Alchon

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Alchon (auch Alkhon genannt) ist der Name einer zentralasiatischen Stammesgruppe, die um 400 im heutigen Afghanistan in der Region Kabul eine lokale Herrschaft etablieren konnte und im 6. Jahrhundert Teile Nordwestindiens eroberte. Der Name Alchon ist nur auf Münzen belegt, schriftliche Quellen berichten nicht direkt über sie.

Die Alchon sind eine Gruppe der sogenannten iranischen Hunnen, die aber sehr wahrscheinlich in keiner direkten Beziehung zu den Hunnen in Europa stand. Der Begriff der iranischen Hunnen geht auf die numismatischen Forschungen Robert Göbls zurück.[1] Göbl ging (aufgrund der Auswertung der Münzprägungen) von vier Gruppen aus: Die Kidariten, die Alchon-Gruppe, die Nezak-Gruppe und schließlich die Hephthaliten.

Die Alchon scheinen gegen Ende des 4. Jahrhunderts den Hindukusch überquert zu haben. Sie verdrängten die Kidariten und konnten eine lokale Herrschaft errichten; noch in der Zeit Schapurs III. hörten die persischen Münzprägungen in Kabul auf.[2] Die Münzprägestätte dort wurde anscheinend von den Alchon übernommen; der Verlust war ein schwerer Schlag für die Sassaniden, da es sich um eine zentrale Prägestätte gehandelt hat.[3]

Die Einzelheiten für die folgende Zeit sind unklar. Nach der Mitte des 5. Jahrhunderts gelang es den Alchon aber anscheinend, die Kidariten aus Gandhara zu verdrängen und dort ebenfalls die Herrschaft zu übernehmen; die letzte kidaritische Gesandtschaft nach Nordchina zu den T’o-pa ist für das Jahr 477 belegt.[4] Um die Mitte des 5. Jahrhunderts ist auch der Alchonkönig Khingila (gestorben ca. 490) durch Münzprägungen belegt.[5] Nachdem es im späten 5. Jahrhundert wohl zu Konflikten mit indischen Herrschern im Randbereich kam (anscheinend reichte der Einfluss der Alchon bereits in dieser Zeit bis nach Taxila), verlagerten die Alchon im frühen 6. Jahrhundert ihren Herrschaftsbereich weitgehend in den nordwestindischen Raum.

Alchonmünze mit der Darstellung König Khingilas

In der neueren Forschung wird die Alchon-Gruppe oft mit den in indischen Quellen pauschal als Hunas (Hunnen) bezeichneten Angreifern gleichgesetzt, die um 500 nach Nordindien vordrangen.[6] Problematisch ist, dass die indischen Quellen wenig differenziert berichten und es somit nicht ganz klar es, um welche Gruppen der iranischen Hunnen es sich bei diesen Angreifern gehandelt hat. Es scheint ein Unterschied zwischen der Alchon-Gruppe und den „eigentlichen“ Hephthaliten bestanden zu haben, über die Prokopios von Caesarea in seinen Historien[7] berichtet und die um 500 in Baktrien und Sogdien ihre Herrschaft konsolidierten. Teils wird zwar angenommen (so zuletzt von Frantz Grenet), dass es sich bei diesen Hunas um die besagten Hephthaliten gehandelt habe, doch ist dies nicht die gängige Lehrmeinung.[8] Der numismatische Befund deutet hingegen recht eindeutig auf die Alchon hin.[9]

Die Hunas stießen unter ihrem Herrscher Toramana im frühen 6. Jahrhundert in das Gupta-Reich vor.[10] Die Herrschaft der Guptas brach unter den Angriffen der Hunas faktisch zusammen, in indischen Berichten werden die Verwüstungen eingehend beschrieben. Auf Toramana folgte (wohl um 515) dessen Sohn als neuer Herrscher nach, der um 540/50 verstorbene Mihirakula.[11] Mihirakula, der anscheinend ein Shivaanhänger war, ging hart gegen Anhänger des Buddhismus vor und wird in den indischen Quellen überaus negativ geschildert; er gilt sogar als der „Attila Indiens“.[12] Allerdings lassen archäologische Funde erkennen, dass die Hunas auch verschiedene Heiligtümer stifteten und nicht ausschließlich als Zerstörer auftraten. Mihirakula musste einige Rückschläge hinnehmen und wurde 528 von Yasodharman, dem Herrscher von Malwa, und von dem Guptaherrscher Baladitya von Magadha geschlagen.[13] Mihirakula verlagerte den Herrschaftsschwerpunkt nach Kaschmir, wo sich die Alchon noch einige Zeit halten konnten. Als seine Hauptstadt fungierte Sakala im Punjab. Nach dem folgenden Zusammenbruch der Alchon-Herrschaft in Indien sind eventuell verbliebene Teile wieder nach Baktrien zurückgewandert; dafür spricht eine Gruppe von Alchon-Nezak-Mischprägungen, die zumindest auf eine gewisse Verschmelzung beider Gruppen hindeuten.[14] Ansonsten verlieren sich ihre Spuren.

Indische Quellen belegen das Vordringen der Hunas bis nach Zentralindien. Inschriften Toramanas wurden in Eran (Malwa) und Inschriften Mihirakulas in Gwalior aufgestellt. Die Berichte des chinesischen Pilgers Song Yun wiederum zeichnen ein düsteres Bild von der Herrschaft Mihirakulas.[15] Für die indische Geschichte bedeutete die Herrschaft der Hunas zwar nur ein kurzes, aber brutales Zwischenspiel.[16] Durch die in diesem Zusammenhang erfolgte Vernichtung des Gupta-Reiches entstand auf dem indischen Subkontinent ein Machtvakuum. Zahlreiche buddhistische Gemeinden gingen unter, weitere Gruppen aus Mittelasien stießen nach Süden vor und das „klassische Zeitalter“ Indiens ging zu Ende.

Ihren Herrschaftsanspruch dokumentierten die Alchon mit Münzprägungen, vor allem von Silbermünzen. Sie imitierten sasanidische Prägungen und benutzten anscheinend auch sasanidische Münzstempel, wobei sie den baktrischen Begriff alxanno hinzufügten.[17] Die genaue Bedeutung des Begriffs (ob Herrschaftsbezeichnung oder Stammesname) ist unklar; erst in der nächsten Stufe erscheint auf Alchon-Prägungen der Herrschername Khingila.[18] Es sind insgesamt fünf Drachmenprägungen nach dem sasanidischen Vorbild bekannt, die durch die Alchon-Gruppe geprägt wurden.[19] Nach ihrem Vorstoß nach Indien prägten sie dort nach dem Vorbild der Gupta-Herrscher ebenfalls eigene Münzen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Alram: Alchon und Nēzak. Zur Geschichte der iranischen Hunnen in Mittelasien. In: La Persia e l’Asia centrale da Alessandro al X secolo. Rom 1996, S. 517–554.
  • Michael Alram: Die Geschichte Ostirans von den Griechenkönigen in Baktrien und Indien bis zu den iranischen Hunnen (250 v. Chr.–700 n. Chr.). In: Wilfried Seipel (Hrsg.): Weihrauch und Seide. Alte Kulturen an der Seidenstraße. Wien 1996, ISBN 3-900325-53-7, S. 119–140.
  • Robert Göbl: Dokumente zur Geschichte der iranischen Hunnen in Baktrien und Indien. 4 Bände. Wiesbaden 1967.
  • Matthias Pfisterer: Hunnen in Indien. Die Münzen der Kidariten und Alchan aus dem Bernischen Historischen Museum und der Sammlung Jean-Pierre Righetti. Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2014.
  • Upendra Thakur: The Hunas in India. Varanasi 1967.
  • Klaus Vondrovec: Die Anonymen Clanchefs. Der Beginn der Alchon-Prägung. In: Numismatische Zeitschrift 113/114, 2005, S. 176–191.
  • Klaus Vondrovec: Numismatic Evidence of the Alchon Huns reconsidered. In: Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 50, 2008, S. 25–56.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Robert Göbl: Dokumente zur Geschichte der iranischen Hunnen in Baktrien und Indien. 4 Bände. Wiesbaden 1967.
  2. Klaus Vondrovec: Die Anonymen Clanchefs. Der Beginn der Alchon-Prägung. In: Numismatische Zeitschrift 113/114, 2005, S. 185.
  3. Nikolaus Schindel: The Sasanian Eastern Wars in the 5th Century. The Numismatic Evidence. In: A. Panaino, A. Piras (Hrsg.): Proceedings of the 5th Conference of the Societas Iranologica Europaea. Volume I. Mailand 2006, S. 675–689, hier S. 677.
  4. Vgl. Boris A. Litvinsky: The Hephthalite Empire. In: Boris A. Litvinsky (Hrsg.): The crossroads of civilizations. A.D. 250 to 750. Paris 1996, S. 135ff., hier S. 141; A. K. Narain: Indo-Europeans in Inner Asia. In: Denis Sinor (Hrsg.): Cambridge History of Early Inner Asia. Cambridge 1990, S. 151–176, hier S. 172.
  5. Vgl. Matthias Pfisterer: Hunnen in Indien. Wien 2014, S. 59ff.
  6. Michael Alram: Die Geschichte Ostirans von den Griechenkönigen in Baktrien und Indien bis zu den iranischen Hunnen (250 v. Chr.–700 n. Chr.). In: Wilfried Seipel (Hrsg.): Weihrauch und Seide. Alte Kulturen an der Seidenstraße. Wien 1996, hier S. 138.
  7. Prokopios, Historien 1,3ff.
  8. Überblick bei Klaus Vondrovec: Die Anonymen Clanchefs. Der Beginn der Alchon-Prägung. In: Numismatische Zeitschrift 113/114, 2005, hier S. 185 und bei Klaus Vondrovec: Numismatic Evidence of the Alchon Huns reconsidered. In: Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 50, 2008, hier S. 30f.
  9. Zu den Alchon-Prägungen siehe nun auch Matthias Pfisterer: Hunnen in Indien. Wien 2014, S. 29ff. (der die Alchon als Alchan bezeichnet).
  10. Vgl. Matthias Pfisterer: Hunnen in Indien. Wien 2014, S. 145ff.
  11. Vgl. Matthias Pfisterer: Hunnen in Indien. Wien 2014, S. 160ff.
  12. Robert Göbl: Dokumente zur Geschichte der iranischen Hunnen in Baktrien und Indien. Band 2. Wiesbaden 1967, S. 68.
  13. Vgl. A. H. Dani, B. A. Litvinsky, M. H. Zamir Safi: Eastern Kushans, Kidarites in Gandhara and Kashmir, and Later Hephthalites. In: Boris A. Litvinsky (Hrsg.): The crossroads of civilizations. A.D. 250 to 750. Paris 1996, S. 163ff., hier S. 175; Hermann Kulke, Dietmar Rothermund: Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute. Aktualisierte Neuauflage. München 2006, S. 122.
  14. Klaus Vondrovec: Coinage of the Nezak. In: M. Alram, D. Klimburg-Salter, M. Inaba, M. Pfisterer (Hrsg.): Coins, Art and Chronology II. The First Millennium C.E. in the Indo-Iranian Borderlands. Wien 2010, S. 169–190, hier S. 174 und S. 182ff.
  15. Vgl. Boris A. Litvinsky: The Hephthalite Empire. In: Boris A. Litvinsky (Hrsg.): The crossroads of civilizations. A.D. 250 to 750. Paris 1996, S. 135ff., hier S. 142f.
  16. Vgl. zusammenfassend Hermann Kulke, Dietmar Rothermund: Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute. Aktualisierte Neuauflage. München 2006, S. 120–123.
  17. Vgl. Klaus Vondrovec: Die Anonymen Clanchefs. Der Beginn der Alchon-Prägung. In: Numismatische Zeitschrift 113/114, 2005, S. 179.
  18. Vgl. Klaus Vondrovec: Die Anonymen Clanchefs. Der Beginn der Alchon-Prägung. In: Numismatische Zeitschrift 113/114, 2005, S. 178 und S. 184.
  19. Vgl. Klaus Vondrovec: Die Anonymen Clanchefs. Der Beginn der Alchon-Prägung. In: Numismatische Zeitschrift 113/114, 2005, S. 184f.