Acker-Gauchheil

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Acker-Gauchheil
Acker-Gauchheil (Anagallis arvensis), Illustration

Acker-Gauchheil (Anagallis arvensis), Illustration

Systematik
Asteriden
Ordnung: Heidekrautartige (Ericales)
Familie: Primelgewächse (Primulaceae)
Unterfamilie: Myrsinengewächse (Myrsinoideae)
Gattung: Gauchheil (Anagallis)
Art: Acker-Gauchheil
Wissenschaftlicher Name
Anagallis arvensis
L.

Der Acker-Gauchheil (Anagallis arvensis), auch Roter Gauchheil, Nebelpflanze, Weinbergsstern oder Wetterkraut genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Gauchheil (Anagallis) in der Unterfamilie der Myrsinengewächse (Myrsinaoideae) innerhalb der Familie der Primelgewächse (Primulaceae). Er gilt im Ackerbau als Unkraut, weil er schwach giftig in all seinen Teilen ist, vor allem in der Wurzel.[1]

Beschreibung und Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blüte des Acker-Gauchheils

Der Acker-Gauchheil ist eine niederliegend kriechende, einjährige, sommerannuelle Pflanze oder eine aufsteigend wachsende, winterannuelle Halbrosettenpflanze. Der scharf vierkantige Stängel ist 5 bis 30 cm lang. Die gegenständigen, sitzenden Laubblätter sind eiförmig und ganzrandig.

Von Frühling bis Herbst (Mai bis Oktober auf der Nordhalbkugel) erscheinen die Blüten einzeln in den Blattachseln. Die radiärsymmetrischen Blüten weisen einen Durchmesser von etwa 10–15 mm auf. Es sind sogenannte Pollen-Scheibenblumen. Die Blüten sind nur von 7 bis 14 Uhr geöffnet und schließen sich bei aufziehendem Unwetter. Bauern benutzten diese Erscheinung früher zur Vorhersage des Wetters, da der Acker-Gauchheil schon frühzeitig die Blüten schließen sollte, wenn eine Wetterverschlechterung bevorstehe.[2] Daher kommen die deutschen Namen Nebelpflanze und Wetterkraut. Die Staubbeutel besitzen Futterhaare und ziehen verschiedene Bestäuber an, besonders Fliegen. Es kommt vor dem Abblühen jedoch auch zu spontanen Selbstbestäubungen. Am Rande der Kronblätter befinden sich kleine Drüsenhaare. Die Kronblätter sind in Mitteleuropa meist zinnoberrot gefärbt, nur selten blau. Dagegen sind sie bei der im Mittelmeergebiet vorkommenden, etwas größere Blüten besitzenden Unterart subsp. latifolia meist blau gefärbt. Blaublütige Formen des Acker-Gauchheils werden oft mit dem Blauen Gauchheil (Anagallis foemina) verwechselt. Eine Untersuchung der Phylogenese von 2007 ergab, dass Anagallis foemina näher mit Anagallis monelli verwandt ist als mit Anagallis arvensis und deshalb als eine eigenständige Sippe gelten soll.[3] Die Taxonomie ist aber noch nicht endgültig geklärt. Einige Forscher schlagen vor, die blaublütige Sippe als Unterart Anagallis arvensis subsp. foemina (Mill.) Schinz & Thell. zu bezeichnen. Wieder andere führen sie als Art und sogar dann bei der Gattung Lysimachia als Lysimachia foemina (Mill.) U.Manns & Anderb.[4]

Die Deckelkapselfrüchte des Acker-Gauchheils erreichen ihre Reife auf der Nordhalbkugel von August bis Oktober. Der Fruchtstiel krümmt sich mit der Schwerkraft und die Samen werden durch den Wind ausgeblasen oder als Regenschwemmlinge verbreitet.

Die Art hat die Chromosomenzahl 2n = 40.[5]

Die Form Anagallis arvensis f. azurea[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Blütenfarbe des Acker-Gauchheils kann die unterschiedlichsten Farbtöne annehmen. So sind die Formen arvensis mit leuchtend bis mennigroten, carnea mit fleischfarbenen, lilacina mit lilafarbenen, pallida mit weißen, sowie azurea mit blauen Blüten beschrieben. Bei der Bestimmung der Pflanze kann die Form azurea durch Verwechslungsmöglichkeit mit dem Blauen Gauchheil (Anagallis foemina) Schwierigkeiten bereiten. Ein sicheres Unterscheidungsmerkmal sind die Kronzipfel: Die beim Blauen Gauchheil deutlich unregelmäßig gesägten Kronblätter tragen nur etwa 5 bis 10, höchstens 15 Drüsenhaare. Bei der Form Anagallis arvensis f. azurea sind dies etwa 50 bis 70 Stück. Diese sitzen an nicht oder nur wenig gesägten Kronzipfeln.

Medizin und Ackerbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anagallis arvensis ist als kosmopolitische invasive Art generell ungewünscht. Die ganze Pflanze ist giftig, besonders aber die Wurzeln, und sie ist deshalb vor allem auf Weiden unwilkommen. Zum Glück ist sie bitter, so dass weidendes Vieh die Pflanze normalerweise meidet, so lange die Weiden nicht überweidet sind. Laut Berichten aus Australien kann Spreu, die mit Gauchheil verschmutzt ist, wegen des Geschmacks nicht als Futtermittel benutzt werden.[6] Wird die Pflanze jedoch eingenommen, erfährt das Vieh Diurese und eine narkotische Wirkung. Bei Versuchen, wobei Gauchheil Tieren, wie Pferden und Hunden, verabreicht wird, führt er zu Gastroenteritis,[7] mit tödlicher Auswirkung bei hinreichender Dosierung.[6] Die Pflanze hat sich auch bei Geflügel und Kaninchen als giftig erwiesen, und die Samen bei Vögeln.[7] Eine Berührung der Blätter kann bei empfindlichen Menschen ein allergisches Kontaktekzem hervorrufen. In Indien wird die Pflanze wegen ihrer schwachen Giftigkeit zum Fischfang benutzt. Ein indischer Brauch, wobei das Öl dazu benutzt wird, Egel aus Nasen von Hunden zu treiben, kann angeblich tödlich sein, wenn der Hund das Öl hinunterschluckt.[7]

Der Acker-Gauchheil wird in der evidenzbasierten Medizin nicht verwendet, weil kein Beweis für irgendeine medizinische Wirksamkeit besteht. Weltweit wird Anagallis arvensis wegen seiner rezenten Erscheinung weniger häufig in der Volksmedizin benutzt als in seinen Ursprungsländern. Er hat aber früher Anwendungen in Salben als Lokaltherapie gegen hartnäckige Ulcera und Wunden gefunden.[8] Er wurde auch als Expektorans benutzt, sowie als Volksheilmittel für Juckreiz, Rheuma, Hämorrhoiden, Tollwut, Lepra, Schlangenbiss, verschiedene Arten von Phthisis, und auch für Nierenkrankheiten wie Ödem oder chronische Nephritis.[7] Der Acker-Gauchheil fand auch Verwendung zur Heilung von Geisteskrankheiten (Gauch = Narr, Kuckuck).[9] Im antiken Griechenland setzte man ihn zur Behandlung von Melancholie ein. Er findet noch heute als Anagallis Arvensis Herba Anwendung in verschiedenen homöopathischen Erzeugnissen gegen verschiedene Ausschläge und Nervenleiden.

Die Pflanze und ihre Samen beinhalten Saponine, die vermutlich dafür verantwortlich sind, dass frisches Pflanzenmaterial eine hämolytische Wirkung hat.[10] Sie beinhaltet eine unbekannte Reihe von Glykosiden,[6] u. a. die äußerst giftige Triterpenoide Cyclamin, die in Alpenveilchen (auch Mitglied der Myrsinaoideae) vorkommt.[11]

Sie beinhaltet auch Bitterstoffe, Gerbstoffe und das proteolytische Enzym Primverase.

Anagallis arvensis ist insektentötend, oder wenigstens insekten-abweisend, vermutlich aufgrund des stechend scharfen Geruchs seines ätherischen Öls. Menschenversuche mit oraler Verabreichung des Öls riefen 24 Stunden Symptome von heftiger Übelkeit, Kopfschmerzen und körperliche Schmerzen hervor.[7] Weitere Vergiftungserscheinungen sind starke Diurese, Zittern, breiiger und wässriger Stuhl, Erscheinungen am Nervensystem, Gehirn und Rückenmark, Entzündungen des Verdauungskanals und schwache Narkotisierung.

Die grünen Pflanzenteile zeigen keine bemerkenswerte antibakterielle Wirkung.[7]

Vorkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich stammt der Acker-Gauchheil aus dem Mittelmeergebiet, in ganz Europa ist er jedoch ein Archäophyt. Die Pflanze ist aus Europa weltweit von Menschen verschleppt worden,[1] und ist eine verbreitete, häufige Pflanze, die auf Äckern, in Gärten, Weinbergen sowie auf Schuttplätzen und an ähnlichen Ruderalstandorten vorkommt. Er ist in Mitteleuropa eine Polygono-Chenopodietalia-Ordnungscharakterart.[5]

In den letzten Jahrzehnten tritt der Acker-Gauchheil auch am Rand salzgestreuter Straßen oder Autobahnen auf. Er bildet dann am Asphaltrand ein breites rotes Band.[12] Er wächst vor allem in leichter Erde, wird aber auch in Tonboden angetroffen.

Trivialnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für den Acker-Gauchheil sind oder waren, zum Teil nur regional, auch die Bezeichnungen Abele, Augenblüte, Blutstruppen (Sommerfeld), Colmarkraut, Colenerskraut, Corallenblümchen, Frauenblume, Fule Lis (Mecklenburg), Ful Liese (Mecklenburg), Gacheil, Gachheil (Bern), Gähheil (Daun in der Eifel), Gauchblume, Gauchheil, Geckenheil, runsche Gedyrme (Mühlhausen, mittelhochdeutsch), Gochheil, Goldhünerdarm (Kärnten, Tirol, Schwaben, Schweiz), Grundheil, Guychelheil (mittelniederdeutsch), Guychelhoil (mittelniederdeutsch), Guygeil (Hamburg), Hahnentritt, Heil aller Welt (Schlesien), Heilkraut, Hendwis, Hennebeyss, Hienebeken (Siebenbürgen), Hienendärm (Siebenbürgen), rod Hone Sune, rod Hnesswerve, Hühnertritt (Schlesien), Hünertarn (mittelhochdeutsch), Hunerdarm (mittelhochdeutsch), Jochheil, Katzenfuss, Katzenpfötchen, rote Mäusedarme, Maushödlin, Mausgedärm, roter Meyer (Schlesien, Preußen), rote Miern (Schlesien), rode Mir (Mecklenburg), Mür, Neunerblümle (Augsburg), Neunerle (Augsburg), Nifelkraut (Österreich), Nüniblümli (Schweiz), Nünikraut (Schweiz), Sperlingskraut (Schlesien), Vernunft und Verstand, Vernunftkraut (Schwaben), Vleword, Vliword, Vogelkraut, Wutkraut und Zeisigkraut gebräuchlich.[13]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Acker-Gauchheil heißt auf Englisch Scarlet Pimpernel und ist damit Namensgeber des RomansThe Scarlet Pimpernel“ (deutsch: „Das scharlachrote Siegel“) von Emmuska Orczy und des gleichnamigen Musicals von Frank Wildhorn und Nan Knighton.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ruprecht Düll, Herfried Kutzelnigg: Botanisch-ökologisches Exkursionstaschenbuch. 5. überarbeitete und ergänzte Auflage. Quelle & Meyer, Heidelberg/ Wiesbaden 1994, ISBN 3-494-01229-6.
  • Otto Schmeil, Jost Fitschen (1993): Flora von Deutschland und angrenzender Länder. 89., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Quelle & Meyer, Heidelberg/ Wiesbaden, ISBN 3-494-01210-5.
  • Christopher Grey-Wilson, Marjorie Blamey, Torbjørn Faarlund, Per Sunding: Teknologisk forlags store illustrerte flora for Norge og Nord-Europa. 3. Auflage. Domino Books, Jersey 2000, ISBN 82-512-0355-4.
  • Lutz Roth, Max Daunderer, Kurt Kormann: Giftpflanzen Pflanzengifte. 6. Auflage. Nikol, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86820-009-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Acker-Gauchheil – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Emil Korsmo, Hans Wilhelm Wollenweber: Unkräuter im Ackerbau der Neuzeit. Hrsg.: Springer-Verlag. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-662-36300-3 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Hessische landwirtschaftliche Zeitschrift. Landwirtschaftliche Vereine des Grossherzogthums Hessen, 1863, S. 38.
  3. Ulrika Manns, Arne A. Anderberg: Relationships of Anagallis foemina and Anagallis arvensis (Myrsinaceae): New insights inferred from DNA sequence data. In: Molecular Phylogenetics and Evolution. 45, Nr. 3, 2007, S. 971–980. doi:10.1016/j.mpev.2007.07.022. PMID 17869544.
  4. The Plant List (2013). Version 1.1. Published on the Internet; http://www.theplantlist.org/ (accessed January 2016)
  5. a b Erich Oberdorfer: Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete. 8. Auflage. Stuttgart, Verlag Eugen Ulmer, 2001. Seite 744. ISBN 3-8001-3131-5
  6. a b c Harold C. Long: Plants Poisonous to Live Stock.. CUP Archive, 1917, S. 49–, GGKEY:ZF2C4UTG0H9.
  7. a b c d e f John Mitchell Watt, Maria Gerdina Breyer-Brandwijk: The Medicinal and Poisonous Plants of Southern and Eastern Africa. 2nd ed Pub. E & S Livingstone 1962
  8. Reinhold Köhler: Handbuch der speziellen Therapie einschliesslich der Behandlung der Vergiftungen. Laupp Verlag, 1855, S. 268.
  9. Gauchheil (Anagallis), Ackergauchheil (Anagallis arvensis). auf: wald-laeufer.de
  10. Irma Podolak, Agnieszka Galanty, Danuta Sobolewska: Saponins as cytotoxic agents: a review. Phytochemistry Reviews. 2010;9(3):425-474. doi:10.1007/s11101-010-9183-z PMC 2928447 (freier Volltext)
  11. Ben-Erik van Wyk, Fanie van Heerden, Bosch van Oudtshoorn: Poisonous Plants of South Africa. Briza, Pretoria 2002, ISBN 978-1875093304.
  12. Erhard Dörr, Wolfgang Lippert: Flora des Allgäus und seiner Umgebung. Band 2, Seite 326. IHW-Verlag, Eching bei München, 2004. ISBN 3-930167-61-1
  13. Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, Seite 25 f., online.