Amalgamfüllung

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Zahnfüllung aus Silber-Amalgam

Eine Amalgamfüllung (altgriechisch μαλακός malakos,[1] „weich“ – das „Nicht-Erweichende“; nach anderer Etymologie arabisch أمل آل غاما amal al-gama, erweichende Salbe), umgangssprachlich auch „Plombe“ (von lateinisch plumbum, Blei) genannt, ist eine Zahnfüllung aus Quecksilberlegierungen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt Hinweise darauf, dass Zahnamalgam bereits zu Beginn der Tang-Dynastie (chinesisch 唐朝, Pinyin táng cháo) in China (618–907 n. Chr.) als Füllungsmaterial verwendet wurde, wie man Schriften des chinesischen Arztes Su Kung (蔌哭嗯) aus dem Jahre 659 entnehmen kann. Als „silberner Teig“ kehrt Amalgam im Ta-Kuan Pent-ts'ao (大观被压抑的曹操) um 1107 wieder. Auch in der Ming-Periode (chinesisch 明朝, Pinyin míng cháo) wird die Legierung 1505 und 1596 (von Li Shi-Zhen 李时珍) erwähnt. 1505 beschreibt Liu Wen t'ai (刘雯台) die genaue Zusammensetzung: „100 Teile Quecksilber, 45 Teile Silber und 900 Teile Zinn, die in einem eisernen Topf zu verrühren sind.“[2] Die erste Verwendung in neuerer Zeit wird dem Zahnarzt I. Regnart im Jahre 1818 zugeschrieben, wobei dies umstritten ist und auch die Namen Thomas Bell und Taveau genannt werden. Seit 1820 wurde es, das teure zuvor übliche Gold[3] ersetzend, massenhaft als Füllungsmaterial verwendet. Zahnärztliches Amalgam entsteht durch das Vermischen, sogenanntes Triturieren, von jeweils etwa 50 % reinem Quecksilber und einer Feilungsmischung verschiedener Metalle zu einer plastischen Masse, die nach kurzer Zeit (ca. 3–5 Minuten) erhärtet.

Verwendung als Zahnfüllung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zahn mit Approximalkaries (Karies am Zahnzwischenraum)
Alte Füllung entfernt, Karies liegt frei
Karies entfernt
Amalgamfüllung

Eine häufige Anwendung der Amalgame ist die Verwendung als Füllung für Zähne, heute ausschließlich in der Form von Silberamalgam („Edelamalgam“)[4], das den Namen wegen seines Silberanteils erhielt. Silberamalgam hat das überwiegend vorher verwendete Kupferamalgam ersetzt, das als zweiten Hauptbestandteil Kupfer statt Silber enthält und bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ebenfalls als Material für Zahnfüllungen verwendet wurde.[5] Wegen seiner geringeren chemischen Beständigkeit und der umweltschädlichen Verarbeitung (es wurde vorgemischt geliefert und musste zur Verarbeitung durch Erhitzen erweicht werden) ist es Silberamalgam unterlegen.

Silberamalgame bestehen zu 50 % aus Quecksilber und zu 50 % aus einer Feilmischung. Die Feilungsmischung setzt sich heute aus mindestens 40 % Silber, maximal 32 % Zinn, maximal 30 % Kupfer, maximal 5 % Indium, maximal 3 % Quecksilber und maximal 2 % Zink zusammen.[6] Diese seit den 1980er-Jahren in der Zahnheilkunde üblichen Non-Gamma-2-Phasen-Silberamalgame enthalten etwas mehr Kupfer und weniger Zinn als frühere Mischungen und sind dadurch korrosionsbeständiger. Gamma-2-haltige Amalgamen sind dagegen schwächer beanspruchbar und wegen der Gamma-2-Phase (Quecksilber-Zinn-Phase) korrosionsanfälliger als die übrigen Phasen der Legierung.[4] Dadurch kann mehr elementares Quecksilber freigesetzt werden:

Amalgam-Füllung im Röntgenbild
Der Amalgamrüttler zum Anmischen des Amalgams hat seit Jahrzehnten das Anrühren von Hand abgelöst; Anmischzeit, je nach Fabrikat: 5–15 Sekunden.
Die Kapsel mit dem Quecksilber und den Silberspänen (durch eine Folie getrennt) wird in den Rüttler eingespannt, der Halter mit der Kapsel vibriert dann beim Anmischen sehr schnell hin und her.
Mit der „Amalgampistole“ wird das weiche, frisch angerührte Amalgam in den Hohlraum eingebracht.
Amalgamabscheider SEDAS 4 – ein Sedimentabscheider

Gründe für die Verwendung von Amalgam[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vorteil von Amalgam als Füllungsmaterial liegt in der relativ einfachen, auch unter schwierigen Bedingungen im Mund weitgehend fehlertoleranten Verarbeitung[7] und in seiner Haltbarkeit, die bei vergleichbar korrekter Verarbeitung auch heute noch mit keinem anderen plastischen Material erreicht werden kann. Es zeichnet sich insbesondere als Füllung für große Defekte im Seitenzahnbereich aus.[7]

Der zeitliche Aufwand bei der Anfertigung ist bei Amalgam geringer als bei Kunststofffüllungen. Außerdem ist Amalgam teilweise preisgünstiger als moderne Füllungskunststoffe, deren Vorteile hauptsächlich in der zahnähnlichen Farbe und in der Möglichkeit einer adhäsiven Befestigung an der Zahnhartsubstanz bestehen. Silberamalgame entfalten zudem einen karieshemmenden Effekt wegen der bakteriziden Wirkung des enthaltenen Silbers. Nachteilig wirkt sich die dunkle Farbe aus, außerdem wird viel Zahnsubstanz im Zuge der Präparation geopfert.[8]

Zahnfüllungen aus Amalgam werden seit Jahrzehnten weltweit in großer Zahl verwendet. Die überwiegende Zahl der epidemiologischen und toxikologischen Studien haben bisher keine Gesundheitsgefahren gezeigt.[7] Gelegentlich tritt eine harmlose Pigmentierung der Mundschleimhaut (Amalgamtätowierung) auf.

Alternativen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alternative Kompositfüllungen (Glasionomerzement, Komposit, Ormocere) sind heute etwa ebenso lange haltbar wie Amalgamfüllungen, die adäquate Verarbeitung und Berücksichtigung von Indikationseinschränkungen vorausgesetzt.[9] Kompositfüllungen bestehen zu ca. 20 % aus Kunststoffen und ca. 80 % aus feinsten Glas-, Keramik oder Quarzteilchen. Inlays (Goldinlays, Keramikinlays) und Goldhämmerfüllungen sind aus toxikologischer Sicht unbedenklich. Keramikinlays werden jedoch nicht wie Goldfüllungen zementiert, sondern mit Kunststoff (chemisch identisch mit Kunststofffüllungen) eingeklebt, wobei in Ausnahmefällen ein Allergiepotenzial besteht.

Einschränkung für die Anwendung von Amalgamfüllungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ab dem 1. Januar 2019 darf Dentalamalgam nur noch in vordosierter, verkapselter Form verwendet werden. Die Verwendung von Quecksilber in loser Form durch Zahnärzte ist verboten.
  • Ab dem 1. Juli 2018 darf Dentalamalgam nicht mehr für die zahnärztliche Behandlung von Milchzähnen, von Kindern unter 15 Jahren und von Schwangeren oder Stillenden verwendet werden, es sei denn, der Zahnarzt erachtet eine solche Behandlung wegen der spezifischen medizinischen Erfordernisse bei dem jeweiligen Patienten als zwingend notwendig. Sollte dies im Ausnahmefall zwingend notwendig sein, so muss durch geeignete Maßnahmen (z. B. Kofferdam) eine Quecksilber-Belastung möglichst gering gehalten werden.[10]
  • Amalgame dürfen nicht verwendet werden
  • bei eingeschränkter Nierenfunktion.[11]

Kostenerstattungen der gesetzlichen Krankenkassen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für Füllungen im „kaudrucktragenden Seitenzahnbereich“, wenn anerkannte und erprobte plastische Füllungsmaterialien gemäß ihrer medizinischen Indikation verwendet werden. Die aktuellen Gebrauchs- und Fachinformationen und Aufbereitungsmonographien sollen berücksichtigt werden. Die Festlegung auf Amalgam als Standardmaterial wurde bei der Überarbeitung der Behandlungsrichtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (2004) entfernt.[12] Wählen Versicherte bei Zahnfüllungen eine darüber hinausgehende Versorgung, haben sie die Mehrkosten selbst zu tragen. In diesen Fällen ist von den Kassen die vergleichbare preisgünstigste plastische Füllung als Sachleistung abzurechnen.[13]

Im Frontzahnbereich sind in der Regel adhäsiv befestigte Füllungen (z. B. Komposite) das Mittel der Wahl. Mehrfarbentechnik im Sinne einer ästhetischen Optimierung ist nicht Bestandteil der vertragszahnärztlichen Versorgung.

Adhäsiv befestigte Füllungen im Seitenzahngebiet sind nur in Ausnahmefällen Bestandteil der vertragszahnärztlichen Versorgung:

  • wenn Amalgam als „absolut kontraindiziert" gilt und der Nachweis einer Allergie gegenüber Amalgam oder dessen Bestandteilen gemäß den Kriterien der Kontaktallergiegruppe der Deutschen Gesellschaft für Dermatologie erbracht wurde bzw. wenn bei Patienten mit schwerer Niereninsuffizienz neue Füllungen gelegt werden müssen.“[14]
  • bei der zahnärztliche Behandlung von Milchzähnen, von Kindern unter 15 Jahren und von Schwangeren oder Stillenden verwendet werden, es sei denn, der Zahnarzt erachtet eine solche Behandlung wegen der spezifischen medizinischen Erfordernisse bei dem jeweiligen Patienten als zwingend notwendig.[15]

In diesen Fällen sind „Kompositfüllungen im Seitenzahnbereich (…) entsprechend der Adhäsivtechnik“ Kassenleistung.[16]

Ein Austausch intakter Amalgamfüllungen fällt nicht in die Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung, wie das Bundessozialgericht wiederholt festgestellt hat.[17][18]

Diese Einschränkungen wurden als Vorsichtsmaßnahmen getroffen.

Eine vor 2007 formulierte Stellungnahme der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kommt zu dem Schluss: „Laut aktuellem Kenntnisstand sind die derzeit vorhandenen Restaurationsmaterialien, einschließlich Dentalamalgam, als sicher und zuverlässig zu betrachten. Allerdings kommt es gelegentlich zu biologischen Gegenanzeigen. Diese sind jedoch individuell bedingt und demgemäß individuell zu behandeln. Die WHO erkennt die Notwendigkeit einer fortgesetzten Sicherheits- und Wirksamkeitsüberwachung aller dentalen Restaurationsmaterialien an.“[19]

Amalgam-Verwendung international[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Europäischen Union werden pro Jahr etwa 70 Tonnen Quecksilber für Amalgam verwendet, wobei Zahnärzte die Hauptverbraucher darstellen.[20] Insgesamt befinden sich etwa 1300 bis 2200 Tonnen Quecksilber in den Zähnen von EU-Einwohnern.[20] Die neun Millionen Bürger Schwedens tragen etwa 40 Tonnen Quecksilber in Form von Amalgamzahnfüllungen, wovon jährlich ca. 100 kg in die Umwelt ausgeschieden werden.[20]

Für US-Bürger wurde errechnet, dass sie zusammen etwa 1000 Tonnen Quecksilber in ihren Zahnfüllungen haben.[20]

In den letzten Jahrzehnten der Sowjetunion wurde überwiegend Kunststoff für Seitenzahnfüllungen verwendet.

Bedeutung des Quecksilberverbotes mancher Länder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut Pressemitteilung vom 15. Januar 2009 entschied das Umweltministerium in Schweden, den Gebrauch von Quecksilber generell zu verbieten. Das Verbot bedeutet, dass der Gebrauch von Amalgam in Zahnfüllungen eingestellt wird und dass quecksilberhaltige Produkte nicht mehr in Schweden vermarktet werden dürfen. Andreas Carlgren, der schwedische Umweltminister, sagte: „Das Verbot ist ein starkes Signal für andere Länder und der Beitrag Schwedens zu den Zielen von EU und UN, Gebrauch und Emission von Quecksilber zu reduzieren.“ Die neuen Regelungen traten am 1. Juni 2009 in Kraft.[21] Norwegen und Dänemark haben die Verwendung von Amalgam ebenfalls verboten.[22]

Angesichts der Gesundheitsrisiken durch Quecksilber beschloss der Verwaltungsrat des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) im Februar 2009, ein globales Übereinkommen zu entwickeln, das alle Aspekte des Quecksilber-Lebenszyklus behandeln soll. Die entsprechenden Verhandlungen wurden im Januar 2013 abgeschlossen und das Übereinkommen[23] im Oktober 2013 als „Minamata-Konvention“ unterzeichnet.[24] Am 6. November 2013 gab die Regierung der Vereinigten Staaten als erster Staat die Ratifizierung der Konvention bekannt.[25] In Bezug auf Dentalamalgam wurde geregelt, dass alle Vertragsparteien Maßnahmen für einen schrittweisen Verzicht („phase out“) auf den Einsatz von Dentalamalgam treffen müssen.

Auswirkungen auf die Umwelt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland müssen Zahnarztpraxen ihre Abwässer über einen Amalgamabscheider reinigen. Quecksilberhaltige Abwässer führen zu erhöhtem Aufwand in Klärwerken. Besonders belastend für die Umwelt sind organische Quecksilberverbindungen, die im Abwasser entstehen können. So unterliegen Zahnarztpraxen besonderen Gewässerschutzauflagen.[26] An Behandlungsplätzen installierte Amalgamabscheider müssen gemäß Abwasserverordnung (AbwV) über eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung verfügen oder nach Landesrecht zugelassen sein, einen Abscheidewirkungsgrad von mindestens 95 Prozent aufweisen sowie regelmäßig gewartet und entleert werden. Vor Inbetriebnahme und in Abständen von nicht länger als fünf Jahren sind Amalgamabscheider nach Landesrecht auf ihren ordnungsgemäßen Zustand zu überprüfen. Die Einleitung von amalgamhaltigem Abwasser ist generell nur mit einer behördlichen Genehmigung zulässig.[27]

Die in der Praxis gesammelten Abfälle aus den Amalgamabscheidern, Amalgamreste und extrahierte Zähne mit Amalgamfüllungen müssen kostenpflichtig bei spezialisierten Recyclingunternehmen entsorgt werden. Aufgrund des hohen Quecksilberanteils müssen diese die Amalgamabfälle als gefährlichen Abfall (Abfallschlüsselnummer 180110*) und mit dem Ziel der Metallrückgewinnung entsorgen.[27]

Gesundheitsbedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wegen des enthaltenen Quecksilbers gibt es weltweit kein anderes Füllmaterial, das so häufig und intensiv auf mögliche Gesundheitsgefährdungen hin untersucht wurde. In der Theorie werden zwei verschiedene Mechanismen der Schädigung angenommen: Intoxikation (Vergiftung) und Allergien. Die Verarbeitung von reinem Quecksilber und der hohe Quecksilbergehalt (etwa 50 %) haben bereits sehr früh eine Diskussion über mögliche Gesundheitsgefährdungen bewirkt, die von der Verwendung von Amalgam als Füllungsmaterial ausgehen könnten. Bereits 1833 brach in den USA nach der forcierten Einführung von Amalgam als Füllmaterial der sogenannte „Amalgamkrieg“ aus, der zu einem zeitweiligen Verbot des Amalgams als Füllmaterial führte. In Deutschland flammte eine ähnliche Diskussion in den 1920er Jahren auf.[28]

Menschen, die mehrere verschiedene (Schwer-)Metalle im Mund haben (etwa Gold, Amalgam, Silber), weisen erhöhte Quecksilberwerte im Blut auf, da durch die Bimetallkorrosion im Mund Quecksilberionen aus dem Amalgam gelöst werden können. Durch Abrasion gelangen auch die Schwermetalle Kupfer und Zinn in den Organismus. Quecksilber wird vor allem bei der Verarbeitung von Amalgam in Form von Quecksilberdampf aufgenommen.[6] Bei der Aufnahme von Quecksilber kommt es zu vermehrter Ausscheidung im Urin und zur Einlagerung von Quecksilber im Körper, vor allem im Fettgewebe. Dies ermöglicht die neurotoxische Wirkung des Schwermetalls, denn Nervengewebe ist u. a. von Fett umgeben. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) empfiehlt, bei Schwangeren und Nierengeschädigten auf die Verwendung von Amalgam zu verzichten.[6]Im Jahre 1997 wurde in Deutschland ein Konsenspapier des Bundesgesundheitsministeriums, des BfArM sowie diverser zahnärztlicher Gesellschaften und Institutionen zum Umgang mit Amalgam veröffentlicht.[29] Ähnliche Empfehlungen kamen in den letzten Jahren von der EU.

Im Dezember 2004 erschien eine Studie des „Life Sciences Research Office“ der USA: Eine Auswertung aller Forschungsarbeiten seit 1996 fand keinen Nachweis der Gefährdung durch Amalgamfüllungen.[30] Eine Multicenter-Studie aus dem Jahre 1998 konnte keinen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Amalgamfüllungen bei Patienten und deren subjektiven Beurteilungen ihres Gesundheitszustands feststellen.[31] Die Auffassung aus dem Jahr 2005, dass in Industrieländern die Hauptquelle der Quecksilberexposition die Einatmung von Quecksilberdampf aus zahnmedizinischem Amalgam sei,[32] wurde durch zwei Studien der Europäischen Kommission nicht mehr aufrechterhalten.[33] Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Gefährdung vergleichsweise gering sei.[34]

Eine 2008 veröffentlichte Studie, bei der 5.000 Patienten befragt wurden, ergab „keinen bedeutenden Unterschied zwischen Patienten mit und solchen ohne Amalgam-Füllungen“ hinsichtlich der Beschwerden. Es konnte aber festgestellt werden, „dass die anorganischen Quecksilberwerte im Blut von Patienten mit Amalgamfüllungen viermal höher waren als bei Menschen ohne diese Füllungen.“[35] Diese Dosiswerte lagen aber weit unterhalb der kritischen Belastungsgrenze.

Die Studie der Technischen Universität München von 2008 kam zu dem Ergebnis, dass eine Amalgamentfernung die anorganischen Quecksilberwerte im Blut senkt. Die subjektiven Beschwerden können sowohl durch die Entfernung als auch durch allgemeine Gesundheitsmaßnahmen ohne Amalgamentfernung positiv beeinflusst werden. Eine zusätzliche „biologische Detoxifikation“ mit Vitaminen und Spurenelementen erbrachte in der Amalgamentfernungsgruppe keine zusätzliche Verbesserung.[36]

Am 10. März 2014 hat der wissenschaftliche Beratungsausschuss für Gesundheits- und Umweltrisiken der Europäischen Kommission, das Scientific Committee on Health and Environmental Risks (SCHER), eine Stellungnahme zu den Gesundheits- und Umweltauswirkungen von Amalgam mit dem Ergebnis veröffentlicht, dass die Gesundheits- und Umweltgefährdung durch das in zahnärztlichem Amalgam enthaltene Quecksilber vergleichsweise gering ist. Nur unter außergewöhnlichen Umständen (Worst-Case-Szenario), d. h. im Falle einer hohen Zahnarztdichte verbunden mit einem hohen Grad der Amalgamnutzung bei gleichzeitigem Fehlen von Amalgamabscheidern, könne nicht ausgeschlossen werden, dass auf lokaler Ebene Risiken für Gesundheit und Umwelt bestünden. Dieses Szenario ist für Deutschland ausgeschlossen, da hierzulande Amalgamabscheider für Zahnarztpraxen vorgeschrieben sind.[37] Hintergrund der Studie waren Forderungen Schwedens, die Verwendung von quecksilberhaltigem Amalgam europaweit aus Gründen des Umwelt- und Gesundheitsschutzes zu verbieten.[38]

Das Oberlandesgericht Hamm hat am 4. März 2016 in einem Urteil festgestellt, dass die Verwendung von Amalgam bei Zahnfüllungen grundsätzlich unbedenklich ist.[39]

Wie die Bundeszahnärztekammer im Juni 2018 in einem Positionspapier zur EU-Quecksilberverordnung bemerkt, konnte bisher jedoch keine Studie nachweisen, dass Amalgamfüllungen in einem ursächlichen Zusammenhang mit degenerativen Krankheiten, anderen Krankheiten oder sonstigen unspezifischen Symptomen stehen.[40]

Psychogene Amalgamintoleranz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei einer „psychogenen Amalgamintoleranz“ geben betroffene Patienten nahezu alle Beschwerden in der Humanpathologie an und führen das auf Amalgam zurück. Es ließen sich aber keinerlei Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Amalgamfüllungen mit dem Beschwerdebild nachweisen.[41] Es gibt Menschen, die psychisch leiden, wenn der Arzt ihnen Amalgamfüllungen legt. Das äußert sich auch körperlich: Sie leiden an Unwohlsein, hektischen Flecken und Stress. Diese Probleme bessern sich, wenn sie wissen, dass der Zahnarzt die Füllungen entfernt.[42] Eine sogenannte „Amalgamerkrankung“ aufgrund des Amalgams gibt es nicht, sie geht auf eine Amalgamphobie zurück.[4]

Diagnostik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die individuelle Belastung kann mittels Labortests bestimmt werden. Zunächst wird ein Speicheltest empfohlen, der die Freisetzung von Quecksilber aus der Zahnfüllung misst.

Ein gerade im alternativmedizinischen Bereich angewendeter Urintest nach Gabe von DMPS ist nicht zur Quecksilberbestimmung geeignet.[43] Diese Diagnoseverfahren sind weder standardisiert, noch werden sie einheitlich durchgeführt – dies führt zu gravierenden Unterschieden bei den Testergebnissen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • DIN EN ISO 24234, Ausgabe:2005–01, Zahnheilkunde – Quecksilber und Legierungen für zahnärztliche Amalgame, (ISO 24234:2004); Deutsche Fassung EN ISO 24234:2004
  • Gottfried Schmalz, Dorthe Arenholt-Bindslev: Biocompatibility of Dental Materials. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 2009, ISBN 978-3-540-77781-6.
  • J. R. Mackert und A. Berglund: Mercury exposure from dental amalgam fillings: absorbed dose and the potential for adverse health effects. In: Critical Reviews in Oral Biology and Medicine: An Official Publication of the American Association of Oral Biologists. Band 8, Nr. 4, 1997, S. 410–436, doi:10.1177/10454411970080040401, PMID 9391753.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Fillings – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. mit „α“ Alpha privativum
  2. G. Bjørklund: [The history of dental amalgam]. In: Tidsskrift for den Norske lægeforening: tidsskrift for praktisk medicin, ny række. Band 109, Nummer 34–36, Dezember 1989, S. 3582–3585, PMID 2694433.
  3. Ullrich Rainer Otte: Jakob Calmann Linderer (1771–1840). Ein Pionier der wissenschaftlichen Zahnmedizin. Medizinische Dissertation, Würzburg 2002, S. 22.
  4. a b c Manfred Hilp: Amalgam, ein Problem? – Das gesundheitliche Risiko von Amalgamplomben. In: Deutsche Apothekerzeitung. 30. Oktober 2005, abgerufen am 3. Januar 2021.
  5. Quecksilberlegierungen. In: Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage. Band 16, Bibliographisches Institut, Leipzig/Wien 1908, S. 506–507.
  6. a b c Broschüre des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: „Amalgame in der zahnärztlichen Therapie“ (PDF; 286 kB)
  7. a b c Wie wird Karies behandelt? In: Verbraucherzentrale. 23. Januar 2018, abgerufen am 7. September 2020.
  8. Füllungsmaterialien. In: Die Bezirkszahnärztekammer Rheinhessen (BZKR). Abgerufen am 19. Februar 2021.
  9. DGZ/DGZMK Leitlinie zu Kompositrestaurationen im Seitenzahnbereich 2016
  10. Quecksilberverordnung(EU) 2017/852, Artikel 10,(2) (PDF)
  11. Empfehlungen zu Dentalamalgam. (PDF) Arbeitskreis Dentalmaterialien, Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend
  12. Prof. Dr. Herbert Genzel: Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses für eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche vertragszahnärztliche Versorgung. Bundesausschuss der Zahnärzte und Krankenkassen, abgerufen am 6. Juni 2021.
  13. § 28 SGB V Ärztliche und zahnärztliche Behandlung
  14. Protokollnotiz zum Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses für zahnärztliche Leistungen vom 17. April 1996.
  15. Beschluss des Bewertungsausschusse BEMA 13h gültig ab dem 1. Juli 2018, [1]
  16. Einheitlicher Bewertungsmaßstab für zahnärztliche Leistungen gemäß § 87 Abs. 2 und 2d SGB V, Pos 13 e – h.
  17. BSG, Urteil vom 6. Oktober 1999, Az. B1 KR 13/97 R, Volltext.
  18. BSG, Urteil vom 30. Oktober 2002, Az. B1 KR 31/01 R, Volltext.
  19. agz-rnk.de (PDF) Weltgesundheitsorganisation (WHO): Konsenserklärung zum Thema Dentalamalgam.
  20. a b c d Joachim Mutter, Johannes Naumann, Harald Walach: Risikobewertung Amalgam: Antwort auf Halbachs Kommentar. (PDF; 521 kB). (PDF)
  21. Government bans all use of mercury in Sweden (Memento vom 23. September 2012 im Internet Archive). Presseveröffentlichung des Umweltministeriums Schweden, 15. Januar 2009, abgerufen am 8. August 2013.
  22. Richard F. Edlich et al.: Banning Mercury Amalgam. (PDF; 118 kB). FDA, abgerufen am 29. Mai 2013.
  23. Minamata Convention (PDF; 278 kB). Abgerufen am 21. November 2013 (englisch).
  24. UNEP: The Negotiating Process. Abgerufen am 21. November 2013 (englisch).
  25. United States Joins Minamata Convention on Mercury. (Memento vom 22. November 2013 im Internet Archive) Pressemitteilung auf state.gov vom 6. November 2013. Abgerufen am 21. November 2013.
  26. Verordnung über Anforderungen an das Einleiten von Abwasser in Gewässer (Abwasserverordnung – AbwV) Anhang 50 Zahnbehandlung
  27. a b Amalgamabfälle aus der Zahnmedizin sicher entsorgen – Abfallmanager Medizin. 1. Dezember 2017, abgerufen am 6. Juni 2021.
  28. Ingrid Müller-Schneemayer: Die Amalgamkontroverse in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts urn:nbn:de:bvb:19-19471
  29. Konsenspapier „Restaurationsmaterialien in der Zahnheilkunde“ (Memento vom 3. Dezember 2013 im Internet Archive)
  30. Pressemitteilung der LSRO zur Studie Little Evidence to Link Mercury Fillings to Human Health Problems. (PDF; 25 kB).
  31. D. Melchart et al.: A multicenter survey of amalgam fillings and subjective complaints in non-selected patients in the dental practice. In: Eur J Oral Sci. 106(3), Jun 1998, S. 770–777. PMID 9672099.
  32. Bundesrat (Deutschland), Unterrichtung durch die Bundesregierung: „EU-Gemeinschaftsstrategie für Quecksilber“
  33. Zahnfüllungsmaterialien Amalgame & Alternativen Europäische Kommission, Health and Consumer Protection
  34. Gutachten: Amalgam nur im Worst Case gefährlich ZM-online vom 3. April 2014.
  35. Zahnfüllungen: Amalgam-Studie gibt Entwarnung. In: Spiegel online (Wissenschaft) vom 5. April 2008.
  36. D. Melchart et al.: Treatment of health complaints attributed to amalgam. In: J Dent Res. 87(4), Apr 2008, S. 349–353. PMID 18362317.
  37. Opinion on the environmental risks and indirekt health effects of mercury from dental amalgam (update 2014) (PDF) Scientific Committee on Health and Environmental Risks
  38. Klartext 04/14 (PDF) Bundeszahnärztekammer
  39. Zahnmedizinische Versorgung mit Amalgam, Az.: 26 U 16/15, Pressemitteilung des OLG Hamm, juris. Abgerufen am 5. April 2016.
  40. Position: EU-Quecksilberverordnung Verordnung (EU) 2017/852. (PDF) Bundeszahnärztekammer, abgerufen am 12. Juli 2018.
  41. G. Kreier: Zahn und Psyche. Bayerische Psychotherapeutenkammer
  42. G. Meyer: Amalgamentfernung entlastet vor allem die Psyche. Universität Greifswald in Focus online
  43. Julia Harlfinger: Fragwürdiger Quecksilbertest mit DMPS. In: Medizin transparent. 26. Oktober 2016, abgerufen am 11. Juni 2021.