Alex Demirović

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Alex Demirović (* 1952 in Darmstadt-Eberstadt) ist ein deutscher Sozialwissenschaftler und ein Vertreter der kritischen Theorie.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alex Demirović studierte ab 1971 Philosophie, Soziologie und Germanistik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main, unterbrochen von kurzen Studienaufenthalten in Marburg und Paris. Er promovierte 1979 bei Alfred Schmidt in Philosophie mit einer epistemologisch-diskursanalytischen Studie über marxistische Ästhetik. Nach dem Studium folgten Tätigkeiten an verschiedenen Forschungsinstituten, zwischen 1990 und 2001 arbeitete er am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main. 1987 erhielt Demirović von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein Habilitationsstipendium. Mit einer wissenschaftsgeschichtlichen Untersuchung zur Bedeutung der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule in Wissenschaft, Politik und Kultur in der Nachkriegszeit Deutschlands konnte er sich 1992 in Politikwissenschaft und politischer Soziologie habilitieren. Seit 1990 nahm Demirović zahlreiche Professurvertretungen und Gastprofessuren an deutschen und nicht-deutschen Universitäten wahr.

Im Jahr 2002 wurde trotz eindeutiger Beschlusslage des Fachbereichs die Berufung Demirovićs auf eine Soziologieprofessur in Frankfurt am Main vom Universitätspräsidenten Rudolf Steinberg sowie dem hessischen Wissenschaftsministerium abgelehnt. Zahlreiche internationale Wissenschaftler (u. a. Judith Butler, Wendy Brown, Bob Jessop, Nancy Fraser, Iris Marion Young) reichten Petitionen zugunsten Demirovićs ein.[1] 2007 wurde Demirović außerplanmäßiger Professor an der Universität Frankfurt am Main.

Ab 2007 lehrte er an der Technischen Universität Berlin als Gastprofessor. Diese Stelle endete am 30. September 2012, da der Studiengang Politikwissenschaft am selbigen Datum auslief. 2013 und 2014 war er an der Universität Frankfurt am Main Gastprofessor für kritische Gesellschaftstheorie, seitdem ist er an dieser Hochschule wieder außerplanmäßiger Professor.[2] Aktuell ist er Senior Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin.

Der 2015 erschienene Sammelband Perspektiven und Konstellationen kritischer Theorie geht auf eine Tagung anlässlich seines 60. Geburtstages im Jahr 2012 zurück. Viele seiner Weggefährten, wie bspw. Bob Jessop und Ulrich Brand, haben hierzu Beiträge verfasst.

Forschungsschwerpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Demirović' wissenschaftliche Arbeiten verstehen sich als Beiträge zur Weiterentwicklung der kritischen Theorie der Gesellschaft. Seinem Verständnis nach kann ein solches Projekt zeitgemäß nicht als Fortsetzung einer einzigen, privilegierten Tradition verfolgt werden, andere Theorielinien und Fragestellungen müssen Berücksichtigung finden, Widersprüche zwischen ihnen als Anreiz für weitere Forschung verstanden werden. Bezugspunkte sind neben der älteren Kritischen Theorie Theodor W. Adornos und Max Horkheimers andere an Marx anschließende heterodoxe Traditionen, neuere ökonomiekritische Diskussionen, staatstheoretische Ansätze, poststrukturalistische Macht- und Diskursanalysen sowie kritische Kulturforschung. Schwerpunkte der Arbeiten von Demirović liegen auf Staats- und Demokratietheorie.

Auf der Grundlage eines umfassenden Begriffs gesellschaftlicher Arbeitsteilung geht es in ihnen um ein relationales, praxistheoretisches Verständnis von Ökonomie, Politik und Staat ebenso wie von Kultur. Gesellschaft soll in ihrer Gegenständlichkeit als das historisch spezifische Ergebnis von konstituierender Praxis der Menschen und in ihrer Komplexität durch gemeinsames Handeln bestimmbar verstanden werden.

Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alex Demirović ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift Prokla, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Rosa-Luxemburg-Stiftung und im Beirat des BdWi. Ferner ist er Mitglied in der ver.di, in den Fachvereinigungen DGS und DVPW und im wissenschaftlichen Beirat der Attac.[3] Zudem ist er ein fellow des Berliner Instituts für kritische Theorie und er gehört der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung an. Demirović ist Mitglied des Beirats der 2012 gegründeten wissenschaftlichen Open-Access-Zeitschrift Momentum Quarterly.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Autor
  • Jenseits der Ästhetik. Zur diskursiven Ordnung der marxistischen Ästhetik. Frankfurt am Main 1982.
  • Nicos Poulantzas – eine kritische Auseinandersetzung. Hamburg 1987. 2. Auflage: Westfälisches Dampfboot, Münster 2007, ISBN 978-3-89691-622-8.
  • Demokratie, Ökologie, Ökologische Demokratie. Demokratievorstellungen und -konzepte der neuen sozialen Bewegungen und der Partei „DIE GRÜNEN“. Frankfurt am Main 1989.
  • Wandel des Demokratieverständnisses. Das Verhältnis von Demokratie und Öffentlichkeit in der Bundesrepublik seit Ende der siebziger Jahre. Gemeinsam mit Ulrich Rödel und Günter Frankenberg. Forschungsbericht des Instituts für Sozialforschung. Frankfurt am Main 1994.
  • Demokratisches Selbstverständnis und die Herausforderung von rechts. Student und Politik in den neunziger Jahren. Gemeinsam mit Gerd Paul. Frankfurt am Main, New York 1996.
  • Demokratie und Herrschaft. Aspekte kritischer Gesellschaftstheorie. Westfälisches Dampfboot, Münster 1997.
  • Der nonkonformistische Intellektuelle. Die Entwicklung der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule. Frankfurt am Main 1999.
  • Demokratie in der Wirtschaft. Positionen – Probleme – Perspektiven. Westfälisches Dampfboot, Münster 2007, ISBN 978-3-89691-656-3.
  • Wirtschaftsdemokratie, Rätedemokratie und freie Kooperationen, in: WIDERSPRUCH, Nr. 55/2008.
  • Rätedemokratie oder das Ende der Politik, in: PROKLA- Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Heft 155, 2009.
  • Wirtschaft und Demokratie. In: Axel Weipert (Hrsg.): Demokratisierung von Wirtschaft und Staat - Studien zum Verhältnis von Ökonomie, Staat und Demokratie vom 19. Jahrhundert bis heute. NoRa Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-86557-331-5.
  • Wissenschaft oder Dummheit? Über die Zerstörung der Rationalität in den Bildungsinstitutionen, VSA Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-3-89965-572-8.
Herausgeber
  • Nichtregierungsorganisationen in der Transformation des Staates. Gemeinsam mit Ulrich Brand, Christoph Görg, Joachim Hirsch. Münster 2001
  • Komplexität und Emanzipation. Kritische Gesellschaftstheorie und die Herausforderung der Systemtheorie Niklas Luhmanns. Münster 2001, ISBN 3-89691-494-4.
  • Konjunkturen des Rassismus. Gemeinsam mit Manuela Bojadzijev. Münster 2002, ISBN 3-89691-516-9.
  • Modelle kritischer Gesellschaftstheorie. Traditionen und Perspektiven Kritischer Theorie. Stuttgart 2003.
  • Kritische Theorie im gesellschaftlichen Strukturwandel. Gemeinsam mit Joachim Beerhorst und Michael Guggemos. Frankfurt am Main 2004.
  • Kritik und Materialität. Münster 2008, ISBN 978-3-89691-748-5.
  • Das Staatsverständnis von Nicos Poulantzas: Der Staat als gesellschaftliches Verhältnis. Gemeinsam mit Stephan Adolphs, Serhat Karakayali. Baden-Baden 2010.
  • Das Subjekt – Zwischen Krise und Emanzipation. Gemeinsam mit Christina Kaindl, Alfred Krovoza. Münster 2010, ISBN 978-3-89691-771-3.
  • Demokratie und Governance: Kritische Perspektiven auf neue Formen politischer Herrschaft. Gemeinsam mit Heike Walk. Münster 2011, ISBN 978-3-89691-872-7.
  • VielfachKrise: Im finanzdominierten Kapitalismus. Gemeinsam mit Pauline Bader/Florian Becker/Julia Dück. Hamburg 2011, ISBN 978-3-89965-404-2.
  • Gegen den Neoliberalismus andenken. Linke Wissenspolitik und sozialistische Perspektiven. Gemeinsam mit Christina Kaindl. Hamburg 2012, ISBN 978-3-89965-523-0
  • Was ist der „Stand des Marxismus“? Soziale und epistemologische Bedingungen der kritischen Theorie heute. Gemeinsam mit Sebastian Klauke und Étienne Schneider, Westfälisches Dampfboot, Münster 2015, ISBN 978-3-89691-717-1.
  • Transformation der Demokratie – demokratische Transformation. Münster 2016, ISBN 978-3-89691-843-7.
  • Europe – what's left?, gemeinsam mit Mario Candeias, Münster 2017, ISBN 978-3-89691-850-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael Plöse: Der Professorenschlag. In: Telepolis. 15. Oktober 2007.
  2. Website der Universität Frankfurt
  3. Mitglieder Wissenschaftlicher Beirat Attac (Stand Januar 2016)