Aluminiumhut

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Mann mit Aluhut

Ein Aluminiumhut, Aluhut oder Stanniolhütchen[1] ist eine Kopfbedeckung, welche aus einer oder mehreren Lagen Aluminiumfolie oder vergleichbarem Material hergestellt wurde. Das Konzept wurde zuerst in der 1927 veröffentlichten Science-Fiction-Geschichte „The Tissue-Culture King“ von Julian Huxley erwähnt, in welcher der Protagonist entdeckt, dass „Kappen aus Metallfolie“ benutzt werden können, um die Effekte von Telepathie zu blockieren.[2] Obwohl es einzelne Sichtungen gibt,[3] wird der Begriff Aluhut oder Aluminiumhutträger vor allem im englischen Sprachraum (tinfoil hat) metaphorisch verwendet, um Anhänger von Verschwörungstheorien,[4] generell paranoide[5] oder auch einfach nur sehr anstrengende[6] Menschen zu kennzeichnen.

Verwendung[Bearbeiten]

Hacker mit Aluhut auf dem 30C3

Seit Huxleys Buch wird die Benutzung des Begriffes mit Paranoia und Verschwörungstheorien in Verbindung gebracht.[7] Dabei kann der Ausdruck sowohl auf andere angewandt wie auch selbstironisch gebraucht werden.[8] Das Journal der American Bar Association berichtet vom Versuch einer bürgerlichen Rehabilitierung, als dem Versuch „den Aluhut wieder loszuwerden“.[9] New York Times-Autor Tobin Harshaw fasst die Gruppe der halbwegs rational denkenden Menschen als diejenigen zusammen, die keinen Aluhut tragen.[10]

Kommentatoren der Washington Post benutzen den Ausdruck auch selbstironisch, um Zweifel an der Welt auszudrücken.[11] Ähnlich taucht der Aluhut in Schriften des Cato Institute auf, in denen ein Autor schreibt, er habe gewisse Dokumente gleich unter seinem Aluhut versteckt.[12]

Das Sprachbild braucht dabei nicht auf Personen festgelegt zu sein. Auch nur einzelne Argumente einer längeren Argumentationskette werden als „sehr aluhut-artig“ bezeichnet.[13]

In Anspielung an die verschwörungstheoretischen Konnotationen, aber mit tatsächlichem physikalischen Hintergrund wird der Ausdruck gelegentlich auch gebraucht, um die Funktion einer metallischen Abdeckung von RFID-Chips zu illustrieren. Diese Chips erlauben beispielsweise das berührungslose Auslesen von Daten aus Smartcards und offiziellen Personaldokumenten wie Reisepässen, in die RFID-Chips eingebaut sind. Eine Metallabdeckung verhindert das Auslesen.[14][15]

Rezeption[Bearbeiten]

Die Linux-Distribution Tinfoil Hat Linux legte besonderen Wert auf Sicherheit.[16] Später kam dann ein Wordpress-Plugin hinzu, das ebenfalls besonderen Wert auf Kontrolle legte und zusätzliche Datenschutzeinstellungen beinhaltet,[17] während ein anderes Wordpress-Plugin desselben Namens die Versendung privater Daten verhindert.[18]

Die amerikanische Zeitschrift für Literatur und Politik, The Atlantic vergab zeitweise einen inoffiziellen tinfoil hat award für die seltsamste E-Mail-Schreiberin.[19]

Im Futurama-Film Into the Wild Green Yonder trägt Hauptcharakter Fry einen Aluminiumhut, um nicht die Gedanken seiner Mitmenschen lesen zu müssen.[20] Im Computerspiel Toy Story 3 besteht eine der Aufgaben darin, drei Personen einen Aluminiumhut aufzusetzen.[21]

Der Ausdruck wird als Name im Internet verwendet. Es gibt das Blog The Tinfoil Hat,[22] das Tinfoil Hat Sportsblog,[23] die Tinfoil Hat Society[24] ebenso wie das Blog Moms Tinfoil Hat[25] oder das Cloud Angebot TINFOILPHONE[26], um Android ohne Google Konto zu nutzen.

Auswirkungen eines echten Huts[Bearbeiten]

W. R. Adey zeigte Ende der 1970er Jahre, dass schwache amplitudenmodulierte elektromagnetische Felder die Ausschüttung von Calciumionen aus Zellen des herausgetrennten Vorderhirns von Hühnerembryonen stimulieren können.[27] Der Autor des wenig rezipierten Artikels schließt daraus, dass es neben der thermischen Wirkung weitere Wirkungen elektromagnetischer Felder auf das Gehirn gibt. Trotz einiger Behauptungen, dass die Einwirkung von elektromagnetischer Strahlung negative gesundheitliche Folgen hat,[28] konnte keine Verbindung zwischen Radiowellen und verminderter Gesundheit überprüfbar nachgewiesen werden.[29]

Ein gut konstruierter Aluminiumhut ähnelt einem faradayschen Käfig und reduziert daher innen die (für gewöhnlich harmlosen) Radiowellen. Eine in Schulen übliche Physik-Demonstration besteht aus einem Mittelwellenradio auf Alufolie, welches dann mit einem Metalleimer zugedeckt wird. Dies führt zu einer merklichen Reduktion in der Signalstärke (vermutlich wegen des Eimers und nicht wegen der Alufolie, letztere nutzlos machend). Die Effizienz einer solchen Abdeckung beim Blockieren solcher Strahlung hängt von der Dicke der Alufolie ab. Von halb-Millimeter-dicker Alufolie wird Strahlung über ungefähr 20 kHz (z. B. sowohl Mittelwelle als auch Ultrakurzwelle) teilweise blockiert. Jedoch wird Alufolie nicht in dieser Dicke verkauft, sodass mehrere Lagen von Alufolie benötigt werden, um diesen Effekt zu erreichen.[30]

Die Effektivität eines Aluhuts als elektromagnetischer Schild, um Radiowellen zu stoppen, wird stark reduziert durch die Tatsache, dass es sich nicht um eine komplette Abdeckung handelt.[31] Ein Mittelwellenradio unter einem Metalleimer ohne leitende Ebene darunter veranschaulicht die relative Ineffizienz solch einer Anordnung. Tatsächlich würde aufgrund des Effektes eines bodenlosen Faradayschen Käfigs, welcher einfallende Strahlung teilweise reflektiert, eine Radiowelle, die an der Unterseite des Hutes einfällt (z. B. von unter dem Träger kommend), teilweise im Gehirn des Trägers fokussiert.

Während Aluhüte für mehr Verständnis für den Effekt eines Faradayschen Käfigs geführt haben dürften, gehören Untersuchungen, sie zu nutzen, um Radio-Wellen zu vermindern, klar zur Pseudowissenschaft. Eine Studie von Studenten am MIT stellte fest, dass Aluhüte einfallende Strahlung je nach Frequenz sowohl verstärken als auch vermindern können. Der Effekt wurde als unabhängig von der relativen Platzierung des Aluhut-Trägers und der Strahlungsquelle zueinander beobachtet.[32]

Die Fähigkeit der Alufolie, infrarote Strahlung zu reflektieren, machen sich israelische Chirurgen zu Nutze, um mithilfe einer Haube die Wärmebelastung auf den Kopf des Arztes während chirurgischer Eingriffe an Frühgeborenen zu reduzieren, wenn deren körpereigene Temperatur-Regulation noch nicht ausgebildet ist und sie daher eine externe Wärmequelle benötigen[33].

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Mark793: Dotcomsomolzen steigen Dir aufs Dach, Deus Ex Machina, FAZ-Blogs, 7. Dezember 2010
  2. Julian Huxley: The Tissue-Culture King 1927: „Well, we had discovered that metal was relatively impervious to the telepathic effect, and had prepared for ourselves a sort of tin pulpit, behind which we could stand while conducting experiments. This, combined with caps of metal foil, enormously reduced the effects on ourselves.“
  3. Elizabeth Connor: An introduction to reference services in academic libraries Routledge, 2006 ISBN 0789029588 S. 178-179
  4. Richard Adams: The American far-right's top 10 paranoid conspiracy theories, Guardian Blogs 20 August 2010
  5. Brian S. McWilliams: Spam kings: the real story behind the high-rolling hucksters pushing porn, pills and @*#?% enlargements O'Reilly Media, Inc., 2005 ISBN 0596007329
  6. Eli Neiburger: Gamers-- in the library?! ALA Editions, 2007 ISBN 0838909442 S. 17
  7. Hey Crazy--Get a New Hat. Bostonist. 15. November 2005. Abgerufen am 11. Dezember 2010.
  8. Joel McNamara: ASUS Eee PC for Dummies For Dummies, 2008 ISBN 0470411546 S. 6
  9. Terry Carter: Real Trouble. A federal judge's behavior could move the line between judicial freedom and misconduct ABA Journal, 1. September 200
  10. Tobin Harshaw: Manic Progressives, 23. Juli 2006
  11. Peter Carlson: Paranoid? Don't Worry; It's All Under Control. Washington Post, 19. Februar 2008
  12. Gene Healey: Government Secrets Can Be Pretty Killer, Washington Examiner, 12. Oktober 2010
  13. Matthew Moyer: Uckman, Michael C. Alien Rock: The Rock ’N’ Roll/Extraterrestrial Connection, Library Journal 15. Juni 2005
  14. Frank Thornton et al: RFID security Syngress, 2006 ISBN 1597490474 S. 95
  15. Anonymus: The New World Going Off the Grid als pdf, S. 159, Wired Juli 2007
  16. James Middleton: Linux for the paranoid v3, 20. Februar 2002
  17. Wordpress.org: Tinfoil Hat
  18. Il Filosofo: Filosofo’s Tinfoil-Hat Plugin
  19. Megan McCardle: The Tinfoil Hat Brigade, The Atlantic, 20. August 2008
  20. oi9: Futurama Review Explains the Origin of Fry's Tinfoil Hat, 6. Dezember 2008
  21. Toy Story 3 Question Gamespot, 22. Juni 2010
  22. The-Tin-Foi-Hat-Blog
  23. Tinfoil-Hat-Sports-Blog
  24. The Tinfoil Hat Society
  25. Moms tinfoil hat: About
  26. TINFOILPHONE
  27. Neurophysiologic effects of Radiofrequency and Microwave Radiation, Bulletin of New York Academy of Medicine, vol. 55, no. 11, December, 1979.
  28. Geoffrey Lean: Electronic smog – Environment – The Independent, News.independent.co.uk. 7. Mai 2006. Abgerufen am 11. Dezember 2010. 
  29. Safety and Health Topics: Radiofrequency and Microwave Radiation – Health Effects. Osha.gov. Abgerufen am 11. Dezember 2010.
  30. John David Jackson: Classical Electrodynamics. Wiley Press, 1998.
  31. Ethan Siegel: Weekend Diversion: Do Tinfoil Hats Work?, Science Blog, April 2009
  32. Ali Rahimi, Ben Recht, Jason Taylor, Noah Vawter: On the Effectiveness of Aluminum Foil Helmets. Ali Rahimi. 17. Februar 2005. Archiviert vom Original am 30. September 2010. Abgerufen am 11. Dezember 2010.
  33. Bar-Maor JA, Shitzer A: Protection of the pediatric surgeon from heat stress caused by the overhead radiant heater during surgery. In: J. Pediatr. Surg.. 23, Nr. 9, September 1988, S. 846–7. PMID 3183899.