Amtsgericht Gladenbach

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Das Amtsgericht Gladenbach (bis 1867 Landgericht Gladenbach) war bis 1968 ein Gericht der ordentlichen Gerichtsbarkeit mit Sitz in Gladenbach im heutigen Landkreis Marburg-Biedenkopf in Mittelhessen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gladenbach wurde 1237 als Gerichtsort erstmals urkundlich erwähnt. In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für die Provinz Oberhessen wurde das „Hofgericht Gießen“ als Gericht der zweiten Instanz eingerichtet. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen. Das Hofgericht war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt.

Mit der Gründung des Großherzogtum Hessen 1806 wurde diese Funktion beibehalten, während die Aufgaben der ersten Instanz 1821 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Landgerichte übergingen. „Landgericht Gladenbach“ war daher von 1821 bis zur Abtretung an Preußen 1866 die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht in Gladenbach. In den standesherrlichen Gebieten der Provinz Oberhessen bestanden weiterhin Justizkanzleien für Gerichtsfälle zweiter Instanz in Büdingen und Hungen, die dem Hofgericht nachgeordnet waren. Das Deutsche Gerichtsverfassungsgesetz von 1879 führte zu einer einheitlichen Gerichtsorganisation im ganzen Reich.

Landgericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1821 wurden im Großherzogtum Hessen Verwaltung und Justiz getrennt, infolgedessen kam es zur Bildung des Landgerichts Gladenbach, das zu Beginn folgende Orte umfasste:[1]

Dem Gericht war als zweitinstanzliches Gericht das Hofgericht Gießen übergeordnet, das diese Funktion für die ganze Provinz Oberhessen wahrnahm. Mit Wirkung vom 1. Juli 1851 wurden die Orte Roth, Simmersbach und Oberhörlen vom Landgerichtsbezirk Gladenbach getrennt und dem Bezirk des Landgerichts Biedenkopf zugeteilt.[2] Infolge der Neuordnung der Gerichtsbezirke in der Provinz Oberhessen mit Wirkung vom 15. Oktober 1853[3] wurden die Orte Allendorf, Damshausen, Dautphe, Diedenshausen, Friedensdorf, Gönnern, Herzhausen, Hommertshausen, Mornshausen a. d. Dautphe, Niedereisenhausen, Obereisenhausen, Silberg und Steinperf an den Sprengel des Landgerichts Biedenkopf abgetreten.[4]

Amtsgericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Abtretung des Kreises Biedenkopf an Preußen infolge des Friedensvertrags vom 3. September 1866 zwischen dem Großherzogtum Hessen und dem Königreich Preußen wurde der Landgerichtsbezirk Gladenbach preußisch.[5] Er wurde um die bis dahin zum Großherzoglich Hessischen Stadtgericht Gießen gehörigen, nun ebenfalls preußisch gewordenen Orte Bieber, Fellingshausen, Frankenbach, Hermannstein, Königsberg, Krumbach, Naunheim, Rodheim und Waldgirmes ergänzt.[6] Im Juni 1867 erging eine königliche Verordnung, die die Gerichtsverfassung im vormaligen Herzogtum Nassau und den vormals zum Großherzogtum Hessen gehörenden Gebietsteilen neu ordnete. Die bisherigen Gerichtsbehörden sollten aufgehoben und durch Amtsgerichte in erster, Kreisgerichte in zweiter und ein Appellationsgericht in dritter Instanz ersetzt werden.[7] Im Zuge dessen erfolgte am 1. September 1867 die Umbenennung des bisherigen Landgerichts in Amtsgericht Gladenbach und die Zuteilung zum Sprengel des Kreisgerichts Dillenburg.[8] Aufgrund des Gerichtsverfassungsgesetzes 1877 kam es mit Wirkung zum 1. Oktober 1879 zum Wechsel in den Bezirk des neu errichteten Landgerichts Marburg.[9] Der Bezirk dieses Amtsgericht bestand nun aus dem Stadtbezirk Königsberg und den Gemeindebezirken Ammenhausen, Bellnhausen, Bischoffen, Dernbach, Endbach, Erdhausen, Fellingshausen, Frankenbach, Friebertshausen, Frohnhausen bei Gladenbach, Gladenbach (Marktflecken), Günterod, Hartenrod, Hermannstein, Hülshof, Kehlnbach, Krumbach, Mornshausen a. d. Salzböde, Naunheim, Niederweidbach, Oberweidbach, Rachelshausen, Römershausen, Rodheim a. d. Bieber, Roßbach, Rüchenbach, Runzhausen, Schlierbach, Sinkershausen, Waldgirmes, Weidenhausen, Wilsbach und Wommelshausen.[10] Am 27. Oktober 1880 wurde der Ort Bottenhorn wieder zugeteilt.[11]

Mit Wirkung zum 1. Oktober 1902 wurden Hermannstein, Naunheim und Waldgirmes vom Amtsgerichtsbezirk Gladenbach getrennt und dem Amtsgericht Wetzlar zugelegt, während zugleich Damshausen und Diedenshausen vom Bezirk des Amtsgericht Biedenkopf sowie Rodenhausen, Seelbach, Rollshausen und Lohra vom Bezirk des Amtsgericht Fronhausen abgetrennt und dem Amtsgericht Gladenbach zugelegt wurden.[12]

Vom 1. Oktober 1944[13] bis 1. Januar 1949[14] gehörte das Amtsgericht Gladenbach zum Landgerichtsbezirk Limburg, danach aber wieder zum Landgerichtsbezirk Marburg. Am 1. Juli 1968 erfolgte die Aufhebung des Amtsgerichts Gladenbach[15], welches fortan nur noch als Zweigstelle des Amtsgerichts Biedenkopf fungierte.[16] Am 1. November 2003 wurde diese Zweigstelle schließlich aufgelöst.[17]

Das „neue“ Gebäude des Amtsgerichts Gladenbach

Das Gerichtsgebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sitz des Landgerichtes war das großherzogliche Amtshaus (Marktstraße 9). Das dreistöckige Fachwerkhaus mit einer Grundfläche von 55 Fuß mal 35 Fuß war 1757 erbaut worden und wurde zuvor vom Amt Gladenbach genutzt. 1854 ging das Haus in den Besitz der Justizverwaltung über.

Nachdem das Gebäude nicht mehr den Anforderungen entsprach und die Unterhaltungskosten zu hoch wurden, wurde 1906 bis 1907 ein Neubau errichtet (Gießener Straße 27). Das alte Gebäude ging in den Besitz der Stadt über und wurde 1910 abgerissen. Das neue Gebäude steht heute unter Denkmalschutz.[18]

Richter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende Richter wirkten am Gericht:

  • 1821–1836: Landrichter Georg Christian Friedrich Staudingen
  • 1836–1854: Landrichter Ernst Philipp Fröhling
  • 1854–1867: Landrichter Johannes Sehrt
  • 1867–1875: Amtsrichter Theodor Klingelhöfer (ab 1867: Oberamtsrichter)
  • 1867–1878: Amtsrichter Julius Hess (ab 1874: Oberamtsrichter)
  • 1876–1896: Amtsrichter Josef Gelhard (ab 1888: Amtsgerichtsrat)
  • 1876–1879: Amtsrichter Hugo Hatzfeld
  • 1878–1882: Amtsrichter Wilhelm Seyberth
  • 1882–1891: Amtsrichter Boldemann
  • 1891–1898: Amtsrichter Clebsch
  • 1897–1908: Amtsrichter Gleim (an 1906: Amtsgerichtsrat)
  • 1898–1901: Amtsrichter Dr. Laves
  • 1901–1924: Amtsrichter Hugo Wagner (ab 1910: Amtsgerichtsrat)
  • 1908–1922: Amtsrichter Happel (ab 1910: Amtsgerichtsrat)
  • 1922–1949: Amtsrichter Paul Volckmar
  • 1927–1948: Amtsrichter Walter Hadlich
  • 1949–1955: Amtsrichter Knoll
  • 1956–1857: Oberamtsrichter z.Wv. Wittenberg
  • 1958–1958: Amtsgerichtsrat Hans Günther Dreßler
  • 1958–1960: Amtsgerichtsrat Dr. Ernst Scholl
  • 1960–1968: Amtsgerichtsrat Wilhelm Dörr (ab 1965: Oberamtsrichter)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Otfried Keller: Die Gerichtsorganisation des Raumes Marburg im 19. und 20. Jahrhundert, 1982, ISBN 3-9800490-5-1, S. 115–117, 179–181

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Eintheilung des Landes in Landraths- und Landgerichtsbezirke betreffend vom 14. Juli 1821 (Hess. Reg.Bl. S. 403–415)
  2. Bekanntmachung, Veränderungen in der Bezirks-Eintheilung der Landgerichte Gladenbach und Biedenkopf betreffend vom 4. März 1851 (Hess. Reg.Bl. S. 39)
  3. Bekanntmachung vom 4. Oktober 1853,
    1) die Aufhebung der Großherzoglichen Landgerichte Großkarben und Rödelheim, und die Errichtung neuer Landgerichte zu Vilbel und Altenstadt, ferner die Verlegung des Landgerichtssitzes von Altenschlirf nach Herbstein;
    2) die künftige Zusammensetzung der Landgerichts-Bezirke in der Provinz Oberhessen betreffend. (Hess. Reg.Bl. S. 640–641)
  4. Bekanntmachung vom 15. April 1853, betreffend:
    1) die Aufhebung der Landgerichte Großkarben und Rödelheim, und die Errichtung neuer Landgerichte zu Darmstadt, Waldmichelbach, Vilbel und Altenstadt, ferner die Verlegung des Landgerichtssitzes von Altenschlirf nach Herbstein;
    2) die künftige Zusammensetzung der Stadt- und Landgerichts-Bezirke in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen. (Hess. Reg.Bl. S. 221–230)
  5. Art. 14 des Friedensvertrages zwischen dem Großherzogthum Hessen und dem Königreiche Preußen vom 3. September 1866 (Hess. Reg.Bl. S. 406–407)
  6. Allerhöchster Erlaß vom 5. November 1866, betreffend die Organisation der Justizpflege in den von dem Großherzoge von Hessen und bei Rhein abgetretenen Theilen der Provinz Oberhessen. (PrGS 1867, S. 490–491)
  7. Verordnung über die Gerichtsverfassung in dem vormaligen Herzogthum Nassau und den vormals Großherzoglich Hessischen Gebietstheilen mit Ausschluß des Oberamtsbezirks Meisenheim vom 26. Juni 1867. (PrGS 1867, S. 1094–1103)
  8. Verfügung vom 7. August 1867, betreffend die Einrichtung der nach der Allerhöchsten Verordnung vom 26. Juni d. J. in dem vormaligen Herzogthum Nassau und den vormals Großherzoglich Hessischen Gebietstheilen, mit Ausschluß des Oberamtsbezirks Meisenheim, zu bildenden Gerichte (Pr. JMBl. S. 218–220)
  9. Verordnung, betreffend die Errichtung der Amtsgerichte vom 26. Juli 1878 (PrGS 1878, S. 275–283)
  10. Verordnung, betreffend die Bildung der Amtsgerichtsbezirke vom 5. Juli 1879. (PrGS 1879, S. 544)
  11. Verordnung über Abänderung der Verordnung, betreffend die Bildung der Amtsgerichtsbezirke vom 5. Juli 1879 (Gesetz-Samml. S. 393) vom 27. Oktober 1880 (PrGS 1880, S. 363–364)
  12. Gesetz, betreffend die Abänderung von Amtsgerichtsbezirken vom 22. Juni 1902 (PrGS 1902, S. 227–228)
  13. Erlaß zur Änderung von Oberlandesgerichtsbezirken vom 20. Juli 1944 (RGBl. I S. 163)
  14. Der Hessische Minister der Justiz: Betrifft: Gerichtsorganisation (Änderung von Landgerichtsbezirken) vom 14. Dezember 1948. In: Staatsanzeiger für das Land Hessen. 1948 Nr. 52, S. 563, Punkt 728 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 3,4 MB]).
  15. Der Hessische Minister der Justiz: Zweites Gesetz zur Änderung des Gerichtsorganisationsgesetzes (Ändert GVBl. II 210–16) vom 12. Februar 1968. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 1968 Nr. 4, S. 41–44, Artikel 1, Abs. 6 b) und Artikel 2, Abs. 8 a) (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 298 kB]).
  16. Der Hessische Minister Justiz: Betrifft: Gerichtsorganisation (Errichtung von Zweigstellen der Amtsgerichte) vom 1. Juli 1964. In: Staatsanzeiger für das Land Hessen. 1968 Nr. 28, S. 1037, Punkt 777: § 1 Abs. 5 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 2,8 MB]).
  17. Der Hessische Minister der Justiz: Dritte Verordnung zur Anpassung gerichtsorganisatorischer Regelungen (Ändert GVBl. II 210–33; GVBl. II 210–86) vom 10. Oktober 2003. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 2003 Nr. 16, S. 291, Artikel 1, Abs. 3) (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 531 kB]). bezieht sich auf Anordnung über die Errichtung und Zuständigkeit von gerichtliche Zweigstellen (Ändert GVBl. II 210-33) vom 24. Mai 1974. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 1974 Nr. 18, S. 539 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 1,6 MB]).
  18. Dehio, Georg [Begr.]; Gall, Ernst [Hrsg.]: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen I. Regierungsbezirke Gießen und Kassel; Deutscher Kunstverlag, München 2008.

Koordinaten: 50° 45′ 52,5″ N, 8° 34′ 47,5″ O