Altes Rathaus (Göttingen)

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Blick von Südosten auf das Alte Rathaus. Im Vordergrund der Marktplatz mit dem Gänseliesel-Brunnen (2021)

Das Alte Rathaus in Göttingen wurde ab 1270 in mehreren Bauabschnitten errichtet und war bis 1978 Sitz des Rates und der Verwaltung der Stadt Göttingen. Es steht an der Westseite des Marktplatzes inmitten der Altstadt. Heute dient es repräsentativen Zwecken, für Veranstaltungen und Ausstellungen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historische Abbildung von Mithoff, 1869[1]
Ansicht von Nordwesten (2019)

Wann genau mit dem Bau des Rathauses begonnen wurde, ist nicht überliefert. Das Stadtrecht wurde Göttingen um 1200 verliehen; ein Rat erstmals 1229 genannt.[2] Die ältesten Bauteile des heutigen Rathauses sind im mittelalterlichen Dachwerk über dem südlichen eingeschossigen Bauteil erhalten: Dendrochronologische Untersuchungen ergaben, dass Bauhölzer des Kernbaus um das Jahr 1270 gefällt wurden; das nördliche Dachwerk konnte entsprechend auf 1370 datiert werden.[2] Man geht davon aus, dass frisch gefällte Bäume früher üblicherweise kurz darauf zum Bau verwendet wurden. In einer Urkunde aus dem Jahre 1344 wird der Rathausbau erstmals als „cophus“[2] (Kaufhaus) bezeichnet, was zeigt, dass die einflussreiche Kaufmannsgilde das Gebäude ebenfalls für ihre Zwecke nutzte. Auch wurde schon in dieser Zeit der Keller des Gebäudes als „winkeller“ genutzt. Dieser ältere Rathausbau hatte etwa die gleichen Längenausdehnungen wie der heutige; er besaß jedoch eine geringere Tiefe, denn er bestand im Innern nur aus einer Halle. Der Zugang geschah durch ein repräsentatives Portal, von dem sich noch der Türzieher aus der Zeit um 1300 erhalten hat.[3] (Kopie, Original im Städtischen Museum.)

Im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts wurde das Rathaus durchgreifend verändert. Im März 1366 genehmigte Herzog Ernst I., der zu dieser Zeit das Fürstentum Göttingen regierte, den Göttinger Bürgern, „dat se moghen buwen, setten, unde maken ore kophus unde rathus to Gottingen in de straten unde over de straten, wur unde wuverne, se willet unde des to rade werdet, unde on dat even unde bequeme is.“[4] (Übersetzt aus dem Mittelniederdeutschen: „dass sie bauen, setzen und machen dürfen ihr Kaufhaus und Rathaus zu Göttingen an der Straße und auf der Straße, wo und wie sie wollen und beschließen und es ihnen recht und passend ist“). Nach Aussage der Kämmereirechnungen begann der genehmigte Erweiterungs- und Umbau des Rathauses erst mit einer mehrjährigen Verzögerung und einer Grundsteinlegung am 16. April 1369.[5] Die erhaltenen Kämmereibücher dokumentieren genau den Aufwand und Ablauf des Bauprojekts.[6] Um 1370 wurde der nördliche Teil um ein Stockwerk erhöht[2] und das markante abgewalmte Dach errichtet. Gleichzeitig wurden nach Westen zur Johanniskirche hin die Räume einer gewölbten „dorntze“ (auch Dornse; niederdeutsch für „beheizbarer Raum“) als Ratsstube mit einer Heußluftheizung und einer „koken“ bzw. „coquina“ (Küche) angefügt.[2] Der Rat tagte in der bequemeren „dorntze“, die Verhandlungen zwischen Rat und Gilden hingegen fanden in der Küche statt.

Im Zuge der Erweiterung sollte das Rathaus in den folgenden Jahrzehnten auch ein neues stattliches Äußeres erhalten, das allerdings nur im nördlichen Bauteil verwirklicht wurde. Dort teilen zwei umlaufende Gesimsbänder den Baukörper in Sockelgeschoss und die beiden darüber liegenden Stockwerke, deren Fassaden mit breiten Kreuzstockfenstern ausgezeichnet sind. Als besonderer Schmuck diente der obere Fassadenabschluss eines hohen Zinnenkranzes, der an den Ecken turmartig auskragt. Das unvermittelte südliche Ende des Zinnenkranzes und die fehlende Gebäudesymmetrie lassen vermuten, dass diese Gestaltung ursprünglich auch auf den – dazu aufgestockten – südlichen Teil des Rathauses übertragen werden sollte.

Ein architektonisches Schmuckstück ist die vor dem südlichen Rathausteil 1402–1404[7] über dem Eingang zur Rathaushalle angefügte Rathauslaube. Deren Ziergewölbe (das ein flaches Steinplattendach trägt) und die figürlichen Sandsteinkonsolen stehen unter dem Einfluss parlerischer Kunst.[7]

Zinnenkranz und Ecktürmchen (2019)

Im Jahr 1540 erhielten die Innenräume des Rathauses Wandmalereien von dem Göttinger Bürger mit Namen Meister Heinze.[8] Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Gebäude verwüstet,[9] als schwedische und weimarische Truppen unter Wilhelm von Weimar die Stadt für die evangelische Seite zurückeroberten. Die sich verteidigenden kaiserlichen Truppen zogen sich nach der Erstürmung der Stadt kämpfend ins Rathaus zurück und ergaben sich dort erst in der sogenannten Blutkammer. Weil Halle und Erdgeschoss dadurch zerstört waren, wurden in der Folgezeit alle repräsentativen Veranstaltungen in die Räume im Obergeschoss verlegt. Nach der Gründung der Georg-August-Universität im 18. Jahrhundert wurde das Gebäude renoviert und modernisiert.[10][11]

1882 bis 1886 erfolgte unter Leitung von Stadtbaurat Heinrich Gerber eine umfassende Restaurierung und Modernisierung des ehrwürdigen Altbaus. Repräsentatives Prunkstück wurde im Innern die Ausmalung durch den Kunstmaler Hermann Schaper aus Hannover. Besonders eindrucksvoll sind die Wandmalereien in der Rathaushalle mit Wappen von Hansestädten und lebhaften Szenen aus der Göttinger Stadtgeschichte; 1903 folgte Schapers Ausstattung des alten Sitzungssaales.[12]

Aufgrund erhöhten Raumbedarfs fand 1897/98 ein großer Architektenwettbewerb zu einem geplanten „Um- und Vollendungsbau des Rathauses zu Göttingen“[13][14] statt, doch kam es nicht zur Ausführung, die den ehrwürdigen Altbau erheblich verändert hätte. Eine Lösung des Platzproblems fand man durch den Neubau des nahegelegenen Stadthauses (Gotmarstraße 8, heute Stadtbibliothek), das 1901–1902 nach Entwurf von Stadtbaurat Friedrich Jenner entstand.

Rathauslaube mit Flachdach-Gewölbe (2019)

Als 1978 das Neue Rathaus am südlichen Altstadtrand fertiggestellt war, zog die Stadtverwaltung dorthin um, und das Alte Rathaus konnte nach einer 1978–82[15] durchgeführten Restaurierung umgenutzt werden. Der historische Rathausbau dient seither vorwiegend zu repräsentativen Zwecken der Stadt, für Trauungen, Veranstaltungen sowie im Obergeschoss für Ausstellungen. Zwischenzeitlich waren bis 2019 in einigen Erdgeschossräumen auch die Göttingen Tourismus und die Touristeninformation untergebracht. Der größte Teil des gewölbten alten Ratskellers wird als verpachtetes Restaurant genutzt. Am Außenbau wurde 1979–80 das Dach über der südlichen Laube nach historischen Baubefunden wiederhergestellt und ein spitzer Steingiebel aufgesetzt.[15]

2012 erhielt das Alte Rathaus einen Außenaufzug, um in die Rathaushalle zu gelangen.[16] Die barrierefreie Erschließung ging mit einer Beeinträchtigung der Schaufassade einher.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Alte Rathaus beherrscht den Marktplatz an der Westseite. Dem durch Zinnenkranz und erkerartige Ecktürmchen wehrhaft erscheinenden Baublock aus dünn überschlemmten Kalkbruchstein und Sandsteinquadern ist auf der östlichen Schauseite eine „Rampe“ genannte Bühne mit seitlichen Freitreppen vorgelagert. Trotz mehrfacher Versuche in der langen Baugeschichte, die Gesamterscheinung des Baus zu vereinheitlichen, lassen sich die wichtigsten Phasen der Baugeschichte noch heute am Bau ablesen: Der niedrigere südliche Bauteil ist der ältere Kernbau von 1270, während der höhere nördliche Teil mit dem Zinnenkranz von 1369–72 ist. Auf der rückwärtigen Westseite befindet sich ein Anbau unter drei abgewalmten Zwerchdächern; hier sind die Ratsstube (dorntze") sowie südlich die Küche untergebracht. Die beiden Wappenlöwen auf den Wangen der Freitreppen stammen von 1795 aus der Werkstatt der Brüder Heyd in Kassel; sie dienten bis 1872 als Pfeilerbekrönung des Groner Tors[17] und wurden später Hauptfiguren des Märchens „Die Traurigen Löwen von Göttingen“.[18]

Türzieher aus der Zeit um 1300 am Portal zum Rathaussaal, Kopie (2021)

Repräsentativer Mittelpunkt im Rathausinnern ist die zweischiffige, balkengedeckte Halle mit der historisierenden Ausmalung von Hermann Schaper. Der Bilderschmuck verweist auf die Funktionen des Rathauses und die Vergangenheit der Stadt. Der Wappenfries zeigt die ehemalige Verbindung Göttingens zum Hansebund. Hölzerne Einbauten (Treppe, Täfelung, Bänke in den Fensternischen) und Leuchter wurden nach Entwurf von Schaper geschaffen.[19] Die große Nische mit teilweise hölzernem Wimperg in der Mitte der Westwand entstand wohl um 1400.[20] Die ursprünglich gotischen Gewölbekeller sind vielfach verändert und den Gastronomienutzungen angepasst worden.[21]

Löwe am Treppenaufgang (2012)

Literatur (chronologisch)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • H. Wilhelm H. Mithoff: Kunstdenkmale und Alterthümer im Hannoverschen. Zweiter Band: Fürstenthümer Göttingen und Grubenhagen. Helwing’sche Hofbuchhandlung, Hannover 1873 (Reprint Hannover 1974), S. 82–87.
  • F[erdinand] Frensdorff: Die Erbauung des Göttinger Rathauses. In: Festgabe für Georg Hanssen zum 31. Mai 1889. Verlag der Laupp’schen Buchhandlung, Tübingen 1889. – (Sonderdruck mit eigener Paginierung S. 1–20.)
  • Ferdinand Wagner: Die Baugeschichte des Göttinger Rathauses. In: Jahrbuch des Geschichtsvereins für Göttingen und Umgebung, Bd. 1, 1908, Universitäts-Buchhandlung von E. A. Huth, Göttingen 1909, S. 1–42, S. 144, Taf. 1–3. – (Mit 2 Schnitten und 1 Grundriss.)
  • [Ferdinand Wagner, Friedrich Jenner, ermittelt]: Das Rathaus zu Göttingen. Dieterichsche Universitäts-Buchdruckerei, Göttingen 1926.
  • Wulf Schadendorf: Rathaus zu Göttingen. Musterschmidt Wissenschaftlicher Verlag, Göttingen 1953 (= Kleine Kunstführer für Niedersachsen, Heft 1).
  • Heinz Motel: Das Rathaus in Göttingen. Zweite ergänzte Auflage, Erich Goltze KG, Göttingen o. J. [1964].
  • Heinz Motel: Das „Historische Göttinger Rathaus“. Göttingen o. J. [1978].
  • Hans Reuther: Architektur. In: Göttingen, Geschichte einer Universitätsstadt, Band 1. Hrsg. Dietrich Denecke, Helga-Maria Kühn, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1987, Seite 530, 548 ff.
  • Leonore Binder: Hermann Schaper und die Neuausstattung des Göttinger Rathauses 1883–1903. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990 (= Studien zur Geschichte der Stadt Göttingen, Bd. 16), ISBN 3-525-85416-1.
  • Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Bremen, Niedersachsen. Hrsg. Dehio-Vereinigung, Bearbeiter Gerd Weiß, Karl Eichwalder. Deutscher Kunstverlag, Berlin / München 1992, ISBN 3422030220, S. 511–512.
  • Jens-Uwe Brinkmann: Altes Rathaus zu Göttingen. Hrsg. Stadt Göttingen und Fremdenverkehrsverein e. V., 3. überarbeitete Auflage, Goltze-Druck, Göttingen 1993.
  • Stephan Albrecht, Julia Schultz, Wanja Wedekind: Göttingen, Altes Rathaus. In: Mittelalterliche Rathäuser in Niedersachsen und Bremen. Hrsg. Ursula Schädler-Saub, Angela Weyer. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2003, S. 114–124.
  • Stephan Albrecht: Mittelalterliche Rathäuser in Deutschland. Architektur und Funktion. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004, S. 89–92.
  • Michael Brakemeier: Der Göttinger Ratskeller. Geschichte der traditionsreichen Gaststätte im alten Göttinger Rathaus. Buchverlag Göttinger Tageblatt, Göttingen 2010. (Erweiterter Sonderdruck der Serie „Der Göttinger Rathskeller“, die 2010 im Göttinger Tageblatt erschien.)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Altes Rathaus, Göttingen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mithoff: Kunstdenkmale, 1873, Taf. VI.
  2. a b c d e Albrecht / Schultz / Wedekind: Göttingen, 2003, S. 114.
  3. Albrecht: Rathäuser, 2004, S. 89.
  4. Urkundenbuch der Stadt Göttingen bis zum Jahre 1400. Hrsg. Gustav Schmidt. Hahn, Hannover 1863, S. 227 (Digitalisat, abgerufen 4. März 2021).
  5. Wagner, Jenner: Rathaus, 1926, S. 6
  6. Mithoff: Kunstdenkmale, 1873, S. 82 f.; Wagner, Jenner: Rathaus, 1926, S. 5 ff. – Rechnungs-Übersichten der späteren Baustelle ab 1415 bei Wagner: Baugeschichte, 1909, S. 39 ff.
  7. a b Göttinger Kirchen des Mittelalters. Hrsg. Jens Reiche, Christian Scholl. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2015, ISBN 978-3-86395-192-4 (Digitalisat, abgerufen 3. März 2021), S. 43.
  8. Wagner: Baugeschichte, 1909, S. 28.
  9. Wagner: Baugeschichte, 1909, S. 31.
  10. Wagner: Baugeschichte, 1909, S. 33 ff.
  11. Wagner, Jenner: Rathaus, 1926, S. 15.
  12. Brinkmann: Altes Rathaus, 1993, S. 10 ff.
  13. Reinhard Glaß: Conrad Wilhelm Hase (1818–1902) | Tätigkeit als Preisrichter. In: Conrad Wilhelm Hase (1818–1902). Abgerufen am 7. März 2021.
  14. Vgl. beispielhaft die umfangreichen Studien, Bauaufnahmen und Erweiterungsplanungen des Architekten Paul Lehmgrübner, die im Architekturmuseum der TU Berlin aufbewahrt werden. (Abgerufen 7. März 2021)
  15. a b Albrecht, Schultze, Wedekind: Göttingen 2003, S. 118.
  16. Michael Brakemeier: Altes Rathaus Göttingen: Regen legt Aufzug lahm. Göttinger Tageblatt, 11. Januar 2013 (Online, abgerufen 4. März 2021).
  17. Walter Nissen: Göttinger Denkmäler, Gedenksteine und Brunnen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1978, S. 65 f.
  18. Stephen G. Clackson: Die Traurigen Löwen von Göttingen. In: Göttinger Tageblatt. Nr. 300 – 51. Woche, 24. Dezember 1994, S. 15.
  19. Albrecht, Schultze, Wedekind: Göttingen, 2003, S. 123.
  20. Handbuch/Dehio, 1992, S. 512.
  21. Vgl. Brakemeier: Ratskeller, 2010 (S. 12 ff., 33 ff. zahlreiche historische Innenaufnahmen; S. 24 ff., 56 ff. und 91 Baustellenfotos von der letzten großen Umbaumaßnahme 2010).

Koordinaten: 51° 31′ 58,4″ N, 9° 56′ 4,9″ O