Almstadtstraße

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Almstadtstraße
Wappen
Straße in Berlin
Almstadtstraße
Almstadtstraße, 2015
Basisdaten
Ort Berlin
Angelegt um 1700
Hist. Namen Verlohren Gasse,
Verlohrene Straße,
Grenadierstraße
(bis 1951)
Anschluss­straßen
Rosa-Luxemburg-Straße (nördlich),
Münzstraße (südlich)
Querstraßen Hirtenstraße,
Schendelgasse
Bauwerke siehe: Liste der Kulturdenkmale in Berlin-Mitte/Spandauer Vorstadt
Nutzung
Nutzergruppen Fußverkehr, Autoverkehr, Radverkehr
Technische Daten
Straßenlänge 400 Meter
Tempo der Gründerzeit, Gemälde von Friedrich Kaiser.
Man sieht die bereits 1875 einsetzende Abrisswelle im Scheunenviertel
Das Logierhaus ‚Centrum‘, 1905, an der Ecke Grenadierstraße und Hirtenstraße.
Die Pensionen dort waren oft Ort der ersten Unterkunft für Migranten aus Ostmittel- und Osteuropa in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.[1]
An dieser Stelle steht jetzt ein Plattenbau.
Die frühere Grenadierstraße um 1930
Groß-Razzia der national­sozialistischen Ordnungspolizei und der Hilfspolizei in der Grenadier­straße, April 1933.
Das Haus auf der linken Seite des Bildes steht noch, in dem Nähmaschinen­laden befindet sich aktuell eine Buchhandlung.
Almstadtstraße, Blick zur Münzstraße

Die Almstadtstraße ist eine 400 Meter lange Straße im Berliner Ortsteil Mitte des gleichnamigen Bezirks. Sie befindet sich im historischen Stadtteil Spandauer Vorstadt. Die bis 1951 Grenadierstraße benannte Straße war bekannt für die hier von den 1880er bis Mitte der 1930er Jahre lebenden osteuropäischen Juden und wurde als Teil des Scheunenviertels verstanden.

Lage und Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Almstadtstraße beginnt an der Münzstraße und mündet in die Rosa-Luxemburg-Straße, vor dem Umbau des Scheunenviertels jedoch in die Linienstraße. Die Straße hat eine wechselseitige Hausnummerierung, von den Hausnummern 1 und 2 an der Ecke Münzstraße bis zur Hausnummer 57 an der Rosa-Luxemburg-Straße.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Namenserläuterung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihren heutigen Namen erhielt die Almstadtstraße am 31. Mai 1951 nach dem kommunistischen Widerstandskämpfer Bernhard Almstadt. Dabei wurden auch die Hausnummern von der preußischen Hufeisennummerierung, die bis zum 15. Januar 1929 für alle Alt-Berliner Straßen galt, auf die erstmals in Paris eingeführte zickzackförmige Orientierungsnummerierung umgestellt. Von 1817 bis 1951 hieß die Almstadtstraße Grenadierstraße im Kontext zur parallel verlaufenden Dragonerstraße (heute: Max-Beer-Straße). Die Straße entstand um 1700 und verlief mit offenem Ende außerhalb der alten Berliner Befestigungsanlagen, zunächst als Verlohren Gasse, später als Verlorene Straße.

18. Jahrhundert bis 19. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach einem tödlichen Attentat auf Zar Alexander II. im Jahr 1881 kam es im Russischen Reich zu schweren antijüdischen Pogromen, die meist polnische Juden zur überstürzten Flucht veranlassten. Viele von ihnen kamen nach Deutschland, insbesondere in die Großstädte. In Berlin siedelten sich die meist sehr orthodox lebenden Juden seit jenem Jahr vornehmlich im Scheunenviertel an. Friedrich Wilhelm I. befahl bereits 1737 allen Berliner Juden, die kein eigenes Haus besaßen, ins Scheunenviertel zu ziehen. Für viele ostjüdische Einwanderer war es angesichts dieser Bedingungen naheliegend, sich hier ebenfalls anzusiedeln. Obwohl in dieser Zeit die Ostjuden nur eine größere Minderheit stellten, fielen sie „jedoch in Aussehen, Sprache und religiösen Gewohnheiten deutlich auf“.[2] So entwickelte sich die Grenadierstraße seit dieser Zeit zum Zentrum der polnischen Juden, des „jüdischen Schtetl“, mit vielen Geschäften in hebräischer oder jiddischer Sprache, Kneipen, 19 Betschulen und Stibbeleks (kleine Synagogen). Die Betstuben befanden sich im hinteren Teil der Häuser (alte Hausnummern 6a, 36, 37, 32, 43). Während und nach dem Ersten Weltkrieg stieg im Scheunenviertel die Zahl der aus Osteuropa flüchtenden Juden noch einmal stark an: „Den billigsten Wohnraum, das hatte sich rumgesprochen, gab es im Scheunenviertel; vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee, von den Karpaten bis zum Ural konnten die Juden den Namen seiner Magistrale buchstabieren: Grenadierstraße. Dort konnten sie zusammenrücken, dort waren sie unter ihresgleichen.“[3]

Die Behörden verweigerten ihnen jedoch fast immer die deutsche Staatsbürgerschaft.[4] Die Grenadierstraße wurde aufgrund dessen oft auch als „Ghetto mit offenen Toren“ bekannt, und bildete ein Gegenpol zu den schon lange in Berlin lebenden, liberalen Juden, die sich um weitgehende Assimilation bemühten. Sie empfanden die Ostjuden als wesensfremde Bedrohung ihrer gesellschaftlichen Anerkennung. Viele der jüdisch-orthodoxen Neuankömmlinge aus Osteuropa, die in der Grenadierstraße ankamen, befanden sich oft nur auf Durchreise (Permigration), um in einen anderen Berliner Stadtteil, in andere Teile Europas oder in die USA zu ziehen. „Mit Beginn der zwanziger Jahre aber hatten die USA ihre Einwanderungsquoten gesenkt. Also richtete man sich ein – im ‚Ghetto‘, wie man damals sagte.“[2]

Ab 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Hyperinflation im November 1923 erhielten Tausende Erwerbslose vom Arbeitsamt in der nahen Gormannstraße keine Unterstützungsgelder und lösten das Scheunenviertelpogrom aus. Dabei verbreiteten Agitatoren Gerüchte, die Ostjuden aus dem Scheunenviertel hätten das vorhandene Geld planmäßig aufgekauft. Die aufgebrachte Menge zog anschließend vor allem durch die Grenadierstraße: „Am helllichten Tag wurden Juden überfallen, nackt ausgezogen und beraubt.“[2][5] Die Polizei verhielt sich passiv. Die Häuser der Straße waren während der Zeit der Weimarer Republik selbst öfter Ziel von Razzien der Polizei. Der Transit-Kontext und die gesellschaftlich verursachte, schwierige soziale Situation der Anwohner (und nicht deren Religions- oder Ethnienzugehörigkeit) förderten die Kleinkriminalität in der Straße und im umgebenden Scheunenviertel.

Ende der 1920er wurden viele Ostjuden abgeschoben oder emigrierten nach Nordamerika. Die Grenadierstraße verlor aufgrund dessen bereits kurz vor der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten als jüdisches Zentrum an Bedeutung. Die ersten jüdischen Bewohner kamen im April 1933 nach dem Judenboykott in wilde Konzentrationslager. Bis zum Jahr 1942 wurden die verbliebenen Juden deportiert und ermordet.

Heute erinnert in der Almstadtstraße außer einigen Stolpersteinen nichts mehr an ihre frühere Bedeutung als wichtigste Straße der osteuropäischen Juden in Berlin.

Bauten und Denkwürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Liste der Kulturdenkmale in Berlin-Mitte/Spandauer Vorstadt

In der Almstadtstraße gibt es 19 Baudenkmäler. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg, hier insbesondere während des Stadtumbaus 1987, ging mehr als die Hälfte der historischen Bausubstanz verloren. Anders als in den Nachbarstraßen des Scheunenviertels wurden sämtliche Kellergewerberäume umgewidmet und sind für die Öffentlichkeit heute nicht mehr zugänglich. Einzig ein versperrter Zugang in der Almstadtstraße 16 erinnert an vergangene Zeiten dieser Kellergewerbe.

Das älteste, noch erhaltene Objekt ist ein Ziegelsteinbrunnen mit einer massiven Brunnenröhre von 4,5 Meter Tiefe im Hof des Hauses Nr. 16. Er entstand um 1750 und stellt ein „außerordentlich seltenes Zeugnis der frühen innerstädtischen Wasserversorgung“[6] dar. Die beweglichen Teile des Brunnens befinden sich heute im Museum im alten Wasserwerk.

In der Almstadtstraße 25 steht das das älteste, heute noch erhaltene Haus der Straße. Es wurde um 1825–1830 erbaut.

Im Jahr 1855 errichtete der Drucker Ernst Litfaß an der Ecke Münzstraße und Grenadierstraße (heutige Almstadtstraße) seine erste „Annonciersäule“, dessen zylinderförmigen Werbeträger eine beispiellose Erfolgsgeschichte startete. Seit 2006 steht in der Nähe eine von der durch die VVR-Berek GmbH gestiftete bronzene Litfaß-Gedenksäule.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Horst Helas: Die Grenadierstraße im Berliner Scheunenviertel. Ein Ghetto mit offenen Toren. Hentrich & Hentrich, Berlin 2010, ISBN 978-3-941450-21-9.
  • Tobias Brinkmann: Migration und Transnationalität. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2012, ISBN 978-3-506-77164-3.
  • Fischl Schneersohn: Grenadierstraße (Roman). 1935, Literarishe bleter, Warschau. Als Neuauflage aus dem Jiddischen von Alina Blothe: Grenadierstraße. Wallstein Verlag, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-1082-7.
  • Martin Beradt: Beide Seiten einer Straße (Roman), 1940 – erstmals verlegt 1965. Als Neuauflage: Die Straße der kleinen Ewigkeit. Ein Roman aus dem Berliner Scheunenviertel. Mit einem Essay und einem Nachruf von Eike Geisel. Eichborn, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-8218-4190-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Almstadtstraße (Berlin-Mitte) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Commons: Residential buildings in Almstadtstraße (Berlin-Mitte) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stadt ist Migration – Die Berliner Route der Migration – Grundlagen, Kommentare, Skizzen. (Memento vom 4. März 2016 im Internet Archive) (PDF)
  2. a b c Karsten Krampitz: Straße der Verlorenen. In: Berliner Morgenpost, 6. April 2003
  3. Karl Heinz Krüger: Im Kiez der armen Schlucker. In: Der Spiegel. Nr. 7, 1991 (online).
  4. Baustein 12: Das Berliner Scheunenviertel – das ‚freiwillige‘ Ghetto. In: Baustein – Ghettos: Vorstufen der Vernichtung. LpB Baden-Württemberg.
  5. Karsten Krampitz: Es begann am Arbeitsamt. In: Berliner Zeitung, 5. November 2003
  6. Berlin, Almstadtstraße 16 (Landesdenkmalamt Berlin) in der Deutschen Digitalen Bibliothek

Koordinaten: 52° 31′ 35″ N, 13° 24′ 35″ O