Anna Leonowens

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Robert Harris (1849–1919): Portrait of Anna H. Leonowens (Ausschnitt) Öl auf Leinwand, 76,2 × 60 cm. Confederation Centre Art Gallery, Charlottetown

Anna Harriette Leonowens (* 6. November 1831 in Ahmednagar, Indien als Ann Hariett Emma Edwards[1]; † 19. Januar 1915 in Montreal, Kanada) war eine britische Lehrerin und Schriftstellerin.

Anna Leonowens wurde berühmt durch ihre Bücher und Erzählungen über ihren fünfjährigen Aufenthalt von 1862 bis 1867 in Siam (heute Thailand), wohin sie gerufen wurde, um die etwa fünfzig Kinder des Königs von Siam, König Mongkut (Rama IV.), in englischer Sprache zu unterrichten. Ihre Geschichte war Grundlage eines biographischen Romans von Margaret Landon aus dem Jahr 1944, der als Broadway-Musical adaptiert und mehrmals verfilmt wurde.

Herkunft und Jugend[Bearbeiten]

Anna Leonowens wurde 1831 in Ahmednagar geboren, das damals zur Präsidentschaft Bombay Britisch-Indiens gehörte und im heutigen Bundesstaat Maharashtra liegt. Ihr Mädchenname war Edwards, im Taufregister wurden die Vornamen Ann Hariett Emma eingetragen.[1] Ihr Vater war der aus Middlesex stammende Tischler und Feldwebel bei den Sappers und Miners der Bombay Army Thomas Edwards, ihre Mutter die Anglo-Inderin Mary Ann Glascott, Tochter eines Offiziers der Bombay Army und dessen vermutlich einheimischer Partnerin.[2] Anna hatte eine ältere Schwester, Eliza. Ihr Vater starb drei Monate vor Annas Geburt. Leonowens machte später bewusst falsche Angaben über ihre Herkunft. So gab sie ihren Mädchennamen mit Crawford an, während Edwards der Mädchenname ihrer Mutter gewesen sei, und behauptete, aus Caernarfon (Wales) zu stammen. Mit dieser gefälschten Herkunftsgeschichte wollte sie wahrscheinlich ihre teilweise nicht-europäische Herkunft verdecken, die in der damaligen Zeit als minderwertig angesehen wurde.[3][4] Ihr Rufname war zunächst Harriett(e) und nicht Anna.[5]

Kurz nach Annas Geburt heiratete die Mutter erneut: Patrick Donohoe, einen katholischen Iren, damals Korporal in der Pioniertruppe, später Ingenieur im Dienst des Amts für öffentliche Bauarbeiten.[6] Die Familie Donohoe zog mit dem Regiment des Stiefvaters mehrmals innerhalb des westlichen Indiens um, ab ca. 1841 lebte sie in Deesa[7] (Gujarat), damals eine wichtige Garnisonsstadt der Britischen Ostindien-Kompanie.[8] Anna besuchte eine Mädchenschule der Bombay Education Society in Byculla (heute ein Stadtteil von Mumbai), die vor allem „gemischtrassige“ Kinder britischer Soldaten ausbildete, deren Väter gestorben oder abwesend waren.[9] Ihre eigene Angabe, ein Internat in Wales besucht zu haben und erst im Alter von 15 Jahren nach Indien, ein für sie angeblich „fremdes Land“ gekommen zu sein, ist höchst unplausibel.[10]

Ab Dezember 1845 war auch Thomas Leon Owens, ein aus Irland stammender Protestant, zwei Jahre lang als Sekretär des Zahlmeisters im 28. Regiment in Deesa stationiert. Er war überdurchschnittlich gebildet, informierte sich über soziale Fragen, bezog Stellung zu ihnen und stellte zuweilen Autoritäten infrage. Anna verliebte sich in ihn.[11] Ihr Stiefvater lehnte die Beziehung zunächst ab, möglicherweise weil er Leon Owens als unzuverlässig ansah und seine Stieftochter an einen erfolgversprechenderen Versorger verheiraten wollte.[12] Schließlich gab er aber nach, jedenfalls heirateten die beiden am 25. Dezember 1849 in der anglikanischen Kirche von Pune, die Urkunde ist auch von Donohoe unterzeichnet. Das steht im Widerspruch zu ihrer eigenen Darstellung, der Stiefvater, den sie als „Haustyrannen“ bezeichnet, hätte die Verbindung erbittert abgelehnt und jeden Kontakt abgebrochen. Überlieferte Briefe dokumentieren jedoch, dass sie auch später längere Besuche bei der Familie in Pune abstattete.[13]

Noch vor ihrer Hochzeit, die ihren eigenen Angaben erst 1851 stattfand, will Leonowens drei Jahre lang mit Reverend George Percy Badger und seiner Ehefrau durch Ägypten und den Nahen Osten gereist sein. Diese Reise wird von neueren Biographien als Erfindung betrachtet.[14] Wahrscheinlich hatte Leonowens von Badger, mit dem sie vielleicht bekannt war, Berichte über dessen Reisen gehört oder gelesen.[15] Ihre Persischkenntnisse können schlicht damit erklärt werden, dass in den 1840er-Jahren Persisch noch lingua franca in Pune war.[16]

Reisen und Lehrtätigkeit[Bearbeiten]

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In ihrer Ehe gebar Leonowens insgesamt vier Kinder, von denen nur zwei überlebten, Louis und Avis. Ihr Sohn sollte sie später nach Siam begleiten und eine Figur in ihren Tagebüchern und Verfilmungen spielen. Anders als von ihr erzählt habe Thomas Schwierigkeiten gehabt, einen Job zu halten, wodurch sie gezwungen waren, oft umzuziehen. Zu einem unbekannten Zeitpunkt ließ Thomas seinen Namen Leon Owens in Leonowens ändern. Er starb um 1859 an einem Schlaganfall. Anna reiste mit ihren Kindern nach Singapur und baute dort mit Hilfe von Freunden eine kleine Schule für Kinder von Offizieren auf. Sie schickte ihre Tochter Avis auf eine englische Schule. Zu dieser Zeit erhielt sie die Einladung des Königs von Siam, seine Kinder und den Thronfolger in der englischen Sprache zu unterrichten.

Während ihres Aufenthalts in Bangkok unterrichtete sie die Kinder des Königs in der englischen Sprache. Nach ihrem fünfjährigen Aufenthalt in Siam reiste Anna Leonowens in die USA, wo sie ihre Bücher schrieb. Schließlich zog sie mit ihrer Tochter nach Kanada, während ihr Sohn weiterhin in Siam blieb. Er gründete später eine Handelsgesellschaft, die noch heute existiert. Anna lebte unter anderem in Halifax und gründete in Nova Scotia die Victoria School of Art, die heute als Nova Scotia College of Art and Design bekannt ist.

Leonowens liegt auf dem Friedhof Mont-Royal in Montreal begraben. Sie ist die Großtante von Boris Karloff.

Reiseberichte[Bearbeiten]

Leonowens verfasste nach ihrer Rückkehr aus Siam selbst Artikel über ihr Leben und Arbeiten am Königshof und schrieb 1870 ihre erfolgreichen Memoiren, The English Governess at the Siamese Court, denen 1873 die Erzählung Romance of the Harem folgte.

Leonowens Kritiker bemängelten historische Ungenauigkeiten und eine betont feministisch-kritische Betrachtung des Lebens am siamesischen Hofe. Historische Tatsachen, einige offensichtliche Fehler und abweichende Berichte anderer, zur gleichen Zeit in Siam anwesender Ausländer widerlegen heute viele ihrer Aussagen. Historiker sind der Meinung, die Lehrerin habe ihre eigenen Fähigkeiten übertrieben und den König als Narren diffamiert, obwohl sie in Wirklichkeit kaum mit ihm in Berührung kam. Schon der Titel ihrer Erinnerungen ist demnach unpassend, da sie nicht als governess (Erzieherin) angestellt wurde, was eine umfassende Betreuung der Prinzen und Prinzessinnen bedeutet hätte, sondern ausschließlich als Lehrerin für englische Sprache. Obwohl sie behauptet, fließend Thai gesprochen zu haben, sind die in ihren Aufzeichnungen gegebenen Beispiele völlig unverständlich.[17] Mongkuts Sohn und Nachfolger, König Chulalongkorn (Rama V.), soll sich ihrer Enkelin Anna Fyshe zufolge persönlich bei Leonowens beschwert haben, warum sie ein so „boshaftes“ Buch geschrieben habe, das seinen Vater „äußerst lächerlich“ dastehen lasse und ihn dem Spott der Welt aussetze. Leonowens bestand aber darauf, dass ihre Aufzeichnungen wahrheitsgetreu seien.[18]

Bekanntheit durch Roman, Filme und Musical[Bearbeiten]

International bekannt wurde Leonowens Geschichte allerdings erst 1944 durch den semi-fiktionalen biographischen Roman Der König und ich (Originaltitel: Anna and the King of Siam) der amerikanischen Schriftstellerin Margaret Landon, die sich mit dem Leben von Leonowens befasst hatte. Auf diesem Buch und den Schriften Leonowens basieren neben dem Broadway-Musical The King and I (1951, mit Gertrude Lawrence und Yul Brynner) insgesamt vier Verfilmungen:

Allesamt beschreiben die Kinderlehrerin in der Position einer Erzieherin und Gouvernante mit einer einflussreichen Beziehung zu dem damaligen König. Dies steht im Widerspruch zur Einschätzung des Historikers Alexander Griswold, der in seiner Biographie König Mongkuts[19] bezweifelt, dass Leonowens eine größere Rolle im Leben des Herrschers oder seiner Kinder gespielt habe.[20] Eine erste kritischere Auseinandersetzung mit der Biographie Leonowens veröffentlichte der britische Naturforscher W. S. Bristowe im Jahr 1976.[21]

Kontroversen[Bearbeiten]

Noch heute protestiert die thailändische Regierung gegen den Mythos Leonowens, was unter anderem auch der Grund war, dass der Film Anna und der König in Malaysia und nicht in Thailand gedreht wurde. Anders als in den drei vorhergegangenen Verfilmungen bemühten sich die Produzenten in vielfältiger Weise, den Anforderungen der thailändischen Regierung gerecht zu werden. Dennoch wurde dem Film das gleiche Schicksal zuteil wie dem Musical The King and I aus dem Jahre 1956. In Thailand darf er nicht aufgeführt werden. Dies würde den mit hohen Freiheitsstrafen bedrohten Straftatbestand der Majestätsbeleidigung erfüllen.

Werk[Bearbeiten]

  • Anna Harriette Leonowens: The English Governess at the Siamese Court. Being Recollections of Six Years in the Royal Palace at Bangkok. 1870; The Project Gutenberg EBook

Literatur[Bearbeiten]

biographischer Roman (semi-fiktional)
Sachliteratur
  • Alfred Habegger: Masked. The Life of Anna Leonowens, Schoolmistress at the Court of Siam. University of Wisconsin Press, Madison 2014
  • Susan Kepner: Anna (and Margaret) and the King of Siam. In: Crossroads. An Interdisciplinary Journal of Southeast Asian Studies, Band 10, Nr. 2, 1996, S. 1–32.
  • Susan Morgan: Bombay Anna. The Real Story and Remarkable Adventures of The King and I Governess. University of California Press, Berkeley 2008.

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. a b Habegger: Masked. 2014, S. 417.
  2. Habegger: Masked. 2014, S. 20.
  3. Habegger: Masked. 2014, S. 17.
  4. Deborah Cohen: Family Secrets. Shame and Privacy in Modern Britain. Oxford University Press, Oxford/New York 2013, S. 32.
  5. Morgan: Bombay Anna. 2008, S. 33.
  6. Habegger: Masked. 2014, S. 40.
  7. Morgan: Bombay Anna. 2008, S. 36.
  8. Habegger: Masked. 2014, S. 32, 51.
  9. Habegger: Masked. 2014, S. 13–14, 42 ff.
  10. Habegger: Masked. 2014, S. 42.
  11. Habegger: Masked. 2014, S. 53–54.
  12. Habegger: Masked. 2014, S. 55–56.
  13. Habegger: Masked. 2014, S. 49–50.
  14. Morgan: Bombay Anna. 2008, S. 52.
  15. Habegger: Masked. 2014, S. 60–71.
  16. Morgan: Bombay Anna. 2008, S. 54–55.
  17. William Warren: Who Was Anna Leonowens? In: Travelers' Tales Thailand. San Francisco 2002, S. 86.
  18. Habegger: Masked. 2014, S. 354.
  19. A. B. Griswold: King Mongkut of Siam. Asia Society, New York 1961.
  20. William Warren: Who Was Anna Leonowens? In: Travelers' Tales Thailand. San Francisco 2002, S. 87.
  21. W. S. Bristowe: Louis and the King of Siam. Chatto & Windus, London 1976, ISBN 0-7011-2164-5.