Amadeu Antonio Stiftung

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Amadeu Antonio Stiftung
Logo der Stiftung
Typ gemeinnützige Stiftung
Gründung 1998
Sitz Berlin
Personen

Anetta Kahane (Vorstand),
Wolfgang Thierse (Schirmherr)

Schwerpunkt Stärkung der Zivilgesellschaft gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus.
Budget 1.508.531 €[1]
Stiftungsvermögen 379.700 €[2]
Angestellte 11[3]
Motto Ermutigen, Beraten, Fördern
Website www.amadeu-antonio-stiftung.de

Die Amadeu Antonio Stiftung ist eine deutsche gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts. Ihr Ziel ist es, die Zivilgesellschaft zu stärken, die der rechtsextremen Alltagskultur, nicht nur in den östlichen Bundesländern, entgegentritt. Ihr Motto ist „Ermutigen, Beraten, Fördern“. Dafür werden Initiativen und Projekte unterstützt, die gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus vorgehen und sich für demokratische Strukturen engagieren sowie für den Schutz von Minderheiten eintreten.

Die Stiftung wurde nach Amadeu Antonio Kiowa benannt, der im November 1990 von Neonazis getötet wurde. Er war eines der ersten Todesopfer rassistischer Gewalt nach der deutschen Wiedervereinigung.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Stiftung wurde 1998 gegründet. Stifter ist Karl Konrad Graf von der Groeben, Schirmherr der damalige Präsident des Deutschen Bundestages Wolfgang Thierse, die Vorsitzende des Vorstands Anetta Kahane, Stellvertreterin Pia Gerber. Der sechsköpfige Stiftungsrat wacht über die Einhaltung des Stifterwillens, entscheidet in Angelegenheiten von grundsätzlicher Bedeutung und berät den Vorstand. Mitglieder des Stiftungsrats sind: Rupert Graf Strachwitz (Vorsitzender), Christian Petry, Uta Leichsenring, Andreas Zick, Andrea Böhm und Sanem Kleff. Verwaltet wird die Stiftung durch die SFGM, Stiftungs- und Forschungsgruppe Modellprojekte gGmbH. Der Kreis der Freunde und Förderer der Stiftung wird durch Ria Gräfin von der Groeben vertreten. Geschäftsführung und Stiftungskoordination Timo Reinfrank.

Im April 2003 startete die Stiftung zusammen mit der Zeitschrift stern die Internetplattform Mut gegen rechte Gewalt, ein Onlinemagazin über aktuelle Entwicklungen in den Bereichen Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und wirkungsvolle Gegenstrategien.

Im Oktober 2005 ging der Opferfonds Cura der Amadeu Antonio Stiftung online. Die Website soll eine möglichst breite Öffentlichkeit erreichen und neue Spender gewinnen. Außerdem informiert die Webseite Opfer von rechtsextremen Gewalttaten schnell über Hilfe, Unterstützung und Beratungsangebote.

Seit 2009 betreibt die Stiftung zusammen mit der Wochenzeitung Die Zeit das Internetportal netz-gegen-nazis, auf welchem investigativ über die Aktivitäten von Neonazis im Internet aufgeklärt wird. Zusätzlich stellt das Portal Beratungsanbgebote zum Umgang mit Rechtsextremisten, sowie eine Wissensdatenbank zur Verfügung.

Schwerpunkt und Organisation[Bearbeiten]

Schwerpunkt der Stiftungsarbeit ist die fachliche und finanzielle Förderung vieler lokaler Initiativen und Projekte in den Bereichen Opferschutz und -hilfe, Schule und Jugend, nichtrechte Jugendkultur und kommunale Netzwerke, die demokratisches Handeln stärken und die Zusammenarbeit öffentlicher und privater Partner suchen.

Projektförderung[Bearbeiten]

Die Stiftung unterstützt zum Beispiel gezielt Opferberatungsstellen, Flüchtlingsinitiativen, die mit Schulen zusammenarbeiten wollen oder Jugendliche, die Demokratieprojekte selbst beginnen. Das bekanntestes Förderprojekt ist das Neonazi-Aussteigerprojekt Exit.

Seit Bestehen der Stiftung wurden über 800 Projekte gefördert.[4] Die Stiftung sieht es als ihre wichtigste Aufgabe an, Projekte nicht nur zu fördern, sondern auch zu ermutigen, ihre Eigeninitiative vor Ort zu stärken und sie zu vernetzen. Die Projekte werden aus Spendenmitteln und den Erträgen des Stiftungskapitals gefördert. Das Gesamtbudget der Stiftung betrug 2009 ca. 900.000 Euro, davon werden etwa 600.000 Euro für operative Projekte verwendet, die aber über Programme der Bundesregierung und anderer Stiftungen finanziert werden.

Operative Stiftungsarbeit[Bearbeiten]

Die Stiftung arbeitet operativ und überregional mit eigenen Projekten in der Kinder- und Menschenrechtsbildung, bei der Entwicklung und Fortbildung von Projekten gegen aktuellen Antisemitismus, in Kooperation mit antirassistischen Projekten gegen Alltagsrassismus und bei der Förderung und Vernetzung von Bürgerstiftungen, die sich für demokratische Kultur engagieren. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Öffentlichkeitsarbeit für Projekte gegen Rechtsextremismus. Daher arbeitet die Stiftung seit 2000 eng mit dem Magazin Stern im Rahmen der Aktion Mut gegen rechte Gewalt zusammen. Teil der Kampagne ist u. a. die Website unter mut-gegen-rechte-gewalt.de. Zudem erstellt die Stiftung in Kooperation mit dem Blick nach Rechts im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung monatlich Schwerpunkte zur Rechtsextremismus-Thematik. Seit 2009 arbeitet die Stiftung auch mit der Wochenzeitung Die Zeit im Rahmen des Internetportals Netz gegen Nazis zusammen. Ein weiteres von der Stiftung unterstütztes Projekt ist der blog Publikative.org des Journalisten Patrick Gensing.

Kampagnen der Stiftung[Bearbeiten]

Kein Ort für Neonazis[Bearbeiten]

Unter dem Titel Kein Ort für Neonazis betreibt die Stiftung eine zivilgesellschaftlichen Kampagne mit dem Ziel, im Vorfeld von Landtags- und Kommunalwahlen in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die Problematik der Anwesenheit rechtsextremer Parteien in Landesparlamenten und Kreistagen zu schaffen. Inhalte der Kampagne sind dabei Aktivierung und Vernetzung lokaler Akteure sowie Hilfe und finanzielle Unterstützung bei kleineren Projekten engagierter Bürger und Initiativen.[5] Teil der Kampagne ist auch die Mobilisierung gegen regionale und bundesweite Neonaziaufmärsche, Konzerte und Veranstaltungen. 2008 fand die Kampagne erstmals in Zusammenarbeit mit dem Aktionsbündnis Brandenburg im Landkreis Barnim statt, 2009 in Thüringen, 2010/2011 in Mecklenburg-Vorpommern.[6]

Mut gegen rechte Gewalt[Bearbeiten]

Die Kampagne wurde 2000 vom Nachrichtenmagazin stern unter dem Eindruck immer neuer Übergriffe auf Migranten initiiert und wird seit 2003 in Kooperation mit der Amadeu Antonio Stiftung durchgeführt. Das Portal dient der Öffentlichkeitsarbeit, Spendenakquise und Unterstützung für Initiativen, die sich regional gegen rechte Gewalt engagieren.[7] Zusätzlich vertieft das Internetportal die Berichterstattung über Neonazis und wurde 2007 mit dem alternativen Medienpreis ausgezeichnet.[8]

Aktionswochen gegen Antisemitismus[Bearbeiten]

Zwischen 2003 und 2013 organisierte die Stiftung zusammen mit regionalen Initiativen die Aktionswochen gegen Antisemitismus aus. Ziel war es, rund um den 9. November (dem Jahrestag der Reichspogromnacht) verschiedene Veranstaltungen an vielen Orten zu organisieren, um auf das immer noch präsente Problem des Antisemitismus aufmerksam zu machen. Obgleich der Bezugspunkt historischer Natur ist, wurden auch Veranstaltungen durchgeführt, die sich mit dem aktuellen Antisemitismus beschäftigen und zu Diskussionen in der Öffentlichkeit anregen sollten.[9]

Projekte der Stiftung[Bearbeiten]

ju:an[Bearbeiten]

Das Projekt Jugendarbeit gegen Antisemitismus beschäftigt sich mit verschiedenen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit von Jugendlichen, wie Rassismus, Homophobie oder Antisemitismus. Mit dem Forschungsprojekt sollen langfristige Strategien zum pädagogischem Umgang mit verschiedenen Ungleichheitsideologien in Jugendeinrichtungen entwickelt werden, um SozialpädagogInnen und JugendarbeiterInnen in ihrer Arbeit zu unterstützen. Zusammen mit dem Personal in zwei Jugendeinrichtungen werden Strategien entwickelt, die der Prävention und dem Abbau von Vorurteilen dienen.

Gender und Rechtsextremismus[Bearbeiten]

Die Fachstelle Gender und Rechtsextremismus erforscht neonazistische und rechtsextreme Geschlechtsbilder sowie Erziehungsideale. Vor allem die Rolle der Frau innerhalb des Neonazismus als Multiplikator und Türöffner in die Gesellschaft wird verstärkt beleuchtet, da Rechtsextremismus bisher primär als eine männliche Domäne wahrgenommen wird. Gleichzeitig werden Strategien für PädagogInnen, SozialarbeiterInnen und ErzieherInnen entwickelt, die diese in ihrer Arbeit mit rechtsextrem erzogenen Kindern und deren Eltern unterstützen sollen. Mit der pädagogischen Beratung geht auch eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit einher.

No-nazi.net[Bearbeiten]

Das Projekt ist an Jugendliche gerichtet, um diese gegenüber rechtsextremer Propaganda und Hetze im Internet zu sensibilisieren und zu eigener Arbeit zu aktivieren. Die Zielgruppe sind Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren, diese sind in der Regel sehr internetaffin, damit aber auch stark gefährdet auf rechtsextreme Inhalte im Netz zu treffen und von diesen beeinflusst zu werden. Gemeinsam mit den Jugendlichen sollen Ideen gegen Rechtsextremismus im Internet gesammelt und wirkungsvolle Gegenstrategien entwickelt werden. Der Schwerpunkt des Projektes liegt in der Arbeit innerhalb der sozialen Netzwerke.

Lola für Lulu[Bearbeiten]

Lola für Lulu ist eines der langfristigsten Projekte der Stiftung. Es richtet sich gezielt an Frauen und Mädchen im Altkreis Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern. Mit Hilfe des Projektes sollen diese für Rechtsextremismus und rechtsextreme Rollenbilder sensibilisiert werden. Gleichzeitig versucht man sie dadurch für eine geschlechtergerechte demokratische Kultur zu aktivieren. Zu der direkten Arbeit gehören Projektberatungen- und förderungen sowie Workshops für interessierte Personen. Obgleich der Fokus der Arbeit auf Frauen und Mädchen gerichtet ist, stehen die Angebote allen Interessenten offen.

Region in Aktion[Bearbeiten]

Durch das Modellprojekt „Region in Aktion“ sollte analysiert werden, wie die Zivilgesellschaft im ländlichen Raum unterstützt und erweitert werden kann. Als Ausgangspunkt stehen die Wahlerfolge rechtsextremer Parteien und wie auf diese mit zivilgesellschaftlichen Mitteln reagiert werden kann. Im Vordergrund stehen hierbei Kommunikationsprozesse, die die Akteure vor Ort miteinander vernetzen und mehr Personen für zivilgesellschaftliches Engagement aktivieren. Gleichzeitig wurden Methoden einer verbesserten Kooperation zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft erprobt. Forschungskerne des Projektes bildeten die brandenburgische Stadt Zossen und die Region Vorpommern, in welchen Rechtsextremisten auf kommunaler und Landesebene beträchtliche Wahlerfolge erzielen konnten und im Alltag sehr präsent sind.

Kooperationspartner[Bearbeiten]

Die Stiftung hat ca. 300 Kooperationspartner in Ost- und Westdeutschland, darunter viele kleine Projekte und Initiativen auf lokaler Ebene. In Deutschland besteht eine strategische Partnerschaft mit der Freudenberg Stiftung und dem Nachrichtenmagazin stern. Auf europäischer und internationaler Ebene arbeitet sie u. a. mit der King Baudouin Fondation, dem European Foundation Center, dem WINGS-Netzwerk (Worldwide Initiatives for Grantmaker Support), dem Network of European Foundations (NEF) und der Ford Foundation zusammen. Die Stiftung ist Unterzeichnerin der Initiative Transparente Zivilgesellschaft.[10]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Im Zuge der operativen Stiftungsarbeit veröffentlicht die Stiftung regelmäßig Flugblätter, Broschüren und Analysen. Die Erscheinungen umfassen aber auch Monographien und Sammelbände.

  1. Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.): Von Mauerfall bis Nagelbombe – Der NSU-Anschlag auf die Kölner Keupstraße im Kontext der Pogrome und Anschläge der neunziger Jahre, Berlin 2014, ISBN 978-3-940878-16-8
  2. Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.): Region in Aktion – Wie im ländlichen Raum demokratische Kultur gestaltet werden kann, Berlin 2013, ISBN 978-3-940878-15-1
  3. Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.): Staatsversagen – Wie Engagierte gegen Rechtsextremismus im Stich gelassen werden. Ein Report aus Westdeutschland, Berlin 2013, ISBN 978-3-940878-14-4
  4. Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.): Liken. Teilen. Hetzen. Neonazi-Kampagnen in Sozialen Netzwerken, Berlin 2012, ISBN 978-3-940878-13-7
  5. Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.): Geteilte Erinnerung? Zum Umgang mit Nationalsozialismus in Ost und West, Berlin 2011, ISBN 978-3-940878-10-6
  6. Peter-Georg Albrecht: Von früher lernen heißt…? Zivilgesellschaftliches Engagement älterer Menschen gegen Rechtsextremismus, Berlin 2011, ISBN 978-3-940878-05-2
  7. Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.): Living Equality – Gleichwertigkeit leben, Interventionen gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Berlin 2009, ISBN 978-3-940878-04-5
  8. Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.): „Die Juden sind Schuld“ – Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus, Berlin 2009, ISBN 978-3-940878-03-8
  9. Bianca Richter: Rechter Alltag – Ein Bericht über die „deutschen Zustände“ in Reinhardtsdord-Schöna und Kleingießhübel, Berlin 2008
  10. Albert Scherr, Barbara Schäuble; „Ich habe nichts gegen Juden aber…“ – Ausgangsbedingungen und Perspektiven gesellschaftspolitischer Bildungsarbeit gegen Antisemitismus, Berlin 2007
  11. Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.): Fundraising für demokratische Kultur – Mittelbeschaffung für zivilgesellschaftliche Initiativen, Berlin o.J.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ergebnisrechnung der Amadeu Antonio Stiftung 2012 (Stand 3/2014; PDF; 37 kB)
  2. Bilanz der Amadeu Antonio Stiftung 2012 zum 31. Dezember 2012 (Stand 3/2014; PDF; 38 kB)
  3. Die Stiftung auf einen Blick (Version vom 8. August 2012 im Internet Archive) (Stand 12/2011)
  4. Website der Stiftung Stand Januar 2013
  5. Kein Ort für Neonazis (Version vom 25. Juni 2012 im Internet Archive)
  6. Marius Koity: Neonazis sagen ihr "Fest der Völker" in Pößneck ab. In: Ostthüringer Zeitung, 31. August 2010.
  7. Mut gegen rechte Gewalt. In: Stern, 16. Juli 2013.
  8. Laudatio auf Preisträger 2007 (Stand 3/2014; PDF; 11 kB)
  9. Aktionswochen gegen Antisemitismus auf der Stiftungswebsite
  10. www.transparency.de, abgerufen am 27. Februar 2014