Andrea Nahles

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Andrea Nahles (2017)

Andrea Maria Nahles (* 20. Juni 1970 in Mendig) ist eine deutsche Politikerin der SPD und seit dem 27. September 2017 Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion.[1] Nahles wird, nicht erst seit ihrer Ablehnung der Agenda 2010 im Jahr 2003, dem linken Parteiflügel zugeordnet.

Herkunft, Studium und Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andrea Nahles und ihr jüngerer Bruder wuchsen als Kinder des Maurermeisters Alfred Nahles (1941–2014) und seiner Frau Gertrud (geb. Gondert)[2] in einer katholisch geprägten Mittelschichtsfamilie[3][4] in Weiler (bei Mayen) in der Vulkaneifel auf.[5] In Weiler besuchte Nahles bis 1980 die Grundschule. In Mayen war sie von 1980 bis 1986 Realschülerin an der heutigen Albert-Schweitzer-Realschule plus.[6] Am Megina-Gymnasium Mayen erreichte Nahles die allgemeine Hochschulreife.[7] In der Abiturzeitung des Abiturjahrgangs 1989 gab Andrea Nahles als Berufswunsch „Hausfrau oder Bundeskanzlerin“ an.[8]

Nahles studierte neuere und ältere Germanistik sowie Politikwissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn. Ihre Magisterarbeit aus dem Jahr 1999 mit dem Titel „Funktion von Katastrophen im Serien-Liebesroman“ reichte sie bei Jürgen Fohrmann ein.[9] Während ihres Studiums war sie Mitarbeiterin eines Bundestagsabgeordneten. Als Literaturwissenschaftlerin wurde sie 2004 Doktorandin am Germanistischen Seminar, der Arbeitstitel ihrer geplanten Doktorarbeit lautete Walter Scotts Einfluss auf die Entwicklung des historischen Romans in Deutschland“. Mit ihrem Wiedereinzug in den Bundestag 2005 stellte Nahles jedoch die Arbeit an ihrer Promotion wieder ein.

Andrea Nahles bewohnt in Weiler einen Bauernhof, auf dem schon ihre Urgroßeltern lebten.[10] Sie ist praktizierende Katholikin und seit ihrer Taufe 1970 Mitglied der Pfarrei St. Kastor in Weiler. Andrea Nahles war in den 1970er-Jahren eine der ersten Messdienerinnen in St. Kastor.[11] Wegen eines Hüftleidens nach einem Autounfall ist sie schwerbehindert (GdB 50).[12][13][14] Am 18. Juni 2010 heiratete Nahles den Kunsthistoriker Marcus Frings.[15] 2011 brachte sie eine Tochter zur Welt[16] und nahm acht Wochen nach der Geburt ihre Berufstätigkeit wieder auf.[17] Am 15. Januar 2016 teilte das Ehepaar Nahles/Frings der Öffentlichkeit seine Trennung mit.[18]

SPD-Politikerin seit 1988[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andrea Nahles trat als 18-jährige Gymnasiastin in die SPD ein und gründete 1989 in Weiler einen Ortsverein für die SPD. Nahles ist seit 1997 Mitglied im SPD-Parteivorstand und gehört seit 2003 dem SPD-Präsidium an. Sie leitete die Projektgruppe Bürgerversicherung des SPD-Parteivorstandes. Seit 2000 war sie Gründungsvorsitzende des Forums Demokratische Linke 21, das als ein Zusammenschluss von SPD-Linken an die Stelle des Frankfurter Kreises getreten ist. Den Vorsitz übergab sie am 15. Februar 2008 an Björn Böhning. Von 2002 bis 2003 war sie im IG-Metall-Verbindungsbüro Berlin beschäftigt. Bei den Diskussionen zur Agenda 2010 wurde sie zu den führenden parteiinternen Kritikern dieser Politik von Gerhard Schröder gezählt.

Engagement bei den Jusos (1988 bis 1999)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mehrere Jahre war Nahles Vorsitzende des Juso-Unterbezirkes Mayen-Koblenz. Von 1993 bis 1995 war sie Juso-Chefin in Rheinland-Pfalz.[19] 1995 wurde sie zur Bundesvorsitzenden der Jusos gewählt und hatte bis 1999 den Vorsitz inne. „Die neue Juso-Chefin, die gern auch auf ihre frauenpolitische Arbeit verweist, legt Wert auf die Feststellung, dass sie keinem der beiden großen Lager – Stamokap und Reformsozialisten – innerhalb der Jusos angehört. Sie wurde mit den Stimmen der traditionalistischen Linken gewählt“, schrieb die Tageszeitung 1995.[20] Der ehemalige SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine nannte Nahles in ihrer Zeit als Bundesvorsitzende der Jusos ein „Gottesgeschenk an die SPD“[21]

SPD-Kreistagsmitglied (1999 bis 2009)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen 1999 und 2009 gehörte Nahles dem Kreistag des Kreises Mayen-Koblenz an.

SPD-Bundestagsabgeordnete (1998 bis 2002 und seit 2005)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nahles war erstmals von 1998 bis 2002 und ist erneut seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort war sie von 1998 bis 2002 sowie von 2005 bis 2007 stellvertretende Sprecherin der Fraktionsarbeitsgruppe Arbeit und Sozialordnung bzw. Arbeit und Soziales; seit November 2007 ist sie deren Sprecherin. Seit Januar 2008 gehört sie auch dem Vorstand der SPD-Bundestagsfraktion an. Nahles zog stets über die Landesliste Rheinland-Pfalz (Wahlkreis Ahrweiler) in den Bundestag ein. 2006 wurde Angela Marquardt ihre Mitarbeiterin. Nahles ist Mitglied der Parlamentarischen Linken und war Mitglied der Denkfabrik in der SPD Bundestagsfraktion, eines Zusammenschlusses von überwiegend jüngeren linken SPD-Abgeordneten.

SPD-Generalsekretärin (2009 bis 2013)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andrea Nahles (2011)

Am 31. Oktober 2005 setzte sie sich im Parteivorstand in einer Kampfabstimmung um die Nominierung zur Generalsekretärin mit 23 zu 14 Stimmen gegen Kajo Wasserhövel durch, der vom damaligen Parteivorsitzenden Franz Müntefering vorgeschlagen worden war. Deswegen kandidierte Franz Müntefering nicht mehr für den Parteivorsitz. Nahles wurde von Teilen der SPD heftig kritisiert; sie verzichtete schließlich auf die Kandidatur zur Generalsekretärin und lehnte auch das Amt der stellvertretenden Parteivorsitzenden ab, für das Matthias Platzeck sie vorgeschlagen hatte.

Im Mai 2007 wurde Nahles gemeinsam mit Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier vom SPD-Parteivorstand für das Amt der stellvertretenden Parteivorsitzenden nominiert und am 26. Oktober 2007 von 74,8 % der Parteitagsdelegierten in dieses Amt gewählt. Am 30. Juni 2009 nahm der Kanzlerkandidat der SPD, Frank-Walter Steinmeier, Nahles in sein Schattenkabinett für die Bundestagswahl 2009 auf und übertrug ihr den Zuständigkeitsbereich Bildung.[22] Am 13. November 2009 wurde sie SPD-Generalsekretärin; nach der von der SPD verlorenen Bundestagswahl übernahm sie das Amt von Hubertus Heil.[23] Sie wurde auf dem Parteitag in Dresden mit 69,9 % der Stimmen gewählt und 2011 in diesem Amt für zwei weitere Jahre mit 73,2 % aller Delegiertenstimmen bestätigt.[24] 2013 wurde sie wiedergewählt, erzielte aber mit 67,2 % ihr bis dahin schwächstes Ergebnis.[25] Nachdem Nahles Ende 2013 zur Bundesministerin für Arbeit und Soziales berufen worden war, wurde Yasmin Fahimi auf einem Sonderparteitag am 26. Januar 2014 zu ihrer Nachfolgerin als Generalsekretärin gewählt.[26]

Bundesministerin für Arbeit und Soziales (2013 bis 2017)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vom 17. Dezember 2013 bis 28. September 2017 war Andrea Nahles Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Unter ihrer Verantwortung wurde am 1. Januar 2015 in Deutschland der Gesetzliche Mindestlohn eingeführt.[27] Weiterhin wurde 2014 unter ihrer Zuständigkeit eine Rentenreform beschlossen, die höhere Leistungen für Mütter („Mütterrente“), sowie die Rente nach 45 Beitragsjahren („Rente mit 63“) und die Steigerung der Erwerbsminderungsrente vorsieht.[28] Auch das Tarifeinheitsgesetz wurde unter ihrer Zuständigkeit erarbeitet und 2015 beschlossen.[29]

SPD-Fraktionsvorsitzende (seit dem 27. September 2017)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Parteiangaben wählte die SPD-Fraktion im Bundestag mit 137 von 152 abgegebenen Stimmen Andrea Nahles zur neuen Vorsitzenden. 14 Abgeordnete stimmten gegen Nahles, es gab eine Enthaltung. Das entspricht einer Zustimmung von rund 90 %.[30] Während ihrer letzten Kabinettssitzung sagte Nahles, bezogen auf die Bundesregierung, „ab morgen kriegen sie in die Fresse“. Anschließend wiederholte sie den Satz in der SPD-Fraktionssitzung und gegenüber Journalisten. In einigen Medienkommentaren wurde die Äußerung kritisiert.[31][32] Andere Kommentatoren verteidigten Nahles und lehnten insbesondere eine Gleichsetzung mit dem Politikstil des AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland ab.[33][34] Nahles erklärte am Folgetag, ihre Aussage sei klar als Scherz erkennbar gewesen.[35]

Gesellschaftliche Ämter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andrea Nahles (2017) auf der re:publica 17

Andrea Nahles war von 2013 bis 2017 Bundesministerin für Arbeit und Soziales.

Nahles war von 2000 bis 2004 als Vertreterin der SPD Mitglied im ZDF-Fernsehrat.[36] Sie ist Mitherausgeberin der Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft (spw). Seit 2004 ist Nahles Vorsitzende des Fördervereins Willy-Brandt-Zentrum Jerusalem sowie Vorsitzende des Beirats der Parteischule im Willy-Brandt-Haus. Ferner ist sie Mitglied der Gewerkschaft IG Metall, der gemeinnützigen Europäischen Sonnenenergievereinigung Eurosolar, von Attac und im Zentralkomitee der deutschen Katholiken.[37]

Politische Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nahles lehnt die von Horst Seehofer vorgeschlagene Pkw-Maut[38] und das ebenfalls von der CSU eingeführte Betreuungsgeld ab.[39] In den Koalitionsverhandlungen mit der CDU nach der Bundestagswahl 2013 forderte sie Steuererhöhungen für Spitzenverdiener.[40]

In der Flüchtlingskrise in Europa 2015 erklärte Nahles in ihrer Funktion als Arbeitsministerin im September 2015 in einer Bundestagsdebatte, dass durch den Zustrom der Flüchtlinge die Arbeitslosenzahlen in Deutschland steigen werden.[41]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Frau, gläubig, links. Was mir wichtig ist. Pattloch Verlag, München 2009, ISBN 978-3-629-02239-4.
  • Die Kamera sieht alles – Wie frau sich in Polit-Talkshows verhalten sollte. In: Sascha Michel, Heiko Girnth (Hrsg.): Polit-Talkshows – Bühnen der Macht. Ein Blick hinter die Kulissen. Bouvier, Bonn 2009, ISBN 978-3-416-03280-3, S. 174–176.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Andrea Nahles – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andrea Nahles zur Vorsitzenden gewählt | SPD-Bundestagsfraktion. In: SPD-Bundestagsfraktion. 27. September 2017 (spdfraktion.de [abgerufen am 27. September 2017]).
  2. http://www.blick-aktuell.de/Berichte/Bundesarbeitsministerin-Andrea-Nahles-ehrt-langjaehrige-SPD-Mitglieder-228087.html
  3. http://www.zeit.de/2016/40/andrea-nahles-sozialministerin-waehlerstimmen
  4. https://trauer.rhein-zeitung.de/traueranzeige/alfred-nahles
  5. https://www.andrea-nahles.de/ueber-mich/
  6. http://www.realschule-mayen.com/index.php?id=53
  7. Andrea Nahles: Die Ministrable. In: taz.de. Abgerufen am 30. September 2017.
  8. Abiturzeitung Gymnasium Mayen 1989, S. 16.
  9. http://www.focus.de/politik/deutschland/erfolgreich-aber-unbeliebt-andrea-nahles-versucht-ihr-image-zu-wandeln_id_3889169.html
  10. Jens König, Stefan Reinecke: Zwei Leute-Versteher auf der Fahrt ganz nach oben. In: taz.de. 16. September 2005, abgerufen am 13. Februar 2015.
  11. http://www.sueddeutsche.de/politik/prominente-ministranten-auf-heiligen-stufen-1.985170-4
  12. Bettina Gaus: Der weiße Rabe. In: taz.de. 5. Oktober 2004, abgerufen am 13. Februar 2015.
  13. SPD Werlte zu Besuch in Schüttorf
  14. Susanne Gaschke: Gesellschaft: Die Frauen und die Macht. In: zeit.de. 16. November 2006, abgerufen am 13. Februar 2015.
  15. Andrea Nahles heiratete in Weiler Kunsthistoriker Marcus Frings. In: Bild.de. 19. Juni 2010, abgerufen am 21. Juni 2010.
  16. Andrea Nahles: SPD-Generalsekretärin ist Mutter. In: Focus Online. 18. Januar 2011, abgerufen am 13. Februar 2015.
  17. SPD-Generalsekretärin zurück aus Babypause. In: nachrichten.rp-online.de. 19. März 2011, abgerufen am 13. Februar 2015.
  18. Liebes-Aus nach fünf Jahren Ehe: Andrea Nahles und ihr Mann trennen sich. In: focus.de. 15. Januar 2016, abgerufen am 16. Januar 2016.
  19. http://www.brigitte.de/aktuell/gesellschaft/politik--andrea-nahles--wer-ist-diese-spitzenpolitikerin-_10371016-10370990.html
  20. taz: Fit fürs Chaos. 12. September 1995, S. 11.
  21. https://www.welt.de/politik/article1030981/Die-Geheimwaffe-der-SPD-gegen-Oskar-Lafontaine.html
  22. Steinmeier zieht ohne Stars in den Wahlkampf. In: Spiegel.de. 30. Juli 2009, abgerufen am 17. November 2010.
  23. Gabriel und Nahles sollen es für die SPD nach der verlorenen Bundestagswahl richten.
  24. Ergebnis Andrea Nahles Ordentlicher SPD-Bundesparteitag 2011
  25. SPD-Parteitag: Schwaches Ergebnis für Hannelore Kraft. In: sueddeutsche.de. 15. November 2013, abgerufen am 13. Februar 2015.
  26. Neue Generalsekretärin: Frischer Wind für die Partei. In: Tagesschau.de. 26. Januar 2014, archiviert vom Original am 29. Januar 2014, abgerufen am 26. Januar 2014.
  27. Mindestlohn - Andrea Nahles platzt der Kragen. Abgerufen am 26. September 2017.
  28. Rente mit 63: Bundestag beschließt Rentenpaket. Abgerufen am 26. September 2017.
  29. Bundestag beschließt Tarifeinheitsgesetz - "Ja" nach heftigem Schlagabtausch tagesschau.de, 22. Mai 2015, abgerufen am 30. Juli 2015
  30. Neustart der SPD: Andrea Nahles zur Fraktionschefin gewählt. Abgerufen am 27. September 2017.
  31. Detlef Esslinger: Andrea Nahles spielt mit der demokratischen Kultur, Sueddeutsche.de vom 28. September 2017
  32. Sascha Lehnartz: Frau Nahles, verantwortungsvolle Opposition klingt anders!, Welt.de am 28. September 2017
  33. Florian Gathmann: Vorsicht vor dem Schredder, Spiegel.de vom 28. September 2017
  34. Boris Rosenkranz: Fresse jetzt!, Uebermedien.de am 28. September 2017
  35. So erklärt Nahles ihren „In die Fresse“-Kommentar, Welt.de am 28. September 2017
  36. ZDF-Jahrbuch 2003: Fernsehrat
  37. zdk.de: Mitglieder/Einzelpersönlichkeiten, abgerufen am 24. Februar 2017.
  38. SPD gegen CSU: Nahles kritisiert Pläne für Pkw-Maut. In: rp-online.de. 9. November 2013, abgerufen am 13. Februar 2015.
  39. Andrea Nahles „Betreuungsgeld verschleudert Milliarden“ (Memento vom 23. November 2013 im Webarchiv archive.is) In: andrea-nahles.de
  40. afp: Erhöhungen für Spitzenverdiener sind unausweichlich. In: handelsblatt.com. 9. November 2013, abgerufen am 13. Februar 2015.
  41. Rheinische Post: Andrea Nahles rechnet mit mehr Arbeitslosen