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Adenotomie

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Exstirpierte Rachenmandel; Durchmesser der Münze 25,75 mm

Unter einer Adenotomie (von altgriechisch ἀδήν adēn „Drüse“ und τομή tomḗ, deutsch das Schneiden, der Schnitt) versteht man die operative Entfernung der Adenoide (ο-ειδής o-ides ähnlich), das heißt, der vergrößerten Tonsilla pharyngealis (Rachentonsillen,[1] Rachenmandel[2]). Die Adenotomie (auch Adenoidektomie[3] oder sprachlich „besser Adenektomie[4]) ist also eine „typischerweise im Kleinkindalter durchgeführte operative, transorale (durch den Mund) Abtragung einer hyperplastischen (gewucherten) Rachenmandel (adenoide Vegetationen) mit dem Beckmann-Ringmesser in Vollnarkose[5] (in allgemeiner Betäubung).

Die Rachenmandel (lateinisch Tonsilla pharyngealis) ist ein unpaariges Organ; sprachlich ist also der Singular zu beachten. Das Fachwort Adenoide (adenoide Vegetationen) wird dagegen regelmäßig im Plural gebraucht.

Im Englischen heißt die physiologische Rachenmandel adenoid, pharyngeal tonsil oder auch nasopharyngeal tonsil. Mit demselben Wort adenoid wird jedoch außerdem oft auch die pathologische adenoid hypertrophy (enlarged adenoids) bezeichnet. Die adenoidectomy kann sich also auf das gesunde oder auf das kranke Organ beziehen, während sich im Deutschen die Adenotomie nur auf krankhaft vergrößerte Rachenmandeln bezieht, also auf „adenoide Wucherungen.“[6]

Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme nennt in der 10. Revision (ICD-10) nur „Adenoide [und] Adenoide 2. Grades [und] 3. Grades [sowie] chronische Adenoide [und eine] Vergrößerung [der Adenoide].“

Operationsindikation

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Vergrößerte Rachenmandeln treten typischerweise im Kindesalter auf, die Adenotomie wird daher fast ausschließlich bei Kindern durchgeführt.

Adenoide führen u. a. über eine Verlegung der Eustachischen Röhre (Tuba auditiva) zu einer Belüftungsstörung des Mittelohres. Dies kann zu einer Hörstörung wegen eines Paukenergusses, zu häufigen Mittelohrentzündungen und in weiterer Folge zu einem verzögerten Spracherwerb der betroffenen Kinder führen.

Außerdem kann die Nasenatmung stark behindert sein, was sich in Schnarchen der Kinder äußert und eine höhere Infekthäufigkeit verursacht. Die Rachenmandel kann im Gegensatz zu den Gaumenmandeln nachwachsen und muss deshalb gelegentlich erneut entfernt werden. Bei chronischer Mundatmung kann manchmal auch eine obstruktive Schlafapnoe eine Indikation zur Adenotomie darstellen.

Nachteile der Adenotomie auf die Immunabwehr sind nicht bekannt. Deshalb operiert man die Rachenmandel im Gegensatz zu den Gaumenmandeln auch schon bei Kleinkindern, die meisten Operationen werden zwischen dem 2. und 6. Lebensjahr notwendig.

Durchführung der Operation

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Das operative Verfahren wurde 1867 von Hans Wilhelm Meyer (1824–1895) eingeführt. Das Beckmannsche Adenotom wurde nach dem Berliner Otorhinolaryngologen Hugo Beckmann (1861–1907) benannt; es ist ein ungedecktes Fenstermesser oder Ringmesser.[7] Das sogenannte Beckmann-Weil-Ringmesser (gekrümmtes Skalpell) hat zusätzlich einen „Fangkorb für die abgetrennte Rachenmandel.“ Diese Methode wird mitunter auch als Exstirpation bezeichnet (siehe Abbildung). Nach anderer Ansicht werden bei einer Adenotomie nicht die Rachenmandel, sondern ihre Adenoide entfernt („operative Entfernung von Adenoiden der Rachenmandel mittels Adenotom“).[8]

Die Operation erfolgt in der Regel ambulant und in Narkose mit Sicherung der Atemwege über einen Beatmungsschlauch (Endotrachealtubus oder Larynxmaske). Das Kind liegt auf dem Rücken, der Kopf liegt etwas tiefer (Rose-Lagerung nach Frank Achterly Rose, 1873–1935;[9] „Adenotomie am hängenden Kopf“[10]). Nach Einführen einer Mundsperre wird ein kleiner Schlauch über die Nase ein- und durch den Mund wieder ausgeführt, so dass das Gaumensegel etwas gerafft wird. Die korrekte Bezeichnung dieses Gerätes ist Kieferspreizer oder Mundspreizer. Denn eine Mundsperre ist ursprünglich ein mittelalterliches Folterinstrument. Trotzdem verwenden die Ärzte zum Beispiel eine sogenannte Boyle-Davis-Mundsperre – nach Henry Edmund Gaskin Boyle – als Operationsinstrument zum Offenhalten des Mundes. Man spricht auch vom Davis-Boyle-Mundspatel.[11]

Nun kann man mit einem angewärmten Rachenspiegel (Kehlkopfspiegel, Larynxspiegel, Laryngoskopspiegel) die Rachenmandel ansehen und sie mit einem speziellen Instrument, dem so genannten Beckmann’schen Ringmesser, abtragen. Normalerweise reicht es zur Blutstillung aus, einige Minuten einen Gazetupfer auf die Abtragungsstelle zu drücken. Der kleine Schlauch und der Mundsperrer (Ärzte-Jargon, korrekt: die Mundsperre) werden entfernt, und der Anästhesist leitet die Narkose aus. Die Operationsdauer beträgt in der Regel zehn bis zwanzig Minuten. Die Adenotomie sollte frühestens im 2. oder 3. Lebensjahr durchgeführt werden, weil das (insgesamt seltene) Narkoserisiko mit zunehmendem Alter geringer wird.[12]

Da häufig – wie oben beschrieben – Flüssigkeit im Mittelohr vorliegt, werden oft während derselben Narkose ein Trommelfellschnitt (Parazentese) und eine Paukenröhrcheneinlage (Paukendrainage) durchgeführt. In manchen Fällen werden auch gleichzeitig die Gaumenmandeln entfernt (Tonsillektomie), was aber nur dann gemacht werden sollte, wenn häufig Mandelentzündungen auftreten; dann handelt es sich um eine Adeno-Tonsillektomie (Entfernung der Rachenmandel und beider Gaumenmandeln in einer Sitzung).

Es gibt zahlreichen Varianten für die bei der Adenotomie verwendeten Messer. Bekannt sind die „Modelle von Beckmann, La Force, Schütz-Riedel, Kirstein-Katz, Gottstein-Grünwald und andere.“[13]

Die Operation ist eine der risikoärmsten Operationen in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Mögliche allgemeine Operationsrisiken sind Blutungen; leichte, aber auch sehr intensive Nachblutungen. Eine intensive Nachblutung muss in Narkose behandelt werden, wobei meist eine sogenannte Bellocq-Tamponade notwendig wird. Spezielle Operationsrisiken sind Zahnschäden durch den Intubationsspatel oder den Mundspreizer, insbesondere wenn Zähne locker sitzen.

Schäden an der Eustachischen Röhre mit möglicherweise bleibenden Belüftungsstörungen des Mittelohres, verbunden mit Paukenergüssen, sind möglich. Es kann vorkommen, dass vorübergehend nach der Operation beim Trinken Flüssigkeit über die Nase austritt. Das liegt daran, dass die Kinder wegen der vergrößerten Rachenmandel ihr Gaumensegel zum Abdichten der Nase beim Trinkvorgang nicht nach hinten ziehen mussten und dies nun erst lernen müssen. Manchmal tritt auch offenes Näseln (Rhinophonia aperta) auf, das sich im Verlaufe der Zeit verliert.

Umgangssprachlich wird häufig von der Entfernung von „Polypen“ oder „Wucherungen“ gesprochen. Die Rachenmandel hat aber nichts mit echten Nasenpolypen zu tun.

Schon 1844 hat Ludwig August Kraus die Adenotomie als „Adenotomia: die Zergliederung der Drüsen“ beschrieben.[14]

  • Thomas Wilhelm, G. Hilger, K. Begall, Jens Lautermann, O. Kaschke, Parwis Mir-Salim, Thomas Zahnert: S1-Leitlinie „Adenoide Vegetationen/Rachenmandelhyperplasie.“ In: HNO, 2012, Band 60, S. 746–752; doi:10.1007/s00106-012-2555-5.
  • S1-Leitlinie Adenoide Vegetationen der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie. In: AWMF online (Stand November 2022)

Einzelnachweise

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  1. Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 16. Auflage, Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 978-3-86126-126-1, S. 26.
  2. Medizin-Duden: Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe. 10. Auflage, Dudenverlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-411-04837-3, S. 76.
  3. Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007 | 2008; Springer-Verlag, 1. Auflage, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 20.
  4. Brockhaus Enzyklopädie, 19. Auflage, Verlag F. A. Brockhaus, Mannheim 1986, 1. Band, ISBN 3-7653-1101-4, S. 138.
  5. Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 269. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2023, ISBN 978-3-11-078334-6, S. 22.
  6. Lingen Lexikon in 20 Bänden. 1. Band, Helmut Lingen Verlag, Wiesbaden 1976/1977, S. 35.
  7. Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 1. Ordner (A–Carfimatum), München / Berlin / Wien 1966, ISBN 3-541-84000-5, S. B 106.
  8. Roche Lexikon Medizin, 5. Auflage, Urban & Fischer, München und Jena 2003, ISBN 3-437-15156-8, S. 21.
  9. Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 5. Ordner (Membra–R-Zellen-Adenom), München / Berlin / Wien 1973, ISBN 3-541-84005-6, S. R 148.
  10. Walter Becker, Hans Heinz Naumann, Carl Rudolf Pfaltz: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Georg Thieme Verlag, 3. Auflage, Stuttgart 1986, ISBN 3-13-583003-9, S. 323.
  11. Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Loseblattsammlung 1966–1977, 2. Ordner (Carg–Ez). Urban & Schwarzenberg, München / Berlin / Wien 1967, ISBN 3-541-84000-5, S. D 29.
  12. M. T. A. van den Aardweg, C. W. B. Boonacker, M. M. Rovers, A. W. Hoes, A. G. M. Schilder: Effectiveness of adenoidectomy in children with recurrent upper respiratory tract infections: Open randomised controlled trial. In: British Medical Journal 2011, Band 343, doi:10.1136/bmj.d5154, vom 6. September 2011.
  13. Günter Thiele (Hrsg.): Handlexikon der Medizin.1. Band (A–K), Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore 1980, ISBN 3-541-09111-8, ISBN 3-541-09511-3, S. 30 f.
  14. Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage. Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 24; archive.org.