al-Haschd asch-Schaʿbī

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Kämpfer der Volksmobilmachung und der irakischen Armee bei einem Einsatz in Salah ad-Din.

Al-Haschd asch-Schaʿbī (arabisch الحشد الشعبي, DMG al-ḥašd aš-šaʿbī oder al-Haschd al-Watani / الحشد الوطني / al-ḥašd al-waṭanī / ‚Nationalmobilmachung‘), auch bekannt als die Volksmobilmachungskräfte/-einheiten/-komitee (PMF/PMU/PMC), sind eine vom irakischen Staat geförderte Dachorganisation aus 40 fast ausschließlich schiitischen Milizen.[1] Entstanden ist dieses Bündnis im Juni 2014 nach der Irakkrise und der Ausbreitung des Islamischen Staates im westlichen Irak. Die Mitglieder selber lehnen die Bezeichnung als „Miliz“ ab.[2]

Hintergrund und Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 15. Juni 2014 gründete die irakische Regierung die Volksmobilmachung, nachdem der schiitische Großajatollah Ali al-Sistani zwei Tage vorher eine Fatwa verkündet hatte.[3] Diese Fatwa rief zur Verteidigung des Iraks gegen den IS auf, der Mitte Juni 2014 mit Mossul die zweitwichtigste Stadt erobert hatte.[3] Das Bündnis brachte eine ganze Reihe schiitischer Gruppen zusammen, von denen die meisten direkte Hilfe vom Iran erhielten. Daneben gab es auch einige sunnitische Stammeskrieger.[4] Das Volksmobilmachung fällt offiziell unter die Kontrolle des irakischen Innenministeriums, trotzdem agieren einige Gruppen der Volksmobilmachung unabhängig.[5]

Zusammensetzung und Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hadi Al-Amiri ist einer der Anführer der Al-Haschd asch-Schaʿbī.

Es gibt keine offiziellen Ziffern über die Kampfkraft der Volksmobilmachung, unterschiedliche Schätzungen gehen davon aus, dass es z. B. bei Tikrit um die 20.000 Kämpfer gibt, während es insgesamt zwischen 60 und 120.000 sein sollen.[6][7] Dazu kommen noch etwa 1000 bis 3000 sunnitische Mitglieder.[8][9] Anfang März 2015 schien es so, dass die Volksmobilmachung auch jesidische Kämpfer aus Sindschar anwarb.[10][11]

Die einzelnen Organisationen der Volksmobilmachung lassen sich grob in drei Gruppen einteilen: Gruppen ohne politische Vorläufer und Ambitionen, die lediglich Sistanis Fatwa folgen; Gruppen, die von politischer Parteien gegründet worden oder ihr bewaffneter Arm sind und Gruppen, die schon jahrelang im Irak gegen die US-Streitkräfte und im syrischen Bürgerkrieg kämpften.[12] Unter den bekanntesten Gruppen sind die Friedenskompanien, die aus der Mahdi-Armee entstanden, die Kata'ib Hesbollah, Kata'ib Sayyid al-Schuhada, Kata'ib al-Imam Ali, Asa’ib Ahl al-Haqq und die Badr-Brigaden des Obersten Islamischen Rates im Irak.[13]

Der Vorsitzender der Volksmobilmachung in der irakischen Regierung ist Falih al-Fayyadh, der auch Berater für die nationale Sicherheit ist.[14] Der mutmaßliche Anführer der Volksmobilmachung auf dem Schlachtfeld ist Dschamal Dschaafar Mohammed, auch bekannt als Abu Mahdi al-Muhandis - der Kopf der Kata'ib Hesbollah.[15][16] Doch irakischen Quellen zufolge hat jede Organisation ihre eigene Kommandostruktur und eine koordinierte Zusammenarbeit ist selten.[6] Andere bekannte Anführer neben al-Muhandis sind Qais al-Chazali von der Asa’ib Ahl al-Haqq und Hadi al-Amiri von den Badr-Brigaden.[17] Gemäß der New York Times untergräbt diese Diversität der autonomen Kommandostrukturen die Autorität des Ministerpräsidenten Haider al-Abadi.[18]

Ausgebildet werden die Milizionäre von türkischen und iranischen Militärberatern und auch von Leuten der Hisbollah.[19][20] Aufsehen erregte die Anwesenheit des iranischen Kommandanten der al-Quds-Einheit Generalmajor Qassem Soleimani.[21] Es wird angenommen, dass die Volksmobilmachung ihren eigenen Militärgeheimdienst hat und auch ein Medienteam besitzt, das durch Propagandavideos und täglichen Updates die Moral der Kämpfer steigert.[22]

Am 7. April 2015 ordnete das Ministerpräsidentenamt an, dass von allen staatlichen Einrichtungen und Regierungsorganen die Volksmobilmachung als ein offizielles Organ unter seinem direkten Befehl anzusehen sind.[23]

Ausrüstung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ausrüstung der Volksmobilmachung scheint ein Problem zu sein, da zum Beispiel Ende Januar 2015 ein Video über einen großen Konvoi der Kata'ib Hesbollah auftauchte, worin ein amerikanischer M1 Abrams-Panzer, mehrere M113-Mannschaftstransporter, Humvees, MRAPs und iranische Geländefahrzeuge vom Typ Safir 4x4 aufgenommen worden sind.[24] Nach einigen Quellen soll die irakische Regierung die Miliz mit amerikanischen Rüstungsgütern beliefern.[25][26] Amerikanische Offizielle sehen in diesem Konvoi reguläre irakische Soldaten, die aus Solidarität mit der Miliz Flaggen der Kata'ib Hesbollah am Konvoi befestigt haben, wobei aber zugegeben wird, dass es schwierig sei den Verbleib amerikanischer Waffen zu verfolgen.[27]

Neben diesen amerikanischen Waffen ist der Iran der größte Waffenlieferant: 2014 soll Teheran Waffen und Ausrüstung im Werte von fast 10 Mrd Dollar an Bagdad verkauft haben. Darüber hinaus gibt es tägliche Lieferungen aus dem Iran.[28]

Im Mai 2015 belieferten die USA Bagdad mit Ausrüstung im Werte von 1,6 Mrd Dollar, deren großer Nutznießer die Volksmobilmachung sein dürfte.[29]

Größere Einsätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Volksmobilmachung kämpfte schon in einigen Schlachten gegen den IS, deren bisher wichtigste die Schlacht um Tikrit im März 2015 war. Eine Beteiligung der Volksmobilmachung an der Rückeroberung von Mossul schlug Haider al-Abadi am 6. April 2015 wegen möglicher konfessioneller Spannungen aus. Trotzdem sollen sich schon schiitische Milizionäre in der sunnitischen Provinz al-Anbar aufhalten, was zu Protesten der lokalen Administration führte, die die Volksmobilmachung in al-Anbar ablehnen.[30] Bei der Rückeroberung von Ramadi im Herbst 2015 verzichtete die irakische Regierung bewusst auf die Volksmobilmachung.

Bei der Offensive auf Mossul ab Oktober 2016 kämpfte die Volksmobilmachung auf der linken Flanke im weiteren Umfeld von Mossul. Im November konnten sie einige kleinere Dörfer und Orte befreien und so das Gebiet zwischen al-Qayyara im Süden und Tal Afar westlich von Mossul sichern. In Tal Afar wurde der Flughafen erobert und zu den kurdischen Kräften im Dschabal Sindschar aufgeschlossen, so dass Tal Afar von allen Seiten eingekesselt wurde. Im Mai 2017 konnte die Volksmobilmachung alle wichtigen jesidischen Ortschaften südlich des Dschabal Sindschar befreien. Am 29. Mai erreichten die Kräfte der Volksmobilmachung beim Dschabal Sindschar die syrische Grenze. Später waren die Al-Haschd asch-Schaʿbī bei der Rückeroberung der Orte Tal Afar (27. August 2017) und al-Hawidscha (4. Oktober 2017) beteiligt.

Gesetze und Richtlinien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gesetze und Verhaltensregeln für die Volksmobilmachung sind jene der irakischen Regierung, da sie offiziell dem Ministerpräsidenten unterstehen, trotzdem hat Ali al-Sistani einen Leitfaden für die Kämpfer herausgegeben, welcher 20 Punkte umfasst.[31] So sollen die Kämpfer die Menschen der befreiten Gebiete nach dem islamischen Recht behandeln, und so keine Racheakte oder keine Leichenschändung begangen werden. Alle Menschen - ob Muslim oder Christ - sollen nicht misshandelt oder ihr Hab und Gut gestohlen werden.[31]

Kritik und Vorwurf von Kriegsverbrechen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige der Kämpfer der Volksmobilmachung wurden der Kriegsverbrechen und Racheakte aus sektiererischen Gründen angeklagt. Gemäß Amnesty International sollen schiitische Milizionäre mehrere Sunniten entführt, gefoltert und getötet haben.[32] So soll es auch bei der Rückeroberung von Tikrit zu Verbrechen gekommen sein.[9] Irakische Offizielle stellten klar, dass jedes Verbrechen untersucht und die Verbrecher bestraft werden würden.[33] Geistliche Größen wie Ali al-Sistani oder Hussein Ismail Al-Sadr ermahnten die Kämpfer und ad hoc-Untersuchungskomitees begannen mit der Aufklärung der Vorwürfe.[34][35]

Neben diesen Vorwürfen gibt es noch einige Sorgen der sunnitischen Iraker bezüglich der Volksmobilmachung: So soll die Volksmobilmachung entpolitisiert werden und als nationale Streitmacht dienen, also nicht ein verlängerter Arm schiitischer Parteien sein.[12] Des Weiteren behaupten einige Kritiker, dass die Volksmobilmachung außerhalb der Verfassung agiert, obwohl sie ein offizielles Budget haben und Gehälter beziehen, während dessen die kurdischen Peschmerga in der Verfassung anerkannt sind, aber keine Gehälter aus Bagdad beziehen.[36][37]

Die Rekrutierung der Jesiden sorgt ebenfalls für Spannungen mit der kurdischen Regionalregierung.[11] Im November 2012 kam es in Tuz Churmatu zu Zusammenstößen zwischen Peschmerga und der Volksmobilmachung mit einigen Toten.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: al-Haschd asch-Schaʿbī – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Islamic State: The caliphate strikes back. In: The Economist. 23. Mai 2015, abgerufen am 25. Mai 2015.
  2. Daniele Raineri: Assalto finale a Tikrit. In: Il Foglio Quotidiano. 2. April 2015, abgerufen am 11. April 2015 (italienisch).
  3. a b Mustafa al-Chadimi: Will Sistani be able to control popular mobilization forces? In: Al-Monitor. 12. März 2015, archiviert vom Original am 13. März 2015; abgerufen am 14. März 2015.
  4. Islamic State: Iraq Battle Against ISIS For Tikrit Led By Iran-Backed Shiite Militia Forces. International Business Times, abgerufen am 3. März 2015.
  5. Ali Mamouri: Concern in Iraq grows over unregulated Shiite forces. In: al-Monitor.com. 17. Februar 2015, archiviert vom Original am 24. März 2015; abgerufen am 15. März 2015.
  6. a b Better pay, better weapons: are shiite militias growing more powerful than iraqi army? In: Niqash. Abgerufen am 29. Januar 2015.
  7. Liz Sly: Pro-Iran militias’ success in Iraq could undermine U.S. In: The Washington Post. 15. Februar 2015, abgerufen am 22. März 2015.
  8. Robin Wright: In War Against ISIS, Numbers Don’t Always Tell the Story. The Wall Street Journal, 13. März 2015, abgerufen am 23. März 2015.
  9. a b Daniele Raineri: Dentro a Tikrit, gli sciiti arrivano sui luoghi delle stragi. 4. April 2015, abgerufen am 11. April 2015 (italienisch).
  10. Hashd al-Shaabi / Hashd Shaabi Popular Mobilisation Units / People’s Mobilization Forces. In: GlobalSecurity.org. Abgerufen am 12. November 2015.
  11. a b Ali Nasir: Shiite militia recruiting Yezidis, strengthening foothold in Shingal. Rudaw, 2. März 2015, abgerufen am 12. November 2015.
  12. a b Mustafa al-Chadhimi: Why Iraq needs to depoliticize their Popular Mobilization Units. Al-Monitor, 10. Juli 2015, archiviert vom Original am 22. September 2015; abgerufen am 12. November 2015.
  13. Iraqi Popular Forces Warn to Disclose Coalition’s Support for ISIL. In: Islamic Invitation Turkey. 1. März 2015, abgerufen am 17. März 2015.
  14. The National Security Adviser and the chairman of the Popular Mobilization Committee arrives at Kirkuk. Beladi News, archiviert vom Original am 17. Februar 2015; abgerufen am 5. Januar 2015.
  15. Tony Badran: Exporting the Islamic Revolution. In: NOW. 6. März 2015, abgerufen am 15. März 2015.
  16. Ali Haschem: Iraqi town celebrates victory over Islamic State. In: al-Monitor. 2. Januar 2015, archiviert vom Original am 3. April 2015; abgerufen am 15. März 2015.
  17. Gary Grappo: Iran’s Strategic Victory: Hezbollah-ized Iraq. In: The Daily Journalist. 14. März 2015, abgerufen am 16. März 2015.
  18. Anne Barnard: A Balancing Act as Iraq Claims Gains in Tikrit. In: The New York Times. 12. März 2015, abgerufen am 16. März 2015.
  19. 20 Turkish officers train Iraqi Mobilization Forces, media sources. In: Iraq Tradelink News Agency. 15. April 2015, abgerufen am 15. April 2015.
  20. Ali Haschem: Iraq’s Shiite forces claim victory over IS. In: Al-Monitor. 16. März 2015, archiviert vom Original am 20. März 2015; abgerufen am 20. März 2015.
  21. Analysis 03-06-2015. In: Center for American and Arab Studies. 7. März 2015, abgerufen am 17. März 2015.
  22. Zana K. Gulmohamad: A short profile of Iraq’s Shi’a militias. Terrorism Monitor, 17. April 2015, S. 4, abgerufen am 10. Juli 2015.
  23. Iraqi Cabinet regards Popular Mobilization Forces an official organ, Cabinet. In: Iraq TradeLink News Agency. 7. April 2015, abgerufen am 12. Mai 2015.
  24. Bill Roggio, Caleb Weiss: Video shows Hezbollah Brigades convoy transporting American M1 tank. In: The Long War Journal. 28. Januar 2015, abgerufen am 17. März 2015.
  25. Josh Rogin, Eli Lake: Iran-Backed Militias Are Getting U.S. Weapons. In: Bloomberg View. Abgerufen am 17. März 2015.
  26. Armed with U.S. weapons, infamous militia beating ISIS. 2. Februar 2015, abgerufen am 17. März 2015.
  27. Ryan Missy: Tracking U.S. weapons grows harder in the fog of Iraq’s fragmented war. In: The Washington Post. 26. März 2015, abgerufen am 4. April 2015.
  28. Hamza Hemdawi, Qassim Abdul-Zahra: Iran eclipses U.S. as Iraq's ally in fight against militants. In: MilitaryTimes. 12. Januar 2015, abgerufen am 20. März 2015.
  29. David Enders: US Starts Sending $1.6 Billion Worth of Promised Arms to Iraq — But Who Will Get Them? In: Vice News. 6. Juni 2015, abgerufen am 21. Juni 2015.
  30. Shiite volunteers enter Anbar province. In: Iraq TradeLink News Agency. 6. Mai 2015, abgerufen am 12. Mai 2015.
  31. a b http://www.sistani.org/english/archive/25036/ (www.sistani.org) on 12th of Feb 2015, accessed on the 3rd of April 2015
  32. Iraqi Shia militias accused of murder spree. In: al-Dschasira. 14. Oktober 2014, abgerufen am 16. März 2015.
  33. Iraqi PM Abadi: Shiite militia won’t join battle for Mosul. In: Rudaw. 7. April 2015, abgerufen am 16. April 2015.
  34. Ali Mamouri: Iraq needs justice, not revenge. In: The Arab American News. 12. März 2015, archiviert vom Original am 15. März 2015; abgerufen am 15. März 2015.
  35. Iraq’s PM Abadi Orders Probe Into Two Civilian Deaths at Anbar Security HQ. In: Canada Headlines. 13. Februar 2015, abgerufen am 15. März 2015.
  36. Imad Farhadi: The Constitutionality of the Popular Mobilization Force. In: The MENA Informer. 24. März 2015, abgerufen am 31. März 2015.
  37. Shiite "Popular Mobilization" is unconstitutional. In: KurdishGlobe. 2. Februar 2015, archiviert vom Original am 3. April 2015; abgerufen am 31. März 2015.