Andrei Lwowitsch Nekrassow

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Andrei Nekrassow (2007)

Andrei Lwowitsch Nekrassow (russisch Андре́й Льво́вич Некра́сов, * 1958 in Leningrad) ist ein russischer Drehbuchautor und Filmregisseur.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausbildung und frühes Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andrei Nekrassow studierte Schauspiel und Regie am Staatlichen Institut für Theater und Film in Leningrad, vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Paris und Film an der Film School der University of Bristol.

Im Jahr 1985 war er Assistent von Andrei Tarkowski während der Dreharbeiten und Produktion von dessen Film Opfer. Anschließend drehte Nekrassow mehrere internationale Koproduktionen, vor allem Dokumentarfilme. 1993 erschien sein erster Kurzspielfilm Springing Lenin, 1997 der erste abendfüllende Spielfilm Silna, kak smert, lyubov (englischer Titel: Love Is as Strong as Death). Beide Filme gewannen Preise auf Festivals. Das zweite abendfüllende Drama, Lyubov i drugie koshmary (Любовь и другие кошмары, Festival-Titel englisch Lyubov and Other Nightmares, deutsch Ljubow und andere Albträume) von 2001 wurde auf mehreren Festivals aufgeführt, unter anderem beim Sundance Film Festival und der Berlinale.[1]

Als Bühnenautor und Theaterregisseur hat Nekrassow seine Stücke Der Spieler am Euro Theater Central Bonn (Spielzeiten 1999/2000 und 2001/2002) und Königsberg (Uraufführung Dezember 2002) an der Volksbühne Berlin inszeniert.[1][2][3]

Dokumentarfilme ab 2004[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In dem Dokumentarfilm Bunt. Delo Litvinenko (Бунт: Де́ло Литвине́нко; deutsch Rebellion. Die Affäre Litwinenko) von 2007 behandelte die Hintergründe der Ermordung des ehemaligen KGB-Offiziers, Überläufers und Kritikers der russischen Regierung, Alexander Litwinenko. Der Film enthielt Interviews mit Litwinenko sowie anderen Regierungskritikern, darunter der ebenfalls ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja.[1] Nekrassow hatte unter anderem Litwinenko während dessen letzten Lebenstagen in einem Londoner Krankenhaus begleitet.[4] In dem Film belastete er die russische Regierung unter Präsident Wladimir Putin schwer. Rebellion wurde kurzfristig bei den Filmfestspielen in Cannes 2007 für eine Vorführung außer Konkurrenz ins Programm genommen.[5]

Auch Terroranschläge und kriegerische Auseinandersetzungen, in die Russland verwickelt war bzw. gewesen sein soll, behandelte Nekrassow in seinen Dokumentarfilmen, so die Sprengstoffanschläge auf Wohnhäuser in Russland in Disbelief (1999) und den Kaukasuskrieg 2008 in Russian Lessons (2010).[1][6]

Von 2011 bis 2013 lebte Nekrassow als Gastautor des International Cities of Refuge Network (ICORN) im norwegischen Haugesund.[7]

Kontroverse um Magnitski-Dokumentarfilm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu einer internationalen Kontroverse führte 2016 Nekrassows Dokumentarfilm Der Fall Magnitski, in dem der Tod des russischen Wirtschaftsprüfers Sergei Magnitski, der sich auf die Steueroptimierung für ausländische Investoren spezialisierte, in russischer Haft thematisiert wurde. Nekrassow beschuldigt darin u. a. den amerikanischen Hedgefondsmanager Bill Browder, dass dieser die Geschichte um die Verhaftung Magnitzkis, dessen Gefangenschaft und dessen Tod verfälscht in westlichen Medien dargestellte habe[8]. Insbesondere bezeichnete er die Darstellung von Magnitski als Whistleblower, der vom russischen Staat verfolgt und getötet worden sei, als Märchen, das von Browder fabriziert worden sei.[9] Das Buch, das Nekrassow zum Film schrieb, trägt den Claim „Weshalb startete der neue Kalte Krieg mit Russland?“[10]

In seinem Film stellt Nekrassow die These auf, dass Magnitski nicht, wie dies in der unabhängigen Presse rezipiert worden war, im Gefängnis ermordet worden sei, weil er illegalen Geschäften russischer Behörden auf die Spur gekommen sei. Vielmehr sei Magnitski deshalb in Haft geraten, weil er in dubiose Geschäfte seines US-amerikanischen Arbeitgebers Bill Browder verwickelt gewesen sei, und er sei nicht vorsätzlich umgebracht, sondern nur aufgrund der entsetzlichen Haftbedingungen tragisch ums Leben gekommen, da sei Magnizki „kein Einzelfall“. Die Darstellung in Nekrassows Film löste empörte Reaktionen bei Browder und der Familie Magnitskis aus.[11] Die Familie beklagte im Weiteren, dass Nekrassow sein unter tatsachenwidrigen Behauptungen erschlichenes Material entgegen dem Verbot der Familie in den Film eingebracht habe („ihr Verbot der Verwendung dieser Materialien ignoriert“).[12]

Der deutsch-französische Fernsehsender ARTE hatte den fast zweistündigen Dokumentarfilm, an dem das Zweite Deutsche Fernsehen als Koproduzent beteiligt war, für den 3. Mai 2016, den „Tag der Pressefreiheit“, angekündigt – der Film wurde jedoch kurz vorher aus dem Programm genommen.[13] Die geplante Vorführung des Films in den Räumen des Brüsseler EU-Parlaments wurde abgesagt. Auch deutsche Politiker kritisierten Nekrassow; die Grünen-Politikerin Marieluise Beck verwahrte sich gegen Nekrassows Vorgehen bei einem Interview mit ihr, der stellvertretende Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, Bernd Fabritius, wies den Vorwurf Nekrassows zurück, der Europarat habe sich bei seiner Beurteilung der Affäre Magnitski auf die Angaben Browders verlassen und keine eigenen Nachforschungen angestellt.[11][14]

Der Berichterstatter der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, Andreas Gross, empörte sich, dass im „sogenannten“ Dokumentarfilm Unwahrheit verbreitet werde, und bezichtigte Nekrassow der Manipulation. Die ganze These Nekrassows beruhe auf der einzigen nachweislich unwahren Behauptung, Magnitski habe die Polizisten gar nicht beschuldigt“.[15] Dagegen wehrte sich Nekrassow, indem er betonte, dass er sich auf die russischen Originaldokumente zu der polizeilichen Befragung Magnitskis stütze, und nicht auf die von Browder vorgelegten englische Übersetzung.[8]

In einer Publikation der konservativen US-amerikanischen Denkfabrik Hudson Institute von 2016 warf Marius Laurinavicius die Frage auf, ob Nekrassow aufgrund seiner Sowjetnostalgie nicht schon länger ein Verfechter des Putinismus gewesen sei, und machte auf einen wenig beachteten Film mit dem Titel Together Forever aus dem Jahr 2010 aufmerksam, in welchem Nekrassow die Technik der Verdrehung einsetze und Halbwahrheiten portiere.[16]

Eine private[17] Aufführung des Films fand trotz Klageandrohung Browders im für diesen Zweck von der russischen Lobbygruppe um Rinat Akhmetshin[18] angemieteten Washingtoner Journalismus-Museum Newseum statt, organisiert im Bemühen, damit die öffentliche Meinung zu beeinflussen.[19]

Die russische Investigativ-Zeitung Nowaja Gaseta legte anhand öffentlich zugänglicher Dokumente dar, dass es sich bei Nekrassows Version um Falschbehauptungen handle, und fasste zusammen: „In diesem Film gibt es zwei Begräbnisse – das zweite ist die Glaubwürdigkeit Nekrassows.“[12]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1987: A Russia of One’s own (Fernsehfilm)
  • 1990: Pasternak (Fernsehfilm)
  • 1990: The Prodigal Son (TV-Doku-Drama)
  • 1991: Springing Lenin (Kurzfilm)
  • 1997: Silna, kak smert, lyubov (Сильна как смерть любовь, Spielfilm)
  • 2001: Ljubow und andere Albträume (Lyubov i drugie koshmary, Любовь и другие кошмары, Spielfilm)
  • 2004: Nedoverie (Недоверие, Disbelief, Dokumentarfilm)
  • 2007: Rebellion. Der Fall Litvinenko (Bunt. Delo Litvinenko, Бунт: Де́ло Литвине́нко, Dokumentarfilm)
  • 2007: My Friend Sasha: A Very Russian Murder (TV-Dokumentarfilm)
  • 2010: Russian Lessons (Uroki russkogo, Уроки русского, Dokumentarfilm)
  • 2013: Lebt wohl, Genossen (TV-Doku-Serie)
  • 2015: In Search of Putin's Russia (Al Jazeera English, TV-Doku-Serie)
  • 2016: Der Fall Magnizki (The Magnitsky Act. Behind the Scenes, Dokumentarfilm)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Andrei Nekrasov. (Nicht mehr online verfügbar.) In: nfi.no. Norwegisches Filminstitut, archiviert vom Original am 9. Januar 2017; abgerufen am 8. Januar 2017 (englisch).
  2. Der Spieler: Groteske in zwei Akten nach Fjodor Dostojewskij von Andrej Nekrasov. Euro Theater Central Bonn, archiviert vom Original am 11. Januar 2017; abgerufen am 10. Januar 2017.
  3. Spielzeitchronik 2000 bis 2010. (Nicht mehr online verfügbar.) Volksbühne Berlin, archiviert vom Original am 10. Januar 2017; abgerufen am 10. Januar 2017. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.volksbuehne-berlin.de
  4. Erich Follath, Veronika Hackenbroch, Hans Hoyng, Thomas Hüetlin, Uwe Klußmann, Christian Neef, Jan Puhl, Matthias Schepp: Todesurteil aus Moskau. In: Der Spiegel. Ausgabe 49/2006, 4. Dezember 2006 (Online [abgerufen am 1. Juni 2019]).
  5. Dokumentarfilm zu Litwinenko-Mord in Cannes. In: news.ch. 23. Mai 2007, abgerufen am 9. Januar 2017.
  6. Stefanie Bolzen: Dokumentarfilm: Die Suche nach der Wahrheit im Kaukasus-Krieg. In: welt.de. 30. September 2009, abgerufen am 8. Januar 2017.
  7. Andrei Nekrasov. (Nicht mehr online verfügbar.) International Cities of Refuge Network (ICORN), archiviert vom Original am 13. Januar 2017; abgerufen am 11. Januar 2017 (englisch). i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.icorn.org
  8. a b Andrei Nekrasov, Vetta Kirillova: Bill Browder und seine Geschichte vom Tod des angeblichen Whistleblowers Magnitski. In: Telepolis. Heise Verlag, 15. Juli 2018, abgerufen am 13. Januar 2019.
  9. Von journalistischen Coups, unterschiedlichen Blickwinkeln und der Abscheu vor Lügen. In: NachDenkSeiten. Albrecht Müller, 13. Januar 2019, abgerufen am 13. Januar 2019.
  10. Дело Магнитского. Зачем начали новую холодную войну с Россией? In: moscowbooks.ru. Abgerufen am 9. Dezember 2018 (russisch).
  11. a b Niklas Záboji: Ich bin selbst ein Kritiker des Kreml. In: FAZ.net. 14. Mai 2016, abgerufen am 8. Januar 2017.
  12. a b Сапожник и его пироги. In: Nowaja Gaseta. 1. Juli 2016, abgerufen am 9. Dezember 2018 (russisch): „Und noch ein Begräbnis fand statt – der Ruf des Regisseurs Nekrassow.“
  13. Niklas Záboji: Wie starb der Anwalt in Moskau? In: FAZ.net. 29. April 2016, abgerufen am 8. Januar 2017.
  14. Michael Hanfeld: Spuren der Misshandlung. In: FAZ.net. 27. Mai 2016, abgerufen am 8. Januar 2017.
  15. Andreas Gross: Magnitskis Ermordung. Gastbeitrag. In: faz.net. 16. Juni 2018, abgerufen am 9. Dezember 2018: „Wer die uns aus verschiedenen Quellen zugekommenen Dokumente kennt, merkt, dass Nekrassow manipuliert und Sergei Magnitsky ein weiteres Mal Unrecht antut.“
  16. Marius Laurinavicius: The Many Faces of Putinism. Hudson Institute, 14. Juni 2016, abgerufen am 9. Dezember 2018 (englisch).
  17. Henry Johnson: Millionaire Tries to Stop Documentary Claiming to Tell the True Story of Russia’s Missing $230 Million. In: foreignpolicy.com. 10. Juni 2016, abgerufen am 9. Dezember 2018 (englisch).
  18. Maxim Kireev: Der Mann fürs Schmierige. In: mdr.de. 12. Juli 2017, abgerufen am 9. Dezember 2018.
  19. Christopher Wallace, Alex Diaz, Jason Kopp: Shadowy company tied to Russia meeting linked to Trump Jr. troubles. In: foxnews.com. 12. Juli 2017, abgerufen am 9. Dezember 2018 (englisch): „Akhmetshin had led the way in getting a movie that attempted to influence public and official opinion about the Magnitsky Act shown at Washington’s respected Newseum on June 13, 2016.“
  20. 46th Mannheim-Heidelberg International Filmfestival. In: fipresci.org. FIPRESCI, abgerufen am 9. Januar 2017 (englisch).
  21. Lebt wohl, Genossen (ZDF/ARTE/rbb). In: grimme-preis.de. Abgerufen am 9. Januar 2017.