Air-France-Flug 296

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Air-France-Flug 296
Airbus A320-100 Air France (AFR) F-GFKQ - MSN 002 (10655931213).jpg

Ein Airbus A320-100 der Air France.

Unfall-Zusammenfassung
Unfallart Strömungsabriss in geringer Höhe
Ort bei Habsheim, Frankreich
Datum 26. Juni 1988
Todesopfer 3
Überlebende 133
Schwerverletzte 50
Luftfahrzeug
Luftfahrzeugtyp Airbus A320
Betreiber Air France
Kennzeichen F-GFKC
Passagiere 130
Besatzung 6
Listen von Flugunfällen

Der Air France Flug 296 war ein Charterflug eines kurz zuvor ausgelieferten fly-by-wire Airbus A320-111 der Air France. Am 26. Juni 1988 war es als Teil einer Flugschau geplant, dass der neue Airbus über dem Flugplatz Mülhausen-Habsheim (nicht zu verwechseln mit dem Flughafen Basel-Mülhausen) einen Vorbeiflug absolvieren sollte. Dabei sollte er vor laufenden Fernsehkameras bei geringer Geschwindigkeit und mit ausgefahrenem Fahrwerk in einer Höhe von 100 Fuß (ca. 30,5 m) am Publikum vorbeifliegen. Er sank dann aber weiter bis auf 30 Fuß (ca. 10 m) und stürzte in die Baumwipfel hinter der Landebahn. Drei Passagiere starben. Die Ursache des Unfalls ist umstritten, da später Unregelmäßigkeiten festgestellt wurden. Dies war der erste Absturz eines Airbus A320.

Offizieller Bericht[Bearbeiten]

Der offizielle Bericht[1] gibt folgende Ursachen für den Unfall an:

  • Sehr geringe Flughöhe, niedriger als die umgebenden Hindernisse (Bäume)
  • Sehr niedrige Geschwindigkeit, so weit reduziert, um den maximal möglichen Anstellwinkel zu erreichen
  • Motoren im Leerlauf während des Fluges
  • Viel zu spätes Hochfahren der Turbinen am Ende der Landebahn

Diese Ursachen führten schließlich zur Berührung mit den Bäumen und zum Absturz.

Ob die zu späte Reaktion der Triebwerke darauf zurückzuführen sind, dass der Pilot unerlaubterweise tiefer als geplant geflogen war, um das neue Fluggerät näher beim Publikum präsentieren zu können, oder ob der Pilot als Folge der unerwarteten Reaktion des Fluggerätes so tief geflogen war, bleibt umstritten, da Teile der Blackbox-Aufzeichnungen fehlen.

Die Untersuchungskommission glaubt, dass der Abstieg auf unter 100 Fuß nicht beabsichtigt war, sondern auf das Nichtbeachten der visuellen und akustischen Informationen betreffend der Höhe des Flugzeugs zurückzuführen ist.

Umstrittene Punkte[Bearbeiten]

Anomalien beim Betrieb des A320[Bearbeiten]

Von dritter Seite in Auftrag gegebene Untersuchungen zweifeln die Schlussfolgerungen der offiziellen Untersuchung an. Der Flugkapitän stellte die Höhenvorwahl auf 100 Fuß ein, während die Videoaufzeichnungen zeigen, dass das Flugzeug auf weniger als 30 Fuß sank. Der Kapitän berichtete auch, dass die Motoren zunächst nicht auf seine Schubverstärkung reagierten. Im Monat vor dem Unfall gab Airbus zwei Operational Engineering Bulletins (OEB) heraus, die über ein anomales Verhalten des A320 berichteten. Diese Bulletins wurden von Air France erst nach dem Unfall an alle Piloten verschickt.

OEB 19/1: Unvermögen der Triebwerke, bei niedriger Höhe zu beschleunigen[Bearbeiten]

In dieser OEB wird darauf hingewiesen, dass die Motoren eventuell nicht sofort reagieren, wenn sie bei sehr niedriger Höhe plötzlich auf vollen Schub gestellt werden.

OEB 06/2: Über Kreuz-Kontrolle der barometrischen Instrumente[Bearbeiten]

Diese OEB erklärt, dass die barometrisch eingestellte Höhe nicht immer korrekt funktioniert.

Diese Störungen könnten sowohl das Ausbleiben der Erhöhung des Schubes, wie auch das Unvermögen der Mannschaft erklären, den starken Sinkflug zu beenden, als die Maschine unter 100 Fuß in die Bäume hinab sank.

Unregelmäßigkeiten bei der Untersuchung[Bearbeiten]

Entsprechend den französischen Gesetzen müssen der Flugdatenschreiber und der Stimmenrekorder (Cockpit Voice Recorder) nach einem Unfall unverzüglich von der Polizei sichergestellt werden. Trotzdem wurden in diesem Fall die Geräte für zehn Tage von der Direction générale de l’aviation civile zurückgehalten, bis sie dort schließlich von der Polizei in geöffnetem Zustand beschlagnahmt wurden. Der Behälter für das Magnetband war aufgebrochen worden, so dass nicht einmal überprüft werden konnte, ob es das originale Band war. Die entscheidenden letzten Sekunden vor dem Absturz waren auf dem Band blank ohne Aufzeichnung. In Anbetracht dieser Tatsachen wird im gerichtlichen Bericht davon ausgegangen, dass die Flugschreiber kurz nach dem Absturz manipuliert wurden.[2]

In den Aufzeichnungen des Cockpit-Voicerecorders ist zu hören, dass der Captain überrascht ist, dass die Triebwerke nicht so schnell reagieren, wie er das erwartet hatte. Aus dieser Reaktion lässt sich jedoch nicht der Grund für den zu tiefen Flug erschließen.

Es bleibt zu bemerken, dass der Hersteller einen allfälligen technischen Konzeptionsmangel der Flugzeugbaureihe (so überhaupt einer vorhanden war) unter allen Umständen unter Verschluss halten wollte, da wirtschaftlich sehr viel auf dem Spiel stand und es einen Rückschlag um Jahre hätte bedeuten können, wenn die Fly-by-Wire-Steuerung nicht wie propagiert funktioniert hätte, da in der gesamten Branche eine Umstellung auf dieses neue System bevorstand.

Folgen[Bearbeiten]

Der Absturz und der daraus resultierende Brand tötete drei der 130 Passagiere, eine Frau und zwei Kinder. Die Frau wollte ein Kind befreien, welches im Gurt verfangen war. Dies gelang jedoch nicht, beide wurden vom Rauch ohnmächtig und kamen nicht mehr frei.

Der Flugkapitän, der Copilot, zwei Angestellte von Air France und der Präsident des Fliegerclubs, der die Show gesponsert hatte, wurden wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung angeklagt. Alle fünf wurden für schuldig befunden. Der Kapitän wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, für zwölf Monate auf Bewährung ausgesetzt, die anderen wurden zu geringen Bewährungsstrafen verurteilt. In der Berufungsverhandlung wurde die Strafe des Kapitäns auf zehn Monate erhöht, zuzüglich zehn weiterer Monate Bewährung. Der Kapitän ging frei aus dem Gerichtssaal und sagte, er wolle den Cour de cassation anrufen. Dazu hätte er nach französischem Recht zunächst im Gefängnis einsitzen müssen, bevor das oberste Gericht sich mit seinem Fall befassen würde.

Verfilmung[Bearbeiten]

Im Jahre 2010 wurde der Unfall als dritte Folge der 9. Staffel als Pilot vs. Plane in Englisch und als Der Jungfernflug des A320 in der kanadischen Fernsehserie Mayday – Alarm im Cockpit nachgestellt.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Abschlussbericht der BEA (französisch|36MB; PDF)
  2. New Scientist - Technology: Fresh evidence prompts row over Airbus crash (englisch)

47.7494447.426111Koordinaten: 47° 44′ 58″ N, 7° 25′ 34″ O