An de Eck steiht’n Jung mit’n Tüdelband

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Tafel für Gebrüder Wolf Wolf-Trio Hütten 86 für Ludwig Wolf.jpg
Junge mit Trüdelband (Reifen) etwa 1902–1905

An de Eck steiht’n Jung mit’n Tüdelband, auch bekannt unter den Titeln An de Eck steiht’n Jung mit’n Trudelband und En echt Hamborger Jung ist ein plattdeutsches Couplet, dessen Entstehungsgeschichte 1911 mit den Gebrüdern Wolf begann.[1]

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kind beim Reifentreiben. Mathias Artaria, 1853 (Ausschnitt)

Im Mai 1911 textete Ludwig Wolf, zusammen mit seinem drei Jahrzehnte später ins KZ Theresienstadt deportierten und dort umgekommenen Bruder James Wolf,[2] das Couplet En echt Hamborger Jung.[3] Das Lied umfasste zu diesem Zeitpunkt fünf Strophen und hatte keinen Refrain. Die zweite Strophe entspricht dabei weitgehend der heute bekannten ersten Strophe des Liedes. Allerdings handelt sie von einem Bengel mit ’n Trudelband. Das Trudelband – später auch Tüdelband – bezeichnete hierbei einen als Spielzeug genutzten Reifen (zu jener Zeit häufig ein Eisenring für Holzfässer), den Kinder mit einem Stöckchen vor sich hertrieben. Erstmals aufgeführt wurde das Lied 1917 im Bieber-Café am Hamburger Hauptbahnhof. Die Melodie entsprach damals allerdings noch nicht der heute bekannten, diese stammt von dem Hamburger Coupletsänger Charly Wittong. Er sang in den 1920er Jahren den Titel En echt Hamborger Deern, der auch auf Schellackplatte veröffentlicht wurde.[4] Als Verfasser des Textes wurde dort „M. Wolf“ genannt. Da die Wolf-Brüder Ludwig und Leopold damit nicht in Frage kommen, könnte Magda Wolf, die Frau des ältesten Bruders Ludwig, die Idee gehabt haben, dem Jungen ein Mädchen an die Seite zu stellen. Der Text der heute bekannten zweiten Strophe mit der Deern mit’m Eierkorv, dem Mädchen mit dem Eierkorb, stammt aber von Walter Rothenburg, einem Hamburger Schriftsteller und Boxpromoter. Rothenburg pflegte freundschaftlichen Umgang mit vielen Volkssängern, für die er gelegentlich auch Texte verfasste.[5]

Paul Lincke auf einer Briefmarke zu seinem 50. Todestag

Auch der Refrain stammt aus mehreren Quellen. Die Melodie geht auf den Berliner Komponisten und Theaterkapellmeister Paul Lincke zurück.[6] Dieser schrieb 1893 das Lied Die Gigerlkönigin für die Wiener Sängerin Paula Menotti.[7] 1897 erschien das Lied bei Hymnophon auf Schallplatte und wurde im gesamten deutschsprachigen Raum bekannt. Der Text lautete „Sehen Sie, das ist mein Geschäft, das bringt heute noch was ein, ’ne jede aber kann das eben nicht, das muss verstanden sein.“ In Hamburg wurde zunächst der zweite Teil zur heute bekannten Variante umgedichtet und lautete nun „… ein jeder aber kann das nicht, er muss aus Hamburg sein!“ Eine Gruppe Hamburger wilder Wandervögel griffen das Lied ebenfalls auf. Diese Jugendlichen hatten in den 1920er Jahren ihr Ausflugslokal auf dem Falkenberg im heutigen Hamburg-Hausbruch. Sie reimten einen neuen Text auf die Wirtin des Lokals: „Klaun, klaun, Äppel wolln wir klaun, man muss sich bloß mal traun. Mutter Ihde seggt, de Äppel sünd slecht, de loot sik gornich verdaun.“ (Mutter Ihde sagt, die Äpfel sind schlecht, die lassen sich nicht verdauen.)[8] Dieser Text wurde dann immer wieder leicht verändert und irgendwann in der heutigen Form an die Strophen vom Hamborger Jung angehängt.

Aktuelle Versionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Skulptur „Der Jung mit n Tüdelband“ Hamburg

Deutschlandweite Bekanntheit erlangte der Titel vor allem durch die Volksschauspielerin Heidi Kabel, die ihn regelmäßig bei Auftritten in Fernsehsendungen gesungen hat.

Jan Fedder sang das Lied im 1981 produzierten Spielfilm Das Boot und auf seinem 1998 veröffentlichten Album Aus Bock.

Die Folkband De Plattfööt sang eine abgewandelte Version des Liedes auf dem 1985 erschienenen Album Songs ut Meckelbörg. In ihrer Version werden Erlebnisse verschiedene Mecklenburger Kinder besungen.

2003 produzierte Jens Huckeriede den Dokumentarfilm Return of the Tüdelband – Gebrüder Wolf Story. In diesem Film wird neben der Geschichte der Gebrüder Wolf ein Rückblick auf die ungewöhnliche Geschichte von An de Eck steiht’n Jung mit’n Tüdelband gegeben und ein musikalischer Bogen gespannt, der 1895 bei den Wolfs beginnt und mit einer HipHop-Version des Couplets in der Gegenwart endet. Dieser aktuelle Bezug wird mit dem in Kalifornien lebenden Musiker Dan Wolf, einem Urenkel von Leopold Wolf, hergestellt.[9]

In den Saisons 2010/2011 und 2011/12 der Fußball-Bundesliga war das Lied die Torhymne des Hamburger SV.[10]

Axel Prahl sang das Lied 2012 im Fernsehfilm Tatort: Das Wunder von Wolbeck.

Die Hamburger Musikgruppe Die Tüdelband bezieht sich mit ihrer Namenswahl auf dieses Lied.

Auf dem Giraffenaffen Album Nummer 3 singt Anna Depenbusch ihre Interpretation von "An de Eck steiht’n Jung mit’n Tüdelband".

Die Bremer Gruppe Die Grenzgänger hat das Lied 2012 auf ihrem Album Dunkel war’s der Mond schien helle (Lieder der Kinder) in einem Medley mit Bei Müllers hats gebrannt aufgenommen. Beide Kinderlieder stammen etwa aus der gleichen Zeit und haben das Stehlen von Äpfeln zum Thema.

Denkmal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 4. Mai 2019 wurde an der Fassade des ehemaligen Wohnhauses von Ludwig Wolf, dem Gebäude Hütten 86 in der Hamburger Neustadt, die Bronzeskulptur „Der Jung mit dem Tüdelband“ enthüllt.[11] Die Idee, den Gebrüdern Wolf und dem Lied an diesem Ort ein Denkmal zu setzen, hatte der jetzige Hausbesitzer, Sven Friemuth. Er beauftragte den bekannten Maler und Bildhauer Siegfried Assmann mit der Fertigung der Plastik. Den Festakt begleiteten musikalisch die „Söhne Hamburgs“ – Stefan Gwildis, Joja Wendt und Rolf Claussen – sowie der Schauspieler Peter Franke.[11] Lotti Höbejögi, eine Tochter Ludwig Wolfs, enthüllte im Beisein von Johann-Hinrich Möller, einem Großneffen von Leopold Wolf, und in Anwesenheit des Künstlers die Plastik. Sie zeigt einen Hamburger Jungen – „Hamburg“ steht auf der Mütze der Figur – mit dem aus dem Liedtext bekannten Reifen und Butterbrot.

Melodie und Text[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hier die bekannteste Textversion, mit örtlichem Bezug zur Herkunftsstadt „Hamburg“, aber es sind auch andere Orte/Städte, wie z. B. „Husum“ und „Flensburg“, üblich. Die Noten sind für Akkordeon arrangiert/optimiert.

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Übersetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Plattdeutsch Hochdeutsch
An de Eck steiht 'n Jung mit 'n Tüddelband. An der Ecke steht ein Junge mit einem Reifen.
In de anner Hand 'n Bodderbrood mit Kees. In der anderen Hand ein Butterbrot mit Käse.
Wenn he blots nich mit de Been in 'n Tüddel kümmt. Wenn er nur nicht mit den Beinen durcheinander kommt.
Un dor liggt he ok all lang op de Nees. Und da liegt er auch schon auf der Nase.
Un he rasselt mit 'n Dassel op 'n Kantsteen. Und er stößt mit dem Kopf auf den Kantstein/Bordstein.
Un he bitt sick ganz geheurig op de Tung. Und er beißt sich ganz gehörig auf die Zunge.
As he opsteiht, seggt he: Hett nich weeh doon, Als er aufsteht, sagt er: Hat nicht weh getan,
is 'n Klacks för so 'n Hamborger Jung ist ein Kinderspiel für so einen Hamburger Jungen.
Klaun, klaun, Klauen, klauen,
Äppel wüllt wi klaun. Äpfel wollen wir klauen.
Ruck zuck övern Zaun. Ruckzuck über den Zaun,
Ein jeder den aber kann dat nich, Ein jeder aber kann das nicht,
denn er muss aus Hamburg sein. denn er muss aus Hamburg sein.
An de Eck steiht 'n Deern mit 'n Eierkorf, An der Ecke steht ein Mädchen mit einem Eierkorb,
in de anner Hand 'n groote Buddel Rum. in der anderen Hand eine große Flasche Rum.
Wenn se blots nich mit de Eier op dat Plaaster sleit Wenn sie nur nicht mit den Eiern auf den Pflasterstein fällt,
un dor seggt dat ok al lang "bum bum". und da sagt/macht es auch schon "Bumm, bumm".
Un se smitt de Eiers un den Rum tosomen Und sie schmeißt die Eier und den Rum zusammen,
un se seggt "So'n Eiergrog den hebb ik geern" und sie sagt: "So einen Eiergrog habe ich gern."
as se opsteiht, seggt se: "hett nich weeh doon, Als sie aufsteht, sagt sie: Hat nicht weh getan,
is'n Klacks för 'ne Hamborger Deern ist ein Kinderspiel für ein Hamburger Mädchen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Gebrüder Wolf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Text auf plattmaster.de

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jan Haarmeyer: 100. Geburtstag: Das Geheimnis des Tüdelbands. In: Hamburger Abendblatt. 23. Juli 2011 (online [abgerufen am 8. August 2014]).
  2. Gerd Koch: Ein altes Bänkellied? In: Dreigroschenheft. Informationen zu Bertolt Brecht. Heft 4/2013, S. 11.
  3. Jochen Wiegandt: Singen Sie Hamburgisch? Edel Germany, Hamburg 2013, ISBN 978-3-8419-0195-8, S. 20.
  4. Jochen Wiegandt: Singen Sie Hamburgisch? Edel Germany, Hamburg 2013, ISBN 978-3-8419-0195-8, S. 25.
  5. Jochen Wiegandt: Singen Sie Hamburgisch? Edel Germany, Hamburg 2013, ISBN 978-3-8419-0195-8, S. 21.
  6. Jochen Wiegandt: Singen Sie Hamburgisch? Edel Germany, Hamburg 2013, ISBN 978-3-8419-0195-8, S. 23 f.
  7. Die Gigerlkönigin im Film Peter Voss, der Millionendieb von 1946
  8. Jochen Wiegandt: Singen Sie Hamburgisch? Edel Germany, Hamburg 2013, ISBN 978-3-8419-0195-8, S. 20 und 22.
  9. Alexandra Senfft: HipHop mit’n Tüdelband. In: einestages. Spiegel Online, abgerufen am 8. August 2014.
  10. Zeit: Bundesliga-Rückschau
  11. a b Friederike Ulrich: „Jung mit’n Tüdelband“: Denkmal auf Hamburger Art enthüllt. 4. Mai 2019, abgerufen am 6. Mai 2019 (deutsch).