Amoklauf in Las Vegas 2017

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Der Täter schoss aus dem 32. Stock des 43-stöckigen Hotels Mandalay Bay (2011)

Beim Amoklauf in Las Vegas handelte es sich um einen Angriff mit Schusswaffen auf Besucher eines Festivals in Paradise, einer Ortschaft südlich von Las Vegas. Dabei wurden am 1. Oktober 2017 ab 22:08 Uhr Ortszeit 58 Menschen getötet[1] und 851 weitere verletzt,[2] die höchste Opferzahl eines Einzeltäters in der Geschichte der Vereinigten Staaten.[3] Der Attentäter erschoss sich anschließend in seinem Zimmer des Hotels Mandalay Bay Resort and Casino am Las Vegas Strip, von dem aus er die Schüsse abgegeben hatte.

Tatort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Mandalay Bay am Las Vegas Strip, rechts dahinter die Festivalfläche mit abgerundeter Ecke (2011)
Links das Mandalay Bay, mittig der Las Vegas Strip, rechts die Festivalfläche (2017)

Die Tat geschah am letzten Abend des dreitägigen Country-Musik-Festivals Route 91 Harvest[4] auf dem 6 Hektar großen Festivalgelände, das normalerweise als Parkplatz genutzt wird.[5] Die Entfernung des Schützen im Mandalay Bay Resort and Casino zum Festivalgelände betrug 250 bis 500 Meter.[6]

Ermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tathergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 28. September 2017, vier Tage vor dem Angriff, bezog der Täter eine Suite im Hotel Mandalay Bay.[7] Bis zum Attentat schaffte er 22 Gewehre und eine Pistole nebst Munition[8] in 21 Koffern[9] hinein. Unter den Schnellfeuergewehren befanden sich Kalaschnikow- und M16-Gewehre oder ihre Nachbauten, ferner Gewehre des deutschen Herstellers SIG Sauer. Teilweise handelte es sich ursprünglich um halbautomatische Gewehre, die nach Einbau eines Bump Stocks eine Schusskadenz von bis zu 800 Schuss pro Minute erreichten.[10]

Schematische Darstellung der Schussbahnen

Am Tattag des 1. Oktober installierte der Täter eine Überwachungskamera im Türspion seiner Hotelzimmertür und zwei weitere an einem Servierwagen im Hotelflur[11] und schlug zwei Fenster seines Eckzimmers mit einem Hammer ein.[12] Dabei wurde er um 21:59 Uhr von einem Wachmann des Hotels gestört, der die Geräusche gehört hatte. Der Angreifer schoss daraufhin durch die geschlossene Tür und verletzte ihn am Bein. Der Wachmann benachrichtigte zwar andere Sicherheitskräfte, die Information wurde aber nicht an die Polizei weitergeleitet.[13]

Sechs Minuten später, um 22:05 Uhr begann der Täter aus beiden Fenstern auf die 22.000 Besucher des Konzerts von Jason Aldean zu schießen. Etwa zehn Minuten lang schoss der Täter mit zwischenzeitlichen Pausen in die Menschenmenge,[7] dadurch lösten Rauchmelder im 32. Stockwerk Feueralarm aus. Mindestens 58 Menschen wurden durch die Schüsse getötet und 851 weitere verletzt.[14] Um 22:15 Uhr endete der Beschuss.

Eintreffende Polizisten hatten Schwierigkeiten, den Ursprung der Schüsse zu ermitteln, vom Vorfall mit dem Wachmann und dem Feueralarm hatten sie keine Kenntnis. Zwei Minuten nach dem Ende der Schüsse erreichten sie gegen 22:17 Uhr den 32. Stock und fanden dort den verletzten Wachmann, der sie zur Zimmertür des Täters führte.[15] Die Polizei entschied, vor der Stürmung des Zimmers erst das Stockwerk zu evakuieren.[15] Mehr als eine Stunde nach den letzten Schüssen erstürmte ein SWAT-Sonderkommando um 23:20 Uhr den Raum und fand den Täter tot auf. Er hatte sich erschossen.[16]

Täter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt mit dem 64-jährigen Stephen Paddock nur einen Verdächtigen. Er lebte in der zum Clark County gehörenden Ortschaft Mesquite in Nevada,[17] war pensionierter Buchhalter und hatte zuvor keine polizeilichen Einträge.[18] Paddock galt als spielsüchtiger, aber wohlhabender Mann (nach Angaben seines Bruders soll er Multimillionär gewesen sein), der mehrere Immobilien besaß und teilweise über Monate hinweg in Casino-Hotels residierte.[8]

Motivsuche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Polizei und FBI gehen von Paddock als Einzeltäter ohne extremistischen Hintergrund aus.[19] Zudem steht die Tat laut FBI nicht in Zusammenhang mit einer Terrororganisation.[8][20] Bei der Durchsuchung der Wohnung Paddocks in Mesquite ergaben sich keine Hinweise auf ein mögliches Motiv, es wurden allerdings 19 weitere Waffen, mehrere Tausend Schuss Munition und Material zum Bau von Sprengsätzen gefunden. Außerdem fanden Ermittler in seinem Auto im Parkhaus des Hotels ca. 23 kg Sprengstoff und weitere 1600 Schuss Munition.

Paddock hatte bereits im August 2017 ein Zimmer in Chicago mit Blick auf das Lollapalooza-Festival sowie im September eine Wohnung in Las Vegas mit Blick auf das Life-is-Beautiful-Musikfestival angemietet, was auf früher geplante Taten hindeutet.[11] 2011 hatte Paddock einen Zivilprozess gegen das Casino-Hotel The Cosmopolitan in Las Vegas geführt, weil er dort auf einem Flur ausgerutscht war. Im Rahmen der Ermittlungen und auf der Suche nach einem Motiv für das Massaker in Las Vegas wurden Gerichtsdokumente über diesen Prozess an das FBI übergeben. Paddock bezeichnete sich laut der Akten selbst als „größten Videopoker-Spieler der Welt“. Er habe „14 Stunden am Tag gespielt, 365 Tage im Jahr, pokere die ganze Nacht und schlafe tagsüber“. Paddock gab auch an, Valium gegen Angstzustände zu nehmen.[21]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Attentat stiegen an der Börse die Aktienkurse von Waffenherstellern. Vermutlich gingen Anleger davon aus, dass als Reaktion auf die Tat vermehrt Waffen gekauft werden.[22] Der 2. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten verbietet der US-Bundesregierung, das Recht auf Besitz und Tragen von Waffen einzuschränken. Derweil forderten Politiker der Demokraten erneut schärfere Waffengesetze. So plädierten mehrere demokratische Senatoren für ein „tieferes Nachdenken“ sowie für eine „Debatte, wie die Waffengewalt zu stoppen ist“.[23]

Diskutiert wurden Bump Stocks, mit denen die Schusskadenz halbautomatischer Waffen erhöht werden kann.[24] Im Gegensatz zu automatischen Waffen bzw. Maschinengewehren sind sie in den USA frei verkäuflich und zudem preisgünstig.[10] Nach dem Attentat wurden sie stark nachgefragt, weil ein gesetzliches Verbot künftig nicht mehr ausgeschlossen scheint.[25] Die demokratische Senatorin Dianne Feinstein, die sich seit langem für striktere Waffengesetze einsetzt, stellte erneut einen Gesetzentwurf vor, der ein Verbot von Anbauteilen vorsieht, mit denen leicht und billig legale Waffen zu verbotenen automatischen Waffen aufgerüstet werden können. Der Entwurf war nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School im Dezember 2012 verfasst worden und wurde damals vom US-Senat mit großer Mehrheit abgelehnt.[24]

Politische Reaktionen folgten in den Stunden nach der Tat durch vielerlei Kanäle. So sprach Präsident Donald Trump über Twitter sein Beileid und Mitgefühl aus, selbiges folgte vom ehemaligen Präsidenten Barack Obama. Brian Sandoval, der Gouverneur von Nevada, sprach von einem „tragischen und schrecklichen Akt der Gewalt“.[26] Aus Deutschland sprach Regierungssprecher Steffen Seibert seine Fassungslosigkeit aus; der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin bekundeten in Kondolenzschreiben an den US-Präsidenten ihr Beileid. Außenminister Sigmar Gabriel erklärte, seine Gedanken seien bei den Menschen und Angehörigen in Las Vegas.[27]

Die in den USA einflussreichen Late-Night-Talkmaster thematisierten nicht nur den Schrecken der Tat, sondern äußerten sich auch politisch.[28] Unter anderem Stephen Colbert und Trevor Noah beklagten, die immer gleiche Routine der Beileidsbekundungen und Gebetsaufrufe nach Schießereien und riefen zur Verbesserung der Schusswaffenkontrolle auf. Besondere Aufmerksamkeit erregte der sehr emotionale Eröffnungsmonolog von Jimmy Kimmel, der in den sozialen Medien millionenfach geteilt wurde.[29] Darin ging er ebenfalls auf die mangelnde Gesetzgebung ein und klagte Abgeordnete und Waffenlobby an, entsprechende Gesetze zu blockieren.[30]

Die islamistische Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) beanspruchte die Tat über den Propagandakanal Amaq für sich und gab an, der Täter sei vor mehreren Monaten zum Islam konvertiert,[31] ohne jedoch Beweise für einen Zusammenhang oder Hintergrundinformationen über den Täter vorzulegen.[32][33] Die Behörden bezweifeln diese Angaben, stufen das Massaker bislang nicht als Terroranschlag, sondern als Amoklauf ein und sehen weder einen Bezug zum IS noch zu anderen Extremisten.[34][35] Auch der Suizid Paddocks widerspricht der Ideologie der islamistischen Terrororganisation.[20] Terrorismusexperten vermuten hinter dem Bekenntnis bislang lediglich den Wunsch der in Syrien und im Irak stetig an Einfluss verlierenden Terrororganisation, möglichst „im Gespräch zu bleiben“.[36]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Freundin von Täter soll Motiv klären: Ermittler erhoffen sich Aufklärung orf.at, 4. Oktober 2017, abgerufen 4. Oktober 2017.
  2. zeit.de 21. Januar 2018: Amokschütze verletzte deutlich mehr Menschen als bisher bekannt; siehe auch den vorläufigen Abschlussbericht hier.
  3. ‘It was a horror show’: Mass shooting leaves more than 50 dead, 400 wounded on Las Vegas Strip. 2. Oktober 2017.
  4. Website (Memento des Originals vom 1. Oktober 2017 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/rt91harvest.com der Veranstalter
  5. Polizei identifiziert Täter: Auf 30.000 Konzertbesucher gefeuert orf.at, 2. Oktober 2017, abgerufen 2. Oktober 2017.
  6. Bryony Jones, Judith Vonberg: Las Vegas shooting: Live updates. CNN. 2. Oktober 2017. Abgerufen am 2. Oktober 2017.
  7. a b Pensionierter Buchhalter, Zocker, Massenmörder, auf faz.net, abgerufen am 3. Oktober 2017.
  8. a b c Stephen Paddock, Las Vegas Suspect, Was a Gambler Who Drew Little Attention. auf nytimes.com, abgerufen am 3. Oktober 2017.
  9. How the Las Vegas Gunman Planned a Massacre. In: New York Times. 27. März 2018, abgerufen im 5. April 2018 (englisch, Video).
  10. a b Der Täter benutzte Bump Stocks zur Erhöhung der Schussfolge. Artikel auf theguardian.com (engl.); abgerufen am 4. Oktober 2017.
  11. a b Paddock buchte Zimmer bei weiteren Musikfestivals. Zeit Online, 5. Oktober 2017, abgerufen am 6. Oktober 2017.
  12. Suspect in Las Vegas shooting identified as Stephen Paddock (en), NBC News. 
  13. Schütze feuerte Minuten vor Massaker auf Wachmann. Spiegel Online, 10. Oktober 2017, abgerufen am 10. Oktober 2017.
  14. Heather Long, Mark Berman, Derek Hawkins: Morning Mix: Las Vegas shooting rampage kills at least 58, more than 500 people injured. In: The Washington Post. 2. Oktober 2017, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  15. a b Las Vegas gunman shot security guard a full six minutes before opening fire on concertgoers, police reveal, auf latimes.com, abgerufen am 10. Oktober 2017.
  16. The New York Times: Multiple Weapons Found in Las Vegas Gunman’s Hotel Room. 2. Oktober 2017.
  17. Las Vegas gunman suspect is Stephen Paddock, 64, of Mesquite, Nevada: NBC News, CNBC. 2. Oktober 2017. 
  18. What we know about Las Vegas shooter Stephen Paddock. News.com.au. Abgerufen am 2. Oktober 2017.
  19. Las Vegas und der Massenmord. auf spiegel.de, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  20. a b Das fragwürdige Bekenntnis des IS. auf spiegel.de, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  21. Paddock war zwanghafter Zocker und nahm offenbar Valium, auf spiegel.de, abgerufen am 9. Oktober 2017.
  22. Angriff in Las Vegas: Aktien von US-Waffenhändlern steigen. In: Spiegel Online. 2. Oktober 2017, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  23. n-tv Redaktion: Demokraten fordern schärfere Waffengesetze. ntv.de, 2. Oktober 2017, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  24. a b Dianne Feinstein introduces Senate gun control bill to ban bump stocks – Artikel im theguardian.co.uk; abgerufen am 5. Oktober 2017
  25. The device used by the Las Vegas killer to massacre as many people as possible is now selling out. In: The Independent. 4. Oktober 2017 (independent.co.uk [abgerufen am 5. Oktober 2017]).
  26. Lizzie Dearden: Statement from Governor Brian Sandoval on shooting in Las Vegas. In: Nevada. 2. Oktober 2017, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  27. Schüsse in Las Vegas – Die Reaktionen. auf sueddeutsche.de
  28. Riesen-Reichweiten für Kimmel & Co nach Las Vegas: Warum US-Latenight-Moderatoren die neuen Leitartikler sind › Meedia. Abgerufen am 6. Oktober 2017.
  29. Giovanni Russonello: Jimmy Kimmel Seizes On Las Vegas Shooting to Champion Gun Laws in Emotional Monologue. In: The New York Times. 3. Oktober 2017, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 6. Oktober 2017]).
  30. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH: Attentat in Las Vegas: „Kein Bürger braucht ein Maschinengewehr“. 3. Oktober 2017, abgerufen am 6. Oktober 2017.
  31. Oliver McAteer: Isis claims Las Vegas shooting and says attacker was converted months ago. In: Metro. 2. Oktober 2017, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  32. ISIS called for a lone wolf attack on the Las Vegas Strip in a chilling ‘call to arms’ video released in May. In: Daily Mail. 2. Oktober 2017, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  33. Las Vegas im Live-Ticker: Mehr als 50 Tote nach Schüssen aus Hotel.
  34. FBI sieht keine Terror-Verbindung bei Schüssen in Las Vegas, auf welt.de, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  35. Lizzie Dearden: Las Vegas shooting: Isis claims responsibility for deadliest gun massacre in US history. In: The Independent. 2. Oktober 2017, abgerufen am 2. Oktober 2017.
  36. ISIS claim of link to Las Vegas shooter is a sign terror group is ‘desperate’ to remain relevant, experts say. cnbc.com, abgerufen am 3. Oktober 2017.

Koordinaten: 36° 5′ 43″ N, 115° 10′ 18,3″ W