Advanced Mobile Location

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Advanced Mobile Location, abgekürzt AML, ist ein quelloffener Dienst zur Positionsbestimmung von Anrufern bei Nutzung einer Notrufnummer. Google nennt seine Integration in das Betriebssystem Android Emergency Location Service, abgekürzt ELS.[1]

Funktionsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wählt der Anrufer eine der im System hinterlegten AML-tauglichen Notrufnummern, so aktiviert das Handy zu Gesprächsbeginn automatisch WLAN und Satellitennavigation, auch wenn das vorher noch nicht der Fall war bzw. diese Funktionen am Endgerät dauerhaft deaktiviert wurden. Nach einer Wartefrist von 20 Sekunden werden diese Daten automatisch per SMS oder über HTTPS an die Leitstelle übermittelt. Eine aktive Internetverbindung wird nur bei Nutzung von HTTPS benötigt. Welcher Transportweg verwendet wird, hängt vom Land ab, in dem der Notruf abgesetzt wird.

Vorteile von AML[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2018 wurden in Europa 73 % der Notrufe über Mobiltelefone abgesetzt.[2] Die früher oft verwendete einfache „Ortung“ des Festnetzes über den Telefonbucheintrag bzw. die beim Provider hinterlegte Adresse des Kunden ist also zunehmend nicht mehr hilfreich. Anrufer, die aus dem Mobilfunknetz den Notruf wählen, wissen oft nur sehr vage, wo sie sich befinden. Insbesondere im ländlichen Raum ohne nahe Straßenschilder kann es schwierig sein, seinen Standort in Worten zu beschreiben. Aber auch in Städten fällt es vielen Notrufenden schwer, auch aufgrund der mit dem Notfall einhergehenden Stresssituation, den Einsatzort genau mitzuteilen. Auch bei Sprachbarrieren oder aus medizinischen Gründen eingeschränkter räumlicher Orientierung des Notrufenden kann eine genaue Festlegung des Notfallorts unmöglich sein.

Liegen den Leitstellen automatisch übermittelte Positionsdaten vor, kann dies die Einsatzaufnahme und Alarmierung von Rettungsmitteln deutlich beschleunigen.

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Google gibt an, dass 99 % der weltweit verbreiteten Android-Geräte AML/ELS unterstützen. Voraussetzung ist die Android-Version 2.3 oder höher.[1]

Apple hatte über längere Zeit kein Interesse daran, AML in sein Betriebssystem zu integrieren,[3] veröffentlichte die Funktion jedoch mit iOS 11.3 im März 2018.[4]

Derzeit ist AML unter anderem in folgenden Ländern in Verwendung:[5]

Der Service funktioniert in den genannten Ländern unabhängig vom jeweiligen Mobilfunknetz.

Unterstützt wird die Verbreitung von AML durch die European Emergency Number Association (EENA) und die EU-Kommission.[8]

Grenzen von AML[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

AML funktioniert nicht im „Limited service mode“. Der tritt ein, wenn ein Mobilfunkteilnehmer den Notruf 112 wählt, aber das Netz seines Mobilfunkbetreibers am Standort nicht verfügbar ist. Der „Limited service mode“ ermöglicht dann zwar den Notruf über ein anderes Netz, das am Standort verfügbar ist. Unter dieser Bedingung ist nur der Sprachanruf möglich, aber keine SMS. Nutzt der Notrufende kein Smartphone, sondern ein herkömmliches älteres Mobiltelefon, können ebenfalls keine Positionsdaten übermittelt werden.

Wird ein Notruf von einem Dual-SIM-Smartphone gewählt, dann besteht die Gefahr, dass die anrufende Nummer von der Rufnummer abweicht, die im AML-Datenpaket übermittelt wird.

Rechtslage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der im Dezember 2018 in Kraft getretenen EU-Richtlinie 2018/1972 werden die Mitgliedsstaaten dazu verpflichtet sicherzustellen, dass der Leitstelle Informationen zum Anruferstandort des Notrufenden bereitgestellt werden. Dazu gehören explizit auch "vom Mobilgerät gewonnene Angaben zum Standort des Anrufers"[9].

Situation in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Deutschland werden die AML-Endpunkte seit Oktober 2019 redundant durch die Berliner Feuerwehr sowie die Integrierte Leitstelle Freiburg – Breisgau-Hochschwarzwald bereitgestellt, zum Start waren ein Drittel der deutschen Leitstellen angebunden.[6][7][10]

Die Übermittlung der Positionsdaten erfolgt in Deutschland durch eine kostenlose Daten-SMS, dadurch ist eine Übermittlung auch ohne mobiles Internet möglich.[11]

Aufgrund von Datenschutzbedenken erfolgte die Einführung später als in anderen Ländern, ein von einer Arbeitsgruppe der Datenschutzkonferenz geprüftes Konzept ermöglichte die Erprobung.[12] Die Rufnummer des Anrufers wird gehasht gespeichert und die Positionsinformationen nach 60 Minuten gelöscht.[10] Das Endgerät übermittelt den Standort zu Beginn des Anrufs, nach 15 Sekunden sowie nach 30 Sekunden um eine korrekte Lokalisierung sicherzustellen.[6]

Die Endpunkte werden für eine dreijährige Pilotphase kostenlos von den betreibenden Feuerwehren bereitgestellt.[11]

Alternative Techniken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige Leitstellen in Deutschland halten Smartphones mit Messengerdiensten bereit, über die der Notrufende seinen Standort übermitteln kann.[13] Dies setzt aber einen vorherigen gegenseitigen Austausch der Mobilfunkrufnummern und die Installation derselben Messenger-App auf beiden Smartphones voraus.

Andere Leitstellen senden dem Anrufer eine SMS mit einem Hyperlink, den der Anrufer auf seinem Smartphone-Webbrowser öffnen muss. Durch Öffnen des Links werden die Positionsdaten an die Leitstelle übermittelt.[14] Hierfür ist allerdings das aktive Mitwirken des Notrufenden und eine Freischaltung der Ortungsdienste auf dem Smartphone des Notrufenden erforderlich. Dadurch ergibt sich eine längere Wartezeit bis die Positionsdaten in der Leitstelle eintreffen.

Die GSM Association hat vorgeschlagen, in Zukunft Notrufe per Voice over LTE als SIP-Verbindungen zu führen, bei dem im Header die Standortdaten automatisch mitübermittelt werden.[15]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Helping emergency services find you when you need it most. In: blog.google. 25. Juli 2016, abgerufen am 27. Januar 2018 (englisch).
  2. 2018 Report on the implementation of the European emergency number 112 Europäische Kommission. Abgerufen am 18. April 2019
  3. Már Másson Maack: Apple refuses to enable iPhone emergency settings that could save countless lives. In: The Next Web. 10. August 2017 (thenextweb.com [abgerufen am 24. Januar 2018]).
  4. Apple iOS 11.3 veröffentlicht: Das ist neu. (stadt-bremerhaven.de [abgerufen am 29. März 2018]).
  5. iOS 11.3 Will Support Life-Saving Feature That Sends an iPhone's Precise Location to Responders in Emergencies. 24. Januar 2018, abgerufen am 24. Januar 2018 (englisch).
  6. a b c Stefan Ruwoldt: Berliner Feuerwehr kann nun bei Notrufen Anrufer orten – Interview | Feuerwehrsprecher Kirstein. In: rbb24. Rundfunk Berlin Brandenburg, 12. Oktober 2019, abgerufen am 17. Oktober 2019.
  7. a b Thomas Kirstein: Notruf 112: Standortdienste in Smartphones und Mobilfunknetze leiten Retter jetzt präziser zum Unglücksort. In: Webseite. Berliner Feuerwehr, 11. Oktober 2019, abgerufen am 17. Oktober 2019.
  8. 11/2 is 112 Day: Locating emergency calls with AML technology is on the rise. 9. Februar 2018, abgerufen am 19. Februar 2018 (englisch).
  9. Richtlinie (EU) 2018/1972 RICHTLINIE (EU) 2018/1972 DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 11. Dezember 2018 über den europäischen Kodex für die elektronische Kommunikation
  10. a b Standortdaten beim Notruf 112. In: Webseite. Integrierte Leitstelle Freiburg – Breisgau-Hochschwarzwald, abgerufen am 17. Oktober 2019.
  11. a b Pascal Kiss: Neue Notruftechnik: Schnellere Hilfe im Notfall. In: tagesschau.de. Norddeutscher Rundfunk, abgerufen am 17. Oktober 2019.
  12. Markus Weidner: o2 startet verbesserten Notruf im Mobilfunknetz (Update: auch Telekom & Vodafone). In: teltarif.de. 10. Oktober 2019, abgerufen am 17. Oktober 2019.
  13. WhatsApp rettet Leben – Leitstelle vom Messenger Dienst überzeugt. (retter.tv [abgerufen am 15. Februar 2018]).
  14. Im Notfall kann man sich jetzt per Smartphone vom Rettungsdienst orten lassen. (badische-zeitung.de [abgerufen am 15. Februar 2018]).
  15. Mari Melander: IMS Profile for Voice and SMS Version 12.0 02 May 2018. In: gsma. GSM Association, 2. Mai 2018, abgerufen am 6. September 2019 (englisch).