Amtsgericht Lauterbach

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Das Amtsgericht Lauterbach (bis 1879 Landgericht Lauterbach) war ein von 1821 bis 2005, als Zweigstelle bis 2012 existierendes Gericht der ordentlichen Gerichtsbarkeit mit Sitz in Lauterbach (Hessen).

Gerichtsbezirk und Zuständigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Zweigstelle des Amtsgerichts Alsfeld war das Gericht in Lauterbach zuständig für die Gemeinden Freiensteinau, Grebenhain, Herbstein, Lauterbach, Lautertal (Vogelsberg), Schlitz, Ulrichstein und Wartenberg in allen Gerichtssachen mit Ausnahme von Gerichtsverwaltungs-, Familien-, Insolvenz-, Handels-, Genossenschafts-, Partnerschafts-, Schöffen- und Jugendschöffensgerichtssachen.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für die Provinz Oberhessen wurde das „Hofgericht Gießen“ als Gericht der zweiten Instanz eingerichtet. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen. Das Hofgericht war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt.

Mit der Gründung des Großherzogtum Hessen 1806 wurde diese Funktion beibehalten, während die Aufgaben der ersten Instanz 1821 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Landgerichte übergingen. „Landgericht Lauterbach“ war daher von 1821 bis 1879 die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht in Lauterbach. In den standesherrlichen Gebieten der Provinz Oberhessen bestanden weiterhin Justizkanzleien für Gerichtsfälle zweiter Instanz in Büdingen und Hungen, die dem Hofgericht nachgeordnet waren. Das Deutsche Gerichtsverfassungsgesetz von 1879 führte zu einer einheitlichen Gerichtsorganisation im ganzen Reich. Das „Hofgericht Gießen“ wurde nun als „Landgericht Gießen“ zur übergeordneten Zweiten Instanz in der Provinz, während die Gerichte erster Instanz in Amtsgericht umbenannt wurden.

Landgericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Infolge der Aufhebung der Administrativ- und Justizämter durch die Großherzoglich Hessische Verordnung vom 14. Juli 1821[2] kam es zur Bildung des Landgerichts Lauterbach, das zu Beginn folgende Bestandteile aufwies:

1828 wurde die vorher zum Landgericht Altenschlirf gehörende Gemeinde Landenhausen dem Landgericht Lauterbach zugeteilt.[3] Am 1. Oktober 1850 wurde der Ort Rebgeshain ausgegliedert und dem Bezirk des Landgerichts Ulrichstein zugelegt.[4] Mit Wirkung zum 1. September 1854 wurden die Orte Dirlammen, Eichelhain, Eichenrod, Engelrod, Hörgenau, Hopfmannsfeld und Lanzenhain vom Landgerichtsbezirk Lauterbach abgetrennt und dem Landgerichtsbezirk Herbstein zugelegt, dessen Sitz im Zuge der 1853 durchgeführten Neuordnung der Gerichtsbezirke in der Provinz Oberhessen von Altenschlirf nach Herbstein verlegt werden und dessen Sprengel dabei vergrößert werden sollte, was beides jedoch erst ein Jahr später vollzogen werden konnte.[5][6][7]

Amtsgericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. Oktober 1879 erfolgte aufgrund des Gerichtsverfassungsgesetzes die Umbenennung in Amtsgericht Lauterbach und die Zuteilung zum Bezirk des neu errichteten Landgerichts Gießen. Des Weiteren bekam der jetzogige Amtsgerichtsbezirk die vorher zum Landgericht Herbstein gehörigen Gemeinden Dirlammen und Rudlos sowie die bis dahin zum Landgericht Alsfeld gehörende Gemeinde Udenhausen zugelegt; der Amtsgerichtsbezirk Lauterbach bestand nun also aus Allmenrod, Angersbach, Blitzenrod, Dirlammen, Eisenbach, Frischborn, Heblos, Landenhausen, Lauterbach, Maar, Reuters, Rimlos, Rudlos, Sickendorf, Udenhausen, Wallenrod und Wernges.[8] Mit Wirkung zum 1. Januar 1888 konnten mit Schadges und Stockhausen zwei weitere bislang zum Amtsgericht Herbstein zählende Orte dem AG Lauterbach zugelegt werden.[9]

Am 1. Mai 1948 musste Udenhausen an den Amtsgerichtsbezirk Alsfeld zurückgegeben werden.[10] Mit Wirkung vom 1. November 1949 wurde der Amtsgerichtsbezirk Lauterbach vom Landgerichtsbezirk Gießen abgetrennt und dem neu errichteten Landgerichtsbezirk Fulda zugeteilt.[11] Am 1. Juli 1957 wurden die Amtsgerichte Herbstein und Schlitz endgültig – nachdem sie dies schon zu Ende des Zweiten Weltkrieges waren – zu Zweigstellen des Amtsgerichts Lauterbach erklärt[12], dadurch erweiterte sich dessen Sprengel um

Zum 1. Juli 1968 vergrößerte sich der Sprengel des Lauterbacher Gerichts noch einmal um die zum gleichzeitig aufgehobenen Amtsgericht Schotten gehörigen Orte Feldkrücken, Kölzenhain, Meiches, Rebgeshain und Ulrichstein.[13] Infolge der Gebietsreform in Hessen wurden abschließend zum 29. September 1972[14] die nach Freiensteinau eingemeindeten Ortsteile Reinhards vom Amtsgericht Schlüchtern und Weidenau (Freiensteinau) vom Amtsgericht Fulda sowie zum 1. Juli 1973[15] die nach Ulrichstein eingemeindeten Ortsteile Bobenhausen II, Helpershain, Ober-Seibertenrod, Unter-Seibertenrod und Wohnfeld vom Amtsgericht Alsfeld abgetrennt und all diese Dörfer dem Amtsgericht Lauterbach zugelegt.

Am 1. Januar 2005 wurde das Amtsgericht Lauterbach als Vollgericht aufgehoben[16] und zur Zweigstelle des Amtsgericht Alsfeld.[17] Zum 1. Januar 2012 wurde auch diese Zweigstelle geschlossen.[18]

Gerichtsgebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gebäude des Amtsgerichts befand sich seit 1962 in der Königsberger Straße 8. Während der Bau selbst relativ unscheinbar ist, so steht doch der Gerichtssaal wegen dreier hochformatiger Wandgemälde von Ewald Christian Tergreve und deren künstlerischem Wert unter Denkmalschutz.[19]

Richter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ludwig Ludwig, Amtsrichter 1883 bis 1889[20]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. § 2 Gerichtliche Zuständigkeitsverordnung Justiz vom 16. September 2008 (GVBl. I S. 823–824)
  2. Die Eintheilung des Landes in Landraths- und Landgerichtsbezirke betreffend vom 14. Juli 1821 (Hess. Reg.Bl. S. 403–415)
  3. Bekanntmachung, die Zutheilung der Gemeinde Landenhausen, Landgerichts Altenschlirf, zu dem Landgerichte Lauterbach betr. vom 4. August 1828 (Hess. Reg.Bl. S. 393)
  4. Bekanntmachung, die Veränderung in der Bezirks-Eintheilung der Landgerichte Lauterbach und Ulrichstein betreffend vom 1. Juli 1850 (Hess. Reg.Bl. S. 291)
  5. Bekanntmachung vom 15. April 1853, betreffend:
    1) die Aufhebung der Landgerichte Großkarben und Rödelheim, und die Errichtung neuer Landgerichte zu Darmstadt, Waldmichelbach, Vilbel und Altenstadt, ferner die Verlegung des Landgerichtssitzes von Altenschlirf nach Herbstein;
    2) die künftige Zusammensetzung der Stadt- und Landgerichts-Bezirke in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen. (Hess. Reg.Bl. S. 221–230)
  6. Bekanntmachung vom 4. Oktober 1853,
    1) die Aufhebung der Großherzoglichen Landgerichte Großkarben und Rödelheim, und die Errichtung neuer Landgerichte zu Vilbel und Altenstadt, ferner die Verlegung des Landgerichtssitzes von Altenschlirf nach Herbstein;
    2) die künftige Zusammensetzung der Landgerichts-Bezirke in der Provinz Oberhessen betreffend. (Hess. Reg.Bl. S. 640–641)
  7. Bekanntmachung, die Verlegung des Landgerichtssitzes von Altenschlirf nach Herbstein, und die Zusammensetzung des Landgerichtsbezirks Herbstein betreffend vom 21. Juli 1854 (Hess. Reg.Bl. S. 263)
  8. Großherzog von Hessen und bei Rhein: Verordnung zur Ausführung des Deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes und des Einführungsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetze vom 14. Mai 1879. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt. 1879 Nr. 15, S. 197–211 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 17,8 MB]).
  9. Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz: Bekanntmachung, die Bildung der Amtsgerichtsbezirke Herbstein und Lauterbach betreffend vom 18. Juli 1887. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt. 1887 Nr. 25, S. 141 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 16,1 MB]).
  10. Der Hessische Minister der Justiz: Gerichtsorganisation; hier Änderung von Amtsgerichtsbezirken vom 9. März 1948. In: Staatsanzeiger für das Land Hessen. 1948 Nr. 14, S. 125, Punkt 155, Abs. 1 d) (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 1,2 MB]).
  11. Der Hessische Minister der Justiz: Errichtung eines Landgerichts in Fulda vom 29. September 1949. In: Staatsanzeiger für das Land Hessen. 1949 Nr. 42, S. 440, Punkt 731 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 1,4 MB]).
  12. Der Hessische Minister der Justiz: Gesetz über Maßnahmen auf dem Gebiete der Gerichtsorganisation (§2) vom 6. März 1957. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 1957 Nr. 5, S. 16 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 298 kB]).
  13. Der Hessische Minister der Justiz: Zweites Gesetz zur Änderung des Gerichtsorganisationsgesetzes (Ändert GVBl. II 210–16) vom 12. Februar 1968. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 1968 Nr. 4, S. 41–44, Artikel 1, Abs. 5 c2 f) und Artikel 3 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 298 kB]).
  14. Der Hessische Minister der Justiz: Zwanzigste Verordnung zur Berichtigung der Anlage zum Gerichtsorganisationsgesetz (Ändert GVBl. II 210-16) vom 28. September 1972. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 1972 Nr. 25, S. 337–339, § 1 Abs. 9 und 19 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 419 kB]).
  15. Der Hessische Minister der Justiz: Fünftes Gesetz zur Änderung des Gerichtsorganisationsgesetzes vom 12. Juni 1973. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 1973 Nr. 15, S. 199–201, Artikel 1, Punkte 9 und 10 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 385 kB]).
  16. Der Hessische Minister der Justiz: Änderung des Gerichtsorganisationsgesetzes (GVBl. I S. 507–508) vom 20. Dezember 2004. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 2004 Nr. 24, S. 507–508 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 1,4 MB]).
  17. Der Hessische Minister der Justiz: Vierte Verordnung zur Anpassung gerichtsorganisatorischer Regelungen. Art. 1 §4 Abs. 1 (GVBl. I S. 552) vom 29. Dezember 2004. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 2004 Nr. 25, S. 552 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 1,2 MB]).
  18. Der Hessische Minister der Justiz: Fünfte Verordnung zur Änderung der Gerichtlichen Zuständigkeitsverordnung Justiz. (Artikel 1, Abs. 2. aa) vom 9. Dezember 2010. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 2010 Nr. 25, S. 709 f. (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 148 kB]). Bezieht sich auf die Verordnung über gerichtliche Zuständigkeiten im Bereich des Ministeriums der Justiz (Gerichtliche Zuständigkeitsverordnung Justiz) (GVBl. II 210-98) vom 26. Oktober 2008. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 2008 Nr. 17, S. 822 ff. (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 116 kB]).
  19. Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Sachteil Verhandlungssaal des Amtsgerichtes In: DenkXweb, Online-Ausgabe von Kulturdenkmäler in Hessen
  20. Ludwig, Ludwig in der Hessischen Biografie

Koordinaten: 50° 38′ 2,5″ N, 9° 23′ 48,8″ O