Allgemeiner jüdischer Arbeiterbund

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Der Allgemeine jüdische Arbeiterbund von Litauen, Polen und Russland (jiddisch Algemeyner Yidisher Arbeter Bund in Lite, Poyln un Rusland, אַלגמײַנער ײדישער אַרבײטערסבונד אין ליטע,פוילן און רוסלאַנד, russisch Всеобщий еврейский рабочий союз в Литве, Польше и России), allgemein genannt Der Bund (בונד, Бунд), war eine jüdische Arbeiterpartei, die in den Jahren von 1897 bis 1935 in mehreren osteuropäischen Ländern aktiv war. Sie ist die Keimzelle der Bundistischen Bewegung und lebt heute in mehreren Nachfolgeorganisationen (z. B. International Jewish Labor Bund) weiter.

Anfänge[Bearbeiten]

Der Allgemeine jüdische Arbeiterbund für Polen und Russland wurde am 7. November 1897 in Vilnius gegründet. Der Name war abgeleitet vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Damals umfasste das zaristische Russland Litauen, Weißrussland, die Ukraine und einen Großteil Polens – Länder, in denen die meisten Juden weltweit lebten. 1901 wurde der Name erweitert um "in Litauen".

Inhalte[Bearbeiten]

Hauptziel war es, alle jüdischen Arbeiter des zaristischen Russlands in einer sozialistischen Partei zu vereinigen. Der Bund wollte sich mit der russischen Sozialdemokratie verbünden, um sozialistische unddemokratische Veränderungen in Russland zu erreichen. Ziel war die gesetzliche Anerkennung der Juden in Russland als eigene Nation mit Mimderheitenstatus.

Der Bund war eine säkulare sozialistische Partei und kritisierte die „reaktionäre Natur des traditionellen jüdischen Lebens in Russland“. Der Bund widersetzte sich ebenfalls hartnäckig dem Zionismus, mit der Argumentation, dass die Emigration nach Palästina eine Form des Eskapismus sei. Dennoch waren einige Mitglieder auch weiter zionistisch orientiert.

Der Bund warb für den Gebrauch des Jiddischen als jüdische Nationalsprache und wandte sich gegen das zionistische Projekt der Wiederbelebung des Hebräischen.

Die Doktrin des „Bundes“ fasste Vladimir Medem 1916 wie folgt zusammen: „Nehmen wir an, ein Land besteht aus mehreren Nationalitäten, etwa Polen, Litauer und Juden. Jede dieser Nationalitäten muss eine eigene Bewegung gründen. Alle Bürger einer bestimmten Nationalität müssen einer eigenen Organisation beitreten, die eine Vertreterversammlung in jeder Region und eine allgemeine Vertretung auf Landesebene gründet.“ Die Nationalitäten müssten selbstständige Finanzhoheit haben und das Recht, „Steuern von ihren Mitgliedern zu erheben; der Staat kann aber auch jeder Nationalität aus seinen öffentlichen Mitteln einen entsprechenden Budgetanteil zuteilen.“ Jeder Staatsbürger wäre Mitglied einer nationalen Gruppe, könne diese aber frei wählen. Diese autonomen Bewegungen sollten sich im Rahmen der vom Parlament erlassenen Gesetze entwickeln, Im eigenen Kompetenzbereich wären sie „jedoch autonom, und keine von ihnen hat das Recht, sich in die Angelegenheiten der anderen einzumischen.“ [1].

Mitglieder[Bearbeiten]

Der Bund gewann Mitglieder aus den Reihen jüdischer Künstler und Arbeiter, aber ebenso der wachsenden Gruppe der Intelligenzija für sich.

Er litt wie alle jüdischen Organisationen an einem ständigen Schwund aktiver Mitglieder durch Emigration.

Entwicklung bis 1917[Bearbeiten]

Der Bund wurde bald zu einer auch international vernetzten Gesellschaft jüdischer Sozialisten, hatte politische Kontakte u. a. zu Lenin, Rosa Luxemburg und Otto Bauer und war in vielen europäischen Ländern aktiv.

Er agierte sowohl als politische Partei (soweit die politischen Bedingungen dies erlaubten) als auch als Gewerkschaft. Er gründete zusammen mit der zionistischen Bewegung Poalei Tzion Selbstverteidigungsgruppen, die die jüdischen Gemeinden vor Pogromen und Regierungstruppen schützen sollten.

Bundisten mit Toten, 1905

Eine entscheidende Rolle spielten die weißrussischen Bundisten in der Russischen Revolution von 1905, die sie in den jüdischen Städten anführten.

1910 wurde aus den Reihen der Bundisten und der Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens (SDKPiL) die Jugendorganisation Tsukunft gegründet.

1917 bis 1920[Bearbeiten]

Der Bund unterstützte die Provisorische Regierung in Russland nach der Februarrevolution 1917. Die Oktoberrevolution 1917 wurde von den meisten Mitgliedern abgelehnt.

1918 spaltete sich in der Ukraine ein Kommunistischer Bund ab. 1919 teilte sich die gesamte Partei in einen Kommunistischen Bund und einen Sozialdemokratischen Bund. Der Kombund trat 1920 der Russischen Kommunistischen Partei bei.

Viele Bundisten emigrierten nach Festigung der Sowjetmacht.

Polen und Litauen[Bearbeiten]

Polen und Litauen wurden 1918 unabhängig, und der Bund fuhr mit seinen Aktivitäten in diesen Ländern fort, besonders in den jüdischen Städten des östlichen Polens. In Polen brachten die Bundisten den Einwand vor, dass Juden besser bleiben und für den Sozialismus kämpfen sollten statt zu emigrieren. Als der revisionistisch-zionistische Anführer Wladimir Jabotinsky durch Polen reiste, um für die „Evakuierung“ europäischer Juden zu werben, bezichtigten ihn die Bundisten, dem Antisemitismus Vorschub zu leisten.

Während des Zweiten Weltkriegs operierte der Bund als Untergrundorganisation in Polen weiter. Er spielte eine wichtige Rolle beim Aufbau des Widerstands im Warschauer Ghetto. Während des Krieges wurde er in Polen von Leon Feiner, im Exil von Szmuel Zygielbojm geleitet. Zu den Mitgliedern gehörte auch Marek Edelman. Aber die Massaker an polnischen Juden während der Shoa zerstörten sowohl seine personelle Basis als auch den Glauben, seine Ziele erreichen zu können. Bis 1945 glaubten nur noch wenige der überlebenden Juden Osteuropas an die besondere Vision des Bunds von Sozialismus oder an eine Zukunft für Juden in Europa, und die meisten der Überlebenden emigrierten nach Israel. Die zwangsweise Einrichtung eines kommunistischen Regimes in Polen vernichtete, was vom Bund noch übrig war.

Nachfolgeorganisationen[Bearbeiten]

Die Bundistische Bewegung überlebte als Minderheitenbewegung in jüdischen Gemeinden der Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada und Australien sowie in Israel („Jewish Socialist Labour Bund“). Bereits zwischen den Weltkriegen waren Bundisten in der jüdischen Emigrantengemeinde in New York City aktiv. 1947 wurde auf einer Konferenz in Belgien die Nachfolgeorganisation Internationaler Jüdischer Arbeiterbund (International Jewish Labor Bund) gegründet.

Literatur[Bearbeiten]

  • John Bunzl: Klassenkampf in der Diaspora : zur Geschichte d. jüd. Arbeiterbewegung. Mit e. Vorw. von Karl R. Stadler. Wien : Europa-Verlag 1975
  • M. Agranowskaja et al.: UdSSR-Jahrbuch 1990. Kapitel 4 und 7. Verlag der Presseagentur Nowosti, Moskau 1990.
  • Gertrud Pickhan: „Gegen den Strom". Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund „Bund“ in Polen 1918-1939. Schriften des Simon-Dubnow-Instituts Leipzig Band I, Leipzig 2001.
  • Jack Jacobs: Jewish Politics in Eastern Europe: The Bund at 100, Palgrave, Bsingstoke, Hampshire, England 2001 ISBN 0-333-75462-X.
  • Jack Jacobs: Bundist Counterculture in Interwar Poland, Syracuse University Press, Syracuse, New York 2009 ISBN 978-0-8156-3226-9.
  • Daniel Blatman: Notre liberté et La Vôtre - Le Mouvement ouvrier juif Bund en Pologne, 1939-1949. 2002, ISBN 2-204-06981-7.
  • Peter Heumos: Jüdischer Sozialismus im Exil. Zur politischen Programmatik der Exilvertretung des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes in Polen im Zweiten Weltkrieg, in: Exilforschung. Ein internationales Jahrbuch. Band 4, 1986, Das jüdische Exil und andere Themen, München 1986, S. 62-82.
  • Robert S. Wistrich: Rosa Luxenburg, Leo Jogiches and the Jewish Labour Movement, 1893-1903, in: Ada Rapoport-Albert; Stephen J. Zipperstein (Hrsg.): Jewish History: Essays in Honour of Chimen Abramsky. London : Halban 1988, S. 529–545 [Festschrift Chimen Abramsky]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Seite nicht mehr abrufbar, Suche im Webarchiv:@1 @2 Vorlage:Toter Link/aktuell.nadir.orgLe Monde, 16. Juni 2000