Anna Maria Christmann

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Anna Maria Christmann, auch bekannt als Türken-Annemarie (* 7. Februar 1697 in Dürnau; † 2. März 1761 in Stuttgart), war eine württembergische Frau, die im 18. Jahrhundert als Soldat verkleidet an zwei großen Schlachten des Venezianisch-Österreichischen Türkenkrieges teilnahm.[1]

Herkunft und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die außergewöhnliche Lebensgeschichte von Anna Maria Christmann wurde 1833 von Johann Evangelist Fürst in der von ihm selbst herausgegebenen Allgemeinen deutschen Bürger- und Bauernzeitung veröffentlicht.[2] Der Text des Artikels entsprach dabei fast wörtlich einem Nachtrag zum Taufeintrag von Anna Marias Vater Thomas Christmann im Taufregister von Gingen an der Fils; diese „Nota“ war erst ca. 80  Jahre später von einem Pfarrer namens Adolf Friedrich Schemer hinzugefügt worden.[3]

Artikel über Anna Maria Christmann in der Allgemeinen deutschen Bürger- und Bauernzeitung, 1833 (Ausschnitt)

Anna Maria Christmanns Vater stammte laut der Quelle aus der Region Temeschwar im heutigen Banat. Er wird als ein (ursprünglich christlich-orthodoxer) Raitze beschrieben, der in osmanische Gefangenschaft geraten war. Zwanzig Jahre lang lebte er „bei den Türken“ und konvertierte in dieser Zeit zum Islam. Nach seiner erneuten Gefangennahme wurde er Diener eines österreichischen Obristenleutnants namens von Crailsheim. Dieser nahm ihn mit nach Gingen an der Fils, wo sich damals ein Militärstandquartier der freien Reichsstadt Ulm befand. Der Offizier ließ seinen Diener wieder im Christentum unterrichten und ließ ihn dann im Jahr 1695 in Gingen öffentlich taufen.[2] Der „wiedergewonnene Christ“ erhielt dabei den Namen Thomas Christmann.[4] Er war demnach keiner der vielen echten Beutetürken jener Zeit, wie es in anderen Veröffentlichungen um Anna Maria Christmann, beispielsweise in dem Buch „Akstinats faszinierende Fakten“[5] oder im Artikel „Carl Osman und das Türkenmariandl“ der Wochenzeitung Die Zeit [6] dargestellt wird.

Nach seiner Taufe heiratete Thomas Christmann eine Frau, die als Magd im Schloss Dürnau arbeitete, und ließ sich mit ihr in Dürnau nieder. Nach der Geburt der Tochter Anna Maria verstarben ihre mittellosen Eltern beide früh. Zunächst bettelte die junge Frau, dann fand sie als Mann verkleidet bei einem Müller Arbeit, konnte jedoch auf diese Weise nur mühsam ihren Lebensunterhalt verdienen.[2]

Soldatin im Türkenkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schlacht von Belgrad (1717)
auf einem Ölgemälde des Malers
Jan van Huchtenburgh (1720)

Als im Mai 1715 in Stuttgart Soldaten für das neu gegründete herzogliche Leibregiment „Alt-Württemberg“ des Herzogs Eberhard Ludwig von Württemberg gesucht wurden, verkleidete sich Anna Maria Christmann erneut als Mann und ließ sich unter dem Namen ihres Vaters als Thomas Christmann anwerben. Ihr Regiment wurde zur Verstärkung der Truppen des österreichischen Feldmarschalls Prinz Eugen von Savoyen im Kampf gegen die Osmanische Armee nach Ungarn geschickt. Dort nahm Anna Maria Christmann als Musketier im August 1716 zunächst an der Schlacht von Peterwardein und ein Jahr später im Sommer 1717 auch an der entscheidenden Schlacht von Belgrad teil[7], wobei sie auch einige Blessuren erlitt. Über die tapfere Kämpferin wurde folgende kleine Anekdote überliefert:

„In diesem Kriege erbeutete sie von einem türkischen Offizier einen kostbaren Säbel, welchen ihr der Hauptmann D. um 100 Gulden abhandelte; als sie aber das Geld forderte, ließ er ihr hundert Stockschläge geben.“

Allgemeine Deutsche Bürger- und Bauernzeitung, 1833[2]

Nach diesem Vorfall desertierte Anna Maria Christmann zusammen mit einem anderen Soldaten. Sie wurde jedoch bald darauf gefangengenommen und zum Tod durch den Strang verurteilt. Erst zu diesem Zeitpunkt gab sie sich als Frau zu erkennen und bat um ihr Leben. Nach ihrer Begnadigung wurde sie ehrenvoll aus dem Militär entlassen.

Leben als Zivilistin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Herzog Eberhard Ludwig einige Jahre später von ihrem Einsatz erfuhr, gewährte er Anna Maria Christmann mit einem Patent vom 20. März 1723 das Recht, sich an einem beliebigen Ort in Württemberg niederzulassen.[7] Außerdem erhielt sie eine lebenslängliche Pension in Geld und Naturalien. Von ihrem weiteren Leben und Wohnort ist nur bekannt, dass sie zuletzt als Briefträgerin in Stuttgart lebte.[7] Anna Maria Christmann blieb zeitlebens ledig. Sie erzählte gerne und ausführlich von ihren Abenteuern als Soldatin und wurde deshalb "die Türken-Annemarie" genannt. In der Geschichte der Stadt Stuttgart ist sie die erste namentlich bekannte Briefträgerin.[8]

Anfang März 1761 starb sie in Stuttgart im Alter von 64 Jahren.

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als „Persönlichkeit des deutschsprachigen Kulturraums“ wurde Anna Maria Christmann in die Deutsche Biographie aufgenommen.[9] Das Andenken an sie wird auch durch die Auflistung ihrer Geburts- und Sterbedaten im Gedenktagekalender des Stuttgarter Stadtarchivs aufrechterhalten.[10] Verschiedene Autoren, wie beispielsweise Dorothea Keuler in ihrem 2011 veröffentlichten Buch „Provokante Weibsbilder“, nahmen Christmanns Lebensgeschichte in ihre Werke auf.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Th. Schön: Eine tapfere Tochter der Alb. In: Blätter des Schwäbischen Albvereins. XXI. Jg. 1909, Nr. 9, Sp. 297–300.
  • Die Türken-Annemarei. Stuttgarter Neues Tagblatt, 18. Oktober 1933.
  • Helmut Schmolz: Ein „weiblicher Musquetier“ im Heer des Prinzen Eugen. In: Schwaben und Franken. Beilage zur Heilbronner Stimme, 12. Februar 1972, Nr. 2, S. IV.
  • Helmut Engisch: Eine Jungfrau im Türkenkrieg: Wie die Anna Maria Christmann als württembergischer Grenadier das Abendland retten half und dann in Stuttgart Briefträgerin wurde. In: Helmut Engisch: Ein Mönch fliegt übers Schwabenland. Theiss, Stuttgart 1996, ISBN 3-8062-1270-8, S. 149–162.
  • Gerhard Raff: Die Christmann von der Post: Anna Maria Christmann. In: Raffs Raritäten: schwäbische Geschichten. DVA, Stuttgart 1998, ISBN 3-421-05162-3, S. 171ff.
  • Anna Maria Christmann: Soldatin im Türkenkrieg. In: Dorothea Keuler: Provokante Weibersbilder: Historische Skandale aus Baden und Württemberg. Silberburg, Tübingen 2011, ISBN 978-3-8425-1134-7, S. 71–84.
  • Manfred Wolfhard: Anna Maria Christmann: Ein Mädchen beißt sich durch. In: Manfred Wolfhard: Dürnauer Schicksale. Leben, lieben und leiden im 17. und 18. Jahrhundert. Dignus, Gammelshausen 2014.Leseprobe

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Anna Maria Christmann in der Datenbank der Landesbibliographie Baden-Württemberg, leo-bw.de, abgerufen am 19. September 2016.
  2. a b c d Pustet: Allgemeine deutsche Bürger- und Bauern-Zeitung. Pustet, 1833, S. 614 und 615 (jeweils unten). (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Pfarrer Adolf Friedrich Schemer (Pfarrer in Gingen 1777–1781): „Nota“ zum Taufeintrag von Thomas Christmann, Taufregister Gingen/Fils, Kirchenbuch 1943, Bd. 1.
  4. Pfarrer Johann Georg Hensler (Pfarrer in Gingen 1690–1735): Taufeintrag Thomas Christmann, 1695, Taufregister Gingen/Fils, Kirchenbuch 1943, Bd. 1.
  5. Simon Akstinat: Akstinats faszinierende Fakten. Schlütersche, 2006, ISBN 978-3-899-94066-4, S. 224 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche)
  6. Hartmut Heller: Carl Osman und das Türkenmariandl, Die Zeit, 4. September 2003, zeit.de, abgerufen am 19. September 2016.
  7. a b c Anna Maria Christmann auf der Website Alt-Württemberg, altwuerttemberg.de, abgerufen am 19. September 2016.
  8. Dr. Paul Sauer: Geschichte der Stadt Stuttgart: Vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis zum Abschluss des Verfassungsvertrags für das Königreich Württemberg 1819. W. Kohlhammer, 1995, ISBN 978-3-170-13571-0, S. 150.
  9. Anna Maria Christmann in der Deutschen Biographie, deutsche-biographie.de, abgerufen am 29. September 2016.
  10. Link zur Datenbank „Gedenktagekalender“ des Stadtarchivs Stuttgart, stadtarchiv.stuttgart.findbuch.net, abgerufen am 19. September 2016.