Angermuseum

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Das Angermuseum (im März 2007, nach Beginn der Bauarbeiten)

Am 27. Juni 1886 wurde das Angermuseum als erstes städtisches Museum Erfurts feierlich eröffnet.[1] Es ist in dem Gebäude untergebracht, das früher die öffentliche Waage Erfurts am Anger beherbergte. Die Waage war damals notwendig gewesen, damit eingehende Handelswaren entsprechend verzollt werden konnten. Ursprünglich wurde nur die Galerie in der ersten Etage für das Museum genutzt. Das Gebäude entstand 1706–1711 nach Plänen des Architekten Johann Maximilian von Welsch. Es ist ein fränkisch beeinflusster Barockbau, in dessen Giebeldreieck sich St. Martin, der Schutzpatron der Stadt, befindet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die umfangreiche Sammlung von Werken des Malers Friedrich Nerly des Älteren wurde 1883 durch seinen Sohn, Friedrich Paul Nerly, der Stadt Erfurt mit der Auflage geschenkt, ein Museum für die Präsentation der Sammlung zu gründen. Friedrich Nerly der Ältere war 1835 nach Venedig emigriert und hatte danach ausschließlich noch Aquarelle und Zeichnungen der Stadt gemalt.[2]Über 700 der in Italien entstandenen Werke sind Bestandteil der Sammlung des Angermuseums.[3] Schwerpunkte der weiteren Sammlung bildeten zunächst – angeregt durch die Werke Friedrich Nerlys – Landschaftsmalerei, Porträt und Stilleben des 18. bis 20. Jahrhunderts.[4]

Es ist eine Besonderheit des Angermuseums, dass sich hier die Bürger für den Ausbau des Museums engagierten und nicht die Fürsten wie in Weimar und Gotha. Hier sind vor allem Familien wie die Familie Lucius sowie die Familie Stürcke zu nennen. Die „Honorationrenschicht aus Besitz– und Bildungsbürgern“ bestimmte für lange Zeit auch das Gepräge und die Ausrichtung des Museums.[4]

1912 übernahm der spätere Reichskunstwart Edwin Redslob die Museumsleitung, danach Walter Kaesbach. Kaesbach wurde beim Erwerb neuer künstlerischer Werke von dem jüdischen Schuhfabrikanten Alfred Hess unterstützt, der den Ankauf zahlreicher damals aktueller Werke von Malern wie Lyonel Feininger, Emil Nolde, Ernst Barlach, Gerhard Marcks, Max Pechstein u. a ermöglichte und bewirkte, dass die Sammlung des Angermuseum als eine der größten des deutschen Expressionismus bekannt wurde.[4]Seine Blütezeit erlebte das Museum in den zwanziger Jahren unter dem langjährigen Direktor Herbert Kunze.

Ein berühmtes Beispiel der damaligen Sammlung zum Expressionismus bildet der so genannte „Heckelraum“, den der Künstler Erich Heckel unter dem Motto „Lebensstufen“ in den Jahren 1922/24 mit expressionistischen Wandmalereien gestaltete. Sie sind als „einzige erhaltene monumentale Wandmalereien des deutschen Expressionismus“[5] auch heute noch im Erdgeschoss des Museums zu besichtigen.

Durch die Nationalsozialisten und ihre Definition von Entarteter Kunst wurden viele Werke der damaligen Sammlung moderner Kunst des Museums vernichtet bzw. beiseite geschafft. Auch kamen einige Werke während der Flucht der Familie Hess aus Deutschland abhanden. Es ist das Bestreben des Museums, diese Sammlung wieder herzustellen. So gelang es im Herbst 2017, Christian Rohlfs 1904 gemaltes Ölgemälde „Weiden II“, das sich ursprünglich seit 1918 im Museum befand, für 68 500 Euro zu erwerben.[6]

1935 zog die Bibliothek aus dem Angermuseum aus, wodurch dieses nun über das gesamte Gebäude verfügen konnte. Ab 1944 ruhte der Museumsbetrieb, die Kunstwerke wurden wegen des Luftkriegs ausgelagert und dadurch vor den Bomben und Artilleriebeschuss gerettet.

1976/77 erfolgte eine umfangreiche Rekonstruktion des Gebäudes.

Am 1. Juni 2010 wurde das Museum nach fünfjährigen Renovierungsarbeiten als Kunstmuseum der Landeshauptstadt mit der Sonderausstellung Natalja Gontscharowa. Zwischen russischer Tradition und europäischer Moderne in Zusammenarbeit mit der Tretjakow-Galerie Moskau wiedereröffnet.[7]

Heute wird das Museum von der „Vereinigung der Erfurter Museumsfreunde e. V.“ und dem Verein für Kunst und Kunstgewerbe mitgetragen und besitzt neben der Gemäldegalerie ausgedehntes graphisches und kunsthandwerkliches Material.

Sammlungsschwerpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

lBildnis des Kaufmanns Christian Nonne;
Tuschzeichnung von Franz Kotta, 1785, im Besitz des Angermuseums
  • Mittelaltersammlung: Erfurter und Thüringer Kunst des Mittelalters, Skulptur, Malerei, Kunsthandwerk
Zu der Sammlung mittelalterlicher Kunst gehören u. a Werke aus der Blütezeit der Erfurter Kunst in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, darunter vier Altartafeln der Augustinerkirche und Sandsteinskulpturen aus der Werkstatt des Meisters des Severisarkophags. Acht Tafelgemälde, darunter die kleine Tafel „Christus als guter Hirte“ (um 1540/1550) sowie die Gemälde „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ (um 1535) und „Heilige Nacht“ (um 1540), und ein Flügelaltar werden Cranach und der Cranach-Werkstatt zugeschrieben.
  • Gemäldesammlung: Deutsche Malerei vom 18. Jahrhundert bis heute
  • Grafische Sammlung: Grafik und Zeichnungen aus fünf Jahrhunderten
Die Sammlung besteht aus mehr als 30.000 Werken. Sie umfasst vor allem Zeichnungen und Druckgrafiken der DDR. 2004 schenkte der Erfurter Grafiker Rudolf Franke, Mitbegründer der Erfurter Ateliergemeinschaft[8] dem Museum 14.000 druckgrafische Arbeiten. Es sind nicht nur Werke deutscher Künstler, sondern auch Arbeiten tschechischer und slowakischer Künstler zu sehen. Daneben sind vor allem Werke „unangepasster“ Künstler aus der DDR wie Gerhard Altenbourg, Hermann Glöckner und Roger Loewig Teile der Sammlung.[9]
  • Kunsthandwerkliche Sammlung: Fayencen, Glas, Porzellan, Möbel, zeitgenössischer Schmuck
Die Glassammlung des Museums umfasst über 800 Objekte aus mehr als 8 Jahrhunderten. Es sind allerdings derzeit nur 122 Objekte in den Dauerausstellungen zu sehen: „Zu den bedeutendsten Werken zählen die aus der Barfüßerkirche stammenden Fragmente aus dem Tod des Franziskus (um 1250) sowie eine Scheibe mit dem Ritt der Heiligen Drei Könige (nach 1350) aus der Marienkirche in Salzwedel.“[10] Die kunsthandwerkliche Sammlung zeigt eine Vielzahl historischer Thüringer Fayencen. Auch Möbel und Musikinstrumente werden ausgestellt.[11]

Direktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marita Steffens: Bemaltes Glas aus der Sammlung der Museen der Stadt Erfurt. Museen der Stadt Erfurt, Erfurt.
  • Albin Schaedel: Glas vor der Lampe geblasen. Aus der Sammlung des Angermuseums. Angermuseum, Erfurt 1979.
  • Cornelia Nowak: Der Erfurter Kunstverein: zwischen Avantgarde und Anpassung; eine Dokumentation von 1886 bis 1945. Hrsg.: Ernst Herrbach. Angermuseum, Erfurt 2009, ISBN 978-3-930013-14-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Angermuseum Erfurt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Steffen Raßloff: Denkmale in Erfurt: Im Angermuseum begann 1886 die kommunale Erfurter Museumsgeschichte. In: www.erfurt-web.de. 10. November 2016, abgerufen am 21. April 2018 (Im Original Bericht in der Thüringer Allgemeinen Zeitung vom 26.07.2014).
  2. Sven Behrisch: Ein Haus voller Sehnsucht. Der ZEIT-Museumsführer: Das Angermuseum in Erfurt. In: www.zeit.de. 8. Juli 2010, abgerufen am 21. April 2018.
  3. Angermuseum Erfurt – Grafische Sammlung. In: www.netzwerk-graphische-sammlungen.com. Abgerufen am 21. April 2018.
  4. a b c Steffen Raßloff: Geschichte der Erfurter Museen. Erfurt kann auf eine traditionsreiche Museumsgeschichte bis ins 19. Jh. zurück blicken, die in eine facettenreiche Museumslandschaft mündete. In: http://www.erfurt-web.de. 21. März 2016, abgerufen am 21. April 2018.
  5. Angermuseum Erfurt. In: www.museumsverband-thueringen.de. Abgerufen am 6. Mai 2018.
  6. Rohlfs "Weiden II" nach 80 Jahren zurück im Angermuseum. Dpa-Meldung. In: www.sueddeutsche.de. 7. Februar 2018, abgerufen am 5. Juni 2018.
  7. Natalja Gontscharowa, Zwischen russischer Tradition und europäischer Moderne (13. Juni bis 3. Oktober 2010). In: www.erfurt.de. Abgerufen am 6. Mai 2018.
  8. Klaus Michael: Die Erfurter Ateliergemeinschaft. In: www.bpb.de. 6. September 2012, abgerufen am 6. Mai 2018.
  9. Angermuseum Erfurt – Grafische Sammlung. In: www.netzwerk-graphische-sammlungen.com. Abgerufen am 6. Mai 2018.
  10. Angermuseum Erfurt Kunstmuseum der Landeshauptstadt Thüringens. In: www.hvg-dgg.de. Abgerufen am 10. Mai 2018.
  11. Sammlungen im Angermuseum. Ausgewählte Objekte aus den Sammlungen. In: kunstmuseen.erfurt.de. Abgerufen am 10. Mai 2018.
  12. Widerschein: Die Farbfeldmalerin Christiane Conrad begegnet der Landschaftskunst des Angermuseums. In: www.erfurt.de. 19. Februar 2015, abgerufen am 18. Januar 2018.
  13. Birgit Kummer: Angermuseum in Erfurt stellt seine Gemäldegalerie um. Petersburger Hängung mit mehreren Bild-Reihen wird aufgelöst. Aktuelle Ausstellung zeigt Bilder von Christiane Conrad. In: Thüringer Allgemeine. 20. Februar 2015, abgerufen am 18. Januar 2018.
  14. Helmuth Macke. Im Dialog mit seinen expressionistischen Künstlerfreunden. In: kunstmuseen.erfurt.de. Abgerufen am 10. Mai 2018.
  15. Michael Helbing: Durch Farben zum Licht: Retrospektive im Angermuseum Erfurt. In: thueringer-allgemeine.de. 27. Januar 2018, abgerufen am 10. Mai 2018.

Koordinaten: 50° 58′ 32″ N, 11° 2′ 3″ O