Alwin Seifert

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Alwin Seifert (* 31. Mai 1890 in München; † 27. Februar 1972 in Dießen am Ammersee) war ein deutscher Gartenarchitekt, Architekt, Hochschullehrer, Landschaftsgestalter, Heimatpfleger und Naturschützer. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der frühen Ökologiebewegung und der biologisch-dynamischen Landwirtschaft auch in der Zeit des Nationalsozialismus.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seifert wurde als Sohn des Bautechnikers und Bauunternehmers Hermann Seifert geboren. Seine Mutter Anna Sourell, die aus einer Hugenottenfamilie stammte, starb bei seiner Geburt. Er studierte ab 1909 an der Technischen Hochschule München Architektur und absolvierte in den Sommermonaten 1909 bis 1911 eine Maurerlehre, die er 1912 mit der Gesellenprüfung abschloss. Sein Studium schloss er 1913 mit dem Diplom ab. Anschließend arbeitete er als Bautechniker und Bauführer in einem Münchner Baugeschäft. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich 1915 freiwillig zu den Eisenbahntruppen und war bei Kriegsende Leutnant.

Nach dem Krieg übernahm Seifert das Baugeschäft seines Vaters, das in der Hyperinflation 1920 in Konkurs ging. Von 1920 bis 1923 war er Hochschulassistent an der TH München bei Emil von Mecenseffy und Hermann Buchert in den Bereichen Hochbaukonstruktion und landwirtschaftliches Bauwesen. Im Jahr 1923 machte er sich als Architekt selbstständig. Seifert heiratete 1924 in zweiter Ehe Maria Orff, Schwester des Komponisten Carl Orff. Die Ehe blieb kinderlos.

Seifert, der sich schon als Gymnasiast für Landschaft und Pflanzenwelt interessiert hatte, bildete sich selbst zum Landschaftsarchitekten aus, da es damals weder ein abgegrenztes Berufsbild noch einen Studiengang für diese Profession gab. Beeinflusst wurde er zum einen durch das Naturverständnis der Jugendbewegung, der er sich als Mitglied des Wandervogels angeschlossen hatte.[1] Zum anderen rezipierte er die Schriften Paul Schultze-Naumburgs zu Landschaft und Technik sowie die Konzeption biologisch-dynamischer Landwirtschaft des Anthroposophen Rudolf Steiner.[2]

Durch seine Tätigkeit kam Seifert mit der Heimatschutzbewegung in Kontakt. Er wurde Mitglied des Bayerischen Landesvereins für Heimatschutz und gehörte seit 1926 dessen Kleinen Bauausschuss an.[3] Ab 1927 begann er in Fachzeitschriften zu publizieren und machte 1929 mit dem Aufsatz „Gedanken über bodenständige Gartengestaltung“ in der Zeitschrift Gartenkunst auf sich aufmerksam. 1932 übernahm er einen Lehrauftrag für Gartengestaltung und landwirtschaftliches Bauwesen an der TH München, den er bis 1944 innehatte. 1938 wurde er zum Professor ernannt.

Laut Joachim Wolschke-Buhlmahn und Gert Gröning gehörte Seifert der geheimbündlerischen Thule-Gesellschaft an. Der Historiker Thomas Zeller sieht dafür keinen Beleg.[4] Nach Seiferts eigenen Angaben hatte er sich 1919 dem völkischen Widar-Bund angeschlossen. Dort habe er Rudolf Heß kennengelernt. Ein solcher Bund ist nicht nachzuweisen. Möglicherweise handelte es sich aber um eine Loge der Thule-Gesellschaft. Zumindest von 1919 bis 1921 war er Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Seiferts völkische und antisemitische Einstellung ließen ihn leicht Anschluss an den Nationalsozialismus finden.[5] 1937 wurde er auch Mitglied der NSDAP, ohne ganz auf der Linie der nationalsozialistischen Ideologie zu sein. So hing er der Rassenlehre des Botanikers Friedrich Merkenschlager an, eines frühen Nationalsozialisten, der sich 1933 mit Walther Darré überworfen hatte.[6] Seiferts Einfluss während der Zeit des Nationalsozialismus ergab sich weniger aus seinen institutionellen Funktionen als aus seinen persönlichen Verbindungen. Er profitierte von der Förderung durch Heß und Fritz Todt und verlor nach Todts Tod und dem „Englandflug“ von Heß an Einfluss. Dass er auch als Kontaktperson der anthroposophische Bewegung fungiert hatte, machte ihn in den Augen des Reichssicherheitshauptamtes verdächtig, das ihn 1941 zeitweise überwachen ließ..[7] Der Reichsleiter der NSDAP, Martin Bormann, verhinderte, dass Seifert einen Lehrstuhl erhielt.

Reichslandschaftsanwalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seifert hatte seit seiner Berufung zum Berater für Fragen der landschaftlichen Eingliederung beim Autobahnbau 1934 Kontakt mit nationalsozialistischen Parteigrößen; er versuchte diese auch mittels polemischer Artikel zugunsten von Natur und Landschaft zu beeinflussen. So forderte er in der Kampfschrift Die Versteppung Deutschlands, die Position eines „Generalinspekteurs für das deutsche Wasserwesen“ samt Forschungsinstitut zu schaffen. Er wurde wegen Verunglimpfung des Reichsarbeitsdienstes angeklagt, konnte aber gleichwohl alternative Wasserbaumethoden erfolgreich positionieren.

1933 wurde er dem Stab des Beauftragten (später Generalinspektor) für den Autobahnbau Fritz Todt zugeordnet und am 31. Mai 1940 zum „Reichslandschaftsanwalt“ ernannt. Seifert, der zu einem einflussreichen Berater Todts wurde, versammelte Landschaftsarchitekten, Pflanzensoziologen und Naturschützer um sich, mit denen er versuchte, seine Vorstellungen umzusetzen. Insbesondere sorgte er maßgebend dafür, dass jede oberste Bauleitung der Reichsautobahnen einen eigenen „Landschaftsanwalt“ bekam, der für alle entsprechenden Maßnahmen verantwortlich war und schon bei der Absteckung der Trassen mitwirkte. Um sein Ziel einer „landschaftsgerechten“ Autobahn zu erreichen, beauftragte er den Pflanzensoziologen Reinhold Tüxen, das Gelände der Reichsautobahnen pflanzensoziologisch nach Tüxens Konstrukt der potentiellen natürlichen Vegetation zu kartieren. Diese Kartierung sollte als Grundlage einer naturgemäßen „deutschen“ Bepflanzung dienen.

Aus seinem völkischen Gedankengut leitete er auch seine Vorstellungen eines naturnahen Wasserbaues ab und wurde damit zu einem der Gründerväter der Ingenieurbiologie. Ein weiteres Feld, auf dem Seifert tätig wurde, war die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die auf den Anthroposophen Rudolf Steiner zurückgeht. Da die Anthroposophie Steiners von den Nationalsozialisten ausgegrenzt und bekämpft wurde, machte Seifert seinen Einfluss auf Rudolf Heß geltend, so dass die Methoden des biologisch-dynamischen Landbaus über die Zeit des Nationalsozialismus einen gewissen Schutz erhielten.

Seifert wies auch während der Zeit des Nationalsozialismus auf den Naturpropheten und Pazifisten Gusto Gräser, einen Schüler des Lebensreformers Karl Wilhelm Diefenbach, hin, den er in seinem Buch Das Zeitalter des Lebendigen als „Verkünder“ und „Vorläufer“ ebendieses Zeitalters darstellte. Zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft, aber auch schon zuvor tat sich Seifert durch rassistische und antisemitische Äußerungen hervor, wandte sich allerdings Anfang der 40er Jahre beeinflusst durch die Anthroposophie von seinem "Rassenhochmut" ab, der aus seiner materialistischen Geisteshaltung geboren sei und die natürlichen Instinkte für die wirklichen Werte eines Menschen mehr als ein Jahrzehnt verschüttet habe. Andererseits forderte er, da er Steppenlandschaften als „undeutsch“ empfand, die von der Wehrmacht eroberten osteuropäischen Gebiete durch die Bepflanzung mit Feldhecken „einzudeutschen“. Gegenüber Rudolf Heß kritisierte er, dass die NS-Rassenideologie zu einseitig „nordisch“ ausgerichtet sei, und wollte eine „alpenländische Rasse“ darin aufgenommen sehen. Mit SS-Führer Heinrich Himmler stand er in Briefkontakt. Im Sinne eines Exports von Naturschutzproblemen des „Altreichs“ nach Osten äußerte Seifert, dass „unsere Alpenseen“ (im konkreten Fall der Tiroler Plansee) als Übungsgelände für die Marine „verschont bleiben“ müssten, „so lange es irgend einen außerdeutschen Binnensee gibt“. 1942 verlor er zwei seiner wichtigsten Protektoren, Fritz Todt durch Flugzeugabsturz und Rudolf Heß durch dessen England-Flug. Ungeklärt ist, inwieweit Seifert an den Experimenten in der Heilkräuterplantage des KZ Dachau, auf der KZ-Häftlinge Arbeit verrichten mussten, beteiligt war.[8]

Nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Seiferts Schrift NS Ordensburg Sonthofen[9] in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[10]

Seifert wurde im Entnazifizierungsverfahren zunächst als „Mitläufer“, später (1949) als „unbelastet“ eingestuft und versuchte, seinen großen Einfluss auf die Landschaftsarchitektur wieder mit einem Titel zu unterstreichen: es gelang ihm zwar nicht, „Bundeslandschaftsanwalt“ zu werden, jedoch erhielt er den Ruf auf einen Lehrstuhl für Landschaftspflege, Landschaftsgestaltung sowie Straßen- und Wasserbau an der TH München und war von 1958 bis 1963 „Bundesleiter“ des Bundes Naturschutz in Bayern, der später maßgeblich an der Gründung des BUND beteiligt war. Seifert war 1961 einer der 16 Unterzeichner der „Grünen Charta von der Mainau“, die vom Grafen Lennart Bernadotte initiiert und von Bundespräsident Lübke vor Ort verkündet wurde.

Seifert kompostierte seit 1930 im eigenen Garten in München-Laim und veröffentlichte seine Erkenntnisse seit 1945. Mit seinem bis heute aufgelegten Buch Gärtnern, Ackern ohne Gift verfasste er Anfang der 1970er Jahre ein besonders in der aufkeimenden grün-ökologischen Bewegung populäres Werk über den ökologischen Landbau. Dieses wurde unter anderem in Kreisen des Weltbundes zum Schutz des Lebens propagiert.[11]

Bauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gärten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mitgliedschaften und Ehrungen nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1930: Bodenständige Gartenkunst. In: Gartenkunst Heft 43/1930, S. 162–164.
  • 1931: Vom Gartenzaun zur Gartenlaube – Holzarbeiten für den Gartenfreund. Gartenbauverlag Trowitzsch und Sohn, Frankfurt/Oder
  • 1933: Der kommende Garten. In: Deutsche Bauzeitung, Heft 67/1933, S. 367–371.
  • 1937: Natur und Technik im deutschen Straßenbau. In: Naturschutz, Heft 18/1937, 229-232.
  • 1938: Naturnäherer Wasserbau. In: Die Deutsche Wasserwirtschaft, Heft 12/1938: 361–366
  • 1938: Alpenländisches Mauern In: Forschungsarbeiten aus dem Straßenbau, Bd. 11, Berlin 1938
  • 1943: Das echte Haus im Gau Tirol-Vorarlberg. Eine Untersuchung über Wesen und Herkunft des alpenländischen Flachdachhauses und die Grundsätze einer Wiedergeburt im Geiste unserer Zeit. 83 S., mit zahlr. Abb. Alpenschriften, Innsbruck (Gau-Verlag)
  • 1943: Im Zeitalter des Lebendigen. Natur – Heimat – Technik. Erster Band. Müllersche Verlagshandlung, Planegg
  • 1944: Die Heckenlandschaft. Potsdamer Vorträge VIII, Potsdam
  • 1945/1948/1957 ?: Kompostfibel für den bairischen Bauern (Vorläufer von: Gärtnern, Ackern – ohne Gift)
  • 1950: Italienische Gärten. Ein Bilderbuch. 110 S., Verlag G. Callwey, München
  • 1959: Die Wiederherstellung der Landschaft im Bereich von Steinbrüchen. Natur und Landschaft 34: 40.
  • 1962: Ein Leben für die Landschaft. 160 S., 49 Abb., Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf/Köln
  • 1964: Der Kompost im Garten ohne Gifte – Fibel für kleine und große Gärtner, Bauern und Landwirte. 121 S., Wirtschaftsverlag M. Klug, München-Pasing
  • 1971: Gärtnern, Ackern – ohne Gift. 209 S., mit 14 Abbildungen, Biederstein-Verlag, München

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

nach Autoren alphabetisch geordnet

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thomas Zeller: Driving Germany. The Landscape of the German Autobahn, 1930–1970. Berghahn Books, New York, NY 2007, ISBN 9780857452269, S. 31 f..
  2. Thomas Zeller: Driving Germany. The Landscape of the German Autobahn, 1930–1970. Berghahn Books, New York, NY 2007, ISBN 9780857452269, S. 35, 39.
  3. Thomas Zeller: Driving Germany. The Landscape of the German Autobahn, 1930–1970. Berghahn Books, New York, NY 2007, ISBN 9780857452269, S. 35.
  4. Thomas Zeller: Driving Germany. The Landscape of the German Autobahn, 1930–1970. Berghahn Books, New York, NY 2007, ISBN 9780857452269, S. 45.
  5. Thomas Zeller: Driving Germany. The Landscape of the German Autobahn, 1930–1970. Berghahn Books, New York, NY 2007, ISBN 9780857452269, S. 38.
  6. Frank Uekötter: The Green and the Brown. A History of Conservation in Nazi Germany. Cambridge University Press, Cambridge, New York 2006, ISBN 9780521612777, S. 78.
  7. Thomas Zeller: Driving Germany. The Landscape of the German Autobahn, 1930–1970. Berghahn Books, New York, NY 2007, ISBN 9780857452269, S. 39.
  8. Joachim Radkau, Frank Uekötter (Hg.), S. 276, 297 bzw. 304
  9. Allgäuer Druckerei u. Verl. Anst., Kempten 1937
  10. Buchstabe S, Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Liste der auszusondernden Literatur
  11. Delmenhorster Kurier, 24./25. März 1979, Seite 1: „Gegen unbedachte Eingriffe in den Kreislauf der Natur“
  12. 130 Eigenheime, Verlag F. Bruckmann AG, München 1935
  13. a b Der Baumeister, Jahrgang 1960, Heft 5.
  14. Der Baumeister, Jahrgang 1957, Heft 5.
  15. a b c d Der Baumeister 6/1950
  16. a b c Der Baumeister, Jahrgang 1955, Heft 8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]