Anmerkungen zu Hitler

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Anmerkungen zu Hitler ist der Titel eines 1978 erschienenen Buches von Sebastian Haffner (1907–1999).

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Buch hat das Leben und Wirken Adolf Hitlers (1889–1945) zum Inhalt. Es ist in sieben Abschnitte unterteilt:

  • Leben enthält einen kurzen biografischen Abriss und stellt der ereignisreichen politischen Karriere das ärmliche Privatleben Hitlers gegenüber – ohne Bildung, Beruf, Liebe und Freundschaft, Ehe, Vaterschaft.
  • Leistungen macht anhand politischer und militärischer Leistungen, die aber durchweg nicht auf Bestand gerichtet waren, deutlich, warum viele Hitler bis in den Untergang folgten.
  • Erfolge beleuchtet Hitlers innen- und außenpolitische Erfolgsperiode zwischen 1930 und 1941, wobei deutlich herausgearbeitet wird, dass Erfolge fast immer nur dort eintraten, wo der Widerstand gering war: „Immer stürzte er nur das Fallende, tötete er nur das schon Sterbende“ – mit „der Witterung des Geiers“.
  • Irrtümer behandelt das „krude, realitätsfremde und in sich widersprüchliche Programm“ des Nationalsozialismus mit seinen völkischen und antisemitischen Elementen.
  • Fehler geht auf die sich aus den starren Ansichten ergebenden Fehleinschätzungen Hitlers politischer, militärischer und geostrategischer Art ein, die seine widersprüchlichen Ziele – „die Herrschaft Deutschlands über Europa und die Ausrottung der Juden“ – untermauern.
  • Verbrechen beschäftigt sich mit den von Hitler besonders ab 1941 veranlassten Massenmorden an Kranken, Zigeunern, Polen, Russen und Juden und dem Unterschied zu klassischen Kriegsverbrechen.
  • Verrat verdeutlicht, dass das deutsche Volk nur Machtmittel zum Vernichtungszweck Hitlers war und von ihm ab der 2. Jahreshälfte 1944 mit Hilfe verschiedener Maßnahmen (Endkampf statt Abbruch des Krieges, Ardennenoffensive und Anordnung zur totalen Zerstörung der Lebensgrundlagen) in den Untergang getrieben werden sollte.

Hitlers Programmatik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hitler verfolgte zwei verschiedene Ziele, die er sich beide in den 1920er Jahren zurechtlegte. a) Den Antisemitismus, womit er die physische Vernichtung der Juden in seinem Machtbereich meinte und b) die Schaffung eines Großdeutschlands (Vereinigung von Deutschland und Österreich), das dann Frankreich und Russland niederwirft.

Antisemitismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hitler verstand Antisemitismus immer als die physische Vernichtung der Juden, niemals nur als Vertreibung. Mit dieser Art Antisemitismus („eliminatorischer Antisemitismus“) stand er ziemlich allein auf weiter Flur. Es hatte zu allen Zeiten Ressentiments gegen Juden in vielen Ländern gegeben: Pogrome in Osteuropa (z. B. im zaristischen Russland), religiösen Antisemitismus („die Juden haben Jesus umgebracht“) und sozialen Antisemitismus (Juden als Geldwechsler oder begabte Ärzte und Wissenschaftler (Albert Einstein) rufen Neid und Habgier hervor). Haffner schreibt: „Was Hitler sogar bei den Antisemiten aller Länder mit seiner spezifischen Art von mörderischem Judenwahn und Judenhaß hervorrief, war zunächst, solange er [Hitler] ihn nur verbal austobte, Kopfschütteln; und später, als er [Hitler] zur Tat schritt, vielfach Entsetzen.“ (S. 108) Entsetzen vor dem, was Hitler von 1942 bis 1944 dann tatsächlich durchführte: Die physische Vernichtung des jüdischen Volkes in Mittel- und Osteuropa in Vernichtungslagern (Auschwitz, Treblinka, Maidanek (Lublin), Chelmno (Kulmhof), Sobibor, Belzec). Hitlers Verständnis von Antisemitismus verortet Haffner denn auch eher in die Kategorie eines Massenmörders (S. 142) und Geisteskranken („paranoider Irrsinn“, S 111).[1][2] Haffner sieht Hitler auf einer Stufe mit dem Mörder Fritz Haarmann (1879–1925), nur dass Hitler fabrikmäßig mordete und nicht „per Hand“ (Haarmann tötete 20 Menschen, Hitler Millionen).

Weltreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Haffner stellt fest, dass Hitler durchaus ein rational denkender Mensch war (er war vielleicht ein Neurotiker, aber bestimmt kein Psychotiker, der nur Wortsalat redete). Man dürfe nicht den Fehler begehen, alles, was Hitler sagte und dachte, in Bausch und Bogen abzulehnen, nur deshalb, weil Hitler es sagte und dachte. (S. 91) Das gelte für Hitlers Bestreben, ein (deutsch dominiertes) Weltreich zu erschaffen, das dann später einmal mit guten Erfolgsaussichten um die Weltherrschaft mit den USA und (damals) Japan ringen konnte.[3]

Nun spreche es für die Leistungsfähigkeit Hitlers,[4] wenn er dem selbstgesteckten Ziel einer deutschen Weltherrschaft im Herbst 1938 und Sommer 1940 sehr nahe kam. Im Herbst 1938 hatte es Hitler geschafft, sich im Münchener Abkommen das Einverständnis von England und Frankreich zu holen, Osteuropa, d. h. im Wesentlichen die seit dem Ende des Ersten Weltkrieges unabhängig von Österreich gewordenen Staaten zu beherrschen (Tschechoslowakei, Jugoslawien, Polen, Ungarn, Rumänien). Aber Hitler hat das Münchener Abkommen nicht als den Erfolg begrüßt, der er unter normalen Umständen gewesen wäre („normal“ in dem Sinn, wenn der Reichskanzler nicht Hitler geheißen hätte, sondern Bismarck). Hitler hat das Münchener Abkommen als Niederlage betrachtet, da er schon 1938 Krieg wollte – aber nicht bekam –, von Hitler in den Bormann-Diktaten vom Februar 1945 freimütig bekannt. Und auch im Sommer 1940, nach dem Sieg über Frankreich, als Hitler dann ganz Kontinentaleuropa beherrschte, war aus seiner Sicht noch immer nicht alles für ihn Erreichbare erreicht. Hitler sah den Sieg über Frankreich nur als Vorbereitung für den eigentlichen, von ihm schon immer geplanten und gewünschten Krieg gegen Russland, den er dann auch am 22. Juni 1941 begann. Dass Hitler mit dem Angriff auf Russland den Zenit seiner Erfolgskurve überschritten hatte, wurde ihm bewusst, als Russland Anfang Dezember 1941 die deutsche Offensive vor Moskau stoppte und zur Gegenoffensive überging. Das Kriegstagebuch des Wehrmachtführungsstabes vermerkt am 6. Dezember 1941: „Als die Katastrophe des Winters 1941/42 hereinbrach, wurde dem Führer ... klar, daß von diesem Kulminationspunkt ... an kein Sieg mehr errungen werden konnte.“

Verschiedenes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das nur rund 200 Seiten umfassende Buch versteht sich als ein allgemein-verständlicher Essay über Hitler, nicht als Hitler-Biografie. Das Werk vereinfacht trotz seiner Allgemeinverständlichkeit aber nicht und lässt auch keine bedeutenden Aspekte aus Hitlers Leben und Wirken unberücksichtigt.

Das Buch wurde auf Englisch herausgegeben unter dem Titel The Meaning of Hitler, übersetzt von Ewald Oser und auf Niederländisch unter dem Titel Kanttekeningen bij Hitler, übersetzt von Max de Metz (1978) und Ruud van der Helm (2002), mit einem Nachwort von Frits Boterman. Die französische Ausgabe, Un certain Adolf Hitler, erschien 1979.

Sebastian Haffner wurde für dieses Buch mit dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf und dem Friedrich-Schiedel-Literaturpreis ausgezeichnet.

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kindler Verlag, München 1978.

Aktuelle Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörbuchausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. siehe z. B. die Psychopathographie Adolf Hitlers
  2. Niels Birbaumer (Psychologe) betrachtet Hitler im Spiegel (2014) Nr. 24, S. 118 als paranoiden Neurotiker
  3. Haffner ist der Meinung, dass „ ... ja etwas dran [ist], daß unsere durch Technologie geschrumpfte und durch Massenvernichtungswaffen gefährdete Welt Einheit verlangt und daß dann der Gedanke der Weltherrschaft - Welteinheit, Weltregierung, Weltherrschaft, das liegt alles nah beieinander - im zwanzigsten Jahrhundert wieder auf die Tagesordnung gekommen ist.“ (S. 106) Haffner bezweifelt nun aber in der Rückschau, dass Deutschland jemals ein ernstzunehmender Kandidat für die Weltherrschaft war oder ist. Es mag ja sein, dass „zwei Generationen von Deutschen, die Generation des Ersten und des Zweiten Weltkriegs, das Ziel einer deutschen Weltherrschaft (oder Vorherrschaft) für vernünftig und erreichbar fanden, sie begeisterten sich dafür und nicht selten starben sie auch dafür.“ (S. 120) Allerdings, so schreibt Haffner, lohnt es sich im 20. Jahrhundert gar nicht mehr, um „Lebensraum“ zu kämpfen. „Wohlstand und Macht eines Staates hängen seit der industriellen Revolution nicht mehr von der Größe des Bodenbesitzes ab, sondern vom Stand der Technologie.“ (S. 104)
  4. Dieselbe Leistungsfähigkeit übrigens, mit der Hitler in den Jahren 1933-1938 durch „effektive Wirtschaftspolitik“ die Massenarbeitslosigkeit (6 Millionen) in Deutschland beseitigte und von den Deutschen dafür verehrt wurde („Führergläubigkeit“). (Allerdings wurde Hitler noch mehr dafür verehrt, dass er den für Deutschland demütigenden Versailler Vertrag beseitigte und Deutschland zu einem gleichberechtigten Staat in der Staatenwelt machte (Wiederaufrüstung) - auch bemerkenswerte Leistungen, oder besser: Bemerkenswert, wenn der Reichskanzler nicht Hitler geheißen hätte, sondern z. B. Bismarck). Hitler bewirkte in den Jahren 1933 - 1938 ein „Wirtschaftswunder“ mithilfe seines „Finanzzauberers“ Hjalmar Schacht (1877 - 1970, Reichsbankpräsident, Wirtschaftsminister), das unvermeidlich inflationär (billige Kredite von der Reichsbank) war. Hitler, der ein Zwangsregime mit Geheimer Staatspolizei, Konzentrationslagern und Einheitsgewerkschaft „Deutsche Arbeitsfront“ (Unternehmer und Arbeitnehmer zwangsvereint) einrichtete, besaß die Macht, dieses „Wirtschaftswunder“ inmitten einer seit dem Schwarzen Donnerstag im Oktober 1929 fortdauernden Weltwirtschaftsdepression zu bewirken. „Hitler brauchte weder auf Unternehmerverbände noch auf Gewerkschaften Rücksicht nehmen. Er konnte jeden Unternehmer, der ungenehmigte Auslandsgeschäfte [staatlich kontrollierter Devisenhandel] oder die Preise seiner Waren erhöhte, ebenso ins KZ sperren wie jeden Arbeiter, der Lohnerhöhungen verlangte oder gar dafür zu streiken drohte.“ (S. 36) Heinrich Brüning (1885 - 1970), Hitlers Vorgänger im Reichskanzleramt, besaß diese Macht nicht und musste mit seiner vom Volk ungeliebten Deflationspolitik (Kürzungen und Einsparungen im Etat, Schuldendienst) scheitern.