Afrasiab (Stadt)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Koordinaten: 39° 40′ 17,1″ N, 66° 59′ 15,2″ O

Karte: Usbekistan
marker
Afrasiab (Stadt)
Magnify-clip.png
Usbekistan

Afrasiab (usbekisch Afrosiyob) war eine Stadt in Zentralasien und Vorläufer der Stadt Samarqand in Usbekistan. Ihr Tell liegt im Nordosten des historischen Zentrums von Samarqand. Er besteht aus einer Zitadelle und der eigentlichen befestigten Stadt (Schahrestan). Der Tell ist ca. 220 Hektar groß und von dreieckiger Form. Er weist vier Bauphasen auf. Die Stadt hatte ein System rechtwinkliger gepflasterter Straßen und entsprechender Wohnblocks. Auch Moscheen und Werkstätten wurden ausgegraben.

2001 wurde Afrasiab von der UNESCO als Bestandteil der Weltkulturerbestätte Samarkand als "Schnittpunkt der Weltkulturen" in das UNESCO-Welterbe aufgenommen.

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name Afrāsiāb (persisch افراسياب) wird volkstümlich mit dem Namen des legendären Königs von Tūrān in Verbindung gebracht, doch Wissenschaftler sehen den Namen als eine Entstellung des tadschikischen Wortes Parsīāb an (sogdisch Paršvāb), was „Oberhalb des schwarzen Flusses“ bedeutet – der Fluss Sīāh-Āb, „Schwarzer Fluss“, fließt nördlich der Stadt.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Afrasiab wurde vor etwa 2750 Jahren in der fruchtbaren Ebene des Serafschan als Oasenstadt gegründet und war im Achämenidenreich die Hauptstadt der Provinz Sogdien. Zu dieser Zeit war sie bereits von einer hohen Mauer mit Toren umgeben. Zu Wohlstand gelangte die Stadt durch den Handel mit den nördlichen und östlichen Regionen; die antike Seidenstraße verlief durch Samarqand und der auf dieser Handelsroute stattfindende Technologie- und Kulturaustausch hat wesentlich zur Blüte der Stadt in der Antike beigetragen.[2] 329 v. Chr. wurde die Stadt, die im antiken Griechenland unter dem Namen (griech.: Μαράκανδα) bekannt war, durch Alexander den Großen erobert. Nach dem Tod Alexanders fiel Afrasiab an das Seleukidenreich und später an das Griechisch-Baktrische Königreich. Nach dessen Fall Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. wurde es Teil des Kuschan-Reiches, das im frühen 3. Jahrhundert n. Chr. von den Sassaniden erobert wurde.

Nach dem Ende des Sasaniden-Reiches um 628 geriet Sogdien und damit auch Afrasiab zunehmend unter chinesischen Einfluss. Nach 670 verloren die Chinesen Zentralasien an die Tibeter, Sogdien fiel in der Folge ab 673 an die Umayyaden. im 7. Jahrhundert prägte man hier auch eigene Münzen[3]. Aus dieser Zeit stammen auch Wandmalereien in dem Palast von Afrasiab, die den Empfang Gesandter aus China und Korea zeigen.

In sogdischer Zeit befand sich in Afrasiab der Palast des ichschidischen Herrschers von Samarkand. Seit dem 9. Jahrhundert stellte man hier, wahrscheinlich wegen des zurückgehenden Porzellanexportes aus China eine Manufaktur weiße Keramik mit abstrakten und floralen Unterglasurmalereien her, die unter anderem die byzantinische Keramikproduktion beeinflussten. Die Gemeinde wurde reich und mächtig durch die Kontrolle der Seidenstrasse.

Vor der mongolischen Eroberung Zentralasiens war Afrasiab Teil des Reiches des Choresm-Schahs. Nachdem Buchara bereits 1220 gefallen war, griff Dschingis Khan Samarkand an. Die turkmenische Garnison lief zu den Mongolen über, die sie aber niedermachen ließen. Nach fünftägigem hartnäckigem Widerstand fiel Afrasiab und wurde vollständig zerstört, so dass kein Gebäude aus der Zeit vor dem Mongoleneinfall erhalten ist. Erst im 14. Jahrhundert wurde die Stadt wieder neu aufgebaut, aber nicht an der alten Stelle, sondern etwa 1 km südwestlich des alten Siedlungshügels. Am Südosthang des Tells wurde in der Timuridenzeit Shohizinda als Gräberstadt errichtet.

Ausgrabungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgrabungsgelände (2012)

Bereits kurz nach der russischen Eroberung Zentralasiens fanden hier Grabungen statt, unter anderem durch Oberstleutnant Krestovskij 1833 und Major Borzenkov 1874. Man zog hauptsächlich schmale Suchgräben und deckte so Gebäude auf, konnte aber die Stratigraphie und Baugeschichte nicht klären. Nach den Militärs übernahm der Archäologe I. Veselovskij die Grabungen, seit dem Beginn des 20. Jh. war hier V. L. Vjatkin tätig, dann I. A. Terenoschkin. Seit 13 Jahren gräbt eine französisch-usbekische Expedition unter F. Grenet and M. Ch. Isamiddinov in Afrasiab.

Die Schichten Afrasiab II und III stammen aus der gräko-baktrischen Zeit. Schon jetzt war die Stadt ein Zentrum der Keramikproduktion. In Afrasiab III wurde eine sehr feine Ware mit rotem Überzug und roter Glasur hergestellt. In den Bauwerken finden zum ersten Mal gebrannte Ziegel Verwendung. Auch in der Zeit des Kuschan-Reiches war Afrasiab eine bedeutende Siedlung.

Wandmalereien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgedehnte Wandmalereien scheinen für sogdische Paläste typisch zu sein. Außer in Afrasiab fanden sie sich auch in Pendschikent, in Bundschikat (bei Schahriston), in geringen Resten in Tschilchudschra und im Palast von Warachscha (westlich Buchara).

In Afrasiab wurden Wandmalereien in einem Saal von 10 × 10 m² Größe in einem Palast in der Südstadt gefunden. Sogdische Inschriften informieren über die Identität der Dargestellten und liefern so wichtige Information über die Nationaltrachten der Zeit. An der Südwand ist der Empfangs von hunnischen Botschaftern unter Leitung von Bur-Satak aus Tschangian am Hofe dargestellt. Unter ihnen ist auch ein Botschafter aus Korea vertreten. Auf der Ostwand sind vor blauem Hintergrund speerbewehrte Reiter auf der Tigerjagd in sogdischem Stil dargestellt, während die Nordwand chinesischen Stil zeigt.

Terrakottafiguren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Afrasiab wurden vielfältige Terrakottafiguren ausgegraben. Dazu gehören eine behelmte Athene, Terrakottas nach Arethusa-Stil, sogdische und türkische Reiter, Jungen und Mädchen mit königlicher Kopfbekleidung, dämonische Kreaturen sowie ein bewaffneter sogdischer Paladin.[4]

Bestattungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gebeine wurden nach zoroastrischer Tradition in beschmückten Beinhäusern aufbewahrt.[4]

Museum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Museum von Samarkand wurde 1896 gegründet. Es enthält Funde aus Afrasiab vom 4.-13. Jh.

Literarische Erwähnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannt ist Afrasiab aus einem Gedicht des Persers Saadi (1210-1292) aus der Zeit nach der mongolischen Zerstörung der Stadt: „Die Spinne webt die Vorhänge im Palast der Cäsaren, die Eule ruft von Afrasiabs Türmen die Stunde aus.“ Diese Zeilen über die Vergänglichkeit weltlicher Macht soll Mehmed II. Fatih nach der Eroberung Konstantinopels 1453 bei der Besichtigung der Ruinen des Großen Palastes zitiert haben.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Aleksandr Belenickij: Zentralasien. Genf 1968.
  • Burchard Brentjes: Mittelasien. Koehler und Amelang, Leipzig 1977.
  • Boris Maršak: Le programme iconographique des peintures de la „Salle des ambassadeurs“ à Afrasiab (Samarkand). In: Arts Asiatiques 49, 1994, S. 5–20.
  • Markus Mode: Sogdien und die Herrscher der Welt. Türken, Sasaniden und Chinesen in Historiengemälden des 7. Jahrhunderts n. Chr. aus Alt-Samarqand. Frankfurt/M. 1993.
  • C. Silvi Antonini: The paintings in the palace of Afrasiab (Samarkand). In: Rivista degli Studi Orientali, 63, 1989, S. 109–144.
  • Hans Wilhelm Haussig: Die Seidenstraße in islamischer Zeit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988.
  • Boris J. Stawinski: Die Völker Mittelasiens. Bonn 1982.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Afrasiab – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. G.A. Pugachenkova/È.V. Rtveladze, AFRĀSĪĀB, in Encyclopædia Iranica, 2009 - The name is popularly connected with that of the epic king of Tūrān, Afrāsīāb, but scholars see in it a distortion of Tajik Parsīāb (Sogdian Paršvāb), “Above the black river,” i.e., the Sīāhāb or Sīāb, which bounds the site on the north.
  2. Detlev Quintern: Cosmopolitism, Scientific Discoveries, and Technological Inventions along the Ancient Silk Road. The Role of Samarkand and Bukhara, in: Hans-Heinrich Bass und Hans-Martin Niemeier (eds.), Institute for Transport and Development, Annual Report 2011/2012, Bremen: Hochschule Bremen, S. 94–99 (PDF; 4,6 MB)
  3. Charles Higham: Encyclopedia of Ancient Asian Civilizations. New York: Facts on Files 2004. ISBN 0-8160-4640-9.
  4. a b G.A. Pugachenkova/È.V. Rtveladze, AFRĀSĪĀB, in Encyclopædia Iranica, 2009 - Terracottas attain exceptional variety; there are statuettes of Sogdian and Turk horsemen, youths and young girls in royal headdress with symbolic ornaments, demonic creatures, and a Sogdian paladin accoutered and armed.