Andreas Abu Bakr Rieger

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Andreas Abu Bakr Rieger

Andreas Abu Bakr Rieger (* 11. Februar 1965 in Freiburg im Breisgau als Andreas Rieger) ist ein deutscher Jurist und Publizist. Er ist Herausgeber der Islamischen Zeitung und war Autor und Mitgesellschafter des von Jürgen Elsässer herausgegebenen Magazins Compact.[1]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andreas Rieger wuchs in einem katholischen Elternhaus auf, sein Vater war Vorsitzender der CDU-Stadtratsfraktion von Lahr. Nach dem Abitur begann er an der Universität Freiburg Rechtswissenschaften zu studieren. In Granada konvertierte er 1990 unter Einfluss des Murabitun-Gründers Ian Dallas zum Islam und nahm nach Vorbild des ersten Kalifen den Namen Abu Bakr an.[2][3] Nach dem 1. Staatsexamen zog er nach Thüringen, um dort das Referendariat abzuleisten und das 2. Staatsexamen abzulegen. 1993 hielt er auf einer Veranstaltung der Anhänger von Cemaleddin Kaplan in der Stadthalle Köln eine antisemitische Rede: „Wie die Türken haben wir Deutschen in der Geschichte schon oft für eine gute Sache gekämpft, obwohl ich zugeben muss, dass meine Großväter bei unserem gemeinsamen Hauptfeind nicht ganz gründlich waren.“[2][4]

1995 ließ er sich in Weimar als Rechtsanwalt nieder und gründete die Islamische Zeitung sowie den Verein Weimar Institut für geistes- und zeitgeschichtliche Fragen. Im gleichen Jahr autorisierte er als „Amir der Gemeinschaft der Muslime in Weimar“ eine Fatwa aus der Feder des Gründers und Führers der Murabitun-Bewegung, Ian Dallas alias Abdalqadir as-Sufi, in der Johann Wolfgang von Goethe zum Muslim erklärt wurde.[5] Mittlerweile distanziert sich Rieger von der Behauptung, Goethe sei Muslim. Er habe damit 1997 Aufmerksamkeit für seine Aufklärungsarbeit über die Balkankonflikte schaffen wollen. Rieger hält weiterhin oft Vorträge über Goethe, in denen er auf die Aktualität des Denkens Goethes hinweist.[6]

Im Jahr 1996 vollzog Abu Bakr Rieger zum ersten Mal die Pilgerfahrt nach Mekka und Medina. Die Erfahrung mit Muslimen aus allen Teilen der Welt versammelt zu sein, beschreibt er als eindeutige Lehre, dass „dem Islam jede Bevorzugung einer bestimmten Rasse fremd“ sei. Die Identität des deutschen Muslims sehe Rieger daher folglich als „Weltbürger im Goetheschen Sinne“.[7] Rieger sprach auf Einladung des Generalkonsulats von Bosnien und Herzegowina 2005 in Düsseldorf auf einer Veranstaltung zum Gedenken des Massakers von Srebrenica, und warf dabei der NATO eine Mitschuld vor. Die Lehre von Srebrenica, so Rieger, müsse in eine Abkehr von Ideologie und Menschenverachtung resultieren.[8]

2011 gründete Rieger gemeinsam mit Jürgen Elsässer und Kai Homilius die COMPACT-Magazin GmbH, die die Monatszeitschrift Compact herausbringt; Rieger, Elsässer und Homilius hielten je ein Drittel der Anteile. Rieger zufolge sei das Ziel gewesen, verschiedene Ansichten in einem Medium kontrovers diskutieren zu können.[9] Rieger ist seit November 2014 nicht mehr Gesellschafter.[10] Er begründete seinen Ausstieg mit der „zunehmend radikal-subjektiven Haltung“ Elsässers. Das Blatt sei „einseitig ausgerichtet und politisch abgeglitten, da in ihm rassistische und nationalistische Positionen vertreten“ würden. Die Position zur PEGIDA-Bewegung spräche insoweit Bände, die zur Russlandkrise sei „völkisch“. Das Projekt sei „gescheitert, da es nicht mehr möglich ist, darin verschiedene Positionen zu vertreten“.[11]

Wirken im Islamrat, Rücktritt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Später war Rieger Vorstandsmitglied im Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland, für den er Mitglied der Islamkonferenz wurde.[2] Durch Recherchen der Journalistin Claudia Dantschke wurde 2007 eine schon länger bekannte Videoaufzeichnung seiner als antisemitisch kritisierten Rede von 1993 im Spiegel veröffentlicht.[12] Als Grußwort vor Anhängern des später verbotenen Kalifatstaats des islamischen Fundamentalisten Metin Kaplan hatte er erklärt, er freue sich über die anwesenden "künftige Kämpfer für den Din vom Islam", "wie die Türken", so hätten auch "wir Deutsche oft schon in der Geschichte für eine gute Sache gekämpft, obwohl" er "zugeben" müsse, dass seine "Großväter bei unserem gemeinsamen Hauptfeind nicht ganz gründlich" gewesen seien. Er sähe es als seine Aufgabe an, "seine deutschen Kameraden" zum Islam einzuladen.[13][14] Der Unionsfraktionsvize Wolfgang Bosbach forderte, "Solange Herr Rieger noch beim Islamrat aktiv ist, darf die Organisation kein Dialogpartner sein", auch die Islambeauftragte der SPD, Lale Akgün, unterstützt diese Forderung.[12]

Rieger erklärte, dass diese Rede „töricht und dumm“ gewesen sei[12] und dass er nie ein Rechtsradikaler oder ein Antisemit gewesen sei. Er sei auch jederzeit bereit, sich bei allen zu entschuldigen, „die diesen Satz zu Recht als menschenverachtend und zynisch empfinden.“ Vom Posten des stellvertretenden Vorsitzenden beim Islamrat trat er dennoch zurück.[15] Rieger war schon zuvor in 2002 als Vorstandsmitglied des Islamrats zurückgetreten, die taz merkte an, Abu Bakr Rieger, "ein hochrangiger Funktionär der dubiosen Murabitun-Vereinigung", sei "umstritten", denn diese "sektenähnliche Organisation" sei durch "Kontakte zur rechten, antisemitischen Szene aufgefallen".[16] Der Deutschlandfunk monierte 2004, dass Rieger sich nicht "unmissverständlich von seiner antisemitischen Äußerung" distanziere.[17]

International[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er ist der Vorsitzende der von ihm 2005 mitgegründeten Organisation European Muslim Union.[18][19][20] 2009 wurde er in einer „Liste der 500 einflussreichsten Muslime“ des Royal Islamic Strategic Studies Centre aus Jordanien aufgeführt.[21]

Rieger präsentiert sich als Unterstützer der Europäischen Union und brachte seine Bewunderung für den französischen Präsidenten Emmanuel Macron und seine Partei En Marche zum Ausdruck.[22]

Privatleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rieger lebt mit seiner Frau und fünf Kindern in Potsdam.[23]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Islam in Deutschland. Spohr-Verlag, Freiburg im Breisgau 2007
  • Weg mit dem Zins. Kai Homilius Verlag, Werder (Havel) 2011
  • Querverbindungen. IZ Medien GmbH, Berlin 2015

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Stichwortgeber der Rechten Scheue Angstmacher, von Erik Peter, TAZ 10. April 2016
  2. a b c Rainer Traub: Die Glaubens-Wechsler, Spiegel-Special Nr. 2/2008, Seite 94ff.
  3. Jörg Lau: Religion: Christian heißt jetzt Abdul, Die Zeit vom 22. Dezember 2004
  4. Jan-Philipp Hein, Yassin Musharbash und Anna Reimann Extremismus: Islamratsmitglied hielt antisemitische Rede Spiegel-Online vom 1. Oktober 2007
  5. Stefan Meining: Rechte Esoterik in Deutschland. Ideenkonstrukte, Schnittstellen und Gefahrenpotentiale, in: Politischer Extremismus als Bedrohung der Freiheit - Rechtsextremismus und Islamismus in Deutschland und Thüringen, Vorträge anlässlich des Symposiums des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz am 3. September 2002 in Erfurt, Erfurt 2002.
  6. Goethe und die Aktualität der Muslime, Verschriftlichter Vortrag.
  7. Hintergrund: Über deutsche Muslime. Von Abu Bakr Rieger, Artikel Islamische Zeitung.
  8. Srebrenica aus europäischer Sicht, Verschriftlichter Vortrag durch IGBD.
  9. Autorisierte Erklärung von Herrn Andreas Abu Bakr Rieger vom 23. März 2015 zum Verkauf seiner Anteile am „Compact“-Magazin, zitiert nach Wolfgang Storz: „Querfront“ – Karriere eines politisch-publizistischen Netzwerks (= OBS-Arbeitspapier. Bd. 18). ISSN 2365-1962. Otto-Brenner-Stiftung, Frankfurt am Main 2015.
  10. Amtsgericht Potsdam, Handelsregisterblatt HRB 24411 mit Gesellschafterlisten aus 2011 und vom 17. November 2014
  11. Autorisierte Erklärung von Herrn Andreas Abu Bakr Rieger vom 23. März 2015 zum Verkauf seiner Anteile am „Compact“-Magazin, zitiert nach Wolfgang Storz: „Querfront“ – Karriere eines politisch-publizistischen Netzwerks (= OBS-Arbeitspapier. Bd. 18). ISSN 2365-1962. Otto-Brenner-Stiftung, Frankfurt am Main 2015.
  12. a b c Extremismus - Islamratsmitglied hielt antisemitische Rede, Der Spiegel, 1. Oktober 2007
  13. Antisemitische Globalisierungskritik, Claudia Dantschke, 10. Juni 2003. "Wir sind eine Gruppe deutscher Muslime und freuen uns, dass wir hier von Euch türkischen Brüdern so freundlich aufgenommen wurden [...] wir haben heute hier sehr sehr viele Kämpfer gesehen, künftige Kämpfer für den Din vom Islam und das hat uns sehr viel Mut gemacht [...] wie die Türken, so haben auch wir Deutsche oft schon in der Geschichte für eine gute Sache gekämpft, obwohl ich zugeben muss, dass meine Großväter bei unserem gemeinsamen Hauptfeind nicht ganz gründlich waren. Er, Rieger, und seine deutschen Kameraden sehen nun ihre Hauptaufgabe darin, den Islam in Deutschland stark zu machen, indem wir Deutsche die Deutschen einladen zum Islam".
  14. Videoaufzeichnung, Andreas Abu Bakr Rieger, Internet Archive, 23. September 2007
  15. Antisemitische Rede - Islamratsmitglied tritt nach harscher Kritik zurück, Der Spiegel, 2. Oktober 2007
  16. Islamrat renoviert Fassade, taz, 30. 1. 2002
  17. Judenhass im Namen Allahs? Islamismus und Antisemitismus in Deutschland, Deutschlandfunk, 24. September 2004
  18. European Muslim Union - Istanbul Declaration 2005. In: www.emunion.eu. Abgerufen am 17. Februar 2015. Zitat: Lawyer Abu Bakr Rieger has been elected president.
  19. John Esposito und İbrahim Kalın: The 500 most influential Muslims 2009 (PDF), S. 142. Zitat: Abu Bakr Rieger is the chairman of the European Muslims Union …
  20. “For EMU, good relations to Turkey and Morocco are very important” Pressemitteilung der European Muslim Union, 5. August 2016. Zitat: the president of the European Muslim Union (EMU), Abu Bakr Rieger.
  21. John Esposito und Ibrahim Kalin: The 500 most influential Muslims 2009 (PDF), S. 142.
  22. Wie stehen Muslime zu Europa?, Artikel Islamische Zeitung.
  23. Biografie auf Riegers Website/aktuelle Vorträge