Alternativschule

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Eine Alternativschule ist eine Schule, die im Gegensatz zur staatlichen Regelschule ein alternatives pädagogisches Konzept hat und das Lernen anders als üblich organisieren will.

Schulkonzepte der Reform- und Alternativpädagogik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Pädagogisch schließen die heutigen Konzepte der Reformpädagogik an Vorbilder des frühen 20. Jahrhunderts an. Vergleichbare Schulen entstanden etwa gleichzeitig in vielen Teilen der Welt und werden international als free school movement bezeichnet. Oft werden in diesem Zusammenhang auch die Waldorfschulen nach Rudolf Steiner genannt, deren erste Schule 1919 in Stuttgart gegründet wurde; diese beruhen jedoch auf der Anthroposophie und stellen insofern eher eine Mischung aus einer weltanschaulich ausgerichteten Schule, die eher einer Konfessionsschule ähnelt, und einer Reformschule dar. Zwar gibt es zahlreiche Gemeinsamkeiten, doch teilweise sehr unterschiedliche Traditionen und Konzepte. Gemeinsames Kennzeichen ist die Unabhängigkeit von einer bestimmten Religion oder Weltanschauung und der Zusammenhalt in einer Organisation über den Schulalltag hinaus. Zahlreiche Alternativschulen wurden in den frühen 1970er Jahren von Elterninitiativen gegründet, in engem Anschluss an die vorausgehende Bewegung der antiautoritären Erziehung und deren Kinderläden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Entwicklungsgeschichte der reformpädagogischen Alternativschulen werden meist die folgenden Beispiele angeführt:

Einige Entwicklungen vollzogen sich parallel in verschiedenen Ländern. Die Casa dei Bambini von Maria Montessori (1907) war der Beginn einer Idee, die in Deutschland zur ersten Montessorischule 1923 in Jena führte. Ein weiteres Beispiel ist das naturistisch-reformpädagogische Lichtschulheim Lüneburger Land bei Lüneburg (1927 bis 1933).

Im spanischen Sprachraum gilt die Escuela Moderna von Francesc Ferrer i Guàrdia (1901) als Vorbild. Auf dieses Modell berufen sich inzwischen auch einige freie Schulen in anderen Ländern. Ähnliche Konzepte hatten die Paideia (‚Schule der Anarchie‘) in Spanien (1960er Jahre) und das Centro Experimental Pestalozzi (Pesta) in Tumbaco, Ecuador (Mauricio und Rebeca Wild 1977–2005)

Die Freinet-Pädagogik wurde in den 1920er Jahren in Frankreich entwickelt und hat sich international verbreitet.

Das Beispiel SummerhillA. S. Neills reformpädagogische Schule in England, gegründet 1921 - dient vielfach als Leitlinie für eine „freie“ bis antiautoritäre Erziehung. In dieser Tradition stehen Preshil (Melbourne, 1930er Jahre), Kirkdale School (London, 1964–1980er). Im angelsächsischen Raum entstanden ferner die Kilquhanity School (Kirkpatrick Durham in Galloway – John und Morag Aitkenhead 1940–1997) und die First Street School in New York (George Dennison/Mabel Chrystie, USA, 1960er Jahre).

Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im deutschsprachigen Bereich sind im engeren Sinn die Freien Alternativschulen gemeint, von denen sich die meisten im Bundesverband der Freien Alternativschulen (BFAS) zusammengeschlossen haben. 2013 gehörten 45 Schulen dem Bundesverband der Freien Alternativschulen an.[1] Freie Schule bedeutet zunächst nur Schule in freier (= nicht staatlicher) Trägerschaft, es schwingt jedoch die besondere Bedeutung von selbstbestimmtem Lernen und Selbstorganisation mit. So werden viele Regeln von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gleichberechtigt entschieden.

Die Laborschule und das Oberstufen-Kolleg in Bielefeld ähneln den Alternativschulen zwar in vieler Hinsicht, werden aber als staatliche Gründungen meist nicht dazugezählt. Auch die Waldorfschulen werden wegen ihrer weltanschaulichen Bindung meist nicht zu den Alternativschulen gerechnet. In der öffentlichen Berichterstattung wird meist nur die Gesamtzahl der Privatschulen betrachtet,[2] zu denen beispielsweise auch die Konfessionsschulen zählen. Die Alternativschulen unterstehen hinsichtlich der Anerkennung der Schulabschlüsse unter staatlicher Aufsicht, wobei die Einzelheiten in den Bundesländern unterschiedlich geregelt sind. Unter bestimmten Voraussetzungen erhalten sie staatliche Zuschüsse.[3]

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Österreich gibt es etwa 70 reformpädagogische Kindergärten und Schulen,[4] primär Waldorfschulen, Montessorischulen, Pestalozzischulen und Lernwerkstätten nach Wild. Freie Alternativschulen (zu denen die Lernwerkstätten sowie einige Montessorischulen gehören) haben sich im Netzwerk - Bundes-Dachverband für selbstbestimmtes Lernen organisiert.

Diese Schulen sind im österreichischen Bildungssystem als Statutschule verankert.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Behr (Hrsg.): Schulen ohne Zwang. Wenn Eltern in Deutschland Schulen gründen (= dtv. dtv-Sachbuch 10272). Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1984, ISBN 3-423-10272-1.
  • Manfred Borchert, Karin Derichs-Kunstmann (Hrsg.): Schulen die ganz anders sind. Werkschule Berlin, Freie Schule Essen, Freie Schule Frankfurt, Glocksee-Schule Hannover, Tvind-Schule Dänemark. Erfahrungsberichte aus der Praxis für die Praxis. Mit einer kommentierten Auswahlbibliographie (= Fischer-Taschenbücher. Informationen zur Zeit 74206). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-596-24206-1.
  • Manfred Borchert, Michael Maas (Hrsg.): Freie Alternativschulen. Die Zukunft der Schule hat schon begonnen. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 1998, ISBN 3-7815-0951-6.
  • Peter O. Chott: Die Entwicklung des Mathetik-Begriffs und seine Bedeutung für den Unterricht der (Grund)Schule. In: PÄDForum. Bd. 11 = 26, H. 4, 1998, ISSN 1611-406X, S. 390–396.
  • George Dennison: The lives of children. The story of the First Street School (= Vintage Book 638). Vintage Book, New York NY 1970 (In deutscher Sprache: Lernen und Freiheit. Aus der Praxis der First Street School. März Verlag, Frankfurt am Main 1970).
  • Lutz van Dick: Alternativschulen. Information, Probleme, Erfahrungen (= rororo 7261 Sachbuch. Politische Erziehung). Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek bei Hamburg 1970, ISBN 3-499-17261-5.
  • Hartmut von Hentig: Wie frei sind Freie Schulen? Gutachten für ein Verwaltungsgericht. Klett-Cotta, Stuttgart 1985, ISBN 3-608-93340-9.
  • Matthias Hofmann: Geschichte und Gegenwart Freier Alternativschulen. Eine Einführung. 1., neue Ausgabe. Klemm u. Oelschläger, Ulm 2013, ISBN 978-3-86281-057-4.
  • Matthias Hofmann (Hrsg.): Alternativschulen - Alternativen zur Schule. Klemm u. Oelschläger, Ulm 2015, ISBN 978-3-86281-086-4.
  • Herwart Kemper: Wie alternativ sind alternative Schulen?, ISBN 3-89271-286-7
  • Norbert Scholz (Red.): Freie Alternativschulen. Kinder machen Schule. Innen- und Außenansichten. Drachen-Verlag, Wolfratshausen 1992, ISBN 3-927369-05-5.
  • Heiner Ullrich, Till-Sebastian Idel, Katharina Kunze [Hrsg.]: Das Andere Erforschen. Empirische Impulse aus Reform- und Alternativschulen, Wiesbaden 2004

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. agfs.org (abgerufen 24. Juni 2013)
  2. http://www.tagesspiegel.de/wissen/freie-schulen-in-deutschland-die-zahl-der-privaten-steigt/14873868.html
  3. https://www.kmk.org/themen/allgemeinbildende-schulen/weitere-themen/schulen-in-freier-traegerschaft.html
  4. E. C. Zach: Schulen in freier Trägerschaft. Netzwerk, 21. September 2008, abgerufen im 24. Oktober 2008 (Verzeichnis österreichischer reformpädagogischer Schulen).