allesdichtmachen

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Unter den Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer kommentierten 50 deutschsprachige Schauspieler und zwei Regisseure Ende April 2021 mit ironisch gemeinten Videos die Corona-Politik der Regierungen und die Medienberichterstattung zum Thema. Die Aktion sorgte für mediales Aufsehen und eine kontroverse Debatte.

Inhalt der Videos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die verschiedenen Videos folgen einem einheitlichen Schema. Die Darsteller befinden sich in der Regel allein in einer hellen wohnraumartigen Kulisse. Sie stellen sich zunächst mit ihrem wirklichen Namen oder Künstlernamen und mit ihrem Beruf vor, der zugleich ihre Rolle bezeichnet: als Schauspieler. Anschließend nehmen sie, satirisch zugespitzt, Positionen ein, in denen sie ein von Angst, Neid und Misstrauen geprägtes Leben in extremer Kontaktreduzierung als erstrebenswert beschreiben und dazu aufrufen, die zum Schutz vor der Corona-Pandemie erlassenen „Maßnahmen der Bundesregierung“, womit die deutsche ebenso wie die österreichische gemeint sein kann, vorbehaltlos zu unterstützen. Dabei werden vielfältige gesellschaftliche Folgeprobleme ironisch als Erfolge dargestellt: die familiäre Gewalt infolge von Schulschließungen (Felix Klare), die psychische Belastung von Kindern (Kathrin Osterode) und Erwachsenen (Vicky Krieps, Volker Bruch) und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich (Nadine Dubois, Thorsten Merten). Auch dass abweichende Meinungen schädlich erschienen (Nina Gummich) und die Grundrechte insgesamt aus dem Blick gerieten (Tina Maria Aigner), dass die Theater leer seien (Jens Wawrczeck) und alteingesessene Geschäfte schließen müssten (Kea Könneker), wird sarkastisch als erwünscht dargestellt. Die COVID-19-Pandemie selbst ist nicht Thema der Videos, auch wenn die alleinige Ausrichtung aller Maßnahmen am Inzidenzwert indirekt angesprochen wird (Kathrin Osterode, Miriam Stein). Dass die Schauspieler selbst mit ihrer Aktion drohen, Beifall von der falschen Seite zu bekommen (Christian Ehrich), wird vorausschauend ebenso karikiert wie die aus ihrer Sicht einseitige Medienberichterstattung (Jan Josef Liefers).

Am deutlichsten ist die Zuspitzung im Beitrag von Ulrich Tukur, der dazu aufruft, „ausnahmslos jede menschliche Wirkungsstätte und jeden Handelsplatz“ zu schließen: „Sind wir erst am Leibe, und nicht nur an der Seele verhungert und alle mausetot, entziehen wir auch dem Virus samt seiner hinterhältigen Mutantenbagage die Lebensgrundlage.“[1] Liefers bedankt sich auf sarkastische Weise bei „allen Medien unseres Landes, die dafür sorgen, dass kein unnötiger kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung“.[2] In ähnlicher Weise werden auch vielfach Schutzmaßnahmen gegen COVID-19 wie etwa Maskentragen oder Vermeidung von sozialen Kontakten gelobt.

Die Videos haben eine Länge von 48 bis 172 Sekunden, wobei die Mehrzahl der Videos ungefähr eine Minute dauert.

Teilnehmende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

53 Videos folgender 52 Filmschaffender[3] befanden sich ursprünglich auf der Seite allesdichtmachen.de.[4] Die mit Kreuzen (Nein) gekennzeichneten Videos sind nicht mehr auf der Seite vorhanden – das Fehlen von Videos bedeute laut der offiziellen Webseite nicht zwingend, dass sich die jeweiligen Personen davon distanzieren, sondern könne auch bedeuten, dass sie sich nicht in der Lage sähen, die Rückmeldungen auszuhalten.[5]

Zu einer Teilnahme eingeladen war auch der Schauspieler Kida Khodr Ramadan. Er erklärte nach der Veröffentlichung der Videos und der beginnenden Diskussion darüber, er habe abgelehnt, weil er „ein schlechtes Gefühl“ gehabt und von den Initiatoren keine Antwort auf die Frage erhalten habe, worauf die Aktion abziele.[6]

Auch Moritz Bleibtreu soll zunächst in die Aktion eingebunden gewesen sein; Bleibtreu habe bestätigen lassen, dass er „eine Zeit lang mit mehreren Kollegen dazu im Dialog“ stand. Er soll sieben Schauspieler zur Aktionsteilnahme angesprochen haben, habe sich selbst dann jedoch dazu entschlossen, die Aktion nicht zu unterstützen.[7]

Initiatoren und Zielsetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Impressum der Internetseite der Aktion steht Bernd K. Wunder, bürgerlich Bernd Katzmarczyk,[8] als „Vertretungsberechtigter Geschäftsführer“. Er trat in der Vergangenheit mit Thesen in Erscheinung, die das Virus COVID-19 alles in allem als ungefährlich bezeichnen,[9] nannte im Juli 2020 Befürworter eines Teil-Lockdowns „Mundschutzknappen“, verglich das COVID-19-Virus mit dem Grippevirus[10] und verwendete den Ausdruck „Coronazi“,[10] der bei Coronaleugnern und „Querdenkern“ diffamierend verwendet wird.[11] Gegenüber dem Magazin Focus räumte Wunder ein, Corona anfangs fälschlicherweise als eine Art Grippe verharmlost zu haben. Inzwischen halte er Corona für eine gefährliche Krankheit. Er wies jede Nähe zu rechten Kreisen und Querdenkern zurück und distanzierte sich von der AfD: „Wir sind bei all jenen, die zwischen die Fronten geraten sind. Den Verängstigten, den Verunsicherten und Eingeschüchterten und jenen die verstummt sind.“[10]

Wie unter anderem der Deutschlandfunk und das Medienmagazin Zapp berichteten, waren der Filmregisseur Dietrich Brüggemann sowie die Schauspieler Bruch und Liefers Initiatoren der Aktion.[12] Die Idee dazu sei „in persönlichen Gesprächen einer Gruppe Filmschaffender“ bereits im Februar entstanden, man habe die vorgetragenen Texte „untereinander ausgetauscht und redigiert“.[3]

Nach Meinung des Tagesspiegel und des Recherchenetzwerk Antischwurbler spielte auch Paul Brandenburg eine wichtige organisatorische Rolle.[7] Er selbst dementierte dies jedoch.[13]

Brüggemann kritisierte, die deutsche Gesellschaft unterwerfe sich – auch im Vergleich zu anderen Todesursachen als Corona oder im internationalen Vergleich – „absurden Regeln“. Ziel des Projekts sei, den „Diskursraum“ hierzu wieder aufzumachen,[14] um die Diskussion über die Angemessenheit der Corona-Schutzmaßnahmen „wieder zu öffnen, zu verbreitern“. Die Initiatoren nehmen für sich in Anspruch, „Stimmen Gehör zu verschaffen, die bisher nicht gehört wurden oder die keine Bühne gefunden haben“. Liefers beschrieb die Aktion als einen „ironischen und auch Corona-konformen Protest von Leuten, die sich im Moment alle auf ihre Art und Weise nicht sehr gut wiederfinden konnten, unter anderem auch in den Medien, zu denen ich mich auf eine gewisse Zeit auch mitzähle“.

In einer später auf der Aktionsseite ergänzten Stellungnahme mit unklarer Autorschaft wird keine Relevanz in Bezug auf die konkrete Corona-Politik beansprucht: „Wir behaupten auch nicht, es besser zu wissen und auch nicht, dass alle Maßnahmen falsch sind.“[4]

Produktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie die Beteiligten zu dem Projekt stießen und die Videos produziert wurden ist unklar. Brüggemann bezeichnet es als „dezentrales Gruppenprojekt“. Ein Schauspieler, der namentlich nicht genannt werden möchte, benannte Brüggemann und die Regisseurin Jeana Paraschiva als „federführend“ in der Planung.[15] Auch Richy Müller erklärte in einem Interview, von Brüggemann kontaktiert worden zu sein.[16] Der Tatort-Regisseur und FDP-Lokalpolitiker Tom Bohn war nach eigenen Angaben im Vorfeld an der Vermittlung von Schauspielern für die Aktion beteiligt.[17]

Versandt wurde eine Projektskizze mit Textvorschlägen per E-Mail, aus denen die Empfänger jenen Text aussuchen sollten, den sie dann vortragen würden, sowie ein Plan mit Drehorten und Zeitfenstern für die Aufnahmen.[15] Einzelne Beteiligte, darunter Liefers und Rubey[18], haben ihre Texte nach eigenen Aussagen selbst verfasst. Wo die Darsteller, anders als etwa Müller und Rubey[16][18], die Videos nicht selbst aufnahmen, wurden sie von Brüggemann und Wunder an mehreren Tagen in Berlin, München und Wien gedreht und dann von ihnen geschnitten.[3] Rund die Hälfte der Videos mit vor allem in Berlin lebenden Beteiligten wurde dabei in derselben Wohnung aufgezeichnet.[19]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Debatte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Aktion wurde vielfältig debattiert[20][21][22] und insgesamt gemischt aufgenommen, es gab vielfältige scharfe Kritik, aber auch starken Zuspruch. Weitere Stimmen lehnten die Protestaktion bzw. deren ironisch-sarkastische Form ab, nahmen die beteiligten Schauspieler aber in Schutz.

Kritiker warfen der Kampagne vor, die Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie zu verhöhnen. Die Videos strotzten vor „Hohn und Zynismus“, während Vorschläge fehlten, wie man die Bevölkerung stattdessen vor dem Virus schützen könne. Die Videos enthielten Botschaften, wie man sie von Querdenkern kenne, und es würden Narrative bedient, die Bestandteil von Verschwörungstheorien seien:[23] „Die Pandemie sei Panikmache, die Medien seien gleichgeschaltet, die Bundesregierung regiere autoritär.“[21] Hugo Müller-Vogg attestierte den Schauspielern im Focus eine „egomane Innenwelt“. „Das Ausmaß an menschlichem Leid und an mitmenschlichem Engagement scheint einer halben Hundertschaft bekannter Bühnen- und Fernsehstars verborgen geblieben zu sein“, so Müller-Vogg.[22] Teilweise wurde auch eine Nähe zum Milieu der Coronaleugner und der „Querdenker“-Bewegung unterstellt.[24][25] Die Philosophin und Wissenschaftsjournalistin Svenja Flaßpöhler hingegen bezeichnete in der Sendung Studio 9 des Deutschlandfunk Kultur die ablehnenden Reaktionen von Journalisten als „twitterblasenbasierten Reflexjournalismus“. Sie selbst warnte davor, mit dem Verweis auf den Schutz von Gesundheit und Leben Freiheitsrechte undiskutiert aufzugeben: „Wenn wir das nackte Leben auf diese absolute Weise schützen wollen, dann leben wir nicht mehr.“[26]

Mehrere nicht an dem Projekt beteiligte Schauspieler hatten zuvor in den sozialen Netzwerken teilweise scharfe Kritik an der Aktion geäußert, die in den Medien vielfach aufgegriffen worden war. Elyas M’Barek teilte via Instagram mit, dass mit Zynismus keinem geholfen sei. Jeder wolle zur Normalität zurückkehren, und das werde auch passieren. Nora Tschirner warf den Kollegen neben Zynismus auch „Langeweile“ vor. Christian Ulmen erinnerten die Videos an die Erzählungen des Aktivisten Ken Jebsen.[25] Ulrich Matthes bezeichnete die Videoaktion als „misslungen“, er empfinde sie als zynisch.[27] Die Rufe nach Berufsverboten nannte er aber „grotesk“ und plädierte dafür, auf beiden Seiten abzurüsten und „im Gespräch zu bleiben oder überhaupt wieder ins Gespräch zu kommen“.[28]

Georg Restle zeigte in einem Kommentar für die Tagesthemen Verständnis „für die vielen, die sich seit Monaten solidarisch an die Corona-Regeln halten und sich dadurch verhöhnt fühlen“. Einige Reaktionen würden aber „weit übers Ziel hinausschießen“. Man müsse auch darüber offen streiten können, „ob Ausgangssperren wirklich angemessen sind – oder warum die Kultur im Land komplett dicht gemacht wird, die Schlachthöfe aber offen bleiben“. Nach Ansicht Restles solle man aus der Debatte lernen: „Dass dieses plumpe Schwarz/Weiß-Denken endlich aufhört, mit dem wir uns reflexartig gegenseitig in irgendwelche Ecken treiben, aus denen dann keiner mehr rauskommt.“[29]

Politisch wurde die Diskussion um #allesdichtmachen schnell zum Thema, da das Projekt nicht nur von Gruppierungen, die bereits seit dem Frühjahr 2020 die Verhältnismäßigkeit der Coronamaßnahmen und die Beschränkung von Grundrechten kritisierten (wie die Partei dieBasis), positiv aufgenommen wurde, sondern in den sozialen Medien sofort von einigen Vertretern des rechten beziehungsweise rechtskonservativen Spektrums wie Hans-Georg Maaßen und Alice Weidel begrüßt wurde. Zustimmend äußerte sich auch die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht. Dagegen nannte der Grünen-Co-Parteivorsitzende Robert Habeck die Kampagne zwar „in ihrer Pauschalität und ihrer krassen Zuspitzung unangemessen“, er verstehe aber die Verzweiflung vieler Kulturschaffender. Es brauche „Raum für eine kritische und streitbare Debatte über etwas, das so tief in unser aller Leben und unser aller Freiheit eingreift“.[30] Der Bühnenverband Schauspiel wies darauf hin, dass viele Schauspieler Angst hätten, nie mehr vor Publikum spielen zu dürfen, ihre Jobs, Altersvorsorge, Lebensgrundlage und Hoffnung zu verlieren. Viele der etwa 15.000 bis 20.000 professionellen Schauspielerinnen und Schauspieler in Deutschland hätten seit März 2020 kaum oder kein Einkommen.[25]

In Folge des diffamierenden Shitstorms[31] ließen mehrere der Teilnehmenden ihre Videos wieder löschen und beendeten die Mitarbeit an der Aktion. Makatsch „distanzierte sich eindeutig von rechtem Gedankengut“. Andere Schauspieler taten es ihr gleich und verwiesen darauf, dass die Aktion schiefgelaufen sei. Katharina Schlothauer entschuldigte sich, falls sich Betroffene oder deren Angehörige diffamiert oder verletzt fühlten beziehungsweise den Eindruck gewonnen hätten, ihr Leid sei in Abrede gestellt worden.[32] „Die Videos, die entstanden sind, wurden falsch verstanden, sind vielleicht falsch zu verstehen“, begründete etwa Folkerts ihre Distanzierung.[33] Das wiederum befand Mathias Brodkorb von der SPD für unverständlich. Im Cicero kommentierte er: „Kein vernünftiger Mensch könne etwas dafür, wenn ihm Idioten applaudieren. Das liegt allein im Vermögen der Idioten selbst. Aber dieses Framing funktioniert in Deutschland noch immer tadellos.“[34] Der CDU-Vorsitzende und -Kanzlerkandidat Armin Laschet befand, es sei „ganz schlimm“, dass gegenüber Andersdenkenden zu leichtfertig der Vorwurf einer rechten Gesinnung erhoben werde. Von diesen 50 sei niemand AfD oder rechts.[35]

Mitinitiator Dietrich Brüggemann gab den Vorwurf, die Corona-Opfer zu verhöhnen, zurück, indem er seinerseits den Kritikern der Aktion vorwarf, sie verhöhnten die Opfer. „Ihr trampelt auf denen herum, die jetzt selbstmordgefährdet sind. Ihr spuckt auf all die, die ihre Existenz verloren haben.“[36] Er wies er darauf hin, dass sich der Umgang der Gesellschaft mit den Corona-Toten fundamental von dem unterscheide, wie man sonst mit vermeidbaren Todesursachen umgehe. Statt zum Beispiel den Autoverkehr komplett einzustellen, um keine Verkehrstoten mehr zu haben, habe man sich auf Kompromisse geeinigt: „Wir fahren Auto, aber wir haben ein Tempolimit. Wir trinken Schnaps, aber nicht jeden Tag.“ Wenn aber das neue Paradigma der Gesellschaft heiße, „um jeden Preis“ Corona-Tote zu verhindern, „dann können die Maßnahmen nie genug sein, und das kritisieren wir mit dieser Aktion“. Es müsse der Gesellschaft irgendwann gelingen, auch Corona „in unser etabliertes, erprobtes Verhältnis zum Tod“ einzubauen.[14] Die Kritik an den Videos bezeichnete er als „faschistoiden Shitstorm“ und die daran Beteiligten als „Lynchmob“.[15][37]

Nach Aussage Brüggemanns seien einige derjenigen, die Videos zurückzögen, unter Druck gesetzt und bedroht worden, stünden aber weiter hinter der Aktion.[14] Laut ihrem Bruder Ben Becker erhielt Meret Becker Morddrohungen.[38] Garrelt Duin (SPD), Mitglied des WDR-Rundfunkrates, forderte „Konsequenzen“ für die beteiligten Schauspieler, da diese sich als „Vertreter der öffentlich-rechtlichen Sender“ „unmöglich“ gemacht hätten. Er forderte „schnellstens“ eine Beendigung der Zusammenarbeit der zuständigen Gremien „auch aus Solidarität mit denen, die wirklich unter Corona und den Folgen leiden“. Nachdem Duin sich daraufhin einem Shitstorm ausgesetzt gesehen hatte, löschte er den Tweet und stellte fest, dass sein Tweet inhaltlich überzogen und seiner Rolle als Mitglied im Rundfunkrat nicht angemessen war. Inhaltlich blieb er aber bei seiner Kritik.[39] Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) machte den Schauspielern hingegen ein Gesprächsangebot. Er sagte, er fände es schade, „wenn der Eindruck da wäre, dass es nicht auch kontroverse, abwägende Diskussionen gibt“, die im Bundestag ja stattgefunden hätten.[40]

In der Debatte um #allesdichtmachen sprach die Politikwissenschafterin Ulrike Guérot von einer „homogenisierten Medienlandschaft“ im Hinblick auf die Corona-Maßnahmen. Die Künstler hätten, so ihre Sichtweise, auf die Hysterie im Diskurs um die Corona-Maßnahmen aufmerksam machen und auf gesellschaftliche Gefahren von Grundrechtseinschränkungen hinweisen wollen. „Ich halte das für völlig legitim“, betonte Guérot. „Und wenn man jetzt sagt, wenn das von rechts vereinnahmt wird, dann darf das nicht sein, dann ist genau das das Problem unseres heutigen Diskurses, weil es gibt keinen Raum mehr für legitime Kritik.“[41]

Von den beteiligten Schauspielern erklärten Christian Ehrich in einem Interview mit der Hessenschau[42] und Jan Josef Liefers im Interview mit dem WDR[43] sowie in Radio Bremen[44] ihre Motivation. Dass eine Vereinnahmung der Aktion nicht vorhersehbar gewesen wäre, ist laut der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim nicht nachvollziehbar. Gegenüber Liefers betonte sie in der Sendung Maybrit Illner am 29. April 2021, es hätte ihm bewusst sein müssen, dass er das Narrativ der Querdenker benutze. Er hätte sich so zum „Kronzeugen der Rechten“ gemacht.[45] Hingegen begrüßten Wolfgang Kubicki (FDP) und Boris Palmer (Bündnis 90/Grüne) in derselben Sendung die Aktion. Palmer bedankte sich ausdrücklich bei Liefers dafür und sagte: „Es wird immer die Urteilskraft der Bürger unterschätzt. Die Leute sind nicht blöd – das sind mündige Bürger.“ Diese brauchten keine „Vordenker, die ihnen klarmachen, was die gute Seite der Macht ist. Wir müssen miteinander streiten, um im Gespräch und zusammenzubleiben.“ Liefers kritisierte erneut die „Homogenität in der Berichterstattung“ und den „Alarm“, der stets verbreitet worden sei.[46][47]

Anfang Mai wurde bekannt, dass Mitinitiator Volker Bruch einen Mitgliedsantrag bei der Partei dieBasis stellte, die als Querdenken-nahe gilt.[48]

Die Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer wurden am 22. April 2021 binnen kürzester Zeit die meistverwendeten bei Twitter in Deutschland.

Satirische Adaptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kampagne entgegengesetzt stand der Hashtag #allenichtganzdicht, der u. a. von Jan Böhmermann initiiert wurde.[20] Nora Tschirner startete mit anderen den Hashtag #allesschlichtmachen.[49] Lutz van der Horst stellte am 23. April ein Video ins Netz, in dem er die Schauspieler mit sehr ähnlichen Stilmitteln angriff: Zu diesem Zeitpunkt an COVID-19 erkrankt, stellte er sich im Bademantel dar, bedankte sich bei seinen Kollegen für seine Erkrankung und mögliche kommende Komplikationen, lud sie auf ein Glas Wein in seine Wohnung ein und beendete sein Video mit einem heftigen Hustenanfall.[50]

Reaktionen aus dem medizinischen Bereich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lobende Worte fand der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit; er bezeichnete die Aktion als „Meisterwerk, welches uns sehr nachdenklich machen sollte“.[51] Auch der Virologe Hendrik Streeck äußerte Verständnis für #allesdichtmachen. Streeck sieht an der Aktion sehr deutlich, dass die Politik es nicht geschafft habe, alle Menschen mitzunehmen. Die Schauspieler haben „auch einen Punkt. Sie sagen ja auch mit den vielleicht etwas zynischen Aussagen etwas zu ihrer Situation“, so Streeck.[52]

Unter anderem der hauptberuflich als Notfallsanitäter tätige Moderator Tobias Schlegl äußerte sich auf Twitter kritisch über die Machart der Aktion.[53] Unter dem Hashtag #allemalneschichtmachen kritisierte die Notärztin und Bloggerin Carola Holzner die Aktion und forderte die beteiligten Künstler auf, sich für eine Schicht der Realität im Rettungsdienst oder einer Notaufnahme zu stellen.[54] Besonders kritisiert wurde in diesen Kreisen ein später zurückgezogenes Video, in dem ironisch eine „Corona-Atmung“ empfohlen wird, da dies an Patienten erinnere, welche unter akuter Atemnot litten.[55][32] Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte, wer sich über die Corona-Schutzmaßnahmen lustig mache, zeige kein Mitgefühl für 80.000 Corona-Tote, ihre Angehörigen und die Sorgen der Menschen.[56] Dagegen kritisierte Gesundheitsminister Jens Spahn eine auf beiden Seiten zu findende „Hypermoral“, in der „die Toten instrumentalisiert“ würden, um jegliche Debatte zu beenden.[57] Liefers teilte in einem Interview mit der Zeit auf Nachfrage mit, er habe sich, dem Aufruf von Carola Holzner folgend, für eine Schicht auf ihrer Intensivstation angemeldet.[57] Der Direktor des Essener Universitätsklinikums, Jochen A. Werner, erteilte dem allerdings eine Absage.[58]

Lisa Federle, Notfallmedizinerin und Mitinitiatorin des im Oktober 2020 begonnenen Tübinger Wegs, äußerte Verständnis für die Aktion. Es gehe darum, „noch einen anderen Weg zu suchen, nicht nur den Weg des Zumachens.“ Mit Unterstützung von Jan Josef Liefers arbeitet sie an einem durch Inkrafttreten der „Bundesnotbremse“ abrupt beendeten Projekt, das es Kindern auch in Zeiten der Pandemie ermöglichen soll, draußen Sport machen zu können.[44]

Mehrere Ärzte und Lehrbeauftragte der medizinischen Lehre haben sich im Rahmen der Aktion Danke #allesdichtmachen[59], welches von den Initiatoren des offenen Ärztebriefs[60] an Karl Lauterbach, u. a. Paul Brandenburg, gestartet wurde, für die Aktion der Schauspieler bedankt und teilweise mit ihren Erfahrungen aus dem persönlichen Berufsalltag auf das Leid von Menschen aufgrund der Corona-Maßnahmen der Bundesregierung aufmerksam gemacht.[61]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schauspieler sorgen für Aufsehen – und kassieren Lob und Shitstorm. In: faz.net. 23. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  2. Alexander Krei: Liefers über Protest-Aktion: „Ansonsten verbindet uns nur wenig“. In: dwdl.de. 24. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  3. a b c Nils Altland, Jochen Becker: #allesdichtmachen: Trotz und Zerknirschung bei den Machern der Kampagne. In: ZAPP. NDR, 26. April 2021, abgerufen am 30. April 2021.
  4. a b Internetseite allesdichtmachen.de. 22. April 2021, abgerufen am 23. April 2021 (Memento des Internet Archive vom 22. April 2021 um 18:26:56 Uhr.).
  5. Stellungnahme unklarer Autorschaft auf der Aktionsseite allesdichtmachen.de, abgerufen am 29. April 2021.
  6. Jens Maier: Auch er war angefragt: Kida Ramadan erhebt schwere Vorwürfe gegen #allesdichtmachen. In: Stern. 23. April 2021, abgerufen am 30. April 2021.
  7. a b tagesspiegel.de, 1. Mai 2021, abgerufen am 1. Mai 2021
  8. Moritz Dickentmann: "Wir leugnen Corona nicht!": Jetzt spricht der Mann hinter dem bizarren Protestvideo. In: stern.de. 24. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  9. Nadeschda Scharfenberg: Schauspieler gegen Corona-Maßnahmen: Alle nicht ganz dicht? In: sueddeutsche.de. 23. April 2021, abgerufen am 24. April 2021.
  10. a b c Göran Schattauer: "Wir leugnen Corona nicht!": Jetzt spricht der Mann hinter dem bizarren Protestvideo. In: Focus.de. 23. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  11. Der Kopf hinter #allesdichtmachen: Spielten die Schauspieler einem Corona-Verharmloser in die Karten? In: RTL, 24. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
    Moritz Dickentmann: Ahnungslose Agenten und Skripte für die Akteure? Was wir über die Entstehung des Promi-Furors wissen. In: Stern, 24. April 2021, abgerufen am 26. April 2021.
    Elizabeth Grenier: Kontroverse um die Protestaktion #allesdichtmachen in Deutsche Welle, 23. April 2021, abgerufen am 26. April 2021.
  12. Regisseur Brüggemann zu #allesdichtmachen: „Kritik muss wehtun“. In: deutschlandradio.de. 23. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  13. Michael Hanfeld: Querdenkende Schauspieler? In: FAZ. 4. Mai 2021, abgerufen am 5. Mai 2021.
  14. a b c "Wir unterwerfen uns absurden Regeln". In: n-tv.de. 24. April 2021, abgerufen am 24. April 2021.
  15. a b c Eine Spur führt ins Querdenker-Milieu. Der Tagesspiegel, 29. April 2021, abgerufen am 30. April 2021.
  16. a b Richy Müller & #allesdichtmachen: „Ich war blauäugig“. In: n-tv. 23. April 2021, abgerufen am 30. April 2021.
  17. „Es versteht doch wirklich keiner mehr, was in Deutschland passiert“. In: Welt.de. 24. April 2021, abgerufen am 11. Mai 2021.
  18. a b Manuel Rubey über #allesdichtmachen: „Ein kafkaesker Albtraum“. Der Standard, 30. April 2021, abgerufen am 30. April 2021.
  19. Daniel Laufer: #allesdichtmachen: Auf die Fresse. netzpolitik.org, 24. April 2021, abgerufen am 30. April 2021.
  20. a b Schauspieler sorgen mit der Aktion „Alles dicht machen“ für Aufsehen. In: zeit.de. 23. April 2021, abgerufen am 24. April 2021.
    „Alles dicht machen“: Youtube-Aktion stößt auf Lob und Kritik. In: ndr.de. NDR, 24. April 2021, abgerufen am 24. April 2021.
  21. a b „Alles dicht machen“ ist so schäbig, dass es weh tut. In: tagesspiegel.de. 23. April 2021, abgerufen am 24. April 2021.
  22. a b Hugo Müller-Vogg: Kommentar zu #allesdichtmachenSchauspieler aus dem Elfenbeinturm: Was für ein schäbiges, menschenverachtendes Theater. In: focus.de. 23. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  23. Kritik an Netzaktion: #allesdichtmachen ist Schützenhilfe für Querdenker. Abgerufen am 29. April 2021.
  24. Martin Schmidt: Kommentar zu #allesdichtmachen: Geschmacklos zynisch. In: tagesschau.de. 23. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  25. a b c Schauspieler gegen Corona-Politik: Gelungene Protestaktion oder Dammbruch? In: tagesschau.de. 23. April 2021, abgerufen am 24. April 2021.
    Liefers im WDR: #allesdichtmachen „satirisch gemeinte Protest-Aktion“. In: wdr.de. 23. April 2021, abgerufen am 24. April 2021.
  26. Der Tag mit Svenja Flaßpöhler. In: Deutschlandfunk Kultur. 27. April 2021, abgerufen am 28. April 2021.
  27. NDR: Ulrich Matthes zu #allesdichtmachen: Die Aktion ist zynisch. Abgerufen am 29. April 2021.
  28. „Bei allen liegen die Nerven blank“ www.deutschlandfunkkultur.de, 26. April 2021
  29. Georg Restle: Der Tagesthemen-Kommentar von Georg Restle zur Aktion #allesdichtmachen vom 23.04.2021. In: Tagesthemen. das erste, 23. April 2021, abgerufen am 12. Mai 2021.
    Debatte über #allesdichtmachen"Geht’s noch?" Tagesthemen-Kommentator fordert Ende von „plumpem Schwarz-Weiß-Denken“. In: focus.de. 23. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  30. Schauspieler ziehen ihre Videos zurück www.tagesschau.de, 23. April 2021
  31. Markus Gabriel: #allesdichtmachen-Shitstorm zeigt Mechanismus der Diffamierung. In: Kölner Stadtanzeiger. 25. April 2021, abgerufen am 12. Mai 2021.
  32. a b DerWesten- derwesten.de: „Alles dicht machen“: DIESES Video regt besonders viele auf – „Absolut widerlich und menschenverachtend“. 27. April 2021, abgerufen am 27. April 2021.
  33. Mehrere Schauspieler distanzieren sich von eigener Aktion. In: Die Zeit. 24. April 2021, abgerufen am 24. April 2021.
  34. Mathias Brodkorb: Neurotisches Deutschland. In: cicero.de. 23. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  35. Liefers legt nach, Laschet hat Verständnis, Folkerts bittet um Entschuldigung. In: faz.net. 24. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  36. Philippe Debionne: Dietrich Brüggemann von Allesdichtmachen: „Ihr seid ein Lynchmob“. In: Berliner Zeitung. 25. April 2021, abgerufen am 27. April 2021.
  37. #allesdichtmachen-Initiatoren rechtfertigen ihren Vorstoß: „Hohles Pathos“ bekämpfen. RedaktionsNetzwerk Deutschland, 23. April 2021, abgerufen am 30. April 2021.
  38. „98 Prozent sagen ‚Danke‘“, welt.de, 25. April 2021, abgerufen 25. April 2021
  39. Michael Hanfeld: Schmeißt den Liefers endlich raus! FAZ.net, 26. April 2021, abgerufen am 28. April 2021.
  40. #allesdichtmachen: ARD-Rundfunkrat fordert Konsequenzen für Tatort-Stars, berliner-zeitung.de, 23. April 2021, abgerufen 25. April 2021
  41. Guérot: „Es gibt keinen Raum mehr für legitime Kritik“, Debatte um #allesdichtmachen, Ulrike Guérot im Gespräch mit Stephanie Rohde, Deutschlandfunk, 24. April 2021, abgerufen 24. April 2021
  42. Christian Ehrich: „Ist inhaltliche Kritik unberechtigt, wenn sie von rechts beklatscht wird?“, hessenschau.de, 24. April 2021, abgerufen am 25. April 2021
  43. #allesdichtmachen: Interview mit Jan Josef Liefers WDR, 23. April 2021, abgerufen am 25. April 2021
  44. a b Schauspieler Jan Josef Liefers zu #allesdichtmachen. In: 3 nach 9. 23. April 2021, abgerufen am 24. April 2021.
  45. „#allesdichtmachen“: Jan Josef Liefers wird bei „Maybrit Illner“ von MaiLab zerlegt. 30. April 2021, abgerufen am 30. April 2021.
  46. Maybrit Illner „Liefers mit fahrigem Talk-Auftritt – Lob von Palmer“, ksta.de, 30. April 2021, abgerufen 30. April 2021
  47. Als Palmer über #allesdichtmachen spricht, schüttelt TV-Star Nguyen-Kim nur den Kopf, focus.de, 30. April 2021, abgerufen 30. April 2021
  48. Hannes Schrader: Das steckt hinter der »Querdenker«-Partei, der Volker Bruch beitreten will. spiegel.de. 4. Mai 2021. Abgerufen am 10. Mai 2021.
    Torsten Landsberg: #allesdichtmachen: Volker Bruchs Nähe zu "Querdenkern". In: Deutsche Welle, 4. Mai 2021. Abgerufen am 10. Mai 2021.
  49. Kurt Sagatz: „Heute bisschen für Kollegen schämen“. In: tagesspiegel.de. 23. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  50. Coronainfizierter Comedian Lutz van der Horst reagiert mit Satirevideo auf #allesdichtmachen. In: rnd.de. 23. April 2021, abgerufen am 24. April 2021.
  51. Corona-Aktion von Schauspielern „peinlich“. In: zdf.de. 23. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  52. Virologe Streeck zeigt Verständnis für #allesdichtmachen. rnd.de, 26. April 2021, abgerufen am 28. April 2021.
  53. #allesdichtmachen: Liefers zu Intensivstations-Schicht bereit – WDR-Rundfunkrat fordert seine Entlassung. 28. April 2021, abgerufen am 30. April 2021.
  54. Ärzte über #allesdichtmachen: »Ihr habt eine Grenze überschritten – eine Schmerzgrenze«. In: spiegel.de. 25. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.
  55. Antwort auf #allesdichtmachen: Krankenhauspersonal fordert Schauspieler zur Arbeit in Kliniken auf. Abgerufen am 27. April 2021.
  56. Reaktionen auf #allesdichtmachenÄrztin: „Ihr habt eine Grenze überschritten“. In: Deutschlandfunk, Die Nachricten. deutschlandfunk.de, 25. April 2021, abgerufen am 27. April 2021.
  57. a b „Ich wurde immer meschuggener. Jan Josef Liefers und Jens Spahn im Gespräch“. In: Die ZEIT. 29. April 2021, abgerufen am 29. April 2021.
  58. „Für uns definitiv kein Thema“ – Liefers auf Intensivstation nicht willkommen, Die Welt, 30. April 2021, abgerufen 30. April 2021
  59. Paul Brandenburg, Friedrich Pürner: Wir unterstützen #allesdichtmachen. Paul Brandenburg, abgerufen am 2. Mai 2021.
  60. Offener Brief an Karl Lauterbach. 30. März 2021, abgerufen am 2. Mai 2021.
  61. Philippe Debionne: #allesdichtmachen: Ärzte danken Schauspielern. In: Berliner Zeitung. Berliner Verlag GmbH, 1. Mai 2021, abgerufen im Mai 2021.