Albrecht Koschorke

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Albrecht Koschorke (* 13. September 1958 in Kastellaun) ist ein deutscher Literaturwissenschaftler an der Universität Konstanz.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Koschorke studierte Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Philosophie, Kunstgeschichte, Kommunikationswissenschaft und Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und in Paris. Nach seiner Promotion 1989 war er von 1991 bis 1993 Assistent an der Universität Würzburg und von 1994 bis 1997 an der Freien Universität Berlin, wo er sich 1997 habilitierte. Seit April 2001 hält Koschorke einen Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaften an der Universität Konstanz, wo er auch Sprecher des kulturwissenschaftlichen Graduiertenkollegs Die Figur des Dritten ist und die Forschungsstelle Kulturtheorie und Theorie des politischen Imaginären eingerichtet hat.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Koschorkes erste monographische Publikation beschäftigte sich mit Leopold von Sacher-Masoch und der Wechselwirkung von Literatur und Erotik. Hier entwickelte er bereits sein Interesse an der Wirkungsweise des Mediums Literatur in einem weiteren kulturwissenschaftlichen Kontext. Seine Dissertation über "Die Geschichte des Horizonts" verbindet literatur- mit kunstwissenschaftlichen Betrachtungen. Sie unternimmt eine Tour d'Horizon vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Seine Habilitationsschrift Körperströme und Schriftverkehr (1999) orientiert sich theoretisch an den medientheoretischen Arbeiten von Friedrich Kittler und Jacques Derrida. Sie stellt einen groß angelegten Versuch dar, die Schriftkultur des 18. Jahrhunderts als Umbruch in der Geschichte der Kommunikationsmedien zu beschreiben: Während die Kommunikation zunehmend verschriftlicht wird, wird das „distanzierende“ Medium der Schrift zum durchlässigen Träger von Empfindungen. Dabei haben die medizinischen Theorien der Zeit einen wesentlichen Anteil an der Entwicklung der Schrift- und Gefühlskultur in der Empfindsamkeit.

In der Arbeit Die Heilige Familie und ihre Folgen (2000) befasste sich Koschorke in kulturgeschichtlicher Hinsicht mit dem Motiv der Heiligen Familie in der Kultur des christlichen Abendlandes. Koschorke zeigt, dass diese Familienstruktur grundlegend für das Verständnis von Vater-Mutter-Kind-Beziehungen in Theorie und Kunst war und selbst noch moderne Mythen wie die Star Wars-Saga prägt. Neuere Arbeiten wie die Gemeinschaftspublikation Des Kaisers neue Kleider widmen sich Fragen des politisch Imaginären. Dieses Interesse wird weiterverfolgt in Der fiktive Staat.

Jürgen Kaube schreibt zu der 2016 erschienenen Untersuchung des Textes Mein Kampf, dass Koschorke nicht wie behauptet mit literaturwissenschaftlichen Methoden den poetologischen Gehalt ausgewählter Passagen untersuche, sondern den geschichtswissenschaftlichen Forschungsstand zu den politischen Absichten darstelle.[1]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für seine Arbeiten erhielt Koschorke im Jahr 2002 den Akademiepreis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und im Jahr 2003 den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 2013 wurde er in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften gewählt. 2016 erhielt er den Philosophischen Buchpreis.[2]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Leopold von Sacher-Masoch. Die Inszenierung einer Perversion. Piper, München 1988, ISBN 3-492-10928-4.
  • Die Geschichte des Horizonts. Grenze und Grenzüberschreitung in literarischen Landschaftsbildern. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-518-58064-7 (Zugleich: München, Universität, Dissertation, 1989) urn:nbn:de:bsz:352-opus-109566.
  • Körperströme und Schriftverkehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts. Fink, München 1999, ISBN 3-7705-3377-1 (Zugleich: Berlin, Freie Universität, Habilitationsschrift), urn:nbn:de:bvb:12-bsb00041966-6.
  • Die Heilige Familie und ihre Folgen. Ein Versuch. Fischer, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-596-14765-4.
  • mit Thomas Frank, Ethel Matala de Mazza, Susanne Lüdemann: Des Kaisers neue Kleider. Über das Imaginäre politischer Herrschaft. Fischer, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-596-15448-0.
  • mit Susanne Lüdemann, Thomas Frank und Ethel Matala de Mazza (Hrsg.): Der fiktive Staat. Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-596-17147-7.
  • mit Nacim Ghanbari, Eva Eßlinger, Sebastian Susteck, Michael Thomas: Vor der Familie. Grenzbedingungen einer modernen Institution. Konstanz University Press, Konstanz 2010, ISBN 978-3-86253-005-2.
  • als Herausgeber mit Konstantin Kaminskij (Hrsg.): Despoten dichten. Sprachkunst und Gewalt. Konstanz University Press, Paderborn 2011, ISBN 978-3-86253-015-1.
  • Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-038911-4.
  • Hegel und wir. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2013. Suhrkamp, Berlin 2015, ISBN 978-3-518-58620-4.
  • Adolf Hitlers Mein Kampf : zur Poetik des Nationalsozialismus. Berlin : Matthes & Seitz, 2016

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jürgen Kaube: Ist das der erste Liminalroman? Rezension, in: FAZ, 12. März 2016, S. L11
  2. FAZ vom 22. Juli 2016, Seite 12