Agroforstwirtschaft

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Kulturbaumpark mit Anabäumen und Borassus akeassii nahe Banfora in Burkina Faso (2004)

Agroforstwirtschaft oder Agrarforstwirtschaft (englisch agroforestry oder agroforesting) bezeichnet ein (teils mehrstöckiges)[1] landwirtschaftliches Produktionssystem, das Elemente des Ackerbaus mit solchen der Forstwirtschaft kombiniert.

Sowohl mehrjährige Bäume wie Obstbäume, Palmengewächse oder Nutzhölzer als auch einjährige landwirtschaftliche Nutzpflanzen werden auf derselben Fläche integriert.

Agroforstwirtschaftliche Systeme werden insbesondere in Gebieten, die natürlicherweise von tropischem Regenwald bewachsen sind, als ökologisch vorteilhaft gegenüber einer kompletten Rodung angesehen. Sie sind artenreich, stabilisieren den Wasserhaushalt und schützen den Boden vor Erosion und Degradation. Allerdings ist die Vermarktung der Produkte aufgrund ihrer Vielfalt und der eher geringen Erträge oft schwierig, was die Wirtschaftlichkeit solcher Systeme beeinträchtigt.

Definition und Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Agroforstwirtschaft ist die bewusste Einbeziehung von Bäumen und Sträuchern in der Landwirtschaft (Kurzdefinition von J. Vogt 1999).[2] Dabei fokussiert sich die Landnutzung auf mehrjährigen Holzpflanzen und landwirtschaftlichen Nutzpflanzen oder Tieren.

Als wesentliches Kriterium für die Qualifizierung eines Landnutzungssystems als Agroforstsystem wird zumeist die gleichzeitige Nutzung einer Kombination von Gehölzen mit Acker- oder Tierhaltung und die hierdurch gezielte Erzeugung von für die landwirtschaftliche Produktion vorteilhaften Wechselwirkungen zwischen den Einzelkomponenten herangezogen.[3]

Darüber hinaus werden Agroforstsysteme nach Nair (1985) entsprechend ihrer Haupt-Komponenten unterteilt:

  • silvoarable Systeme – Bäume mit Ackerkulturen
  • silvopastorale Systeme – Bäume mit Tierhaltung
  • agrosilvopastorale Systeme – Bäume mit Ackerkulturen und Tierhaltung

Vorteile der Agrarforstwirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lebensraum für Tiere (Nützlinge und Schädlinge; je größer die Artenvielfalt, desto weniger störanfällig ist ein Ökosystem häufig).
  • Verringerung der Bodenerosion eines Feldes durch den Windwiderstand der Bäume (damit auch gleichzeitig Verdunstungsverringerung; mehr Wind in Bodennähe, führt zu stärkerer Verdunstung).
  • Zugleich erleichtern Bäume bzw. ihre Wurzeln das Eindringen von Wasser in den Boden und tragen so zur Verminderung der Wassererosion bei. Sie dienen außerdem der Überschwemmungsprävention, indem sie den Oberflächenabfluss nach Regenfällen minimieren, und können zur geringeren Gewässerverschmutzung durch landwirtschaftliche Düngemittel beitragen.
  • Erhöhte Beschattung, was bei kombinierter Tierhaltung (Kombination von Weideland mit Bäumen) dem Schutz und dem Komfort der Tiere dient. Gleichzeitig wird durch den Schatten vor allem im Sommer auch der Boden kühl gehalten, was wiederum zu einer verringerten Verdunstung führt (erst bei größeren Bäumen möglich; wichtiger Faktor in trockenen Gebieten).
  • Lieferung von kostenlosem Dünger (d. h. geringer bzw. kein Einkauf von Kunstdünger), da Bäume (je nach Art) mit ihren tief im Boden verankerten Wurzeln pflanzliche Nährstoffe nach oben befördern und nach dem Laubfall diese Nährstoffe wiederum an die oberste Bodenschicht und damit über Destruenten (Remineralisierer) an die dort wurzelnden Nutzpflanzen abgeben. Da zudem dieser natürliche Dünger für die Bodenfauna besser geeignet ist (wirkt anregend), wird diese gestärkt und sorgt ihrerseits wiederum für eine bessere Bodenqualität (Krümelstruktur).
  • Kühlung im Sommer durch den Verdunstungseffekt über die Blätter des Baumes (wie oben entsteht der Effekt erst durch eine gewisse Baumgröße). Die Wurzeln sind auch in der Lage aus tiefliegenden Wasserschichten Wasser nach oben zu befördern. Pflanzen werden dadurch vor allzu starkem Hitzestress geschützt (beispielsweise bei Extremereignissen wie der Hitzewelle in Europa 2003). Auch Bodenorganismen werden durch allzu große Hitze beeinträchtigt, was mittels Abkühlung verhindert werden kann.
  • Bei Betrachtung des Lebenszyklus eines Baumes kann der Landwirt durch den Verkauf des Holzes (als Furnier- Brenn- oder Bauholz) einen deutlich größeren Gewinn als bei einer reinen landwirtschaftlichen bzw. einer reinen forstwirtschaftlichen Nutzung erzielen.
  • Bäume in Agroforstsystemen sind wesentlich leichter zugänglich als in Waldgebieten und können dadurch besser gepflegt und „geerntet“ werden.
  • Da die Baumreihen relativ weit auseinanderstehen, erhalten diese Bäume wesentlich mehr Licht als innerhalb eines Waldgebietes. Zudem bestehen solche günstigen Wachstumsbedingungen bis sie geerntet werden. Dadurch wachsen die Bäume sehr gleichmäßig, im Unterschied zur üblichen forstwirtschaftlichen Praxis, bei der Bäume regelmäßig aus einer Baumgemeinschaft entfernt werden, was zu Wachstumsschüben in den Nachbarbäumen führt. So entsteht in Bäumen aus Agroforstsystemen eine feine und gleichmäßige Maserung des Holzes, was nicht nur ihren Verkaufswert steigert, sondern gleichzeitig zu einer größeren Holzfestigkeit führt (höhere Bauholzqualität).
  • Aufwertung des Landschaftsbildes, das vielgestaltiger wirkt als eintönige Monokulturflächen.
  • Der Nährstoff-Kreislauf bleibt erhalten.
  • Neben der Kohlenstoffspeicherung findet eine Rekultivierung der Böden und damit der Aufbau von Humus statt, der ebenfalls ein großes Potenzial für CO2-Bindung darstellt (Hüttl 2008).[4]

Nachteile der Agrarforstwirtschaft [Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Vielzahl der Produkte bei jeweils verhältnismäßig kleinen Mengen erschwert die Vermarktung und erhöht somit die Transaktionskosten für die Produzenten.
  • Landwirte müssen sich zusätzlich mit wesentlich mehr Themengebieten rund um die Aufzucht der Bäume beschäftigen bzw. weiterbilden (Aufzucht, Baumschnitt, Fälltechnik, Vermarktung). Was langfristig auch von Vorteil sein kann, da der Landwirt ein breiteres Wissen besitzt, mit dem er auf Veränderungen reagieren kann.
  • Die Aufzucht der Bäume erhöht den Arbeitsaufwand pro Hektar Feldfläche und Jahr. Dazu zählt auch ein gesteigerter Rangieraufwand für die Erntemaschinen wegen der Bäume.
  • Da die Bäume erst ab einem gewissen Alter „geerntet“ werden können, kann dies unter bestimmten Bedingungen zunächst auch zu einer Ertragseinbuße pro Hektar führen. Die positiven Auswirkungen des Agroforstsystems – d. h. sein Zusatznutzen, der einen Teil des Verlustes ausgleichen kann – machen sich erst nach einigen Jahren bemerkbar.

Forschung in Europa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Forschungsprogramm der Europäischen Union hat sich in den letzten Jahren auch für Europa mit der Möglichkeit der Kombination einjähriger Ackerkulturen und Baumkulturen (mit sehr langen Umtriebszeiten) beschäftigt. Die Forscher kamen zum Ergebnis, dass durch die Agroforstwirtschaft erhebliche Mehrerträge von bis zu 30 % realisiert werden können. Die Produktion einer mit einer Mischung aus Pappeln und Weizen kultivierten Fläche von einem Hektar entspricht der Produktion, die im getrennten Anbau nur bei einem Flächenverbrauch von 1,3 Hektar möglich würde (0,9 ha Weizen und zusätzlich 0,4 ha Pappeln). Erfolgreich wird dabei das kombinierte Agrarforstsystem beim gleichzeitigen Anbau von Stickstoff bindenden Gehölzpflanzen und Ackerpflanzen. Teilweise werden dabei die Bäume in Reihen gepflanzt (mit drei, vier oder auch zehn Meter Abstand); in den Zwischenräumen werden bei einem solchen Alley cropping die landwirtschaftlichen Nutzpflanzen angebaut.

Das World Agroforestry Centre wurde 1978 gegründet (damals International Centre for Research in Agroforestry: ICRAF), um Forschung und Informationsaustausch zum Thema Agroforstwirtschaft zu fördern. Es verfolgt das Ziel, zu Armutsreduzierung und Ernährungssicherung durch ökologisch angepasste Produktionsweisen beizutragen. Auch beim französischen Institut national de la recherche agronomique ist eine Forschungsgruppe angesiedelt.[5] Im Vereinigten Königreich ist insbesondere der Agroforestry Research Trust und dessen Direktor Martin Crawford zu nennen.[6] In Deutschland befinden sich Forschergruppen an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg[7], der Georg-August-Universität Göttingen und der TU Dresden.[8]

Im Rahmen des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) wird die Ersteinrichtung von Agrarforstsystemen auf landwirtschaftlichen Flächen gefördert.[9]

Deutscher Fachverband für Agroforstwirtschaft (DeFAF)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund einiger vom Bund geförderten Projekte rund um das Thema Agroforst entstanden Zusammenschlüsse und Netzwerke unter den Wissenschaftler und Landwirten. Darunter gründete sich in Berlin mit etwa 80 Mitglieder verschiedener Fachbereiche der erste Deutsche Fachverband für Agroforstwirtschaft (DeFAF) unter dem Vorstand von Dr. Christian Böhm mit Sitz in Cottbus.

Die Bestrebung des DeFAF ist es, die Agroforstwirtschaft als einen bewährten und akzeptierten Bestandteil in die deutsche Agrarwirtschaft zu integrieren. Agroforst kann sowohl in einer ökologischen, als auch einer Pflanzenschutz & Düngermittel-basierten Landwirtschaft praktiziert werden. Das Konzept wird vom DeFAF nicht als festes Paradigma oder Doktrinen präsentiert, sondern eher als ein offenes Verfahren, das auf lokalen Input der Praxis angewiesen ist und eine umweltverträgliche naturnahe Landschaftsnutzung verfolgt.

Durch eine wissenschaftliche, transparente und faktensichere Interessensarbeit soll eine gezielte Kontaktaufnahme zu Politikern, Verbänden und Organisationen überzeugen. Ein weiteres Ziel ist auch die Verankerung einer eindeutigen Definition für Agroforst in Gesetzen und der damit resultierenden Möglichkeit für Förderungsprogramme und Unterstützung durch den Bund.

Der DeFAF versteht sich selbst als Bindeglied zwischen der Praxis und den unterstützenden wissenschaftlichen Erarbeitungen. Dabei soll der kommunikative Dialog und die Beratung zur Agroforstsystemen in Deutschland im Mittelpunkt stehen, sowie die Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen den Verbänden, Behörden und natürlich Praktizierenden. Ebenfalls begleitet der DeFAF unterstützend neue Projekte und versucht durch wissenschaftliche und erfahrungsmäßige Erkenntnisse eine Hilfestellung für Interessierte bei der Verwirklichung eines Agroforstsystems zu leisten. Darüber hinaus verknüpft der DeFAF mit Agroforst einen fundamentalen Bildungs- und Öffentlichkeitsauftrag zum Thema Ökologie, Renaturierung und Anpassungsmaßen zum voranschreitenden Klimawandel.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • J.-M. Boffa: Agroforestry parklands in sub-Saharan Africa. Food and Agriculture Organization of the United Nations, Rom 1999, ISBN 92-5-104376-0 (englisch; Volltext auf fao.org (Memento vom 30. August 2009 im Internet Archive)).
  • Johanna Jacobi, Monika Schneider, Stephan Rist: Agroforstwirtschaft als ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltige Landnutzungsform: Fallbeispiel Kakaoanbau in Bolivien. In: Elemente der Naturwissenschaft. Nr. 100, 2014, S. 4–25 (PDF: 4 MB, 22 Seiten auf elementedernaturwissenschaft.org).
  • Burkhard Kayser, Martina Mayus, Georg Eysel-Zahl: Agroforstwirtschaft in Mitteleuropa: Potenziale einer neuen Landnutzungsform für Landwirtschaft und Naturschutz. In: Lebendige Erde. Nr. 3, 2005 (online auf lebendigeerde.de (Memento vom 3. Dezember 2006 im Internet Archive)).
  • Hans-Jürgen von Maydell: Agroforstwirtschaft: Lexikon und Glossar (deutsch-englisch = Agroforestry). Mitteilungen der Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft Hamburg, Nr. 173. Wiedebusch, Hamburg 1993, S. 175.
  • Wolfgang Zech: Tropen: Lebensraum der Zukunft? Eine Analyse zur Rolle des Bodens aus der Sicht der Geoökologie. In: Geographische Rundschau. Nr. 1, 1997, S. 15.

Fachzeitschriften:

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Agroforstwirtschaft – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Volkart Wildermuth: Ackern unter Bäumen: Das Konzept der Agroforstwirtschaft. In: Deutschlandfunk.de. 15. Juli 2012, abgerufen am 14. Juni 2019.
  2. Burkhard Kayser: Definitionen zur Agroforstwirtschaft. In: agroforst.de. 23. Mai 2018, abgerufen am 15. Juni 2020.
  3. Deutscher Fachverband für Agroforstwirtschaft e. V. (DeFAF): Offizielle Website. Abgerufen am 15. Juni 2020.
  4. Reinhard Hüttl (Hrsg.): Zum Stand der Humusversorgung der Böden in Deutschland (= Cottbuser Schriften zur Ökosystemgenese und Landschaftsentwicklung. Band 7). Forschungszentrum Landschaftsentwicklung und Bergbaulandschaften, Cottbus 2008, ISBN 3-937728-09-0, S. 95.
  5. Einführung: Introduction à l'Agroforesterie. In: Inra.fr. Ohne Datum, abgerufen am 14. Juni 2019 (französisch).
  6. Homepage: The Agroforestry Research Trust. Abgerufen am 14. Juni 2019 (englisch).
    Autorenporträt: Martin Crawford. In: greenbooks.co.uk. 2019, abgerufen am 14. Juni 2019 (englisch).
  7. Homepage: Agroforstforschung an der Professur für Waldwachstum und Dendroökologie. (Memento vom 8. Dezember 2018 im Internet Archive) Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, abgerufen am 14. Juni 2019 (archivierte Version).
  8. Selbstdarstellung: Wir über uns – Lin2value. In: http://lin2value.uni-goettingen.de./ Ohne Datum (2015?), abgerufen am 14. Juni 2019.
  9. Siehe Artikel 23 der Verordnung (EU) Nr. 1305/2013 vom 17. Dezember 2013 über die Förderung der ländlichen Entwicklung durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER), abgerufen am 14. Juni 2019.