Affektive Psychose

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Klassifikation nach ICD-10
F30 Manische Episode
F31 Bipolare affektive Störung
F32 Depressive Episode
F33 Rezidivierende depressive Störung
F34 Anhaltende affektive Störungen
ICD-10 online (WHO-Version 2016)
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Als affektive Psychosen bezeichnet man eine Gruppe von seelischen Erkrankungen, bei denen die Betroffenen unter willentlich nicht kontrollierbaren Schwankungen oder einseitigen Auslenkungen ihrer Stimmungen leiden. Gleichzeitig kann bei stark ausgeprägter Symptomatik die Fähigkeit zur angemessenen Prüfung der Realität eingeschränkt sein, d. h. ein psychotisches Erleben auftreten.

Dementsprechend kann einerseits bei den Betroffenen die Stimmung sehr gedrückt (depressiv) sein und es können gleichzeitig irreale Befürchtungen vorliegen. Andererseits kann die Stimmungslage aber auch außerordentlich gehoben (manisch) sein und die Betroffenen können gleichzeitig übertriebene, realitätsferne Vorstellungen haben (etwa von der Bedeutung ihrer Person, ihren finanziellen Möglichkeiten oder ihrem Vermögen, Dinge zu vollbringen). Auch Wechsel zwischen diesen extremen Verfassungen sind möglich.

Der veraltete Begriff "Affektive Psychosen" entspricht nicht den modernen Standards, wird aber dennoch im medizinischen Alltag häufig verwendet. Aus diesem Grund werden in diesem Artikel nur die begrifflichen und klassifikatorischen Aspekte dieser Krankheitsgruppe behandelt. Eine nähere Beschreibung dieser Krankheitsgruppe wird im Hauptartikel Affektive Störungen vorgenommen. Früher wurde zusätzlich die Bezeichnung Gemütskrankheiten gebraucht.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Störungen der Gemütslage werden schon von antiken Schriftstellern und Ärzten beschrieben. Jean-Pierre Falret (1794–1870) und andere Ärzte haben im 19. Jahrhundert erstmals präzise von Patienten berichtet, die zwischen extremen Gemütslagen hin und herschwanken können. Man nannte diese Schwankungen "Zyklieren", was zu der Prägung des Begriffs "Zyklothymie" durch Karl Ludwig Kahlbaum führte. Hierdurch sollte die Einheit des Krankheitsbildes verdeutlicht werden.

1899 prägte Emil Kraepelin den Begriff des "manisch-depressiven Irreseins", der gelegentlich noch heute von Ärzten in abgeschwächter Form als "Manisch-Depressive Krankheit" (MDK) verwendet wird. Heute werden diese Krankheit und ihre Untergruppen als bipolare affektive Störung bezeichnet.

Später wurde die Krankheitsgruppe unter dem Begriff "affektive Psychosen" zusammengefasst und mit den "Schizophrenien" als eine Untergruppe der "endogenen Psychosen" eingestuft. Dabei wurde damals angenommen, die affektiven Psychosen seien heilbar, während die Schizophrenien unheilbar seien. Eine solche pessimistische Annahme über den Krankheitsverlauf der Schizophrenien wird heute nicht mehr vertreten. Veränderungen der Gemütslage, die als nicht schwerwiegend beurteilt wurden, sah man gemäß Kurt Schneider nicht als Krankheiten an.

Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts setzte in der psychiatrischen Wissenschaft ein Prozess ein, in dessen Folge die oben bezeichnete Krankheitsgruppe mehrfach neu katalogisiert wurde. Dabei wurden einzelne Begriffe völlig neu definiert und es kam zu abweichenden Bezeichnungen gleicher Krankheiten, etwa in der angelsächsischen Medizin einerseits und der deutschsprachigen Psychiatrie andererseits. Dabei ging es unter anderem um folgende Fragen:

  • ob Menschen mit krankhaften Stimmungsschwankungen Extreme manchmal nur in eine Richtung entwickeln oder immer in beide Richtungen,
  • ob der Begriff der "Endogenität" sinnvoll ist und eine Abgrenzung zu möglicherweise nichtendogenen Formen wirklich hilfreich ist,
  • ob grundsätzlich alle Patienten mit Medikamenten behandelt werden sollen,
  • und ob die eher selteneren Formen chronischer Stimmungsveränderungen eigenständige Krankheiten sind.

Klassifikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die oben beschriebenen Bemühungen waren von zahlreichen umfangreichen wissenschaftlichen Studien sowie einer intensiven Diskussion von Psychiatern aus vielen Ländern begleitet und mündeten in zwei modernen Klassifikationssystemen:

  • dem ICD-Katalog (Internationale Klassifikation der Krankheiten, herausgegeben von der WHO). Er existiert nunmehr in der 10. Auflage, umfasst alle Krankheiten und wird in Deutschland inzwischen in allen Kliniken und Arztpraxen verwendet.
  • dem DSM (Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen, herausgegeben von der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung). Dieses Handbuch gibt es inzwischen in der 5. Auflage und es handelt nur psychische Störungen ab.

Heute werden Krankheiten in praktisch allen europäischen Ländern nach dem ICD-Katalog diagnostiziert und abgerechnet. In der psychiatrischen Forschung findet aber der DSM-Katalog häufig Verwendung, sodass in psychiatrischen Lehrbüchern meist beide Klassifikationssysteme erwähnt, verglichen und die Vor- und Nachteile der jeweiligen Kataloge diskutiert werden.

Der DSM-Katalog behandelt die hier zur Diskussion stehenden Erkrankungen unter dem Begriff der "Mood Disorders" (wörtlich übersetzt "Stimmungserkrankungen"). Der ICD-Katalog verwendet dagegen den Begriff "Affektive Störungen". Trotz gewichtiger inhaltlicher Vorbehalte hat sich in Deutschland der Begriff "Affektive Störung" durchgesetzt. Bei den hier diskutierten Erkrankungen handelt es sich streng genommen aber gar nicht um Störungen von Affekten, also Gefühlswallungen, sondern um Störungen der Gestimmtheit. Korrekt wäre die Verwendung des Begriffes "affektive Störung" eher für Angsterkrankungen, weil Panik und Angst tatsächlich Affekte sind. Die Angststörungen werden im ICD-10 allerdings in einem eigenen Kapitel zusammen mit Neurosen und Anpassungsstörungen behandelt.

Einteilung nach ICD-10[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund der verbreiteten Verwendung des ICD-Kataloges muss hier jedoch dessen Klassifikation zugrunde gelegt werden. Gemäß der Internationale Klassifikation der Krankheiten werden psychiatrische Erkrankungen unter dem Buchstaben F abgehandelt und die sogenannten Affektiven Störungen unter der Zahl 3. Man findet diese Krankheitsgruppe im ICD-Manual daher im Unterkapitel F30-F39.

Grundbegriffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende Hauptbegriffe finden eine Verwendung: "manisch" für gehobene Stimmung, "depressiv" für gedrückte Stimmung, "Episode" für das erste oder einzige Ereignis. "Störung" steht für eine Erkrankungsform, die immer wieder auftritt und "anhaltend" für eine Form der Erkrankung, die dauerhaft vorhanden ist. Weiter unterscheidet man, ob die Stimmungsauslenkung immer nur in eine Richtung geht oder in verschiedene Richtungen (monopolar oder bipolar) und ob die Krankheit nur einmal oder mehrfach auftritt (monophasisch oder wiederkehrend).

Im Klassifikationsschema finden nun noch einige zusätzliche Kriterien Anwendung, die die jeweilige Form der Erkrankung näher beschreiben sollen. Hierfür werden die Begriffe: leicht, mittelgradig und schwer verwendet. Es wird unterschieden, ob die Patienten zusätzlich psychotische Symptome zeigen, über irreale körperliche Beschwerden klagen und ob Mischformen vorliegen.

Episode und Störung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im ICD unterscheidet man nun zunächst fünf große Untergruppen (F 30 - F 34). Dabei wird mit dem Begriff "Episode" eine Form der Krankheit beschrieben, die nur einmal im Leben der Patienten auftritt. Mit dem Begriff "Störung" beschreibt man dagegen Krankheitsformen, die rezidivieren (immer wieder auftreten).

Da das einzige Auftreten einer Erkrankung logischerweise das erste Auftreten der Krankheit ist, nennt man mithin das erstmalige Auftreten einer Depression eine "depressive Episode" (ICD-10, F 32). Wenn ein Mensch eine zweite depressive Episode bekommt, wird die Krankheit umbenannt und heißt nun: "rezidivierende depressive Störung" (ICD-10, F 33). Analog verfährt man mit der Krankheitsbezeichnung bei Patienten, die nicht krankhaft traurig sind, sondern eine krankhaft gehobene Stimmung haben, eine "Manie": Das erste Auftreten einer Manie heißt demnach "manische Episode" (ICD-10, F 30).

Monopolar und bipolar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn eine Manie immer wieder auftritt, müsste sie nun logischerweise "rezidivierende manische Störung" heißen. Eine solche Krankheit gibt es aber nicht. Viele sehr genaue Untersuchungen der Krankheitsverläufe solcher Patienten haben gezeigt, dass Menschen, die wiederholt eine krankhaft gehobene Stimmung haben, immer auch irgendwann in ihrem Leben eine krankhafte traurige Verstimmung hatten. Sie hatten also Auslenkungen der Stimmungslage in verschiedene Richtungen. Solch eine Form der Erkrankung nennt man "bipolar". Aus diesem Grund fasst man die Erkrankung dieser Patienten heute unter dem Begriff der "bipolaren affektiven Störungen" (ICD-10, F31) zusammen. Das ist nun der moderne Name für das alte "manisch-depressive Irresein".

Anhaltende affektive Störungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Abschluss katalogisiert man noch die Erkrankungsgruppe, bei denen die Patienten für einen längeren Zeitraum kontinuierlich erkrankt sind, unter dem Begriff der "anhaltend affektiven Störung" (ICD-10, F 34). Hierfür findet der Begriff "Zyklothymia" Verwendung, wenn die Betroffenen über einen längeren Zeitraum leichte Stimmungsschwankungen zeigen. Der frühere Begriff Zyklothymie bezeichnete die ganze Krankheitsgruppe, wurde also synonym für "manisch-depressive Erkrankung" verwendet. Die "Dysthymia" steht entsprechend für eine leichte, aber dauerhafte Form einer depressiven Verstimmung.

Sonderformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schließlich unterscheidet man Erkrankungen, die ein Vollbild zeigen (sog. Major Depression), von solchen mit einer nur abgeschwächten Form, und Psychosen, die Phasen eines vollständigen Verschwindens aller Symptome zeigen, von solchen mit Restsymptomen während des Krankheitsverlaufs. Weiterhin unterscheidet man Krankheitsformen, die rasche Wechsel zeigen (rapid cycler), und solche, die auf bestimmten Jahreszeiten begrenzt sind (seasonal affective disorder oder Winterdepression).

Zusammenfassung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusammenfassend heißt das, dass die modernen Klassifikationensysteme in der Psychiatrie im Falle der sogenannten "affektiven Psychosen" oder "affektiven Störungen" Ursachenzuschreibungen vermeiden. In der modernen wissenschaftlichen Literatur wird das als Versuch aufgefasst, möglichst vorurteilsfreie, neutrale Beschreibungen der Erkrankungen vorzunehmen. So wird beispielsweise der Begriff der Endogenität vollständig vermieden. Im Zuge der Modernisierung der Klassifikation wurden einige Erkrankungen jedoch missverständlich umbenannt.

Zur Terminologie sei noch angemerkt, dass als Oberbegriff für die Krankheitsgruppe weder der Begriff der "affektiven Psychose" noch der Begriff der "affektiven Störung" letztlich glücklich gewählt sind. Denn erstens bestehen bei den in der ICD-10 unter F30–F39 beschriebenen Krankheiten nur in einem Teil der Fälle tatsächlich psychotische Symptome: Patienten mit einer Dysthymie hätten gemäß der Klassifikation eine "affektive Psychose", sind aber gar nicht psychotisch.

Zweitens hat der Begriff der Störung eine spezifische Bedeutung innerhalb der Krankheitsgruppe. Patienten, die zum Beispiel erstmals eine leichte krankhafte Verstimmung erleiden, haben gemäß der Klassifikation eine "affektive Störung", obwohl für diese Form der Krankheit der Begriff "Episode" vorbehalten ist und man von einer "Störung" erst spricht, wenn die Erkrankung wiederholt auftritt. Die begriffliche Verwirrung – die sich wie im Einleitungsabschnitt erwähnt ja auch auf inhaltliche Aspekte bezieht – ist im Moment unvermeidlich. Revisionen der Terminologie sind aber bei Neuauflagen der ICD und DSM-Manuale zu erwarten.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mathias Berger (Hrsg.): Psychische Erkrankungen. Klinik und Therapie; unter systematischer Berücksichtigung der „Cochrane-Collaboration“ und des „Centre for Reviews and Dissemination“. 2. Aufl., Elsevier, Urban & Fischer, München 2004, ISBN 3-437-22480-8.
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