Andrej Holm

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Andrej Holm (2011)

Andrej Holm (* 8. Oktober 1970 in Leipzig) ist ein deutscher Sozialwissenschaftler mit den Themenschwerpunkten Stadterneuerung, Gentrifizierung und Wohnungspolitik. Er war 2016/17 kurzzeitig Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen der rot-rot-grünen Landesregierung (Senat Müller II) von Berlin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Holms Großeltern emigrierten während der Zeit des Nationalsozialismus in die Sowjetunion. Sein Vater Hans Holm wurde in Moskau geboren und war später in der Abteilung XX der Bezirksverwaltung Berlin des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) beschäftigt.[1][2] Holm wuchs in Leipzig und Ost-Berlin auf. Mit vierzehn Jahren wurde er Mitglied eines FDJ-Bewerberkollektivs für militärische Berufe und war von 1985 bis 1989 in seiner Schule Sekretär der Leitung der FDJ-Grundorganisation. Er wurde im Januar 1989 Kandidat der SED.[3] Nach seinem Abitur an der EOS „Paul Oestreich“ in Berlin Weißensee begann er im September 1989 eine Ausbildung als Offiziersschüler bei der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Abteilung XX der Bezirksverwaltung Berlin des MfS. Diese begann mit der obligatorischen sechswöchigen militärischen Grundausbildung.[1][4] Er verpflichtete sich zudem, im Auftrag des MfS Journalismus an der Universität Leipzig zu studieren. Holm wurde Ende September 1989 vereidigt und infolge der Auflösung des MfS Ende Januar 1990 aus seinem Dienst verabschiedet.[1]

Studium und wissenschaftliche Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1990 bis 1997 studierte Holm an der Humboldt-Universität zu Berlin Sozialwissenschaften und wurde 2004 mit einer Arbeit zum Thema „Restrukturierung des Raumes und gesellschaftliche Macht im Sanierungsgebiet“ promoviert. Er war von 1998 bis 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin im Forschungsprojekt „Veränderte Bedingungen der Stadterneuerung – Beispiel Ostberlin“ unter Leitung von Hartmut Häußermann. In den Jahren 2005/2006 wirkte er als Koordinator am Projekt „The European URBAN Experience – the Academic Perspective“ mit.[5] In den Jahren 2008/2009 war er am Institut für Humangeographie der Universität Frankfurt angestellt und koordinierte dort ein Forschungsprojekt zu den „Neuordnungen des Städtischen im neoliberalen Zeitalter“.[6] Von 2009 bis 2011 übernahm er die Vertretung der Lehraufgaben für den Bereich Stadtforschung am Institut für Sozialwissenschaften der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Seit 2011 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin; seine Anstellung dort ist seit 2013 unbefristet.[7][8] Die Präsidentin der Humboldt-Universität, Sabine Kunst, gab am 18. Januar 2017 die ordentliche Kündigung Holms als wissenschaftlicher Mitarbeiter bekannt. Sie begründete dies mit dessen Falschangaben zu seiner Stasitätigkeit in einem Personalfragebogen 2005 und in mehreren Lebensläufen, welche die Hochschule arbeitsrechtlich als arglistige Täuschung wertete; auch sei er nicht bereit, seine Falschangaben einzuräumen und sich von ihnen zu distanzieren.[9][10] Nach der Entlassung Holms besetzten Studenten aus Protest das Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität. Holm gab am 9. Februar 2017 in einer Erklärung „erstmalig gegenüber der Universität zu, Falschangaben gemacht zu haben, und bedauert[e] dies“. Die Universität zog daraufhin Holms Kündigung zurück und sprach ihm stattdessen eine Abmahnung aus. Die Präsidentin Kunst betonte, dass, wenn „Holm seine Biographie bei der Einstellung offen gelegt“ hätte, seine „Einstellung auch nach den aktuell vorliegenden Informationen möglich gewesen“ wäre.[11] Nach seiner noch bis Ende 2018 laufenden Beurlaubung wird Holm an den Arbeitsbereich Stadt- und Regionalsoziologie zurückkehren.[12]

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außerparlamentarische Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Holm engagierte sich nach der Wende in der oppositionellen Marxistischen Jugendvereinigung Junge Linke und dem Oppositionsbündnis Vereinigte Linke. Später war er in der autonomen Hausbesetzerbewegung und in verschiedenen Stadtteil- und Mieterinitiativen aktiv. Er schrieb für die Zeitschriften Telegraph und MieterEcho (Zeitschrift der Berliner MieterGemeinschaft) sowie für die junge Welt, die Blätter für deutsche und internationale Politik, analyse & kritik und andere Publikationen.[13] Er beschäftigte sich außerdem mit der Privatisierung von Wohnungen in Deutschland und anderen europäischen Ländern und war aktiv im „Berliner Bündnis gegen Privatisierung“ und im „Netzwerk Privatisierung/Öffentliche Güter“ der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Im September 2006 leitete die Bundesanwaltschaft gegen Holm ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung (§ 129a StGB) ein, in dessen Folge er am 31. Juli 2007 verhaftet wurde. Wegen mutmaßlicher Mitgliedschaft in der damals von der Bundesanwaltschaft als terroristisch eingestuften militanten gruppe (mg) wurde gegen ihn ein Haftbefehl erlassen.[14] Die Verhaftung stieß auf Kritik, weil sich die Verdachtsmomente weniger auf konkrete Handlungen als mehr auf gentrifizierungskritische Äußerungen in wissenschaftlichen Publikationen Holms stützten.[15] Daher forderten 43 Wissenschaftler aus dem In- und Ausland sowie die Soziologen Richard Sennett und Saskia Sassen in offenen Briefen die Freilassung Holms.[16][17] Am 24. Oktober 2007 hob der Bundesgerichtshof den Haftbefehl endgültig auf, weil die Ermittlungen keine hinreichenden Indizien für einen dringenden Tatverdacht ergeben hätten,[14] zudem handele es sich bei der Gruppe lediglich um eine kriminelle (§ 129 StGB) und nicht um eine terroristische Vereinigung (§ 129a StGB).[18][19] Gegen Holm wurde keine Anklage erhoben, das Verfahren wurde am 5. Juli 2010 mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt.

Staatssekretär[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang Dezember 2016 berief der Senat von Berlin Holm auf Vorschlag der Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen Katrin Lompscher (Die Linke) zum Staatssekretär für Wohnen.[20] Die Ernennung Holms führte auf Grund seiner früheren Tätigkeit als Hauptamtlicher Mitarbeiter beim MfS und seiner falschen Angaben über diese Tätigkeit gegenüber der Humboldt-Universität zu breiter Kritik.[21][8][22] Nachdem Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller am 14. Januar 2017 angekündigt hatte, ohne Absprache mit dem linken Koalitionspartner, Holm wegen der falschen Angaben und seines Umgangs damit zu entlassen,[23][24] erklärte dieser am 16. Januar seinen Rücktritt vom Amt des Staatssekretärs.[25]

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Holm ist mit der Netzaktivistin und Journalistin Anne Roth liiert.[26][27]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher:

  • Mit Hartmut Häußermann, Daniela Zunzer: Stadterneuerung in der Berliner Republik. Modernisierung in Berlin-Prenzlauer Berg. Leske und Budrich, Opladen 2002 (= Stadt, Raum und Gesellschaft; Bd. 16), ISBN 3-8100-3440-1.
  • Die Restrukturierung des Raumes. Stadterneuerung der 90er Jahre in Ostberlin. Interessen und Machtverhältnisse. transcript Verlag, Bielefeld 2006 (= Urban studies), ISBN 3-89942-521-9.
  • Als Hrsg.: Revolution als Prozess. Selbstorganisierung und Partizipation in Venezuela. VSA-Verlag, Hamburg 2007, ISBN 978-3-89965-259-8.
  • Wir bleiben alle! Gentrifizierung – Städtische Konflikte um Aufwertung und Verdrängung. Unrast-Verlag, Münster 2010, ISBN 978-3-89771-106-8. (= unrast transparent. soziale krise, Band 2).
  • Hrsg. mit Matthias Bernt, Britta Grell: The Berlin Reader. A Compendium on Urban Change and Activism. transcript, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-2478-6.
  • Als Hrsg.: Reclaim Berlin. Soziale Kämpfe in der neoliberalen Stadt. Assoziation a, Berlin 2014, ISBN 978-3-935936-94-1.
  • Mietenwahnsinn. Warum Wohnen immer teurer wird und wer davon profitiert. Knaur, München 2014, ISBN 978-3-426-78676-5.

Fachaufsätze:

  • Sozialwissenschaftliche Theorien zu Raum und Fläche. UFZ – Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle, Leipzig u. a. 2004 (= UFZ-Bericht 26, 2004). (Online verfügbar als PDF-Datei, 625 KB)
  • Der Ausstieg des Staates aus der Wohnungspolitik. In: Uwe Altrock u. a.: Planungsrundschau, 2006, S. 103–113.
  • Neuordnungen des Städtischen in kapitalistischen Gesellschaften. In: Marxistische Blätter, Heft 5-08, 46. Jahrgang, S. 13–21.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Andrej Holm – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Ilko-Sascha Kowalczuk: Einmal Stasi – immer Stasi? In: Bundeszentrale für politische Bildung. 10. Januar 2017, abgerufen am 11. Januar 2017.
  2. Lorenz Maroldt und Christoph Twickel: Andrej Holm: „Hätte ich das geahnt, hätte ich mir überlegt, ob ich den Job mache“. In: Die Zeit. 23. Dezember 2016, abgerufen am 16. Januar 2017.
  3. Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen: MfS-Akte über Andrej Holm, auf der Website der Robert-Havemann-Gesellschaft
  4. Interview mit Andrej Holm u. a.: Das sind keine legal erworbenen Informationen., die tageszeitung, 15./16. Dezember 2007.
  5. The European URBAN experience – seen from the academic perspective. In: sowi.hu-berlin.de. Abgerufen am 30. November 2015.
  6. Personen im Forschungsverbund „Neuordnungen des Städtischen im neoliberalen Zeitalter“. In: neuordnungen.info. Abgerufen am 30. November 2015.
  7. Curriculum vitae auf der Website der Humboldt-Universität zu Berlin, abgerufen am 12. Januar 2017.
  8. a b Sabine Beikler: Berliner Staatssekretär mit Stasi-Vergangenheit: Fall Andrej Holm beschäftigt heute das Abgeordnetenhaus. In: tagesspiegel.de. 12. Januar 2017, abgerufen am Januar 2017.
  9. Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst: Erklärung der Präsidentin der HU zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses mit Herrn Dr. Holm — Presseportal. In: www.hu-berlin.de. Humboldt-Universität, 18. Januar 2017, abgerufen am 18. Januar 2017 (deutsch).
  10. Holm verliert auch seinen Posten an der Universität. In: Spiegel Online. 18. Januar 2017, abgerufen am 18. Januar 2017.
  11. Andrej Holm bedauert Falschangaben, Mitteilung der Humboldt-Universität vom 10. Februar 2017.
  12. Erklärung Holms zum Fortbestand des Arbeitsvertrages mit der Humboldt-Universität zu Berlin
  13. Wissenschaft unter Terrorverdacht, wsws.org, 24. August 2007.
  14. a b Haftbefehl gegen Berliner Soziologen aufgehoben, Bundesgerichtshof, Mitteilung der Pressestelle Nr. 154/2007.
  15. Die Gedanken sind Freiwild: Wie man unter Terrorverdacht gerät., sueddeutsche.de, 22. August 2007.
  16. Richard Sennett, Saskia Sassen: Guantánamo in Germany. In: The Guardian, 21. August 2007.
  17. Durch Google-Suche in die Einzelhaft. Heise, 22. August 2007.
  18. BESCHLUSS StB 34/07 vom 18. Oktober 2007 in dem Ermittlungsverfahren wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, juris.bundesgerichtshof.de, abgerufen am 14. Januar 2017.
  19. Haftbefehle gegen mutmaßliche Mitglieder der "militanten gruppe" außer Vollzug gesetzt, Bundesgerichtshof, Mitteilung der Pressestelle Nr. 181/2007.
  20. Auskunft der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, abgerufen am 31. Dezember 2016.
  21. Kevin Hagen: Designierter Berliner Staatssekretär Holm: Der Problempolitiker. In: Spiegel Online. 12. Dezember 2016, abgerufen am 12. Januar 2017.
  22. Andreas Abel: Entscheidung im Januar im Fall Andrej Holm. In: Berliner Morgenpost. 22. Dezember 2016, abgerufen am 12. Januar 2017.
  23. Entlassung: Berliner Staatssekretär Holm muss wegen Stasi-Vergangenheit gehen. In: sueddeutsche.de. 14. Januar 2017, ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 14. Januar 2017]).
  24. Berlins Staatssekretär Holm wird wegen Stasi-Vergangenheit entlassen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Januar 2017.
  25. Erklärung zum Rücktritt auf andrejholm.de, abgerufen am 16. Januar 2017.
  26. Ein Leben unter staatlicher Beobachtung., badische-zeitung.de, 21. Oktober 2008.
  27. Überwachung total, campus.nzz.ch, 28. Juni 2013.