Accouchierhaus

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Im Jahr 1751 wurde in Göttingen auf Initiative Albrecht von Hallers die erste Universitäts-Entbindungsanstalt im deutschen Sprachraum eingerichtet. Zunächst war sie in zwei Räumen eines alten Armenhospitals untergebracht. 1791 wurde ein moderner und großzügig ausgestatteter Neubau bezogen. Das obige Stammbuchblatt zeigt dieses zwischen 1785 und 1791 als „Königliche Entbindungsanstalt“ errichtete Göttinger Accouchierhaus;
Kupferstich als Stammbuchblatt von Johannes Carl Wiederhold

Accouchierhaus (von frz. accoucher = entbinden) oder Gebäranstalt (auch Entbindungshaus) ist die Bezeichnung für einen im 18. Jahrhundert entstandenen Vorläufer der heutigen Entbindungskliniken.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptzweck der Entbindungshospitäler, die in Deutschland im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert entstanden, war die Ausbildung von Ärzten und Chirurgen zu Geburtshelfern. Denn viele Regierungen und die Öffentlichkeit waren im Zuge der Aufklärung überzeugt, dass studierte männliche Mediziner eine bessere Geburtshilfe leisten könnten als die traditionellen Hebammen, die bis dahin dieses Feld beherrschten. Die Entbindungsanstalten, besonders an Universitäten, sollten den Studenten Gelegenheit zu praktischer Übung bieten. In zweiter Linie dienten die Accouchierhäuser dazu, Hebammen durch ärztliche Geburtshelfer auszubilden. Erst in dritter Linie ging es darum, bedürftige Frauen am Ende der Schwangerschaft, bei der Geburt und im Wochenbett zu unterstützen. Bis ins frühe 20. Jahrhundert war die große Mehrheit der Frauen, die ihr Kind in einem Entbindungshospital zur Welt brachten, unverheiratet. Sie wurden meist kostenlos versorgt. Als Gegenleistung mussten sie sich als Übungsobjekte für die Ausbildung der Studenten und/oder Hebammenschülerinnen zur Verfügung stellen. Professor Friedrich Benjamin Osiander, der 1792–1822 Direktor des Göttinger Universitäts-Entbindungshospitals war, sagte zugespitzt, die Patientinnen würden „gleichsam als lebendige Phantome“ (Übungspuppen) angesehen.

Dass Mediziner sich der Geburtshilfe zuwandten, begründeten sie vor allem damit, dass sie das Leben von Müttern und Kindern retten könnten, das bei den angeblich unwissenden Hebammen in Gefahr sei. In Wirklichkeit war jedoch die Müttersterblichkeit in den von Ärzten geleiteten Entbindungshospitälern meist wesentlich höher als bei den Hausentbindungen, die durchweg von Hebammen betreut wurden.[1]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Henrike Hampe: Zwischen Tradition und Instruktion. Hebammen im 18. und 19. Jahrhundert in der Universitätsstadt Göttingen (= Beiträge zur Volkskunde in Niedersachsen 14 = Schriftenreihe der Volkskundlichen Kommission für Niedersachsen e.V. 14). Schmerse, Göttingen 1998, ISBN 3-926920-23-8.
  • Axel Karenberg, Lernen am Bett der Schwangeren. Zur Typologie des Entbindungshauses in Deutschland, 1728-1840. Zentralblatt für Gynäkologie 113 (1991), S. 899–912.
  • Walther Kuhn, Ulrich Tröhler (Hg.): Armamentarium obstetricium Gottingense. Eine historische Sammlung zur Geburtsmedizin (= Göttinger Universitätsschriften. Reihe C: Kataloge 1). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, ISBN 3-525-35874-1.
  • Marita Metz-Becker: Der verwaltete Körper. Die Medikalisierung schwangerer Frauen in den Gebärhäusern des frühen 19. Jahrhunderts. Campus, Frankfurt am Main u. a. 1997, ISBN 3-593-35747-X.
  • Katja Regenspurger: Die Frau als Gegenstand der Geburtshilfe: Accouchierhauspolitik und weibliches Selbstverständnis um 1800, in: Julia Frindte (Hg.): Handlungsspielräume von Frauen um 1800 (= Ereignis Weimar-Jena 10). Winter, Heidelberg 2005, ISBN 3-8253-5027-4, S. 77–90.
  • Jürgen Schlumbohm, Lebendige Phantome: Ein Entbindungshospital und seine Patientinnen 1751-1830. Göttingen: Wallstein 2012, ISBN 978-3-8353-1093-3.
  • Jürgen Schlumbohm: Der Blick des Arztes, oder: wie Gebärende zu Patientinnen wurden. Das Entbindungshospital der Universität Göttingen um 1800. In: Jürgen Schlumbohm u. a. (Hg.): Rituale der Geburt. Eine Kulturgeschichte (= Beck'sche Reihe 1280). Beck, München 1998, ISBN 3-406-42080-X, S. 170–191.
  • Peter Schneck: Gebäranstalten. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 462.
  • Stefan Wolter: „Ein Accouchier Hospital würde diesen Mangel bald ersetzen“. Von der „Weiberkunst“ zur Wissenschaft: Die Entwicklung der Geburtshilfe im 18. und frühen 19. Jahrhundert am Beispiel Eisenach. Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte 53 (1999), ISSN 0943-9846, S. 113–150, (auch zur Jenaer Entbindungsanstalt).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Accouchierhaus – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jürgen Schlumbohm: Saving Mothers’ and Children’s Lives? The Performance of German Lying-in Hospitals in the Late Eighteenth and Early Nineteenth Centuries, in: Bulletin of the History of Medicine, Bd. 87 (2013), S. 1–31