Adolph Kohut

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Adolph Kohut (geboren am 10. November 1848 in Mindszent, Komitat Csongrád; gestorben am 21. oder 22. November[1][2] 1917 in Berlin-Grunewald[3]) war ein deutsch-ungarischer Journalist, Literatur- und Kulturhistoriker, Biograf, „Vortragsmeister“[4] und Übersetzer aus dem Ungarischen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Adolph Kohut wurde als Sohn des sehr armen, frommen Talmud-Gelehrten Jacob Kohut geboren. Er war eines von dreizehn Kindern. Er studierte von 1866 bis 1868 am Breslauer Seminar[5] wie auch sein älterer Bruder Alexander. Dann studierte er zwei Semester Neue Philologie und Kunstgeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Breslau und danach an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. In Wien belegte er Vorlesungen während drei Jahren an der Universität Wien und wurde 1878 an der Alma Mater Jenensis zum Dr. phil. promoviert.

1872 wurde er durch Karl von Holtei an die Redaktion Breslauer Nachrichten geholt. 1873 war er Redakteur der Düsseldorfer Zeitung.[6] Leopold Ullstein stellte ihn 1878 bei der Tribüne in Berlin ein und etwas später bei der Berliner Zeitung an. Danach redigierte er die Zeitschrift Deutsches Heim. Illustriertes Unterhaltungsblatt für alle Stände.[7][8] Wie viele andere Journalisten wurde Kohut auch in verschiedene Prozesse nach dem Reichspreßgesetz verfolgt. In einen Fall forderte der Staatsanwalt für ihn 6 Wochen Haft wegen Verstoßes gegen § 7, § 18 und § 19 (Gesetz über die Presse).[9]

Am 13. September 1884 wurde er als „missliebiger Ausländer“ aus Preußen ausgewiesen,[10] nachdem er in einem Artikel angeblich Bismarck heftig angegriffen hatte.[11] In Wirklichkeit war er auf Betreiben des Antisemiten Adolf Stöcker, der sich beim Minister Robert von Puttkamer dafür einsetzte, aus Berlin ausgewiesen worden. Die nächsten fünf Jahre lebte er in Dresden. Durch ein Schreiben des preußischen Legationsrates in Sachsen des Grafen August von Dönhoff vom 21. Dezember 1889 durfte Kohut wieder nach Berlin zurückkehren. Im April 1890 traf er dort ein. Bismarck selbst hatte sich, wie Kohut schrieb, nie für seine Ausweisung eingesetzt.[12][13]

Bereits seit 1915 erkrankt,[14] starb Adolph Kohut in der Nacht vom 21. auf den 22. November 1917 in seiner Berliner Wohnung Courbiérestraße 7. Einen Nachruf der Allgemeinen Zeitung des Judentums gab es nicht und auch der Gemeindebote (Berlin) erwähnt ihn anlässlich seines Todes nicht.

Adolph Kohut hatte nicht nur mit konservativen,[15] liberalen[16] oder antisemitischen[17] deutschen Zeitgenossen zu kämpfen, sondern auch: „Einige der behandelten Persönlichkeiten verwahren sich direkt oder durch ihre Freunde dagegen, dass sie Juden waren und sind, beziehungsweise von Israeliten abstammen“, mit seinen religiösen Zeitgenossen.[18]

Adolph Kohut verfasste mehr als 120 Bücher und Monografien und hunderte von Artikeln in Zeitschriften. Auch als Übersetzer aus dem Magyarischen wurde er bekannt. Bleibend ist seine Übersetzung Sándor Petőfis. Viele Arbeiten widmete er Goethe, Schiller, Kleist, Wieland und anderen. Ebenso verfasste er mehrere Bücher über Bismarck und Lassalle. Als bekennender Jude veröffentlichte er zahlreiche Schriften über jüdische Persönlichkeiten, die Ritualmordlegende[19] und anderes mehr. Er wandte sich öffentlich gegen den Antisemitismus.[20] Kohut war auch ein produktiver Mitarbeiter an Reclams Universal-Bibliothek. Einen Namen machte er sich durch seine zahlreichen Werke über Komponisten. Während des Ersten Weltkriegs vertrat er, wie viele Deutsche, chauvinistische Positionen gegenüber Frankreich.[21] Zahlreiche seiner Werke wurden noch lange nach seinem Tod als Faksimile wieder aufgelegt.[22] In der Datenbank Kalliope sind 147 Handschriften für Adolph Kohut nachgewiesen. Darunter fünf Briefe an Edmund Kretschmer, siebenundvierzig an Wolfgang Kirchbach, an die Redakteure des „Literarisches Centralblatt für Deutschland“ Friedrich Zarncke und Eduard Zarncke insgesamt dreizehn Briefe. An Wilhelm Raabe und Emil Rittershaus je ein Brief von Kohut an sie. Außerdem ein Brief von Wilhelm Busch an Kohut.[23] Ein Nachlass von Adolph Kohut ist in den Archiven nicht bekannt. Kohut schenkte seine Fotografie mit der Widmung „Herr S. W. Racken hierselbst in Hochachtung und Ergebenheit, REDACTEUR Dr. ADOLPH KOHUT, 4. November 1976“ des Fotografen G. Overbeck, Düsseldorf.[24]

Eine Biografie oder Dissertation über Adolph Kohut ist bisher nicht erschienen.

Er war seit 1877[25] verheiratet mit der Primadonna Elisabeth Mannstein (1843–1926),[26] die mehrere Jahre auf europäischen Bühnen wirkte und zuletzt als Gesangslehrerin in Berlin tätig war. Aus der Ehe ist der Sohn Oswald Kohut (1877–1951) hervorgegangen.[27] Ein Enkel von ihm war Oswald Adolph Kohut.[28]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Übersicht seiner Werke, Übersetzungen und Beiträge in Zeitschriften siehe Adolph Kohut Werkverzeichnis

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kothut, Ad. In: Kürschners deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1904, 27. Jg. G.J. Göschen’sche Verlagshandlung, Leipzig 1905. archive.org
  • Kohut, Adolph. In: Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Bd. 4. 6. Aufl. Leipzig, 1913, S. 58–59. deutschestextarchiv.de
  • Kothut, Ad. In: Kürschners deutscher Literatur-Kalender auf das Jahr 1917. 39. Jg. G.J. Göschen’sche Verlagshandlung, Leipzig 1918, Spalte 897-898. archive.org
  • S. A.: Kohut, Adolph. In: Jüdisches Lexikon. Band III. Jüdischer Verlag, Berlin 1928, S. 757, Freimann Sammlung Goethe Universität Frankfurt
  • Adolf Kohut. In: Salomon Wininger: Große Jüdische National-Biographie. Band 3. Hey-Laz. Orient, Czernowitz 1928, S. 495–496.
  • Valerie Hanus: Kohut Adolf. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 4, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1969, S. 67 f. (Direktlinks auf S. 67, S. 68).
  • Wolfgang Steinitz: Adolph Kohut. Ein kultureller Vermittler zwischen Ungarn und Deutschland. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu Berlin. Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe, Band 14. Humboldt Universität, Berlin 1965, S. 843 ff.
  • Alfred Estermann: Inhaltsanalytische Bibliographien deutscher Kulturzeitschriften des 19. Jahrhunderts. Band. 7: Das Jahrhundert (1856–1859). Deutsches Magazin (1861–1863). Freya (1861–1867). Orion (1863–1864). Deutsche Warte (1871–1875). Der Salon (1868–1890). Saur München 1996. ISBN 3-598-23317-5 books.google.de Nachweise von Rezensionen und Artikeln über Adolph Kohuts Werke
  • Bibliographie der in selbständigen Bänden erschienenen Werke der ungarischen Literatur in deutscher Übersetzung (1774–1999). Zusammengestellt von Tiborc Fazeka. Hamburg 1999. mtak.hu (PDF) Nachweise für Kohuts Übersetzertätigkeit
  • Renate Heuer (Hrsg.): Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Band 14. Saur, München 2006, S. 196–211. Bisher umfangreichste Werk Dokumentation
  • Österreichische Nationalbibliothek (Hrsg.): Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert. Band 1. Saur, München 2002. ISBN 3-598-11545-8, S. 715–716. books.google.de
  • Kohut, Adolf. In: Meyers Großes Konversations-Lexikon. Band 11. Leipzig 1907, S. 248–249.
  • Kohut, Adolph. In: Jewish Encyclopedia, 1906 (englisch)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Adolph Kohut – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „Dr. Adolph Kohut, der bekannte Musikschriftsteller und Redakteur, verstarb am 21. September im Alter von 69 Jahren in Berlin“. In: Musikpädagogische Blätter. Vereinigte Zeitschriften Der Klavierlehrer, Gesangspädagogische Blätter. Zentralblatt für das gesamte Musikunterrichtswesen. Organ des Deutschen Musikpädagogischen Verbandes E.V, Berlin 1917, S. 155. Siehe auch Bayerisches Musiker-Lexikon Online.
  2. „Der Autor ist während der Drucklegung dieses Werkes dessen Erscheinen ihm sehr am Herzen lag, in der Nacht von 21. zum 22. September 1917 in Berlin gestorben. Mülheim-Heißen, d. 29. September 1917 Kronenkampf Vlg. Gottfried Goldau“. In: Adolph Kohut: Martin Luther als Sohn, Gatte und Vater. Kronenkampf Verlag, Mülheim-Heißen 1917, S. 2.
  3. Hugo Riemanns Musik Lexikon. 11. Aufl. Max Hesses Verlag, Berlin 1929, S. 924, archive.org
  4. Kohut, Adolph. In: Berliner Adreßbuch, 1917, Teil I, S. 1446. „Dr. phil., Ung. Königl. Rat, Schriftsteller u. Vortragsmeister. W 62, Courbiérestraße 7 Zwg. 1“.
  5. Siehe dazu auch sein Buch: Memoiren eines jüdischen Seminaristen.
  6. Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft
  7. „Deutsches Heim. Herausgeber Kohut und Ehrentraut. Inh. Engelmann 1874“ (sic!) In: Eva-Annemarie Kirschstein: Die Familienzeitschrift, Ihre Entwicklung und Bedeutung für die deutsche Presse. Leipzig 1937 (Diss.), S.158.
  8. „Kohut, Berlin, Kochstr. 23. V[erlag] Berliner Zeitung. E[rscheinungsweise] wöchentl. […] A[uflage] 32.000 […] (Belletr., Essays, Kritik u. dergl.)“ In: Deutscher Litteratur-Kalender auf das Jahr 1884. Band 6. Spemann, Berlin 1884, S. 339.
  9. Allgemeiner deutscher Literaturkalender für das Jahr 1881, S. 34–35.
  10. Jewish Encyclopedia.
  11. Diese Behauptung zieht sich durch fast alle biographischen Artikel über Adolph Kohut.
  12. Ausführlich geschildert in: Persönliche Erinnerungen an den Altreichskanzler.
  13. Siehe dazu auch die Dissertation von Helmut Neubach: Die Ausweisungen von Polen und Juden aus Preußen 1885/86. Ein Beitrag zu Bismarcks Polenpolitik und zur Geschichte des deutsch-polnischen Verhältnisses. Harrassowitz, Wiesbaden 1967, (=Marburger Ostforschungen 27), S. 20 und 164.
  14. Kohut an Eduard Zarncke vom 10. Februar 1915.
  15. Bismarck Jahrbuch. Band 1. Berlin 1894, S. 507 f.
  16. „Als wir vor einiger Zeit in diesem Blatte das Machwerk Kohuts ‚Fürst Bismarck und die deutsche Litteratur‘ anzeigten, erwähnten wir, diese Speichelleckerei sei wohl nur geschrieben, um die Rücknahme der Ausweisung Kohuts aus Berlin zu erreichen“. (Michael Georg Conrad in: Die Gesellschaft. Münchener Halbmonatschrift für Kunst und Kultur. Begr. u. hrsg. von M. G. Conrad. Leipzig 1890, S. 462.)
  17. Friedrich Zöllner: Beiträge zur deutschen Judenfrage mit akademischen Arabesken als Unterlagen zu einer Reform der deutschen Universitäten. Hrsg. und mit einer Einleitung versehen von Moritz Wirth. Mutze, Leipzig 1894, S. 341 ff., 755 u. a. m. Freimann Sammlung UniFrankfurt
  18. Zitiert nach: Harald Lordick: „Nur Weihnachten fehlt mir sehr“. Eduard Schnitzer (1840–1892), Gouverneur der Äquatorialprovinz. In: Kalonymos. Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte aus dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut. 10. Jg. 2007, Heft 4, S. 14. steinheim-institut.de (PDF)
  19. Ritualmordprozesse.
  20. Julius Stettenheim gegen den Antisemitismus.
  21. Frankreich als Erbfeind Deutschlands.
  22. Das Buch der Duelle (1981, 1996); Ritualmordprozesse (1991); Kaiser Joseph II. (2012); Aerzte als Staatsmanner, Diplomaten und Politiker (2013); Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit (2013) u. a.
  23. Wilhelm Busch: Sämtliche Briefe. Band II. Briefe 1893 bis 1908, Hannover 1969, S. 91. zeno.org
  24. Im November 2015 im Antiquariat Herbst-Auktionen, Detmold.
  25. „Verheirathet ist er mit der bekannten Konzertsängerin und Gesangslehrerin Elisabeth Mannstein (seit 1877)“. (Richard Wrede, Hans von Reinfels (Hrsg.): Das geistige Berlin. Band 1. Leben und Wirken der Architekten, Bildhauer, Bühnenkünstler, Journalisten, Maler, Musiker, Schriftsteller, Zeichner. Fotomechananischer Neudruck der Original-Ausgabe von 1897. Zentralantiquariat der DDR, Leipzig 1975, S. 256).
  26. Deutsche Biographische Enzyklopädie. Saur, München 1997, Band 6, S. 8.
  27. Deutsche Biographische Enzyklopädie. Band 6, S. 7–8.
  28. Oswald A. Kohut. Munzinger Biografie
  29. Ladislaus Takács: Der Ungar in der Welt. Georg Vajna, Budapest 1934, S. 247.