Alfredo Stroessner

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Alfredo Stroessner

Alfredo Stroessner Matiauda (auch Strössner oder Strößner; * 3. November 1912 in Encarnación; † 16. August 2006 in Brasília, Brasilien) war ein paraguayischer Militär und Politiker. Von 1954 bis 1989 war er Präsident von Paraguay. Zuvor war er General und Oberbefehlshaber der Streitkräfte Paraguays.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stroessners Vater Hugo war 1898 vom bayerischen Hof an der Saale nach Paraguay ausgewandert, wo er die Paraguayerin Heriberta Matiauda heiratete, mit der er drei Kinder hatte. Alfredo Stroessner wurde im März 1929 im Alter von 16 Jahren als Kadett in der Militärakademie von Asunción angenommen und zwei Jahre später zum Leutnant ernannt. Ab 1932 nahm er am Chacokrieg zwischen Bolivien und Paraguay teil und erreichte 1948 den Rang eines Brigadegenerals. 1953 wurde er Oberbefehlshaber der Armee und General.

Putsch und Amtszeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 6. Mai 1954 entmachtete er den amtierenden Präsidenten Federico Chaves durch einen Militärputsch. Tomás Romero Pereira wurde als Übergangspräsident eingesetzt. Am 11. Juli 1954 wurde Stroessner als einziger Kandidat vom Kongress Paraguays per Akklamation zum Staatspräsidenten gewählt. Am 15. August 1954 übergab Romero sein Amt an Stroessner, der es acht Amtszeiten lang innehatte.

Paraguay entwickelte sich dank Stroessner zu einem vielversprechenden Markt. In groß angelegten Werbekampagnen in Deutschland wurde paraguayisches, „menschenleeres“ Land in westdeutschen Zeitungen angeboten. Die Kapitalgeber wurden durch Investitionsschutz und Hermesbürgschaften abgesichert.[1] Das Auswärtige Amt in Bonn betrachte den glühenden Antikommunisten Stroessner als treuen Verbündeten im Kalten Krieg. Zumal er seine schützende Hand über die 40.000 Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Paraguay eingewandert waren, darunter viele stramme Nationalsozialisten, hielt. Stroessner unterdrückte Widersacher wie die „Liga Agraria“ (Bauernliga), die Kommunistische und die Liberale Partei.[1]

Mit 35 Jahren war seine Regierungszeit, nach der von Fidel Castro, die zweitlängste in Lateinamerika. Er regierte autoritär und besetzte alle wichtigen Positionen mit seinen Parteigängern von der Colorado-Partei. Erst im April 2008 unterlag diese bei den Präsidentschaftswahlen einem Mitte-links-Bündnis. Außenpolitisch positionierte sich Stroessner vor allem als strikter Antikommunist, was ihm die finanzielle Unterstützung durch die USA einbrachte. 1968 stattete Stroessner den USA einen Staatsbesuch ab.[2] Stroessner soll den USA auch angeboten haben, paraguayische Truppen nach Vietnam zu schicken, um die USA im Vietnamkrieg zu unterstützen und bot Hilfe bei der Invasion der Dominikanischen Republik an.[3] Nach offiziellen Angaben „verschwanden“ unter Stroessners Herrschaft etwa 400 Menschen (Desaparecidos genannt), während unabhängige Schätzungen von über 3000 Todesopfern ausgehen. Sehr viele Oppositionelle wurden gefoltert oder inhaftiert, etwa zwei Millionen gingen ins Exil. Daneben unterhielt Stroessner auch gute Kontakte mit anderen südamerikanischen Gewaltregimen, unterstützte Militärputsche in anderen südamerikanischen Ländern und kooperierte mit den Diktaturen in Brasilien, Uruguay, Argentinien und Chile beim Informationsaustausch und der Verfolgung linker Aktivisten im Rahmen der Operation Condor.

Briefmarke aus Paraguay mit Porträt von Alfredo Stroessner

1972 wurde Stroessner, durch den deutschen Ethnologen Mark Münzel und anderen, vorgeworfen für den Genozid an den Aché, verantwortlich zu sein.[4] Die Aché wurden gewaltsam in die Mbaracayú-Region vertrieben, dort systematisch verfolgt, es wurden Razzien veranstaltet und sie wurden getötet. Ihre Kinder wurden verkauft und an paraguayische Familien übergen.[1] Aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung sollen bei der Vertreibung und Umsiedlung ca 38 % der Aché an Krankheiten gestorben sein[5].

Eines der größten Projekte unter Stroessners Herrschaft war der Bau des Itaipú-Staudammes, Siemens lieferte die elektrischen Generatoren und Voith Brasilien die Turbinen[1], des momentan zweitgrößten Wasserkraftwerks der Welt nach dem Drei-Schluchten-Damm in China. Stroessner unternahm viele Infrastrukturprojekte, vor allem im Straßenbau. Er versprach jedem Soldaten, der sich verpflichtete, das Land zu bebauen, zum Ablauf seines Dienstes ein Grundstück von zwanzig Hektar für einen geringen Kaufpreis; über 10.000 Soldaten nahmen dieses Angebot an.

Entmachtung und Exil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

General Andrés Rodríguez, Oberbefehlshaber der Armee (und Schwiegervater von Stroessners Sohn Hugo Alfredo) entmachtete Stroessner durch einen Militärputsch am 3. Februar 1989. Stroessner floh nach Brasilien, wo er bis zu seinem Tode blieb, und entzog sich damit einer Anklage wegen Menschenrechtsverletzungen. Sein Sohn war ebenfalls nach Brasilien geflohen; er stand unter dem Verdacht, sich bei Grundstücks- und Devisengeschäften unter Ausnutzung seiner familiären Stellung unrechtmäßig bereichert zu haben. Nach freien Wahlen wurde General Andrés Rodríguez Stroessners Nachfolger als Präsident.

Die im Osten Paraguays gelegene Stadt Puerto Flor de Lis, die Stroessner zu Ehren in Puerto Presidente Stroessner umbenannt worden war, wurde 1989 in Ciudad del Este umbenannt. Asuncións Flughafen, der während seiner Diktatur nach ihm benannt war, wurde später in Aeropuerto Internacional Silvio Pettirossi umbenannt.

Stroessner erlag am 16. August 2006 im Alter von 93 Jahren einer Lungenentzündung als Folge einer Leistenbruch-Operation. Er wurde im August 2006 auf einem Friedhof im Süden der brasilianischen Hauptstadt Brasília beigesetzt.[6]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stroessner wurde vom bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel (CSU) 1973 der Bayerische Verdienstorden verliehen.[7]

Kommission für Wahrheit und Gerechtigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

19 Jahre nach dem Ende der Diktatur legte die „Kommission für Wahrheit und Gerechtigkeit“ in Paraguay ihren Abschlussbericht über die Verbrechen des Stroessner-Regimes vor. Darin wird festgestellt die Aché seien Opfer eines Völkermordes gewesen. Basierend auf dem Beweismaterial reichte 2013 eine internationale Juristengruppe bei der argentinischen Justiz eine Klage wegen Völkermordes ein, da paraguayische Stellen untätig geblieben waren. Im Rahmen der universellen Gerichtsbarkeit, nach der Verbrechen gegen die Menschheit nicht nur am Ort des Geschehens verfolgt werden dürfen, nahm der Richter das Verfahren an.[1][8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anibal Miranda: Stroessner. Miranda & Asociados, Asuncion, Paraguay 2004, ISBN 99925-3-307-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Alfredo Stroessner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Gaby Weber: Die „angebliche“ Indianerverfolgung in Paraguay, Aus dem Archiv des Auswärtigen Amtes, Deutschlandfunk, 26. April 2016
  2. Alfredo Stroessner; Paraguayan Dictator. In: The Washington Post. 17. August 2006.
  3. Artikel in der Washington Post
  4. Tollwütige Ratten, Spiegel, 25. Dezember 1972
  5. [Melia, B a, L. Miraglia, M. Münzel, and C. Münzel. (1973) La Agonia de 10s Aché Guayaki: Hisoria y Cantos. Centro de Estudios Antropologicos, Universidad Catolica: Asunción. Wissenschaftliche Abhandlung über die Aché (spanisch)]
  6. Englischer Artikel über die Beisetzung Stroessners
  7. Artikel auf der Website des WDR
  8. http://www.buenosairesherald.com/article/156570/paraguay-genocide-charges-filed
Vorgänger Amt Nachfolger
Tomás Romero Pereira Präsident Paraguays
1954–1989
Andrés Rodríguez