Alfons Maria Stickler

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Kardinalswappen von Alfons Maria Stickler

Alfons Maria Kardinal Stickler SDB (* 23. August 1910 in Neunkirchen; † 12. Dezember 2007 in der Vatikanstadt) war ein österreichischer Theologe und Kirchenrechtshistoriker aus dem Salesianerorden und seit 1985 Kardinal der römisch-katholischen Kirche mit dem Titel eines Kardinalbibliothekar und Archivar der Heiligen Römischen Kirche.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alfons Maria Stickler maturierte 1928 am Gymnasium Fichtnergasse in Wien-Hietzing. Er trat nach seiner Schulzeit in die Ordensgemeinschaft der Salesianer ein und legte am 15. August 1928 das Ordensgelübde ab. Anschließend studierte er Philosophie und Katholische Theologie an verschiedenen Hochschulen in Deutschland, Österreich und Italien. Am 27. März 1937 empfing er in der Lateranbasilika in Rom die Priesterweihe. Anschließend studierte er kirchliches und weltliches Recht an der Päpstlichen Lateranuniversität. Danach lehrte er Kanonisches Recht an der theologischen Hochschule der Salesianer in Turin, war von 1953 bis 1965 Dekan der kirchenrechtlichen Fakultät und ab 1965 schließlich der erste Rektor der Hochschule nach ihrem endgültigen Umzug nach Rom. Bereits zuvor hatte er am provisorischen römischen Sitz der Salesianer-Hochschule in der Via Marsala gearbeitet und in den Jahren des Zweiten Vatikanischen Konzils als Peritus an den Beratungen mehrerer Kommissionen teilgenommen, darunter auch an den Verhandlungen über die Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium.

Am Aschermittwoch 1971 ernannte ihn Papst Paul VI. zum Präfekten der Vatikanischen Bibliothek. In dieser Funktion war Stickler Konsultor mehrerer vatikanischer Kongregationen. Während seiner Amtszeit als aktiver Bibliotheksleiter bis 1983 machte sich Stickler sehr um die Erhaltung und Modernisierung der Vatikanbibliothek verdient. Unter anderem wurde unter seiner Leitung ein atombombensicherer Bunker errichtet, in dem die wichtigsten Schätze der Bibliothek (unter anderem der Codex Vaticanus) untergebracht sind.

Am 9. September 1983 berief ihn Papst Johannes Paul II. zum Titularerzbischof von Volsinium (Bolsena) und zum Pro-Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche. Die Bischofsweihe spendete ihm am 1. November 1983 der Papst; Mitkonsekratoren waren Eduardo Kardinal Martínez Somalo und Rosalio José Kardinal Castillo Lara SDB. Am 7. Juli 1984 übertrug ihm der Papst außerdem den Titel eines Pro-Archivars der Heiligen Römischen Kirche. Am 25. Mai 1985 nahm er ihn als Kardinaldiakon mit der Titeldiakonie San Giorgio in Velabro in das Kardinalskollegium auf und ernannte ihn zum Kardinalbibliothekar und Archivar der Heiligen Römischen Kirche. Im Sommer 1988 trat Stickler aus Altersgründen von seinem Amt als Kardinalbibliothekar zurück.

Trotz seines fortgeschrittenen Alters reiste Kardinal Stickler, der ein großer Freund und Förderer der tridentinischen Liturgie in der vor der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils praktizierten Form war, wiederholt nach Deutschland und Österreich, wo er bei Festlichkeiten und Weihen Pontifikalämter im alten Usus zelebrierte.

Am 29. Januar 1996 wurde er unter Beibehaltung seiner Titeldiakonie zum Kardinalpriester pro hac vice ernannt. Kardinal Stickler lebte weiterhin in Rom und war seit dem Tod des niederländischen Kardinals Johannes Willebrands am 2. August 2006 der älteste lebende Kardinal der Welt. Im Jahr 2007, wenige Monate vor seinem Tod, konnte er sein 70-jähriges Priesterjubiläum begehen; in einem Brief aus diesem Anlass bezeichnete ihn Papst Benedikt XVI. als „Patriarchen“ und sprach öffentlich sein Wohlwollen und seine Dankbarkeit für sein Lebenswerk aus.

Als vorläufige letzte Ruhestätte wurde die Grabstätte der Salesianer Don Boscos auf dem Gelände der Calixtus-Katakombe ausgewählt. Am 7. Oktober 2010 wurde Kardinal Sticklers Leichnam in seine Titelkirche San Giorgio in Velabro umgebettet und dort endgültig bestattet.

Alfons Maria Stickler war der Bruder der Salesianerin und Religionspsychologin Gertrud Stickler FMA.

Theologischer Einfluss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theologisch tat Stickler sich lebenslang besonders durch seine leidenschaftliche Verteidigung des klerikalen Zölibats hervor. Er war als scharfer Gegner der Wiedereinführung des ständigen Diakonats durch das zweite Vaticanum bekannt, der verheirateten Männern Zugang zum Klerikerstand ermöglicht, und warnte vielfach vor den seiner Ansicht nach verhängnisvollen Auswirkungen dieser Neuerung für das Leben der Kirche. Außerdem gilt er mit seinem Buch über den Klerikerzölibat als der eigentliche Artifex hinter der später von Stefan Heid weiterentwickelten und auch von maßgebenden Kirchenhistorikern wie Walter Brandmüller übernommenen, von der Mehrheit der Geschichtswissenschaft allerdings als unhaltbar abgelehnten Hypothese, schon die christlichen Aposteln im 1. Jahrhundert seien ehelos geblieben oder hätten, sofern sie verheiratet waren, nicht mehr sexuell mit ihren Gattinnen verkehrt.

Stickler gehörte nach eigenem Zeugnis zu einer Gruppe von neun Kardinälen (neben Joseph Ratzinger, Paul Augustin Mayer, Silvio Oddi, Agostino Casaroli, Bernardin Gantin, Antonio Innocenti, Pietro Palazzini und Jozef Tomko), die 1986 auf Bitten des Papstes zu der Frage Stellung nahmen, ob Papst Paul VI. oder ein anderer kirchlicher Gesetzgeber die Feier der tridentinischen Liturgie jemals in kirchenrechtlich bindender Weise verboten hätte und ob es den Bischöfen erlaubt sei, ihren Priestern die vorkonziliare Form der römischen Liturgie zu untersagen. Die Kardinäle sollen beide Fragen einstimmig verneint haben. Diese Episode und Sticklers seit den 1990er Jahren kursierende Erzählung davon diente als ein weit verbreiteter Narrativ, um die für viele Gläubige überraschende, teils auch als verstörend empfundene Wiederzulassung des alten Messritus durch Papst Benedikt XVI. als sogenannte „außerordentliche Form“ des römischen Ritus im Frühjahr 2007 mit seinem Motu proprio Summorum pontificum zu rechtfertigen.

Stickler war ein prägender theologischer Lehrer von Tarcisio Bertone SDB, der ihm später als Rektor der Salesianerhochschule nachfolgte und dann als Sekretär der Glaubenskongregation und schließlich Kardinalstaatssekretär viele Jahre als die rechte Hand Joseph Ratzingers agierte.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er war Mitglied der Akademien der Wissenschaften in Wien, Bologna und Siena, der Medieval Academy der Vereinigten Staaten, Ehrensenator der Universität Heidelberg.

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Klerikerzölibat. Seine Entwicklungsgeschichte und seine theologischen Grundlagen. 1. Auflage. Kral Verlag, Abensberg 1993, ISBN 3-87442-038-8; Unveränderte 3. Auflage Sarto-Verlag, Bobingen 2012, ISBN 978-3-943858-03-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorgänger Amt Nachfolger
Antonio Kardinal Samorè Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche
1984–1988
Antonio María Kardinal Javierre Ortas SDB
Eugenio Valentini Rektor der Päpstlichen Universität der Salesianer (UPS)
1958–1966
Gino Corallo