Albania Tarantina

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Ungefähre Lage der Albania Tarantina zwischen 1470 und 1530

Mit Albania Tarantina (auch: Albania Tarentina; „tarentinisches Albanien“) bezeichnen Historiker ein Gebiet südlich von Tarent, das zur Albania Salentina in der historischen Provinz Terra d’Otranto gehörte und in dem zwischen 1470 und 1530 Siedlungen von albanischen Soldaten und Flüchtlingen (welche vor der Eroberung Albaniens durch die muslimischen Osmanen flohen) gegründet wurden. Die Nachkommen dieser Siedler zählen zur ethnischen Minderheit der Arbëresh, die in Italien durch das Gesetz Nr. 482 „Zum Schutz der historischen Sprachminderheiten“ vom 15. Dezember 1999 geschützt werden.[1]

Zur Albania Tarantina gehörten 14 Siedlungen. Die erste albanische Siedlung, die im Tarentinischen entstand, war Faggiano um 1476. 1507 erhielt der Stratiotenkapitän Lazzaro Mattes (oder Lazaro Mathes) für seine Verdienste an die Krone von Ferdinand III., König von Neapel (1504–1516), die „Casali[Anm. 1] Roccaforzata, San Martino (erloschen) und Belvedere (erloschen) mit dem Privileg, sie von seinen Landsleuten besiedeln zu lassen.[2] 1514 gründeten albanische Familien aus Faggiano die Siedlung Montisparani (heute: Monteparano). 1517 entstanden Carosino und San Crispieri (heute eine Fraktion von Faggiano), 1518 Monteiasi, 1524 folgte San Giorgio, 1530 San Marzano (heute: San Marzano di San Giuseppe)[3] und 1540 Civitella. Weitere Siedlungen waren Fragagnano, Montemesola[4] und Mennano (schon 1578 erloschen) mit Cappella Santa Maria della Camera.[5]

Albaner lebten auch in Castellaneta, Martina Franca, Monacizzo, Mottola, Mutunato (heute zirka 3 km außerhalb von Avetrana) und Palagiano.[4][Anm. 2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gebiet war Kampfgebiet während des von den Franzosen angeschürten Aufstandes der lokalen Barone (1459–1462) gegen den König von Neapel, Ferdinand I. (1458–1494) aus dem spanischen Haus Trastámara. Anführer der Barone war Giovanni Antonio Orsini del Balzo, Fürst von Tarent, auf der Seite des Thronprätendenten René von Anjou. Ferdinand I. sah sich in den Jahren 1459, 1460 und 1461 wiederholt dazu gezwungen, den albanischen Fürsten Gjergj Kastrioti, genannt Skanderbeg, um Unterstützung zu bitten.[6]

Von Illyrien, Mazedonien, Epirus, Thessalien nach San Marzano di San Giuseppe; vom byzantinischen Ritus zum römischen Ritus

Nachdem die Truppen des Rebellen Giovanni Antonio Orsini del Balzo in Barletta und Trani besiegt worden waren,[7] wandten sich Skanderbegs Truppen nach Süden ins Fürstentum Tarent, wo sie Verwüstung hinterließen. Sie fällten die Obstbäume, zündeten die Häuser an und ließen die Bewohner, die widerstanden, die „Schärfe des Schwertes spüren“.[8] Aus einer Korrespondenz vom Oktober 1460 zwischen Giovanni Antonio Orsini del Balzo und Skanderbeg wissen wir, dass die Soldaten Skanderbegs das Gebiet östlich von Tarent geplündert haben. Orsini warf dabei Skanderbeg vor, dass er seine „Felder geplündert“ hätte und „… Dispoliasti agros meos et in meos subditos crudeliter debacchatus es, bellum, primum intulisti …“ (grausam in der Kunst des Krieges gegen seine Untertanen vorgegangen sei.)[9]

Giovanni Antonio Orsini del Balzo kam zwischen dem 14. und 15. November 1463 unter mysteriösen Umständen ums Leben. Er wurde im Schloss von Altamura in der heutigen Provinz Bari von Paolo Tricarico erwürgt.[10][11] Sein Fürstentum wurde 1465 von König Ferdinand I. ins Königreich Neapel einverleibt.[12][13]

Das von den albanischen Soldaten selbst zerstörte Land sollte später zur Albania Tarantina werden. Den Soldaten, die es vorzogen, im Königreich Neapel zu bleiben, und den albanischen Flüchtlingen, die nach dem Tod Skanderbegs (1468) ins Königreich Neapel kamen, wurden Privilegien wie eine zehnjährige Steuerbefreiung[14] und volle administrative Autonomie gewährt.[15]

Während man von den Arbëresh-Gemeinden in den Abruzzen, in Molise, Kampanien, Nordapulien, Basilikata, Kalabrien und auf Sizilien ziemlich sicher weiß, woher sie kamen, ist das nicht so, was die Albania Tarantina betrifft.

Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Albaner brachten aus ihrem Geburtsland Südalbanien neben ihrer albanischen Sprache, ihren Sitten und Gebräuchen auch ihre Religion nach griechisch-byzantinischem Ritus in die neue Heimat mit. Mit der Bulle von 1536 gab Papst Paul III. den Albanern in Italien volle Anerkennung innerhalb des Katholizismus.[16]

Die Gemeinden der Albania Tarantina haben im Laufe der Jahrhunderte ihren griechisch-byzantinischen Ritus verloren und sind in den ersten zwei Jahrhunderten unter dem Druck des Erzbischofes von Tarent, Lelio Brancaccio, zum lateinischen Ritus übergegangen.[17]

Albania Tarantina im Jahr 1560

Als Lelio Brancaccio im Jahr 1578 einen Besuch in der „Albania Tarantina“ abstattete, fand er folgende Papas[Anm. 3] vor[18]:

  1. Belvedere: Todaro Xafilo
  2. Civitella: Giovanni Turco, Kapelan[19]
  3. Carosino: Papas Duca[20] und der Kapelan Demetrio Capuzio
  4. Faggiano: Pietro Pigonati
  5. Monteparano: Demetrio Sirchio
  6. Roccaforzata: Pietro Psatillo und Demetrio Palumbo
  7. San Crispieri: Lazaro Borschi
  8. San Giorgio Jonico: Luca Papocchia
  9. San Martino: Demetrio Savina
  10. San Marzano: Demetrio Cabascia

Reste albanischer Kultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Arbëresh-Tracht von San Marzano di San Giuseppe

In einigen Orten gibt es noch einige architektonische Hinweise (typische Schornsteine, Kirchen oder Reste von Kirchen, Ruinen) der Arbëresh.

Im historischen Zentrum von Carosino findet man noch einen typischen Arbëresh-Schornsteine in Largo Dante Nr. 43–41 Welt-Icon. Nordöstlich von Carosino befand sich einst das Casale Civitella, von dem heute nur noch die Masseria zu sehen ist. Welt-Icon

In Monteiasi gibt es heute außer einigen typischen albanischen Nachnamen keine weiteren Spuren.

Etwa 300 Meter außerhalb von San Crispieri (heute Fraktion von Faggiano) befindet sich die Ruine der Chiesa di Santa Maria di Costantinopoli Welt-Icon.[21]

Auf der Straße von Tarent nach San Giorgio Jonico gibt es in Via Simone Veil Welt-Icon noch einen typischen Arbëresh-Schornstein. Ein weiterer Arbëresh-Schornstein befindet sich in Via Cesare Battisti in der Nähe des Castello D’Ayala Valva in Largo Osanna Welt-Icon, und in Via Madonna della Croce findet man die Cappella della Madonna della Croce Welt-Icon, die dort gebaut wurde, wo einst die Kirche Santa Maria della Presentazione der Arbëresh stand. Von Via Pier Giovanni Zingaropoli aus kann man die Reste des ehemaligen Casale Belvedere betrachten. Welt-Icon

Zirka 2 km südöstlich von Roccaforzata befindet sich die Wallfahrtskirche Santa Maria della Camera Welt-Icon und die Reste des Casales Mennano. Welt-Icon

In San Marzano di San Giuseppe befindet sich in Largo Prete der Palazzo Capuzzimati (auch: Palazzo Marchesale, Palazzo Casalini) aus dem 16. Jahrhundert mit der privaten Chiesa San Gennaro der Familie Casalini Welt-Icon, in Via Giorgio Castriota zwei antike Arbëreshhäuser mit den typischen albanischen Schornsteinen Welt-Icon und drei km nordwestlich vom Zentrum die Kirche des Wallfahrtsortes „Madonna delle Grazie“ aus dem 17. Jahrhundert, dessen Kirchenfassade mit Elementen der albanischen Schule dekoriert sind Welt-Icon.

San Marzano di San Giuseppe ist heute der einzige Ort, der die konservative vor-osmanische albanische Sprache (Gluha Arbëreshë) sowie einige Traditionen, Bräuche, Lieder und Tänze der albanischen Heimat bewahrt hat.[22]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Albania Tarantina – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Casale (Plural casali) ist die italienische Bezeichnung für ein Haus oder eine Häusergruppe auf dem Land.
  2. In Albania Salentina lebten Albaner in Alessano, Alliste, Aradeo, Castro, Erchie, Maglie, Mesagne, Muro Leccese, Nardò, Ostuni, Patu, Palesano (erloschen; in der Nähe von Gisona), San Donaci, Taurisano, Torchiarolo, Veglie, Brindisi und Lecce.
  3. Weltgeistlicher in der orthodoxen Kirche

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Legge 15 dicembre 1999, n. 482 Norme in materia di tutela delle minoranze linguistiche storiche. Abgerufen am 25. Oktober 2016 (italienisch).
  2. Casali Albanesi, S. 58, 61
  3. Emidio Tomai Pitinca: Istituzioni ecclesiastiche dell’Albania tarantina (Collana dell’Università degli Studi di Lecce Dipartimento di Scienze Storiche e Sociali Saggi e Ricerche, 16). Congedo Editore, Galatina 1984, ISBN 88-7786-251-3, S. 12 (italienisch).
  4. a b Casali Albanesi, S. 78
  5. Casali Albanesi, S. 65
  6. Gennaro Maria Monti: La spedizione in Puglia di Giorgio Castriota Scanderbeg e i feudi pugliesi suoi della vedova e del figlio in: Palaver 4 n.s., Issue 1. Università del Salento, 2015, S. 130, 138 (italienisch).
  7. Scanderbeg eroe anche in terra di Puglia von Alfredo Frega, Appunti di storia, N. 5, April 2005. Abgerufen am 10. März 2017 (italienisch).
  8. Pietro Pompilio Rodotà: Dell’origine, progresso e stato presente del rito greco in Italia, osservato dei greci, monaci basiliani, e albanesi. Room 1763, S. 18 (italienisch, Online-Version in der Google-Buchsuche).
  9. Darcy Carvalho: The Commentaries of Pius Pp II Pontifex Maximus. Commentarii de rerum memorabilium quae temporibus suis contigerunt Pius Pp II (1405–1464). São Paulo 2014, S. 306 ff. (Latein).
  10. Aurora Martino: Giovan Girolamo II Acquaviva d’Aragona (1604 c.–1665)Signore feudale del Mezzogiorno spagnolo. Universidad de Valladolid, Valladolid 2012, S. 68 (italienisch).
  11. Brindisi al tempo dei re aragonesi sul trono di Napoli. brindisiweb.it, abgerufen am 8. März 2017 (italienisch).
  12. Il principato di Taranto. Borsci1.com, abgerufen am 10. März 2017 (italienisch).
  13. Dionigi Cristian Lentini, Tommaso Gentile: Cronologia della Storia di Mottola. Mottola 2009, S. 11 (italienisch, Online-Version in der Google-Buchsuche [abgerufen am 11. März 2017]).
  14. Giornale enciclopedico di Napoli, Band 2. Orsiniana, 1807, S. 155 (italienisch, Online-Version in der Google-Buchsuche).
  15. Margherita Forte und Alessandra Petruzza, Kollaborateure des Informationsschalters von Vena, einer Fraktion von Maida, Le origini della minoranza linguistica albanese (Die Ursprünge der albanischsprachigen Minderheit), 2005, abgerufen am 25. Oktober 2016
  16. Giuseppe Maria Viscardi: Tra Europa e “Indie di quaggiù”. Chiesa, religiosità e cultura popolare nel Mezzogiorno. Storia e Letteratura, Rom 2005, ISBN 88-8498-155-7, S. 377 (italienisch, Online-Version in der Google-Buchsuche).
  17. Pietro Pompilio Rodotà: Dell’Origine, Progresso e Stato presente del Rito Greco in Italia, osservato dai greci, monaci basiliani e albanesi, Libro III, Capo. III. Biblioteca Vaticana, Rom 1763, S. 59 (italienisch, Online-Version in der Google-Buchsuche).
  18. Emidio Tomai-Pitinca: Emanuele Cartofilaca Una proposta di “diaconia” per i Greco-Albanesi del mezzogiorno d’Italia. Associazione Cattolica Italiana per l’Oriente Cristiano, Palermo 1982, S. 19 (italienisch).
  19. Casali Albanesi nel Tarentino, S. 49
  20. Pietro Dalena: Insediamenti albanesi nel territorio di Taranto, (Secc. XV–CVI), Realtà storica e mito storiografico, Miscellanea di Studi Storici-Università della Calabria. 1989, S. 66 (italienisch).
  21. Historische Details. Comune.faggiano.ta.it, abgerufen am 22. Juni 2018 (italienisch).
  22. F. Antonio Primaldo Coco: Casali Albanesi nel Tarentino. Grottaferrata 1921, S. 53 (italienisch, dimarcomezzojuso.it [PDF; 12,0 MB; abgerufen am 10. März 2017]).