Anja Niedringhaus

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Anja Niedringhaus (* 12. Oktober 1965 in Höxter; † 4. April 2014 in Banda Khel) war eine deutsche Fotojournalistin, die aus Kriegsgebieten in Jugoslawien, Palästina, Afghanistan, Kuwait, Libyen und Irak in einzelnen Fotos komplexe Geschichten erzählte. Sie wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 2014 wurde sie einen Tag vor der Präsidentschaftswahl in Afghanistan erschossen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anja Niedringhaus wuchs mit zwei Geschwistern auf. Mit 17 Jahren begann sie, für die Lokalredaktion der Neuen Westfälischen Zeitung in ihrer Heimatstadt Höxter zu arbeiten.[1] Nach dem Abitur 1986 am König-Wilhelm-Gymnasium Höxter ging sie für die Kindernothilfe nach Indien. Sie studierte ab 1986 an der Universität Göttingen Germanistik, Philosophie und Journalismus und schrieb und fotografierte für das Göttinger Tageblatt. Sie wohnte zuletzt mit der Familie ihrer Schwester auf einem Hof in Kaufungen und hatte eine weitere Wohnung in Genf.[2]

Ihre Fotos vom Fall der Mauer in Berlin verschafften ihr 1990 eine Anstellung bei der European Pressphoto Agency (EPA), die sie als erste Fotografin fest anstellte.[3] Nach zwei Jahren Sport- und Gesellschaftsfotografie wurde sie 1992 in den gerade begonnenen Krieg in Jugoslawien geschickt. Bei ihrem ersten Einsatz in Sarajewo wurde sie von Heckenschützen unter Feuer genommen und getroffen; sie überlebte dank einer kugelsicheren Weste.[4] 1997 erlitt sie bei einem Unfall mit einem Polizeifahrzeug in Belgrad mehrere Fußfrakturen.[4] Im Kosovo 1998 wurde ihr Wagen von einer Granate getroffen und sie von Granatsplittern verletzt. 1999 wurde sie mit einer Gruppe von Journalisten bei einem Grenzübergang zwischen Albanien und dem Kosovo irrtümlich von NATO-Flugzeugen bombardiert.

Im Jahr 2001 fotografierte Niedringhaus die Folgen der Terroranschläge am 11. September in New York. Kurz darauf arbeitete sie erstmals in Afghanistan, wo sie in Mazar-e-Sharif und Kabul drei Monate lang über den Sturz der radikalislamischen Taliban berichtete. Ab 2002 arbeitete sie für die US-amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (AP), auch als Reporterin und Kriegsberichterstatterin.

2003/2004 gehörte sie zu den wenigen Kriegsreportern, die „embedded“ (innerhalb der US-Armee) bei der Schlacht um Falludscha im Irak anwesend sein durften. Sie war bei der ersten Angriffswelle dabei; 60 Prozent der Soldaten der Einheit, die sie begleitete, starben. Ihr bekanntestes Foto dieser Serie zeigt den damaligen US-Präsident George W. Bush, der streng geheim unter großen Sicherheitsvorkehrungen eingeflogen worden war, um im schwer gesicherten Flughafen Bagdad den Soldaten überraschend zum Thanksgiving-Fest einen Truthahn zu servieren, (später stellte sich heraus, dass der Truthahn nur Dekoration war).[5] Außer ihr hatte die Szene kein Fotograf abgelichtet.

Sie fotografierte die Bombenanschläge auf die Zentrale des Internationalen Roten Kreuzes in Bagdad, auf das Hauptquartier der italienischen Sicherheitskräfte in Nasiriya und im irakischen Abu-Ghuraib-Gefängnis sowie die irakischen Wahlen im Jahr 2005. Niedringhaus erhielt für Fotoberichterstattung aus dem Irak – als erste deutsche Frau – zusammen mit neun AP-Kollegen den „Pulitzerpreis“ 2005. Im selben Jahr wurde ihr auch ein Preis für Mut, den „Courage in Journalism Award“ der International Women’s Media Foundation (IWMF), verliehen. 2008 bekam sie die „Goldene Feder“ für herausragende Reportagen als Frau in Krisengebieten.

2007 verbrachte sie ein akademisches Jahr mit einem Nieman-Fellowship-Stipendium an der Harvard University,[6] die auch für Stipendiaten fällige Studiengebühr übernahm Warren Buffett.[7]

Als Ausgleich zu ihrer hauptsächlichen beruflichen Tätigkeit fotografierte Niedringhaus wichtige Sportereignisse, zum Beispiel war sie jedes Jahr bei den Wimbledon Championships.

Niedringhaus war im September 2009 die Erste, die nach dem ISAF-Raketenangriff Fotos der beim Luftangriff bei Kundus zerstörten Tanklastwagen machte. Die zwei von den Taliban entführten Tanklastwagen waren auf Befehl des deutschen Oberst Georg Klein bombardiert worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Bundeswehr noch bestritten, dass bei dem Luftangriff auch 91 Dorfbewohner getötet worden waren.[8]

Ihr Foto zweier umarmender deutscher Soldaten nach einer Operation in der nordafghanischen Kunduz-Provinz wurde vielfach durch den Bund Deutscher Veteranen genutzt ist auf dem Titel des im März 2016 erschienenen Buches "Die unsichtbaren Veteranen" abgebildet.[9] Im Illustratorenverzeichnis des Buches beschreiben die Herausgeber Marcel Bohnert und Björn Schreiber Anja Niedringhaus als Fotojournalistin, der es gelang, "enge, persönliche und freundschaftliche Beziehungen zu Soldaten aufzubauen".[10]

Anja Niedringhaus’ Arbeiten wurden vielfach ausgestellt, so im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, im Kasseler Kunstverein, im Internationalen Forum für Visuelle Dialoge C/O Berlin, im Museum of Fine Arts in Houston, im Coalmine Forum für Dokumentarfotografie in Winterthur und in Situation Kunst (für Max Imdahl) - Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum.[11][12] Ihr Motto als Kriegsberichterstatterin war: „Wenn ich es nicht fotografiere, wird es nicht bekannt.“[13]

Attentat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Niedringhaus und ihre Associated-Press-Kollegin, die kanadische Journalistin Kathy Gannon, waren in einem Wahlkonvoi aus afghanischen Sicherheitskräften und Wahlhelfern, die Stimmzettel auslieferten, in der Provinz Chost unterwegs, um über die Präsidentschaftswahl in Afghanistan 2014 zu berichten. An einem Stützpunkt der Sicherheitskräfte warteten sie am 4. April auf der Rückbank ihres Fahrzeugs auf die Weiterfahrt, als ein Polizist mit den Worten „Allahu Akbar“ eine Feuersalve aus einem AK-47 auf sie abgab.[14][15] Niedringhaus war sofort tot, Gannon wurde durch drei Kugeln verwundet.

Der 25-jährige Schütze ließ sich widerstandslos festnehmen. Er hatte seit 2012 bei der Afghan National Police gearbeitet und war von US-Ausbildern in Masar-e Scharif ausgebildet worden. Er hat angegeben, aus Rache für den Tod von Familienangehörigen bei einem NATO-Bombardement in der Provinz Parwan gehandelt zu haben.[16]

Am 22. Juli 2014 wurde er von einem Gericht in Kabul nach einer zweistündigen nichtöffentlichen Verhandlung zum Tode verurteilt.[17][18] Das Urteil war bis zur Bestätigung durch ein übergeordnetes Gericht nicht rechtskräftig und musste zudem vom afghanischen Präsidenten genehmigt werden. Bis zur Rechtskraft des Urteils führte auch die Generalbundesanwaltschaft ein Verfahren gegen den Polizisten. Die deutsche Regierung sprach sich ausdrücklich gegen ein Todesurteil aus. Beim Prozess in Kabul drängte ein Diplomat auf die Verhängung einer Freiheitsstrafe statt der Todesstrafe.[19] Der Oberste Gerichtshof reduzierte die Strafe schließlich zu einer 20-jährigen Haftstrafe.[20]

Niedringhaus wurde am 12. April 2014 in ihrer Geburtsstadt Höxter auf dem Friedhof am Wall beigesetzt.[21]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen dem offiziellen Beginn des Präsidentschaftswahlkampfs am 15. Februar und der Wahl am 5. April 2014 wurden in mindestens 20 Fällen Journalisten bedroht oder angegriffen. Zwei von ihnen starben im März, darunter Nils Horner.[22]

Das Attentat wurde von einem Innentäter verübt. Neben dem Fall von Anja Niedringhaus gab es bis Anfang August 2014 drei solche Attentate in Afghanistan, bei denen auch Deutsche zu Schaden kamen. Entgegen der verbreiteten Auffassung, dass es sich bei den Tätern regelmäßig um eingeschleuste Terroristen handelt, spielen bei den Taten oft interkulturelle Missverständnisse, soziale Beleidigungen und persönliche Rache eine Rolle.[23]

Anja-Niedringhaus-Preis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Andenken und Ehrung lobte die Internationale Stiftung für Frauen in den Medien Mitte April 2014 einen Anja-Niedringhaus-Preis aus. Jährlich vergeben wird der Preis als Auszeichnung für Fotojournalistinnen, die sich durch außergewöhnliche Tapferkeit bei der Berichterstattung engagieren.[24] Durch eine Zuwendung in Höhe von einer Million US-Dollar der Stiftung von Howard Graham Buffett, dem Sohn von Warren Buffett, wurde der Preis ins Leben gerufen.[25]

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2015/2016, 25. November 2015 – 24. Januar 2016: Geliebtes Afghanistan, Willy-Brandt-Haus, Berlin[26]
  • 2015, 12. April - 25. Mai: At World, Korbmacher-Museum Dahlhausen[27]
  • 2015, 11. Februar – 12. April: Bilder vom Krieg. GaF – Galerie für Fotokunst in der ehemaligen Eisfabrik (Hannover)[28]
  • 2014, 28. Juni – 7. September: Gesichter des Krieges. Stadthaus Ulm[29]
  • 2014, 10. April – 11. Juli: AT WAR. Kriegsfotografien der Pulitzer-Preisträgerin von 2005 Anja Niedringhaus. Coalmine Forum für Dokumentarfotografie, Winterthur[30][31]
  • 2013, 16. Juni – 25. August: Anja Niedringhaus at sports. Kulturverein ART Driburg, Museum Burg Dringenberg
  • 2013, 15. Juni – 28. Juli: Anja Niedringhaus at war. Jacob Pins Gesellschaft – Kunstverein Höxter[32]
  • 2012, 22. August – 3. September: Fotografie aus Kriegsgebieten. Kasseler Kunstverein[33]
  • 2012/2013, 3. Juni – 13. Januar: Fotografie Total. Werke aus der Sammlung MMK Frankfurt
  • 2012, 21. Januar – 15. April: Anja Niedringhaus – 20 Jahre Fotografie aus Kriegsgebieten. Situation Kunst (für Max Imdahl), Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum
  • 2012, 12. Januar - 18. März: Anja Niedringhaus. at war, Art Collection Deutsche Börse, Eschborn
  • 2011, 10. September – 4. Dezember: At War. Einzelausstellung, 40 Großabzüge von Schwarz-Weiß-Fotografien aus den vergangenen zehn Jahren. C/O Berlin[34][35]
  • 2010/2011, 25. September – 25. April: The Luzid Evidence. Fotografie aus der Sammlung des MMK Frankfurt.
  • 2003, 11. Januar – 26. März: M_ARS – Kunst und Krieg. Neue Galerie Graz
  • 2001/2002, 28. September – 3. März: Szenenwechsel XX. Museum für Moderne Kunst, Frankfurt

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Kamber: Bilderkrieger. Von jenen, die ausziehen, uns die Augen zu öffnen. Kriegsfotografen erzählen. Übersetzung und Bearbeitung: Fred Grimm; mit einem Vorwort von Takis Würger. Ankerherz Verlag, Hollenstedt 2013, ISBN 978-3-940138-44-6.
  • Marcel Bohnert: Feinde in den eigenen Reihen. Zur Problematik von Innentätern in Afghanistan. In: if. Zeitschrift für Innere Führung, 2, 2014, ISSN 1864-5321. S. 5–12.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andreas Fasel: Sie wollte mal sehen, wie groß die Welt ist., Die Welt vom 22. Mai 2005, abgerufen am 12. September 2011.
  2. Lebenswege: Anja Niedringhaus, Abitur 1986 (Juli 2013). Homepage des König-Wilhelm-Gymnasiums Höxter
  3. Marco Böhme: Die Direkte. faktor online vom 8. Dezember 2007.
  4. a b Anja Niedringhaus – 2005 Courage in Journalism Award. International Women's Media Foundation, 23. Oktober 2005.
  5. Zum Tod von Anja Niedringhaus (Memento vom 8. Juni 2014 im Internet Archive), Stern.de, 4. April 2014
  6. Alumni Fellows. Nieman Foundation, Nieman Fellowships. Abgerufen am 4. April 2014.
  7. Christoph Reuter: Unerschütterlich und heiter. In: Der Spiegel, Ausgabe 15/2014 vom 7. April 2014, S. 88–90.
  8. Zum Tod von Anja Niedringhaus: So nah wie möglich. FAZ, 4. April 2014
  9. Homepage des Buches Die unsichtbaren Veteranen
  10. M. Bohnert & B. Schreiber (Hrsg.)(2016): Die unsichtbaren Veteranen. Kriegsheimkehrer in der deutschen Gesellschaft. Carola Hartmann Miles-Verlag: Berlin, S. 220
  11. The Lucid Evidence (Memento vom 2. November 2013 im Internet Archive) 2010–2011.
  12. M_ARS – Kunst und Krieg. 2003.
  13. Angaben zur Ausstellung 2011 auf der Seite von c/o Berlin, abgerufen am 9. August 2014.
  14. Deutsche Kriegsfotografin in Afghanistan erschossen. Spiegel Online, 4. April 2014.
  15. Deutsche Fotografin in Afghanistan erschossen. Zeit Online, 4. April 2014.
  16. AP photographer killed, reporter wounded. (engl.) AP, 4. April 2014.
  17. Todesstrafe für Mörder der Fotografin in Afghanistan. Spiegel.de, abgerufen am 24. Juli 2014.
  18. Bundesregierung gegen Todesurteil. In: Der Spiegel, 31/2014 vom 28. Juli 2014, S. 13.
  19. Der Spiegel, 31/2014.
  20. Anja Niedringhaus: Mörder von deutscher Fotografin entgeht Todesstrafe. Zeit Online vom 28. März 2015.
  21. Trauerfeier in Höxter: Hunderte nehmen Abschied von Anja Niedringhaus. Focus Online vom 12. April 2014.
  22. Deutsche Fotografin in Afghanistan getötet. (Memento vom 3. Dezember 2014 im Internet Archive) br.de, 4. April 2014.
  23. Marcel Bohnert: Feinde in den eigenen Reihen. Zur Problematik von Innentätern in Afghanistan, if. Zeitschrift für Innere Führung, 2, 2014, S. 5ff.
  24. Organisation stiftet Anja-Niedringhaus-Preis. Aus HNA.de vom 16. April 2014.
  25. Preis nach Fotografin Anja Niedringhaus benannt. Aus die-glocke.de vom 16. April 2014.
  26. Mitteilung zur Ausstellung, www.willy-brandt-haus.de, abgerufen am 1. Januar 2016.
  27. [1]
  28. Der „besondere Blick“ der Anja Niedringhaus. ndr.de, 12. Februar 2015. Abgerufen am 15. März 2015.
  29. Der Schrecken, der bleibt: Ausstellung „Gesichter des Krieges“ in Ulm. In: Südwest Presse, 27. Juni 2014. Abgerufen am 9. Juli 2014.
  30. Veranstalterinfo, abgerufen am 20. April 2014.
  31. Dieter Langhart: Botschafterin der Menschlichkeit. In: Thurgauer Zeitung vom 16. April 2014.
  32. Ausstellung: „At War – Im Krieg“ - Fotografien von Anja Niedringhaus. Seite der Höxter VHS Marienmünster
  33. Kasseler Kunstverein im documenta-Jahr 2012. Seite des Kasseler Kunstvereins
  34. Anja Niedringhaus. At War. Fotografien. herrenzimmer.de
  35. Seite zur Ausstellung im C/O Berlin, abgerufen am 12. September 2011.
  36. Meldung mit Gruppenbild der AP-Fotografen mit Niedringhaus auf der Seite des Preises, abgerufen am 12. September 2011.
  37. Spiegel-Interview, abgerufen am 27. Juli 2009.
  38. Angaben auf der Seite des Bauer-Verlages, abgerufen am 1. September 2011
  39. Die Preisträger 2011, Abisag-Tüllmann-Stiftung