Altes Rathaus (Regensburg)

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Reichssaalgebäude mit Erker und Portalbau,
Altes Rathaus Regensburg
Portalbau, Geharnischte Halbfiguren, Schutz und Trutz
Erker am Reichssaalgebäude
Altes Rathaus mit Turm
und Barockanbau
(Blick von Süd-Süd-West)
Innerer Rathaushof (Justiziahof) mit Venusbrunnen
Vorfahrt von Gesandten zum Reichstag im Rathaus
Reichssaal, Reichstagssitzung 1663 Reichssaal 2016
Reichssaal, Reichstagssitzung 1663
Reichssaal 2016

Das mittelalterliche Alte Rathaus von Regensburg mit Reichssaalgebäude und Portalbau am Rathausplatz und die in der Barockzeit entstandenen Erweiterungsbauten am Kohlenmarkt / Zieroldsplatz sind Sitz des Oberbürgermeisters. Die Gebäude beherbergen nur einen kleinen Teil der Stadtverwaltung von Regensburg, darunter das Standesamt. Große Teile der Stadtverwaltung mit dem Bürgerbüro befinden sich im Neuen Rathaus am Dachauplatz.Im südwestlich an das Alte Rathaus anschließenden Reichssaalgebäude findet sich die Touristeninformation. Über den Portalbau gelangt man in das Museum zur Geschichte der Regensburger Reichstage, das die meisten Räume im Innern des Alten Rathauses umfasst.

Entstehung und Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der älteste Teil des heutigen Gebäudekomplexes mit dem noch heute erhaltenen achtgeschossigen, 55 m hohen Ratsturm und den viergeschossigen Anbauten ist das eigentliche Alte Rathaus. Es wurde Mitte des 13. Jahrhunderts im Typus der Hausburgen der Patrizier errichtet. Der Bau entstand unmittelbar westlich der Nordwestecke des ehemaligen Römerkastells am heutigen, mit einem Brunnen bestückten Kohlenmarkt und damit ganz in der Nähe des westlichen Kaufmannsbezirks. Der hohe Ratsturm setzte in der Stadtsilhouette einen deutlichen Akzent. Im Jahr 1360 brannte der Turm aus, wurde aber bis 1363 wieder hergerichtet. Im Erdgeschoss des Turmes bietet ein großes Stichbogentor Zugang zu einer Torhalle und zum anschließenden inneren Rathaushof. Dort steht der Venusbrunnen des Regensburger Bildhauers Leoprand Hilmer von 1661. Die übrigen Figuren im Innenhof waren ursprünglich als Schmuckfiguren für die Portale der 1632 fertig gestellten Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit vorgesehen, konnten jedoch dort nicht aufgestellt werden, weil sie zu groß geraten waren.

Das südwestlich an den Rathaus-Tor-Turm-Bau angebundene zweigeschossige Reichssaalgebäude, das beim Gang zum Rathaus zuerst in den Blick kommt, wurde um 1320/30 als ursprünglich freistehendes Versammlungsgebäude errichtet und war im Untergeschoss als mehrschiffige Halle angelegt. Der heute als Reichssaal bezeichnete Saal im Obergeschoss war damals als städtischer Tanz- und Festsaal gedacht und war ursprünglich nur über eine Außentreppe erreichbar. Der Portalbau mit Treppenhaus und Vorhalle zum Reichssaal entstand nachträglich um 1408 und wurde 1564 nochmals baulich verändert. Erst seitdem ist das Reichssaalgebäude mit dem Alten Rathaus baulich verbunden. Das spätgotische Spitzbogenportal mit den Stadtschlüsseln und den beiden geharnischten und bewaffneten Halbfiguren, genannt Schutz und Trutz, die die Wehrhaftigkeit der Stadt symbolisieren, ist zu einem Wahrzeichen von Regensburg geworden.[1]

Als im 16. Jahrhundert Regensburg mit Reichssaal und Rathaus bevorzugter Tagungsort der Reichsversammlungen wurde, präsentierten sich die Gebäude an der West- und Nordseite des Rathausplatzes als ein Konglomerat von Häusern und Türmen aus unterschiedlichen Entstehungszeiten. Wahrscheinlich deshalb entschloss sich der Rat der Stadt, mit Hilfe eines umfangreichen Bildprogramms dem gesamten Gebäudekomplex und auch den Marktturm am heutigen Zieroldsplatz mit einer Fassadenmalerei ein einheitliches Erscheinungsbild zu geben. Den Auftrag bekam der Maler Melchior Bocksberger, der die Malereien in den Jahren 1573/4 für 2533 Gulden anfertigte. Heute haben sich von den Malereien keinerlei Reste enthalten, jedoch wurden die Entwurfszeichnung um 1900 auf dem Dachboden des Reichssaals aufgefunden.[2]

Wenn während der Reichstage der Kaiser anwesend war nutzte er den hochgotischen Erker an der Fensterfront des Reichssaales, um sich den Bürgern zu zeigen und Huldigungen entgegen zu nehmen.[Anmerkung 1][3] Ab 1594 fanden die Reichstage nur noch in Regensburg statt. Ab 1663 tagte der Reichstag als Immerwährender Reichstag im Reichssaal und in den angrenzenden Beratungssräumen der verschiedenen Kollegien.

Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reichs mit dem Reichsdeputationshauptschluss stand der Reichssaal mit seiner imposanten gotischen Holzbohlendecke leer und wurde nach 1806 als Depot und Lagerraum genutzt. Ab 1869 wurde unter Berufung auf das nationale Gewissen eine Renovierung des Reichssaals angemahnt. 1904 befasste sich der bayerische Landtag mit dem Fall und bemängelte das fehlende historische Verantwortungsbewusstsein der Regensburger Stadtväter. Es hieß, dass es im Reichssaal wie in einer Scheune aussähe, was eine Schande für das Deutsche Reich sei. Daraufhin fasste der Regensburger Bürgermeister Hermann Geib den Beschluss, den Saal renovieren zu lassen. Die Finanzierung des Vorhabens erwies sich als schwierig und erfolgte schließlich über eine Lotterie, die in allen deutschen Staaten durchgeführt wurde und sehr erfolgreich verlief. Die Sanierung konnte durchgeführt und 1910 abgeschlossen werden. Eine weitere Sanierung der Holzdecke erfolgte 1975/76.[4]

Heutiges Aussehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Südlicher Barockanbau, Kohlenmarkt (Ratskeller) östlicher Barockanbau Zieroldsplatz hinten: Standort ehemaliger Marktturm 1706 abgebrannt
Südlicher Barockanbau, Kohlenmarkt
(Ratskeller)
östlicher Barockanbau Zieroldsplatz
hinten: Standort ehemaliger Marktturm
1706 abgebrannt

Dem frühgotischen Alten Rathaus mit Rathausturm, Rathaushof und Reichssaalbau ist im Osten das barocke Rathaus mit dem Neptunhof angegliedert. Die zugehörigen Gebäude entstanden schrittweise in mehreren Perioden. Bereits nach 1440 und um 1600 waren Erweiterungsbauten östlich des Ratsturmes entstanden. Dort hatte der Rat der Stadt Grundstücke aufgekauft in der Nähe des 1347 erstmals erwähnten Marktturms. Die Nutzung der Räume im Alten Rathaus durch die Reichsstände am Immerwährenden Reichstag machte weitere Erweiterungsbauten nötig, die sich nördlich an den Marktturm anschlossen. 1660/62 wurde dort der der Ostflügel des Barocken Rathauses gebaut. Nachdem 1706 der Marktturm abbrannte und abgebrochen wurde, entstand 1721/23 auf seinen Grundmauern der Südflügel des Barocken Rathauses mit dem von toskanischen Säulen gerahmten Portal zum heutigen Ratskeller. Über den Portalen der beiden Flügel finden sich die den jeweiligen Bauzeiten entsprechenden Jahreszahlen 1661 und 1722 und allegorische Frauengestalten für die Tugenden Glaube (Monstranz), Friede (Palmzweig), Gerechtigkeit und Klugheit.[5]

Reichstagsmuseum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fragstatt, Verhörraum mit Folterkammer

Das Museum wurde 1963 im Reichssaalbau und in den historischen Räumen des Alten Rathauses eingerichtet, in denen von 1663 bis 1806 der Sitz des Immerwährenden Reichstags war. Heute ist das Reichstagsmuseum als „document Reichstag“ eine Dauerausstellung, in deren Mittelpunkt die Bedeutung des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation für die deutsche und die europäische Geschichte steht und in Beziehung zur Stadtgeschichte gesetzt wird.[6]

Das Museum umfasst den Reichssaalbau und andere sehenswerte Räume. Darunter:

  • Kurfürstenkollegium, Beratungszimmer der Kurfürsten. Vorher: Ratsstube für die Sitzungen des Inneren Rates der Stadt.
  • Kurfürstliches Nebenzimmer, geheimes Beratungszimmer der Kurfürsten und Standort des angeblich originalen „Grünen Tisches“. Vorher: Raum für reichstädtische juristisch gebildete Ratskonsulenten.
  • Blauer Saal, Vorraum zum Kurfürstenzimmer.
  • Reichssaal, einer der bedeutendsten Profanräume des Mittelalters mit erhaltener Holzdecke, Dekorationsmalerei des 16. Jahrhunderts und Kaiserthron
  • Fürstliches Kollegium, erbaut 1652 für den Reichstag von 1653, mit barocker Fürstentreppe, erbaut von 1652 bis 1655
  • Fürstenzimmer, Beratungszimmer der Reichsfürsten. Fürstliches Nebenzimmer, geheimes Beratungszimmer. Vorher: reichsstädtische Gerichtsstube
  • Reichsstädtisches Kollegium, Sitzungszimmer der Vertreter der Reichsstädte
  • Wachtkammer der Gerichtsdiener mit Schwertern und Halseisen
  • Fragstatt, Verhörraum mit Folterwerkzeugen
  • Armesünderstube, Todeszelle für Verurteilte
  • Dollingersaal, wurde 1964 nach Abbruch des Dollingerhauses 1889 mit Zwischenstation im Erhardihaus hierher transferiert. Zu sehen ist bedeutende frühgotische Profankunst. Reliefs unter anderem mit einer Turnierszene aus der Dollingersage.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Altes Rathaus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Karl Bauer: Regensburg Kunst- Kultur- und Alltagsgeschichte. 6. Auflage. MZ-Buchverlag in H. Gietl Verlag & Publikationsservice GmbH, Regenstauf 2014, ISBN 978-3-86646-300-4, S. 261−267, 273–280.
  2. Christine Riedl Valder: „Von innen und außen aufs herrlichst erbaut, erneuert, geziert“Fassaden- und Wandmalereien der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Regensburg. In: Arbeitskreis Regensburger Herbstsymposium (Hrsg.): „Zwischen Gotik und Barock“ Spuren der Renaissance in Regensburg. Band 26. Dr. Peter Morsbach Verlag, Regensburg 2012, ISBN 978-3-937527-55-0, S. 191–197.
  3. Eugen Trapp: Regensburg und sein Mittelalter zwischen Kontinuität und Rezeption. In: Museen der Stadt Regensburg (Hrsg.): Regensburg und sein Mittelalter, Wege der Wiederentdeckung. Katalog Ausstellung 1995. Museum der Stadt Regensburg, Regensburg 1995, ISBN 3-925753-46-X, S. 154.
  4. Eugen Trapp: "Gemeingut aller Deutschen" Regensburger Denkmäler im nationalen Kontext 1810–1918. In: Arbeitskreis Regensburger Herbstsymposium (Hrsg.): „Zum Teufel mit den Baudenkmälern“ 200 Jahre Denkmalschutz in Regensburg. Band 25. Dr. Peter Morsbach Verlag, Regensburg 2011, ISBN 978-3-937527-41-3, S. 12–13.
  5. Karl Bauer: Regensburg Kunst- Kultur- und Alltagsgeschichte. 6. Auflage. MZ-Buchverlag in H. Gietl Verlag & Publikationsservice GmbH, Regenstauf 2014, ISBN 978-3-86646-300-4, S. 281−285.
  6. document Reichstag Website der Stadt Regensburg. Abgerufen am 13. März 2017.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Auch Adolf Hitler nutzte den Erker bei seinen Besuchen in Regensburg im Okt. 1933 und im Juni 1937, um sich dem Volk zu zeigen und damit symbolisch anzudeuten, dass das Dritte Reich in der Tradition des Ersten Reichs steht.

Koordinaten: 49° 1′ 13,1″ N, 12° 5′ 41,6″ O