Akusmata

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Akusmata (griechisch ἀκούσματα akúsmata „Gehörtes“, „Hörsprüche“, ein Plural) ist ein Begriff aus der griechischen Philosophie der Antike. Er bezeichnet mündlich weitergegebene Lehren, die dem Philosophen Pythagoras zugeschrieben wurden. Sie werden in den älteren Quellen Symbola genannt. Die Bezeichnung Akusmata für die auf Pythagoras zurückgeführten Hörsprüche ist erst in der Spätantike bezeugt, geht aber möglicherweise auf Aristoteles zurück.

Arten und Sinn der Akusmata[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Akusmata sind kurze, mündlich weitergegebene Lebensregeln und Sprüche, die angeblich der Lehre des Pythagoras entstammen. Es handelt sich um Fragen und die zugehörigen Antworten. Eine Gattung von Akusmata sind Definitionen, also Antworten auf Fragen des Typus „Was ist [dies]?“. Eine andere Gattung sind Fragen des Typus „Was am meisten?“, die auf eine höchste Steigerung zielen. Eine dritte Gruppe bilden Handlungsanweisungen, zu denen meist keine Begründungen gegeben werden. Die Antworten sind oft rätselhaft und daher auslegungsbedürftig. Der Sinn mancher Akusmata ist unbekannt oder nur hypothetisch erschlossen.

Beispiele für definierende Akusmata sind: „Was sind die Inseln der Seligen? – Sonne und Mond“, „Was ist das Orakel von Delphi? – Die Tetraktys“. Fragen nach einer höchsten Steigerung sind beispielsweise: „Was ist das Schönste? – Harmonie“, „Was ist das Mächtigste? – Einsicht“. Mit Sätzen wie „Meide die Hauptstraßen und gehe über die Pfade!“, „Nimm keine Schwalbe in dein Haus auf!“, „Überschreite nicht das Joch!“ werden Verhaltensregeln gegeben.

Die Anweisungen, zu denen Gebote und Verbote zählen, sind nach einer in der Antike verbreiteten Auffassung metaphorisch zu verstehen und haben einen verborgenen tiefen Sinn.[1] So meint beispielsweise Aristoteles, die Vorschrift „Schüre das Feuer nicht mit dem Messer!“ bedeute, dass man einen Zornigen nicht mit scharfen Worten reizen solle.[2] In der modernen Forschung wird teils die Ansicht vertreten, die Anweisungen seien ursprünglich wörtlich befolgt worden, es handle sich um archaische lebensbestimmende Regeln, deren Ursprung in uraltem Volksglauben und in kultischen Riten zu suchen sei;[3] nach der gegenteiligen Forschungsmeinung gab es wohl niemals eine wörtliche Befolgung und jedenfalls keinen aus den Akusmata bestehenden Verhaltenskodex der frühen Pythagoreer.[4]

Akusmatiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spätestens um die Mitte des 5. Jahrhunderts gab es unter denen, die sich zur Tradition des Pythagoras bekannten, zwei Gruppen, die „Akusmatiker“ und die „Mathematiker“; in späten Quellen ist auch von „Exoterikern“ und „Esoterikern“ die Rede, im 4. Jahrhundert v. Chr. unterschied man zwischen „Pythagoreern“ und „Pythagoristen“.[5] Die Akusmatiker orientierten sich an überlieferten Anweisungen, die „Mathematiker“ an „Mathemata“ (Lerngegenstände, überprüfbares Wissen; nicht nur speziell Mathematik im modernen Wortsinn). Unklar ist, ob schon Pythagoras seine Schüler je nach Neigung und Befähigung in zwei derartige Gruppen aufteilte, denen er unterschiedliche Aufgaben zuwies, oder die Unterscheidung sich erst nach seinem Tod ergab. Jedenfalls kam es nach einem Bericht, den manche Forscher auf Aristoteles zurückführen,[6] zu einem unbekannten Zeitpunkt nach dem Tod des Schulgründers zu einer Spaltung zwischen den zwei Richtungen. Dabei nahm jede von ihnen für sich in Anspruch, die authentische Tradition des Pythagoras fortzusetzen.[7]

Bei den Akusmatikern herrschte offenbar ein religiöser Autoritätsglaube, die Überzeugung von der übermenschlichen Natur und Unfehlbarkeit des Meisters Pythagoras. Daher antworteten sie auf Einwände einfach mit dem „Autoritätsbeweis“ („Er selbst [Pythagoras] hat es gesagt“).[8] Das wurde von den Mathematikern kritisiert. Eine späte Überlieferung, wonach es eine esoterische Geheimlehre des Pythagoras gab, die den verborgenen Sinn der rätselhaften Akusmata ausmacht und die der Meister nur seinen zu strenger Diskretion verpflichteten Schülern verkündete, hält Leonid Zhmud für unglaubwürdig. Die Gegenposition vertritt Walter Burkert. Er rückt den ursprünglichen Pythagoreismus in die Nähe der Mysterienkulte und meint, alle Schüler des Pythagoras seien zur Geheimhaltung verpflichtete Akusmatiker gewesen.

Überlieferung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die älteste interpretierende Schrift über Akusmata ist die verlorene Auslegung pythagoreischer Symbola von Anaximandros von Milet dem Jüngeren, die am Ende des 5. Jahrhunderts oder im frühen 4. Jahrhundert v. Chr. entstand. Sie ist nur aus ihrer Erwähnung in der Suda, einer byzantinischen Enzyklopädie, bekannt. Aristoteles soll eine heute ebenfalls verlorene Abhandlung Über die Pythagoreer verfasst haben, aus welcher der Doxograph Diogenes Laertios einige Akusmata zitiert. Von einer Schrift Über die pythagoreischen Symbola, die von dem Pythagoreer Androkydes stammt, sind nur Fragmente erhalten geblieben. Der spätantike Neuplatoniker Iamblichos berichtet von der Einteilung der Akusmata in die drei Gattungen. Er überliefert eine Liste von 39 Handlungsanweisungen sowie zwei Fragen des Typus „Was ist [dies]?“ und sieben Fragen des Typus „Was am meisten?“. Iamblichos weist darauf hin, dass nicht alle Pythagoras zugeschriebenen Akusmata authentisch seien; ein Teil sei erst später hinzugefügt worden.[9]

Textausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Laura Gemelli Marciano (Hrsg.): Die Vorsokratiker. Band 1, Artemis & Winkler, Düsseldorf 2007, ISBN 978-3-7608-1735-4, S. 118–133, 206–208 (griechische Quellentexte mit deutscher Übersetzung und Erläuterungen)
  • Maria Timpanaro Cardini (Hrsg.): Pitagorici. Testimonianze e frammenti. Band 3, La Nuova Italia, Firenze 1964, S. 240–271 (griechische Quellentexte mit italienischer Übersetzung und Erläuterungen)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft. Studien zu Pythagoras, Philolaos und Platon. Hans Carl, Nürnberg 1962, S. 150–175, 187–202
  • Kurt von Fritz: Mathematiker und Akusmatiker bei den alten Pythagoreern. Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 1960
  • Christoph Riedweg: Pythagoras: Leben, Lehre, Nachwirkung. Eine Einführung, 2. Auflage, Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-48714-9, S. 89–105, 139–142
  • Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoreer. Artemis, Zürich und München 1979, ISBN 3-7608-3650-X, S. 64–99
  • Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus. Akademie Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-05-003090-9, S. 93–104

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Cornelia J. de Vogel: Pythagoras and Early Pythagoreanism, Assen 1966, S. 160f.; vgl. Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 158f.
  2. Geoffrey S. Kirk, John E. Raven, Malcolm Schofield (Hrsg.): Die vorsokratischen Philosophen, Stuttgart 2001, S. 255 (Text, Übersetzung und Kommentar).
  3. Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 157–159; Christoph Riedweg: Pythagoras: Leben, Lehre, Nachwirkung, 2. Auflage, München 2007, S. 92f.
  4. Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, S. 93–100.
  5. Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoreer, Zürich und München 1979, S. 64ff.; Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 187–202; Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, S. 93–104.
  6. Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 190f.; Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoreer, Zürich und München 1979, S. 69–73; anders jedoch Leonid Zhmud: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus, Berlin 1997, S. 100–104.
  7. Bartel Leendert van der Waerden: Die Pythagoreer, Zürich und München 1979, S. 64–70.
  8. Antike Belege sind zusammengestellt von Arthur S. Pease (Hrsg.): M Tulli Ciceronis de natura deorum liber primus, Cambridge (Mass.) 1955, S. 149f.
  9. Siehe dazu Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 150–154.