Amtsgericht Reinheim

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Ehemaliges Amtsgerichtsgebäude in Reinheim

Das Amtsgericht Reinheim (bis 1879 Landgericht Reinheim) war ein 1848 bis 1968 bestehendes hessisches Gericht der ordentlichen Gerichtsbarkeit mit Sitz in der Stadt Reinheim. Direkter Vorläufer als erstinstanzliches Gericht im Großherzogtum Hessen war von 1821 bis 1848 das Landgericht Lichtenberg mit Sitz in Lichtenberg.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde mit Ausführungsverordnung vom 9. Dezember 1803 das Gerichtswesen neu organisiert. Für das Fürstentum Starkenburg wurde das „Hofgericht Darmstadt“ als Gericht der zweiten Instanz eingerichtet. Die Rechtsprechung der ersten Instanz wurde durch die Ämter bzw. Standesherren vorgenommen. Das Hofgericht war für normale bürgerliche Streitsachen Gericht der zweiten Instanz, für standesherrliche Familienrechtssachen und Kriminalfälle die erste Instanz. Übergeordnet war das Oberappellationsgericht Darmstadt.

Mit der Gründung des Großherzogtum Hessen 1806 wurde diese Funktion beibehalten, während die Aufgaben der ersten Instanz 1821 im Rahmen der Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung auf die neu geschaffenen Landgerichte übergingen. „Landgericht Lichtenberg“ und später „Landgericht Reinheim“ war daher von 1821 bis 1879 die Bezeichnung für das erstinstanzliche Gericht in Lichtenberg bzw. Reinheim. In den standesherrlichen Gebieten der Provinz Starkenburg bestanden weiterhin die Justizkanzlei in Michelstadt für Gerichtsfälle zweiter Instanz, die dem Hofgericht nachgeordnet war. Das Deutsche Gerichtsverfassungsgesetz von 1879 führte zu einer einheitlichen Gerichtsorganisation im ganzen Reich. Das „Hofgericht Darmstadt“ wurde nun als „Landgericht Darmstadt“ zur übergeordneten Zweiten Instanz in der Provinz, während die Gerichte erster Instanz in Amtsgericht umbenannt wurden.

Landgericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Infolge der Abschaffung der Administrativ- und Justizämter durch die Großherzoglich Hessische Verordnung vom 14. Juli 1821[1] kam es zur Bildung des Landgerichts Lichtenberg, dessen Sprengel zunächst deckungsgleich mit dem Landratsbezirk Reinheim war und demnach folgende Bestandteile aufwies:

1824 erfolgte aber bereits die Abtretung der Orte Beedenkirchen und Wurzelbach an das Landgericht Zwingenberg.[3] Im Jahr 1848 wurde der Landgerichtssitz von Lichtenberg nach Reinheim verlegt und der Name in Landgericht Reinheim geändert.[4] Die Neuordnung der Gerichtsbezirke in der Provinz Starkenburg mit Wirkung vom 1. Juni 1853[5] brachte umfangreiche Änderungen für den Sprengel des Landgerichts, während Nieder-Ramstadt, Ober-Ramstadt, Roßdorf, Traisa, Waschenbach an das Landgericht Darmstadt abgegeben wurden, kamen vom Landgericht Höchst die Orte Habitzheim, Nieder-Klingen und Ober-Klingen neu hinzu[6].

Amtsgericht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. Oktober 1879 erfolgte aufgrund des Gerichtsverfassungsgesetzes die Umbenennung in Amtsgericht Reinheim, die Zuteilung zum Bezirk des neu errichteten Landgerichts Darmstadt, die Abgabe von Frankenhausen und Neutsch an das nunmehrige Amtsgericht Darmstadt II sowie die Eingliederung des vorher zum Landgericht Michelstadt zählenden Ortes Nieder-Kainsbach.[7] Der Bezirk des Amtsgerichts Reinheim bestand nun aus Allertshofen, Asbach, Billings, Brandau, Brensbach, Ernsthofen, Fränkisch-Crumbach, Georgenhausen, Groß-Bieberau, Gundernhausen, Habitzheim, Herchenrode, Hoxhohl, Klein-Bieberau, Lichtenberg, Lützelbach, Meßbach, Neunkirchen, Nieder-Kainsbach, Nieder-Klingen, Nieder-Modau, Niedernhausen, Nonrod, Ober-Klingen, Ober-Modau, Reinheim, Rodau, Rohrbach, Spachbrücken, Steinau, Ueberau, Webern, Wembach, Wersau und Zeilhard. Als mit Wirkung zum 1. April 1904 ein Amtsgericht in Reichelsheim errichtet wurde, mussten Fränkisch-Crumbach und Nieder-Kainsbach an den Bezirk eben jenen Gerichts abgetreten werden.[8] Gleiches geschah mit dem Ort Gundernhausen als am 1. Juli 1905 ein Amtsgericht in Dieburg errichtet wurde.[9]

Am 1. Juli 1968 wurden das Amtsgericht Reinheim aufgehoben und von dessen Amtsgerichtsbezirk die Gemeinden Allertshofen, Asbach, Brandau, Ernsthofen, Herchenrode, Hoxhohl, Klein-Bieberau, Lützelbach, Neunkirchen, Nieder-Modau, Ober-Modau, Rohrbach und Wembach dem Amtsgericht Darmstadt sowie die restlichen Gemeinden des Sprengels dem Amtsgericht Dieburg zugelegt.[10]

Gebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gebäude in der Darmstädter Straße 2 in Reinheim steht unter Denkmalschutz[11][12]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Eintheilung des Landes in Landraths- und Landgerichtsbezirke betreffend vom 14. Juli 1821 (Hess. Reg.Bl. S. 403–415)
  2. seit 1862 selbstständige Gemeinde
  3. Zutheilung der Gemeinden Beedenkirchen und Wurzelbach zu dem Landrathsbezirke Bensheim und dem Landgerichte Zwingenberg betr. vom 11. Oktober 1824 (Hess. Reg.Bl. S. 633–634)
  4. Bekanntmachung, die Verlegung des Landgerichtssitzes von Lichtenberg nach Reinheim betreffend vom 11. September 1848 (Hess. Reg.Bl. S. 319)
  5. Bekanntmachung, 1. die Errichtung neuer Landgerichte zu Darmstadt und Waldmichelbach, 2. die künftige Zusammensetzung der Stadt- und Landgerichtsbezirke in der Provinz Starkenburg betr. vom 20. Mai 1853 (Hess. Reg.Bl. S. 377)
  6. Bekanntmachung vom 15. April 1853, betreffend:
    1) die Aufhebung der Landgerichte Großkarben und Rödelheim, und die Errichtung neuer Landgerichte zu Darmstadt, Waldmichelbach, Vilbel und Altenstadt, ferner die Verlegung des Landgerichtssitzes von Altenschlirf nach Herbstein;
    2) die künftige Zusammensetzung der Stadt- und Landgerichts-Bezirke in den Provinzen Starkenburg und Oberhessen. (Hess. Reg.Bl. S. 221–230)
  7. Großherzog von Hessen und bei Rhein: Verordnung zur Ausführung des Deutschen Gerichtsverfassungsgesetzes und des Einführungsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetze vom 14. Mai 1879. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt. 1879 Nr. 15, S. 197–211 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 17,8 MB]).
  8. Großherzogliches Ministerium der Justiz: Bekanntmachung, die Errichtung eines Amtsgerichts in Reichelsheim i. O. betreffend vom 1. März 1904. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt. 1904 Nr. 6, S. 84 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 2,9 MB]).
  9. Großherzogliches Ministerium der Justiz: Bekanntmachung, die Errichtung eines Amtsgerichts in Dieburg betreffend vom 1. April 1905. In: Großherzoglich Hessisches Regierungsblatt. 1905 Nr. 13, S. 131–132 (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 23,1 MB]).
  10. Der Hessische Minister der Justiz: Zweites Gesetz zur Änderung des Gerichtsorganisationsgesetzes (Ändert GVBl. II 210–16) vom 12. Februar 1968. In: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Hessen. 1968 Nr. 4, S. 41–44, Artikel 1, Abs. 1 f) und Artikel 2, Abs. 1 a) und 1 b) (Online beim Informationssystem des Hessischen Landtags [PDF; 298 kB]).
  11. ausführliche Beschreibung des Gebäudes
  12. Eintrag in der Denkmalsliste als Nr. 404756


Koordinaten: 49° 49′ 35,6″ N, 8° 49′ 52″ O