Zum Inhalt springen

Anna Boch

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Théo van Rysselberghe: Anna Boch, 1893
Anna Boch in ihrem Atelier, um 1890

Anna Rosalie Boch (* 10. Februar 1848 in Saint-Vaast (La Louvière); † 25. Februar 1936 in Ixelles bei Brüssel) war eine belgische Malerin des Impressionismus, Kunstmäzenin, Keramikkünstlerin und Musikerin. Sie wurde per Königlichem Dekret zum Ritter des Leopoldsordens und zum Offizier des Ordens der belgischen Krone ernannt.[1]

Anna Boch stammte aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie, den Inhabern der Firma Villeroy & Boch. Sie war die älteste Tochter von Victor Boch und Anne-Marie-Lucie Boch. Anna ist die ältere Schwester des Malers Eugène Boch (1855–1941).[2]

Frühe Ausbildung

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anna Boch erhielt früh eine umfassende Ausbildung in Kunst, Musik und Literatur. Ein Studium an der Kunstakademie wurde ihr aufgrund ihres Geschlechts verwehrt, doch durfte sie einige Nachmittagskurse an der Akademie in Brüssel belegen. Sie nahm zudem privaten Mal- und Zeichenunterricht bei Pierre-Louis Kühnen, Euphrosine Beernaert und Michel van Alphen, wobei dieser nur eine begrenzte Anzahl von Stunden für Damen reservierte.[3] Zu einem unbestimmten Zeitpunkt zwischen 1876 und 1883 lernte sie den Maler Isidore Verheyden kennen, von dem sie zwar viel gelernt hat, doch gehen neuere Forschungen davon aus, dass die beiden eher Malgefährten waren und in keinem Lehrer-Schülerin-Verhältnis standen.[4]

In Begleitung der Mutter ging Boch 1868 nach Paris, um sich bei Tony Robert-Fleury an der Académie Julian weiterzubilden. An der Académie zog die junge Malerin durch ihr großes zeichnerisches Talent die Aufmerksamkeit ihrer Lehrer auf sich.

Für Töchter ihrer sozialen Schicht war es damals üblich, künstlerischen Tätigkeiten als Freizeitbeschäftigung nachzugehen, jedoch verstand Boch sich selbst nicht als Dilettantin und auch ihr Umfeld nahm ihre Kunst ernst. Wenn sie über das Malen sprach, sprach sie von ihrer „Arbeit“ und von „arbeiten“. Ihre Gemälde seien ihre „Kinder“ und der kreative Schaffensprozess deren „Geburt“. Immer wieder sagte sie, dass nur die Arbeit ihr Leben interessant mache, alles andere ende nur in Langeweile: „Die Arbeit ist mein Leben.“[5]

Bei den Malerinnen Berthe Morisot und Mary Cassatt wird bemängelt, dass diese von ihren männlichen Künstlerkollegen stets nur als Damen, aber nie als Malerinnen portraitiert wurden. Anna Boch hingegen wurde in zahlreichen Fotografien und Portraits, unter anderem von Théo Van Rysselberghe, Isidore Verheyden, Maurice-Jean Lefèbvre, Albert Lepreux und sogar von ihrem Vater, als Malerin portraitiert. Ab 1876 wurde sie in Brüssel als Künstlerin erwähnt.[6] Stilistisch ist sie hauptsächlich dem Impressionismus und zeitweise dem Neoimpressionismus zuzuordnen.

Künstlerische Erfolge

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Boch malte ihr ganzes Leben lang und stellte bis zu ihrem Lebensende aus. Bereits 1870, mit 22 Jahren, hatte sie ihre erste Ausstellung in La Louvière. 1908 hatte sie ihre erste Einzelausstellung in der Galerie Druet in der Rue Royale in Paris, wo sie 67 Werke zeigte. Bei der Ausstellung Les Arts anciens du Hainaut. Salon d’Art Moderne 1911 in Charleroi (Belgien) war sie Präsidentin der Abteilung Malerei und bekam einen eigenen Raum, wo sie 30 Werke ausstellte. Ihr Cousin Octave Maus schrieb ein Vorwort für sie.[7] Auf dieser Ausstellung war sie zudem eine von drei Künstlern und Künstlerinnen, die geehrt wurden.[8]

Das Werkverzeichnis von Thérèse Thomas zählt mindestens 110 europaweite Ausstellungen zu Lebzeiten, darunter mehrere Einzelausstellungen und viele in den Salons von der Künstlergruppen Société des Vingt (Les XX) und La Libre Esthétique, und auch in ihrem eigenen Haus.[9] Ihre Ausstellungen kamen bei Publikum und Kritikern gut an und sie konnte viele ihrer Werke verkaufen, auch an staatliche Museen. 1895 verkaufte sie das Gemälde En juin an die belgische Regierung und wurde damit zum ersten Mal in einer öffentlichen Sammlung ausgestellt. Weitere staatliche Verkäufe folgten: 1902 an die Musées royaux des Beaux-Arts in Brüssel, 1907 an das Musée des Beaux-Arts in Ostende, 1930 an das Städtische Museum Amsterdam.[10]

Ihr Talent wurde in der Presse immer wieder lobend erwähnt und man sagte ihr eine glänzende Zukunft voraus. Ihre Gemälde wurden für „die Solidität ihrer Komposition, für die Harmonien der Farben und für das darin vorhandene Licht geschätzt“.[11] Die Kritiker sprachen von „Genauigkeit, Nüchternheit, kostbaren Farben, Solidität, Finesse und Poesie“.[12] 1898, mit 50 Jahren, hatte sich ihr Ruhm über die belgischen Grenzen verbreitet und sie zählte zu den besten Künstlerinnen ihrer Heimat. In vielen Kunstvereinigungen von La Louvière wurde sie zum Ehrenmitglied ernannt. Schon zu Lebzeiten, 1928, brachte Paul Colin eine Monografie über sie heraus.

Schließlich wurde sie mit den höchsten Auszeichnungen ihres Landes geehrt: Am 19. März 1903 erfolgte per Königlichem Dekret die Ernennung zum Ritter des Leopoldsorden, am 14. November 1919 wurde sie durch Königlichen Erlass zum Offizier des Ordens der Krone und am 8. April 1928 zum Offizier des Leopoldsorden ernannt.[1] Anna Boch gilt heute als die bedeutendste belgische Künstlerin um 1900.[13] Ihr Œuvre umfasst ca. 1085 Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen (davon bisher ca. 913 aufgetaucht) und ca. 25 Keramikkunstwerke, in einer Schaffensperiode von etwa 71 Jahren (1864–1935).

Ihre Rolle in der modernen Kunst

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anna Boch war das einzige weibliche Mitglied der Künstlervereinigungen Société des Vingt (Les XX) und La Libre Esthétique. Das Ziel dieser Gruppen war es, durch jährliche Ausstellungen mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern neue Kunst zu fördern und bekannt zu machen. Mit ihrer aktiven Teilnahme trug Boch entscheidend dazu bei, den Impressionismus und Neoimpressionismus in Belgien und international zu verbreiten und den Austausch zwischen belgischen und französischen Künstlern zu fördern. Sie war zudem Gründungsmitglied der Künstlerkreisen Cercle vie et lumière und Les Amis de l’art.[14] Diese wollten jährlich ausstellen, ohne sich an offizielle Jurys halten zu müssen. Somit kämpfte sie „als einzige Frau unter einer Handvoll Männern für den Triumph der modernen Malerei“.[15]

1890 kaufte sie auf der Ausstellung der Société des Vingt, bei der auch sie selbst und ihr Bruder Eugène vertreten waren, ein in Arles gemaltes Bild Vincent van Goghs, den „Roten Weinberg“. Vermutlich tat sie dies auf Empfehlung ihres Bruders, der möglicherweise den inzwischen erkrankten van Gogh materiell und moralisch unterstützen wollte. Der Sekretär der Société des Vingt, Octave Maus, war ein Vetter der Geschwister Boch. Für Paul Gauguin organisierte Boch 1890 eine Benefizauktion. Anna Boch führte in Ixelles ein offenes Haus für progressive Künstler und besaß neben zwei Bildern van Goghs – 1891 erwarb sie ein zweites –, die sie 1907 wieder verkaufte, auch Gemälde von Gauguin, Georges Seurat, Paul Signac und von James Ensor, der in ihrem Salon verkehrte.

Um 1885 lernte sie den Maler Théo van Rysselberghe kennen, der Gründungsmitglied der Société des Vingt war. Auch wenn in der Literatur oft erwähnt wird, van Rysselberghe habe ihr dabei geholfen, ihren eigenen Pointillismus zu entwickeln, bleibt bisher die Frage offen, wer eigentlich wen dazu ermutigt hat. Schließlich malte Boch von Anfang an sehr frei, während van Rysselberghe sich erst ab Mitte der 1890er Jahre „vom pointillistischen Dogmatismus“ löste,[16] um nach seinem eigenen Empfinden zu malen. Der Kunsthistorikerin Thérèse Thomas zufolge war Anna Boch die erste Künstlerin in Belgien, die den Pointillismus auf die Freilichtmalerei anwendete.[17]

Misogynie in der Kunstszene

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wurden andere Künstlerinnen ihrer Zeit als Dilettantinnen belächelt, war es bei Boch gerade ihr professioneller Ehrgeiz, der ihr zum Vorwurf gemacht wurde: Sie würde in eine Welt eindringen, die Männern vorbehalten sei.[18] Abschätzige Kommentare lauteten: „Die Gemälde von Frau Boch sind, für Gemälde von Frauen, von einer seltenen Bandbreite an Kunstfertigkeit und Farbe, und es ist ein männliches Talent, das daraus hervorgeht.“[19] oder sogar: „Mlle Boch bleibt ein charmanter und sehr kameradschaftlicher Junge.“[20] weil sie zu den Künstlerinnen gezählt wurde, die einen „maskulinen Stil“ hätten.[21] Nach ihrem Tod wurde sie, wie viele ihrer weiblichen Künstler-Kolleginnen, im Nachhinein systematisch aus der Kunstgeschichte ausgeschlossen.

Wiederentdeckung

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Anfang des 21. Jahrhunderts wird Anna Boch langsam wiederentdeckt. Im Jahr 2000 gab es eine große Retrospektive mit mehr als 130 ihrer Werke im Musée royal de Mariemont. 2005 brachte Thérèse Thomas die Monografie und das Werkverzeichnis Anna Boch. Catalogue raisonné über sie heraus. 2023 ehrte das Mu.ZEE in Ostende und das Musée de Pont-Aven sie mit einer umfangreichen Ausstellung, die auch in Deutschland auf großes Interesse stieß. 2024 erwarb das Musée d’Orsay in Paris ihr Gemälde Cueillette (1890).

Werke (Auswahl)

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Boch, Anna. In: Ulrich Thieme, Felix Becker (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 4: Bida–Brevoort. Wilhelm Engelmann, Leipzig 1910, S. 155 (Textarchiv – Internet Archive).
  • Thérèse Faider-Thomas: Anna Boch und Eugène Boch. Werke aus den Anfängen der modernen Kunst. Villeroy & Boch, Mettlach 1971.
  • Matthias Arnold: Vincent van Gogh. Biographie. Kindler, München 1993, ISBN 3-463-40205-X.
  • Gerda Wendermann: Boch, Anna. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 12, Saur, München u. a. 1995, ISBN 3-598-22752-3, S. 29 f.
  • G. Wendermann: Art. „Boch, Anna“, in: Saur Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (Bd. 12), München/Leipzig 1996, S. 29–30.
  • Thérèse Thomas: Anna Boch. Catalogue raisonné, hg. v. dies., Brüssel 2005.
  • Thérèse Thomas: Ausst.-Kat. Saarland Museum, Moderne Galerie Saarbrücken 6. Mai – 6. Juni 1971: Anna Boch und Eugène Boch. Werke aus den Anfängen der modernen Kunst, hg. v. Villeroy & Boch Keramische Werke KG, Mettlach 1971.
  • Stefan Huygebaert und Wendy van Hoorde: „Vingtiste, confettiste, méridionaliste“. L’évolution stylistique vue par les critiques d’art, in: Ausst.-Kat. Ostende / Pont-Aven, Mu.ZEE / Musée de Pont-Aven: Anna Boch. Un voyage impressionniste, hg. v. Virginie Devillez, o. O. 2023, S. 40–56.
  • Michelle Lenglez und Pierre Duroisin: La femme et l’artiste, in: Anna Boch. Catalogue raisonné, hg. v. Thérèse Thomas, Brüssel 2005, S. 13–27.
  • Virginie Devillez: Préfaces, in: Ausst.-Kat. Ostende / Pont-Aven, Mu.ZEE / Musée de Pont-Aven: Anna Boch. Un voyage impressionniste, hg. v. Virginie Devillez, o. O. 2023, S. 12–14.
  • Dominique Savelkoul: Préfaces, in: Ausst.-Kat. Ostende / Pont-Aven, Mu.ZEE / Musée de Pont-Aven: Anna Boch. Un voyage impressionniste, hg. v. Virginie Devillez, o. O. 2023, S. 8–9.
  • Karin Sagner-Düchting: Malerei im Zeitalter des Impressionismus in den Niederlanden und Belgien, in: Malerei des Impressionismus, hg. v. Ingo F. Walther (Bd. 2), Köln 1996, S. 407–431.
  • Liesbeth Heenk und Heinz Widauer: Der Pointillismus in Belgien und den Niederlanden, in: Ausst.-Kat. Wien, Albertina 16.Sept 2016 – 08. Jan 2017: Seurat, Signac, Van Gogh. Wege des Pointillismus, hg. v. Heinz Widauer, München 2016, S. 138–179.
Commons: Anna Boch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. 1 2 Thomas 2005, S. 161–167.
  2. Anna Boch (1848–1936). In: Fem Art Collection. Abgerufen am 23. Juni 2024 (britisches Englisch).
  3. Wendermann 1996, S. 29 und Thomas 2005, S. 83.
  4. Huygebaert und van Hoorde 2023, S. 41.
  5. Lenglez und Duroisin 2005, S. 15, S. 19, S. 25.
  6. Thomas 2005, S. 137.
  7. Thomas 2005, S. 85, S. 107–108.
  8. van Hoorde 2023, S. 232.
  9. Thomas, Lenglez, Duroisin 2005, S. 195–201.
  10. Thomas 2005, S. 163, S. 165; Devillez 2023, S. 12; van Hoorde 2023, S. 230–233.
  11. Thomas 2005, S. 89. S. 96
  12. Thomas 2005, S. 101.
  13. Savelkoul 2023, S. 8.
  14. Sagner-Düchting 1996, S. 420–421, S. 423, S. 425; Thomas 2005, S. 161–167; van Hoorde 2023, S. 232.
  15. Thomas 2005, S. 117.
  16. Heenk und Widauer 2016, S. 158.
  17. Thomas 1971, S. 13.
  18. Thomas 2005, S. 89.
  19. Thomas 2005, S. 89.
  20. Thomas 2005, S. 89.
  21. Thomas 2005, S. 96.