Andrei Arsenjewitsch Tarkowski

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Andrei Tarkowski ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zu anderen Personen siehe Andrej Tarkowski.
Andrei Tarkowski. Russische Briefmarke aus dem Jahre 2007.

Andrei Arsenjewitsch Tarkowski (russisch Андрей Арсеньевич Тарковский, wiss. Transliteration Andrej Arsen’evič Tarkovskij; * 4. April 1932 in Sawraschje (russisch Завражье), Sowjetunion; † 29. Dezember 1986 in Paris, Frankreich) war ein sowjetischer Filmemacher.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andrei Tarkowski wurde im Dorf Sawraschje in der heutigen Oblast Kostroma im nordwestlichen Russland als Sohn des berühmten Lyrikers und Übersetzers Arseni Tarkowski und Maria Ivanowna Wischniakowa geboren. Sein Großvater Aleksander Tarkowski war ein polnischer Adeliger, der in Russland im Bankwesen tätig war. Nach der Trennung der Eltern im Jahre 1936 wuchs Tarkowski bei der Mutter und Großmutter auf. Während des Zweiten Weltkrieges wohnte die Familie im Dorf Juriewo, 1944 zog sie wieder nach Moskau um. Schon früh machte sich seine künstlerische Begabung bemerkbar, wobei diese durch seine Mutter gefördert wurde. Er studierte in den 1950er Jahren zunächst Musik, Malerei, Bildhauerei, Orientalistik und Geologie, bevor er 1954 an der Filmhochschule in Moskau zu studieren begann. Sein Lehrer war der Regisseur Michail Romm; sein Abschlussfilm war Die Straßenwalze und die Geige, der zwar schon seine Eigenwilligkeit zeigte, den er selbst aber nie zu seinem Werk zählte.

Seine Filme Andrej Rubljow, Solaris, Der Spiegel und Stalker konnten nur gegen starken Widerstand der Behörden veröffentlicht werden. Die meisten erhielten, auch gegen den Protest der offiziellen sowjetischen Vertreter, bei den Filmfestivals internationale Preise. Die Filmmusik vieler seiner Filme wurde von Eduard Artemjew komponiert und mit dem ersten sowjetischen Synthesizer vertont. Klassische, meist geistliche Werke insbesondere von Johann Sebastian Bach nehmen eine zentrale Stellung ein. In einigen seiner Filme werden Gedichte seines Vaters rezitiert.

Tarkowski war zwar im Ausland berühmt, doch in seiner Heimat blieb ihm die offizielle Anerkennung versagt. Zudem hatte er schon mehrere Herzinfarkte erlitten, als er 1983 die Sowjetunion verließ, um in Italien Nostalghia zu drehen und um der erzwungenen Untätigkeit in der Sowjetunion zu entgehen, und nicht wieder zurückkehrte, woran seine Familie zerbrach. Bei den Filmfestspielen von Cannes 1983 wurde Nostalghia mit dem Preis der ökumenischen Jury und dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet. Tarkowski teilte sich den Regiepreis mit Robert Bresson.[1]

1985 entstand in Schweden sein letzter Film Opfer. Als sich zu dieser Zeit die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl ereignete, war das für ihn die Verwirklichung seiner schlimmsten Albträume. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits schwer erkrankt, seine Behandlung in Paris kam zu spät. Seinen Plan, den Film Hoffmanniana über die letzten Tage im Leben von E. T. A. Hoffmann in Berlin zu drehen, konnte er nicht mehr umsetzen.

Andrei Arsenjewitsch Tarkowski starb am 29. Dezember 1986 im Alter von 54 Jahren in Paris an Krebs. Er ruht auf dem Russischen Friedhof in Sainte-Geneviève-des-Bois im Département Essonne (Île-de-France) bei Paris neben seiner langjährigen Assistentin und zweiten Ehefrau Larissa Tarkowskaja. Seine Freunde ließen den russischen Bildhauer Ernst Neiswestny einen Grabstein für ihn anfertigen.

1988 wurde der am 23. Dezember 1982 entdeckte Asteroid (3345) Tarkovskij nach ihm benannt.[2]

Larissa Tarkowskaja erhielt erst nach Andreis Tod einen französischen Pass. Sie widmete sich fortan der Erhaltung von Tarkowskis Erbe, beteiligte sich aktiv an der Gründung des Institut international Andreï-Tarkovski in Paris und der Publikation seiner Schriften. Kurz nachdem sie die unter dem Titel „Andreï Tarkowski“ bei Calmann-Lévy erschienene Biographie vollendet hatte, starb Larissa Tarkowski am 19. Januar 1998 im Alter von 60 Jahren in Neuilly-sur-Seine bei Paris.

Im Jahr 2002 ehrte das Centre Pompidou den Filmregisseur, der in jenem Jahr seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert hätte, durch eine große Retrospektive. Am zwanzigsten Jahrestag seines Todes ließen 2006 die Stadt Paris und das „Institut Andreï-Tarkovski“ eine Gedenktafel an jenem Haus in der rue Puvis-de-Chavannes (N° 10) anbringen, in dem Tarkowski zuletzt wohnte. Der 2009 erschienene Film Antichrist des dänischen Regisseurs Lars von Trier ist ihm gewidmet.

Ingmar Bergman sagte über ihn: „Tarkowski ist für mich der bedeutendste, weil er eine Sprache gefunden hat, die dem Wesen des Films entspricht: Das Leben als Traum.“

Iwans Kindheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Iwans Kindheit

Durch seine Experimentierfreude und die eindringliche Art seiner Filme erwarb Tarkowski unter Cineasten große Anerkennung. Sein erster Film Iwans Kindheit wurde bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 1962 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Das Werk basiert auf der Erzählung Iwan von Wladimir Ossipowitsch Bogomolow, einem russisch-sowjetischen Prosa-Schriftsteller.

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kurz- und Dokumentarfilme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1958: Ubiizy (Die Killer) nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Ernest Hemingway, Schwarzweißfilm, als Student
  • 1959: Sewodnja uwol'nenija ne budet (Heute wird es keine Entlassung geben), Schwarzweißfilm, als Student
  • 1961: Katok i skripka (Die Straßenwalze und die Geige); Kurz-, Diplom- und Kinderfilm, Farbe
  • 1982: Tempo di Viaggio (Italienische Reise), Dokumentarfilm für das italienische Fernsehen über die Suche nach Drehorten für Nostalghia, zusammen mit Tonino Guerra

Spielfilme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filme über Tarkowski[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1987: Donatella Baglivo: Andrei Tarkovsky (auch gesendet unter dem Titel Tarkovsky's Cinema). Dokumentarfilm, UK 1987, 53 min
  • 1988: Ebbo Demant: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Andrej Tarkowskijs Exil und Tod. Dokumentarfilm, Deutschland, 130 Minuten[3]
  • 2000: Chris Marker: Cinéma, de notre temps. Une journée d'Andrei Arsenevitch. Frankreich, 55 Minuten[4]

Hörspiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1964: Polny poworot krugom (Volle Kraft zurück!) nach der Erzählung Turnabout von William Faulkner, Musik: Vjatscheslav Ovtschinnikov, Produktion: Gostelradio Moskau, deutsche Fassung aus dem Russischen übersetzt von Hans-Joachim Schlegel, SWF 1990
  • 2004: Hoffmanniana. Nach einem Filmszenario von Andrej Tarkowskij (sic!) über die letzten Tage im Leben des E. T. A. Hoffmann, Regie: Kai Grehn, RBB/SWR

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die versiegelte Zeit. Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films. Aus dem Russischen übersetzt von Hans-Joachim Schlegel. Ullstein, Berlin/Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-550-06393-8, bearbeitete Neuausgabe: Alexander, Berlin 2009, ISBN 978-3-89581-200-2.
  • Die versiegelte Zeit – Iwans Kindheit als Opfergabe. Cahiers du cinéma, Paris 1989
  • Das Opfer. Mit Filmbildern von Sven Nykvist. Schirmer/Mosel, München 1987 (Tarkovskij-Edition, Band 1)
  • Hoffmanniana. Szenario für einen nicht realisierten Film. Schirmer/Mosel, München 1987 (Tarkovskij-Edition, Band 2)
  • Martyrolog. Tagebücher 1970 – 1986. Limes, Berlin 1989 u. Cahiers du cinéma, Paris 1993
  • Martyrolog II. Tagebücher 1981 – 1986. Limes, Berlin 1991
  • Andrej Rubljow. Die Novelle. Limes, Berlin 1992
  • Der Spiegel. Filmnovelle, Arbeitstagebücher und Materialien zur Entstehung des Films. Limes, Berlin 1993
  • Lichtbilder. Schirmer/Mosel, München 2004
  • Andrej Tarkovskij - Leben und Werk: Filme, Schriften, Stills & Polaroids Herausgegeben von Andrej A. Tarkovskij jun., Hans-Joachim Schlegel, Lothar Schirmer. Schirmer/Mosel, München 2012 ISBN 978-3-8296-0587-8.
  • Unfassbares sichtbar machen. - 6 Meisterwerke von Andrei Tarkowski: Filme und Begleitbuch edition trigon-film, Ennetbaden 2014

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andrej Tarkovskij - Leben und Werk: Filme, Schriften, Stills & Polaroids. Hrsg. von Andrej Tarkovskij jun., Hans-Joachim Schlegel und Lothar Schirmer. Schirmer/Mosel, München 2012, ISBN 978-3-8296-0587-8
  • Tarkovsky - Films, Stills, Polaroids & Writings. Hrsg. von Andrey A. Tarkovsky, Hans-Joachim Schlegel and Lothar Schirmer. Thames & Hudson, London 2012, ISBN 978-0-500-51664-5.
  • Larissa Tarkovski (unter Mitarbeit von Luba Jurgenson): Andreï Tarkowski. Calmann-Lévy, Paris 1998
  • Andrej Tarkowskij. Mit Beiträgen von Wolfgang Jacobsen u. a., Hanser, München 1987
  • Julia Selg: Andrej Tarkovskij und die Gegenwart der Alten Meister, Kunst und Kultus im Film Nostalghia. Ita Wegman Verlag, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-9523425-9-6.
  • Marina Tarkowskaja: Splitter des Spiegels. Die Familie des Andrej Tarkowski. edition ebersbach, Berlin 2003, ISBN 3-934703-59-3.
  • Antoine de Baecque: Andrei Tarkowski. Cahiers du cinéma, Paris 1989
  • Maja Turowskaja: Andrej Tarkowskij. Film als Poesie, Poesie als Film. Keil Verlag, Bonn 1981
  • Timo Hoyer: Filmarbeit – Traumarbeit. Andrej Tarkowskij und sein Film "Der Spiegel" ("Serkalo"). In: R. Zwiebel / A. Mahler-Bungers (Hrsg.): Projektion und Wirklichkeit. Die unbewusste Botshaft des Films. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 85-110. ISBN 3-525-45179-2.
  • Hans-Dieter Jünger: Kunst der Zeit und des Erinnerns. Andrej Tarkowskijs Konzept des Films. Ed. Tertium, Ostfildern 1995, ISBN 3-930717-12-3.
  • Marius Schmatloch: Andrej Tarkowskijs Filme in philosophischer Betrachtung. Gardez! Verlag, St. Augustin 2003, ISBN 3-89796-050-8.
  • Hans-Joachim Schlegel: Klangwelten des Inneren. Zu Andrej Tarkowskijs Ton- und Musikkonzept. In: Hartmut Krones (Hrsg.): Bühne, Film, Raum und Zeit in der Musik des 20. Jahrhunderts. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2003 ISBN 3-205-77206-7.
  • Dietrich Sagert: Der Spiegel als Kinematograph nach Andrej Tarkowskij. Dissertation, urn:nbn:de:kobv:11-10036006, ca. 0,9 MB, (PDF), Philosophische Fakultät III, Humboldt-Universität, Berlin 2004; Volltext bei der Deutschen Nationalbibliothek
  • Florian Sprenger: „1+1=1 – Bewegte Elemente im Werk Andreij Tarkowskijs.“ In: Birgit Leitner, Lorenz Engell (Hrsg.) Philosophie des Films. Verlag der Bauhaus-Universität Weimar, Weimar 2007, S. 128–141
  • Hans-Joachim Schlegel: Filmbild und Ikone. Folgen des byzantinischen Bildverständnisses im russischen und sowjetischen Film. In: Peter Hasenberg, Reinhold Zwick, Gerhard Larcher (Hrsg.): Zeit – Bild – Theologie. Schüren, Marburg 2011, ISBN 978-3-89472-674-4.
  • Layla Alexander-Garrett: Andrei Tarkovsky: A Photographic Chronicle of the Making of The Sacrifice, Cygnnet, 2012, ISBN 978-0-9570416-0-8.

Sonstige Arbeiten zu Tarkowski[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Various Artists: In Memoriam Tarkovsky. CD, Insofar Vapor Bulk, 2002, mit Kompositionen von Christian Renou, Roger Doyle, Michael Prime, Stanislav Kreitchi
  • Francois Couturier: Nostalghia. Song for Tarkovsky. CD, ECM, 2006

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Andrei Tarkowski – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Festival de Cannes: Nostalghia. In: festival-cannes.com. Abgerufen am 16. Juni 2009.
  2. Minor Planet Circ. 13176
  3. Der Film in der IMDb
  4. Der Film in der IMDb