Adolf von Wilbrandt

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Adolf von Wilbrandt 1882
Adolf von Wilbrandt 1911

Adolf Johann Albrecht Frierich Enoch von Wilbrandt (* 24. August 1837 in Rostock; † 10. Juni 1911 ebenda) war deutscher Schriftsteller und Direktor des Burgtheaters in Wien.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Adolf von Wilbrandt, fünftes von neun Kindern des Professors Christian Wilbrandt, begann in seiner Heimatstadt das Studium der Rechtswissenschaft,[1] wechselte aber bald zu Geschichte und Philologie und führte sein Studium in Berlin und München fort. Nach seiner Promotion zum Dr. phil. war er in der Redaktion der Münchner Neuesten Nachrichten, dem Vorläufer der Süddeutschen Zeitung, tätig.

Nach ausgedehnten Reisen zog er 1871 nach Wien um, wo er zwei Jahre später die k.k. Hofburgschauspielerin Auguste Baudius heiratete. Am 10. November 1881 wurde er als Nachfolger von Franz von Dingelstedt zum Direktor des Wiener Burgtheaters ernannt, eine Position, die er bis zu seiner Rückkehr nach Rostock 1887 innehatte. Seine Frau blieb bei seiner Rückkehr in Wien[2]. Bereits 1884 war Wilbrandt durch Verleihung des Maximiliansordens durch den bayerischen König Ludwig II. in den persönlichen, nicht vererbbaren Adel erhoben worden und hieß seitdem von Wilbrandt, doch benutzte er das Adelsprädikat in keiner seiner folgenden Publikationen.

Leistungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grab von A. Wilbrandt im heutigen Lindenpark

Wilbrandt schrieb zeitkritische Schlüsselromane aus dem Münchener Dichterkreis, historische Tragödien und Gedichte. Für sein dramatisches Werk wurde er 1877 mit einem von drei vom deutschen Kaiser Wilhelm I. gestifteten Schiller-Preisen ausgezeichnet.

Wilbrandt war auch als Übersetzer tätig, u. a. übersetzte er mehrere Stücke von Sophokles (König Ödipus u. a.), die er in Wien aufführte, ferner Werke von William Shakespeare.

Mit Fridolins heimliche Ehe veröffentlichte er 1875 wahrscheinlich den ersten „schwulen“ Roman der deutschen Literatur, auch wenn er kein Meisterwerk darstellt und stilistisch oft der Nacherzählung einer Boulevardtheateraufführung ähnelt. Zumindest ist er der erste schwule Roman mit Happy End. Die US-Amerikanerin Clara Bell übersetzte den Roman 1884 und dadurch wird Fridolin's mystical marriage auch das erste literarische Dokument mannmännlicher Liebe in Amerika. Die Vorlage für die Figur des bisexuellen Fridolin stellt der ebenfalls aus Rostock stammende Kunsthistoriker Friedrich Eggers dar, welcher gemeinsam mit Wilbrandt nach Wien kam.[2] In seiner Autobiographischen Schrift Von Zwanzig bis Dreißig schreibt Wilbrandts Freund Theodor Fontane, dass dieser Eggers in seiner „reizenden Geschichte“ „frei nach dem Leben gezeichnet“ hätte.[3] Wilbrandt macht sich Gedanken über eine nicht festgelegte männlich-weibliche Identität:

Die daher ihre Ergänzung – da ja jedes Geschlecht nach seiner geistigen Ergänzung strebt – sowohl nach rechts als nach links, sowohl beim Manne als beim Weibe suchen; deren seelische Magnetnadel bald nach dem Nordpol der Männlichkeit, bald nach dem Südpol des Weiblichen zeigt. Die man ... leider tragische Erscheinungen nennen muß: denn sie suchen ihre Ergänzung, aber sie finden sie nicht. Suchen Sie den Mann? Nur die weibliche Hälfte ihrer Seele sucht den Mann. Die andere Hälfte nicht; sie hat den Mann in sich selbst. Suchen Sie die Frau? Nur diese andere Hälfte ihrer Seele sucht nach der Frau. Sie können sich nicht ergänzen, denn sie sind schon ergänzt. Sie sind mit sich selbst verheiratet. Sie leben mit sich selbst in einer heimlichen Ehe.[4]

Zitat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gib einem Menschen alle Gaben der Erde und nimm ihm die Fähigkeit der Begeisterung, und du verdammst ihn zum ewigen Tod.

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Geister und Menschen. Beck, Nördlingen 1864. (Digitalisat Band 1), (Band 2), (Band 3)
  • Heimath (1867)
  • Der Licentiat (1868)
  • Der Mörder (ca. 1869)
  • Unerreichbar. Lustspiel in einem Aufzuge. Bloch, Berlin 1870
  • Der Graf v. Hammerstein. Historisches Schauspiel in fünf Aufzügen. Straub, München 1869. (Digitalisat)
  • Die Maler. Lustspiel in drei Aufzügen. Rosner, Wien 1872. (Digitalisat)
  • Gracchus der Volkstribun. Trauerspiel in fünf Aufzügen. Rosner, Wien 1872. (Digitalisat)
  • Arria und Messalina. Trauerspiel in fünf Aufzügen. Rosner, Wien 1874. (Digitalisat)
  • Ein Kampf ums Dasein. Lustspiel in drei Aufzügen. Rosner, Wien 1873. (Digitalisat)
  • Fridolins heimliche Ehe. Nach Erinnerungen und Mitteilungen erzählt. Rosner, Wien 1875. ([4,%22view%22:%22info%22} Digitalisat])
  • Nero. Schauspiel in fünf Aufzügen. Rosner, Wien 1876. (Digitalisat)
  • Kriemhild. Trauerspiel in drei Aufzügen. Rosner, Wien 1877. (Digitalisat)
  • Die Tochter des Herrn Fabricius. Schauspiel in vier Aufzügen. (1883) (Digitalisat der Ausgabe 1901)
  • Der Meister von Palmyra. Dramatische Dichtung in fünf Aufzügen. Cotta, Stuttgart 1889. (Digitalisat der 5. Aufl. 1896)
  • Adams Söhne. Roman. Hertz, Berlin 1890. (Digitalisat)
  • Herman Ifinger. Roman. Cotta, Stuttgart 1892. (Digitalisat der 4. Aufl. 1896)
  • Die Rothenburger. Roman. Cotta, Stuttgart 1895. (Digitalisat der 3. Aufl. 1896)
  • Die Osterinsel. Roman. Cotta, Stuttgart 1895. (Digitalisat)
  • Hildegard Mahlmann. Roman. Cotta, Stuttgart 1897. (Digitalisat)
  • Franz. Roman. Cotta, Stuttgart 1901. (Digitalisat)
  • Das lebende Bild und andere Geschichten. Cotta, Stuttgart 1901. (Digitalisat)
  • Der Rosengarten. Novelle. Keil, Leipzig 1903.
  • Fesseln. Roman. Cotta, Stuttgart und Berlin 1904. (Digitalisat)
  • Sommerfäden. Roman. Cotta, Stuttgart 1907.
  • Dämonen und andere Geschichten. Cotta, Stuttgart und Berlin 1908. (Digitalisat)
  • Hiddensee (1910), Neuauflage von 2009, Hrsg. Ute Fritsch, ISBN 978-3-931911-37-9
  • Johann Ohlerich. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 7. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 267–332. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016 (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)

Briefe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 5 Briefe Adolf Wilbrandt an Dethloff Carl Hinstorff 22. September 1874 bis 23. Dezember 1875[5]
  • 25 Briefe und Karten Adolf Wilbrandt an verschiedene Empfänger 24. Juni 1863 bis 11. März 1910[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Constantin von Wurzbach: Wilbrandt, Adolf. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 56. Theil. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1888, S. 102–109 (Digitalisat).
  • Victor Klemperer: Adolf Wilbrandt. Eine Studie über seine Werke. Stuttgart u. a. 1907.
  • Eduard Scharrer-Santen: Adolf Wilbrandt als Dramatiker. Sachs, München / Leipzig 1912 (Zugleich Dissertation München 1912).
  • Franz Horch: Das Burgtheater unter Laube und Wilbrandt. Österreichischer Bundesverlag, Wien 1925.
  • Karl Jacobs: Die Dramendichtung Adolf Wilbrandts in zeitgeschichtlicher und -kritischer Darstellung. Köln, Univ., Diss., 1929.
  • Robert Wilbrandt: Mein Vater Adolf Wilbrandt. Österreichischer Wirtschaftsverlag Payer, Wien / Berlin / Zürich 1937.
  • James Steakley und Wolfram Setz: Nachwort. In: Adolf Wilbrandt, Fridolins heimliche Ehe. Männerschwarm, Hamburg 2010. ISBN 978-3-939542-52-0.
  • Stefan Siebert [Hrsg.]: Adolf Wilbrandt: ein literarisches Leben zwischen Rostock und Wien. Universitätsbibliothek, Rostock 2013. ISBN 978-3-86009-146-3 (= Veröffentlichungen der Universitätsbibliothek Rostock, Band 141; zur Ausstellung von 27. Mai bis 26. August 2011 in der Universitätsbibliothek Rostock, Michaeliskloster).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Adolf von Wilbrandt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Adolf von Wilbrandt – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Siehe dazu den Eintrag der Immatrikulation von Adolf Wilbrandt im Rostocker Matrikelportal
  2. a b Andreas Brunner, Hannes Sulzenbacher: Schwules Wien, Reiseführer durch die Donaumetropole, Promedia, Wien 1998, ISBN 3-85371-131-6, S. 40 f.
  3. Theodor Fontane: Von Zwanzig bis Dreißig, F. Fontane, Berlin 1898, S. 188
  4. Klaus Müller: „Aber in meinem Herzen sprach eine Stimme so laut...“ Homosexuelle Autobiographien und medizinische Pathographien im 19. Jahrhundert. Vorwort Rüdiger Lautmann. Reihe: Homosexualität und Literatur, 4. Verlag Rosa Winkel (Männerschwarm), 1991 ISBN 3921495202 (zugl. Diss. phil. Universität Münster, 1990)
  5. Fritz Reuter Literaturarchiv Berlin
  6. Fritz Reuter Literaturarchiv Berlin