Alasdair MacIntyre

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Alasdair MacIntyre

Alasdair Chalmers MacIntyre (* 12. Januar 1929 in Glasgow) ist ein schottisch-amerikanischer Philosoph und gilt als einer der Hauptvertreter des Kommunitarismus. MacIntyre vertritt die Auffassung, dass das Projekt der Aufklärung im Sinne einer rationalen Grundlegung moralischen Handelns gescheitert sei. Seine Hauptintention ist eine Rehabilitierung der aristotelischen Tugendethik, mit der er sich gegen die kantische Ethik und ihre verschiedenen liberalen und diskursethischen Fortführungen in der Gegenwart wendet. MacIntyre hat insbesondere in den Kreisen der anglo-amerikanischen analytischen Philosophie große Resonanz gefunden.

Leben[Bearbeiten]

MacIntyre studierte am Queen Mary College der Universität London und an der Universität Manchester. Von 1951 bis 1970 war er zunächst Lecturer in Philosophie und Religionsphilosophie, dann Professor für Soziologie an den englischen Universitäten Manchester, Leeds, Oxford und Essex. Im Jahre 1970 wanderte er in die USA aus und lehrte von 1970 bis 1972 als Professor für Ideengeschichte an der Brandeis University. Während der folgenden Jahre war er Professor für Philosophie und Politische Wissenschaften an der Boston University, von 1980 bis 1982 am Wellesley College. Danach übernahm er eine Professur für Philosophie an der Vanderbilt University. Von 1988 bis zu seiner Emeritierung 2010 lehrte MacIntyre Philosophie an der University of Notre Dame in Indiana. Er ist Mitglied der American Academy of Arts and Sciences (seit 1985), der British Academy (seit 1994), der American Philosophical Society (seit 2006) und der Royal Irish Academy.

Werk[Bearbeiten]

MacIntyre befasste sich mit Themen der Ideologiekritik, Psychoanalyse und Moralgeschichte, bevor sich seine Philosophie zu einer zeitkritischen Moralphilosophie entwickelte. Die thematische Vielfalt seiner Lehrtätigkeit spiegelt sich wider in seinen zahlreichen ideengeschichtlichen, ideologiekritischen und moralphilosophischen Arbeiten.

In seinen Schriften Marxism (1953), Difficulties in Christian Belief (1959) und Marxism and Christianity (1968) setzt sich MacIntyre kritisch mit dem Marxismus und seinem Verhältnis zum Christentum auseinander. Während er anfänglich noch den Versuch unternimmt, den Marxismus mit den sozialen Gehalten des Christentums zu verbinden (1953), sieht er später (1968) im Marxismus keine wirkliche Alternative mehr, sondern gleichfalls eine Verkörperung der verfehlten modernen Gesellschaft.

MacIntyre beschäftigt sich danach immer eingehender mit der abendländischen moralischen Tradition. Als Ergebnis entsteht 1966 das Werk A Short History of Ethics (dt.: Geschichte der Ethik im Überblick, 1994). MacIntyre kritisiert hier die unhistorische Betrachtungsweise der Moral, wie sie charakteristisch für die Analytische Philosophie sei. Er selbst versucht demgegenüber, die jeweiligen Moralkonzeptionen innerhalb ihres historischen und kulturellen Kontextes zu rekonstruieren. Inhaltlich findet sich eine Sympathie für die aristotelische und eine Kritik der kantischen Ethik, wie sie später in After Virtue noch systematisch entfaltet wird.

Kritisch wendet sich MacIntyre auch in seiner frühen Studie The Unconscious (1958, dt.: Das Unbewusste. Eine Begriffsanalyse, 1968) gegen die Psychoanalyse Freuds und ihrem zentralen Begriff des Unbewussten.

In den USA entsteht 1981 sein bedeutendstes Werk After Virtue (dt.: Der Verlust der Tugend, 1995), das ihn auch international bekannt gemacht hat. Er kritisiert darin die dem Aufklärungsprojekt verpflichtete moderne Moralphilosophie und die gegenwärtige gesellschaftliche Moral insgesamt und plädiert für eine zeitgemäße Wiederbelebung des ethischen Aristotelismus. Für MacIntyre werden in der aktuellen Moralphilosophie völlig entgegengesetzte Positionen scheinbar mit schlüssigen Argumentationen vertreten. Dies ist für ihn ein Indiz dafür, dass die Sprache der Moral in einen Zustand der Unordnung übergegangen ist. Ergebnis dieses Verfallsprozesses sei der ethische Emotivismus, für den moralische Urteile in letzter Konsequenz nur Ausdruck von Gefühlen oder persönlichen Vorlieben sind. Dieser moralische Relativismus sei tief in das gegen Selbstverständnis der westlichen Kultur eingedrungen, in der nicht mehr weiter begründbare Wertentscheidungen zum Ausgangspunkt jeglichen sozialen Handelns geworden sind. MacIntyre sieht dies als das verhängnisvolle Ergebnis des Projekts der Aufklärung. Seine Kritik richtet sich in erster Linie gegen den Formalismus der kantischen Moralphilosophie, aus dem sich keine gehaltvolle moralische Position entwickeln lasse und der zum Dezisionismus Kierkegaards und dem Subjektivismus Nietzsches geführt habe.

In Whose Justice? Which Rationality? (1988) dehnt MacIntyre seine aufklärungskritischen Thesen auf die Felder der Gerechtigkeit und praktischen Rationalität aus. In seinen Gifford Lectures von 1988 (1990 veröffentlicht unter dem Titel Three Rival Versions of Moral Enquiry. Encyclopaedia, Genealogy, and Tradition), nimmt er das Thema des modernisierungsbedingten Zerfalls der einheitlichen moralischen Tradition in mehrere inkommensurable moralsprachliche Systeme wieder auf.

In seinem Buch Dependent Rational Animals. Why Human Beings Need the Virtues (dt.: Die Anerkennung der Abhängigkeit. Über menschliche Tugenden, 2001) hat MacIntyre 1999 den Entwurf einer Tugendethik vorgelegt, der die bisherige aristotelische Ausrichtung seines Denkens durch Bezüge auf Thomas von Aquin erweitert. MacIntyre analysiert hier die Bedürfnisstruktur des menschlichen Individuums, das sich in einer fundamentalen Abhängigkeit gegenüber den anderen Mitgliedern seiner Gemeinschaft (Familie, Nachbarschaft etc.) befinde. Dies werde am offensichtlichsten in bestimmten Lebensphasen (Kindheit, Alter) und Situationen (Krankheit, Behinderung), in denen unsere gesamte physische Existenz von anderen abhängt. Darüber hinaus bestehe eine fundamentale Abhängigkeit des Individuums von konkreten Gemeinschaften, um sein eigentliches Ziel, ein unabhängiges Subjekt zu werden, zu erreichen. Die Anerkennung der Abhängigkeit stellt dabei für MacIntyre den Schlüssel zur Unabhängigkeit dar.

Moraltheorie[Bearbeiten]

Moralisches Handeln und Tradition[Bearbeiten]

Moralisches Handeln ist für MacIntyre nur innerhalb einer Gemeinschaft möglich. In Gemeinschaften spielen Traditionen eine entscheidende Rolle. Traditionen sind einer andauernden Entwicklung unterworfen. Sie beginnen mit einem autoritären Stadium, in dem bestimmte Überzeugungen, Texte und Äußerungen von Autoritäten fraglos übernommen werden. Im Verlauf der Geschichte kann es zu Konflikten und Krisen kommen, die dazu führen, dass diese Autoritäten in Frage gestellt und ihre Vorgaben neu formuliert werden. So werden die bestehenden Traditionen kontinuierlich weiterentwickelt, bis eventuell ein Punkt erreicht ist, an dem innerhalb einer bestehenden Tradition kein Fortschritt mehr möglich ist. Kommt es in einer Tradition zu Konflikten, die innerhalb ihrer nicht mehr bewältigt werden können, haben diese eine „epistemologische Krise“ zur Folge. Diese Krise kann überwunden werden, indem man eine konkurrierende Tradition verstehen lernt. Solange es nicht zu einer „epistemologischen Krise“ kommt, können unterschiedliche Traditionen nebeneinander bestehen. Bei Konflikten zwischen Traditionen gibt es keine Möglichkeit, sie rational zu lösen, da es keine traditionsunabhängigen Rationalitätskriterien gibt.

Moralische Krise der Gegenwart[Bearbeiten]

In seinem Hauptwerk After Virtue. A Study in Moral Theory kritisiert MacIntyre die „rationalistische“ Moral der Aufklärung seit Kant, die dem Menschen keine Wurzeln gegeben habe. Anknüpfend an die Nikomachische Ethik des Aristoteles will er die Tradition der Tugendethiken wiederbeleben.

Die gesellschaftliche Moral und Moralphilosophie der Gegenwart sind für ihn das Ergebnis einer Geschichte des moralischen Niedergangs, die sich in drei Phasen unterscheiden lasse: [1]

  1. eine voraufklärerische, aristotelische Phase, in der die Rechtfertigung von Praxisnormen im Kontext von lebensweltlicher Tradition und gesellschaftlicher Lebenspraxis gelang
  2. eine im Zeichen der Aufklärung stehende Phase, in der abstrakte, von Geschichte, Lebenswelt und Erfahrung absehende Rechtfertigungsprojekte mit Allgemeingültigkeits- und Zeitlosigkeitsanspruch unternommen wurden und scheiterten
  3. eine im kulturellen Zynismus der Gegenwart kulminierende Phase, in der sich die Einsicht in das Scheitern der Aufklärung durchgesetzt hat, die instrumentelle Vernunft triumphiert und hinter der aufklärerischen Maske Beliebigkeit und Willkür herrschen

Einen Ausweg aus der kulturellen Krise der Gegenwart kann es nach MacIntyre nur unter Preisgabe des gesamten aufklärungsethischen Paradigmas und durch die Wiedergewinnung der tugendethischen Perspektive des Aristotelismus geben.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Marxism. An Interpretation, London 1953
  • The Unconscious. A Conceptual Analysis, New York 1958
  • A Short History of Ethics. A History of Moral Philosophy from the Homeric Age to the Twentieth Century. Routledge, London 1967, ISBN 0-415-04027-2 (dt.: Geschichte der Ethik im Überblick. Vom Zeitalter Homers bis zum 20. Jahrhundert Hain, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-445-04770-7)
  • After Virtue. University of Notre Dame Press 1981, ISBN 0-268-00594-X; second edition 1984, mit einem Postscript; third edition 2007, mit einem neuen Vorwort: "After Virtue after a Quarter of a Century" (dt.: Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-28793-1)
  • Three Rival Versions of Moral Enquiry: Encyclopedia, Genealogy, and Tradition. UND Press, Notre Dame 1990, ISBN 0-268-01877-4
  • Whose Justice? Which Rationality? UND Press, Notre Dame 1988, ISBN 0-268-01944-4
  • Dependent Rational Animals. Why Human Beings Need the Virtues. Duckworth, London 1999, ISBN 0-7156-2902-6 (dt.: Die Anerkennung der Abhängigkeit. Über menschliche Tugenden. Rotbuch, Hamburg 2001, ISBN 3-434-53088-6)

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas D. D'Andrea: Tradition, Rationality And Virtue: The Thought of Alasdair Macintyre, Ashgate Publishing 2006
  • Jürgen Goldstein: Perspektiven des politischen Denkens: Sechs Portraits. Hannah Arendt, Dolf Sternberger, John Rawls, Jürgen Habermas, Alasdair MacIntyre, Charles Taylor. Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2012, ISBN 978-3-942393-30-0
  • John Horton, Susan Mendus (Hrsg.): After Maclntyre. Critical Perspectives an the Work of Alasdair Maclntyre. Cambridge 1994, ISBN 978-0268006433
  • Wolfgang Kersting: Alasdair Maclntyre. In: Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Von Adorno bis v. Wright. 3. Auflage, Kröner, Stuttgart 2007, S. 413-417
  • Christopher Stephen Lutz: Tradition in the Ethics of Alasdair MacIntyre: Relativism, Thomism, and Philosophy, Lexington Books 2009
  • Mark C. Murphy: Alasdair MacIntyre (Contemporary Philosophy in Focus), Cambridge University Press 2003
  • Jack Russell Weinstein: On MacIntyre (Wadsworth Philosophers Series). Wadsworth Publishing Company, Belmont 2003

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vgl. Wolfgang Kersting: Alasdair Maclntyre. In: Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Von Adorno bis v. Wright. 3. Auflage, Kröner, Stuttgart 2007, S. 413-417 (hier S. 414f.)