für die Geschichte des 9. Jahrhunderts: die Schlacht von Brissarthe (866), die erste Erwähnung der Stadt Montreuil (898), die Geschichte der Rus etc. finden hier ihre Schilderung. Ihren Namen haben diese Annalen von der aus dem Kloster stammenden, ältesten erhaltenen Handschrift des Werkes. Es ist jedoch weder von einem Mönch aus St. Bertin verfasst worden noch schildert es die Geschichte der Abtei.

Im 10. Jahrhundert entstanden die Gesta Abbatum Sithiensium des Folcuin, die das Leben und Wirken der ersten Äbte von Sithiu beschreiben.

Im 14. Jahrhundert war der Chronist Johannes Longus von Ypern (genannt Iperius oder Yperius, † 1383) an der Abtei tätig, dessen auf alten Quellen basierende Geschichte des Klosters (Chronicon Bertinianum seu Sithiense) auch zahlreiche über diese hinaus wichtige Überlieferungen aus der Geschichte Flanderns zusammenstellt. Der Abfassungsstil weist von der mittelalterlichen Chronistik bereits auf die gelehrten Geschichts- und Sammelwerke der Frührenaissance voraus.[4]

Durch Antoine de Berghes wurde die Abtei zu einem bedeutenden literarischen Mittelpunkt des Renaissancehumanismus.

Aufhebung und Nachnutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachgebautes Modell der ehemaligen Abteikirche

Mit Beginn der Französischen Revolution wurde das Klosterleben unterbunden und die Abtei Saint-Bertin am 16. August 1791 aufgehoben. Die Gebeine des Klostergründers und Stadtpatrons, um deren Besitz es seit dem Mittelalter über mehrere Jahrhunderte andauernde Streitigkeiten zwischen der Abtei und dem städtischen Domkapitel gegeben hatte, gingen in der Revolutionszeit verloren, weil sein Schrein aus der Kathedrale von Saint-Omer nach Paris verbracht und dort eingeschmolzen wurde. Die Steine der damals existierenden und aus den Jahren 1250 bis 1520 stammenden Klostergebäude dienten nach dem Sturz Napoleons als Material für öffentliche Bauten in Arras. 1830 wurde der Komplex durch die Gemeinde abgerissen.

Im 19. Jahrhundert befand sich an der Stelle des Klosters ein Kolleg, in dem unter anderen der spätere französische General und Staatschef von Vichy-Frankreich Philippe Pétain ab 1867 seine Ausbildung erhielt, bevor er 1876 auf die Militärakademie von Saint-Cyr wechselte.

In den Ruinen der Abtei im Stadtgebiet von Saint-Omer befindet sich heute ein begehbares Labyrinth.

Liste der Äbte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Äbte des Klosters Saint-Bertin waren:

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Placidus Heider: Bertin(us). In: Walter Kasper (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). 3. Auflage. Band 2. Herder, Freiburg im Breisgau 1994, Sp. 293 f.
  • Karine Ugé: Creating the Monastic Past in Medieval Flanders. York Medieval Press, York 2005, ISBN 1-903153-16-6 (darin: „Part I. Saint-Bertin“, S.  17–94).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Abtei Saint-Bertin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. In den Annales Mettenses wird der Ort Sidiu genannt (et in monasterium sancti Otmari, quod dicitur Sidiu).
  2. Wilhelm Pückert: Die Unthaten des Abts Fridugis zu Sithin (Fälschungen von St. Bertin). In: ders.: Aniane und Gellone. Diplomatisch-kritische Untersuchungen zur Geschichte der Reformen des Benediktinerordens im IX. und X. Jahrhundert. Leipzig 1899, S. 259–292 (bes. 281).
  3. a b Philippe Depreux: Prosopographie de l’entourage de Louis le Pieux (781–840). Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1997, S. 199–203 („104. Fridugise“, bes. 200 f.).
  4. Francis Palgrave (Autor), Inglis Palgrave (Hrsg.): The History of Normandy and of England. Band IV. Cambridge 1921, S. xxi.
    Zur Bewertung: Ernst SteindorffBalduin V. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 2, Duncker & Humblot, Leipzig 1875, S. 9.

Koordinaten: 50° 45′ 1″ N, 2° 15′ 52″ O