Anna Pappritz

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Anna Pappritz 1904

Anna Pappritz (* 9. Mai 1861 in Radach [heute Radachów] bei Drossen [heute Ośno Lubuskie] in der Provinz Brandenburg; † 8. Juli 1939 ebenda[1]) war eine deutsche Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und Abolitionistin (Gegnerin der staatlichen Reglementierung der Prostitution und der damit verbundenen polizeilichen und rechtlichen Ausnahmebestimmungen zu alleinigen Lasten von Frauen).

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anna Pappritz wurde als einzige Tochter eines Ritterschaftsrates auf dem Rittergut Radach in der Neumark (Provinz Brandenburg) geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie mit ihren drei Brüdern auf dem Land. Pappritz erhielt Privatunterricht von Erzieherinnen und dem örtlichen Geistlichen; zudem verbrachte sie nach eigenen Aussagen viel Zeit in der Bibliothek ihres Vaters. Im Gegensatz zu ihren Brüdern, die die Klosterschule in Roßleben besuchten und danach universitäre und militärische Ausbildungen genossen, blieb ihr eine weiterführende Ausbildung verwehrt; auch Kontakt zu Altersgenossinnen hatte sie wenig.[2] Neunzehnjährig erlitt sie bei einem Reitunfall schwere innere Verletzungen und musste in einer Frauenklinik in Berlin operiert werden. An den Spätfolgen des Unfalls (unter anderem chronische neuralgische Schmerzen) litt sie ein Leben lang.[3]

1884 zog Pappritz mit ihrer Mutter nach Berlin, wo sie in den ersten Jahren privaten Philosophie-, Geschichts- und Literaturunterricht nahm und schriftstellerisch tätig wurde.[4] Ihr Erstlingswerk war der Novellenband Aus den Bergen Tirols, der 1893 erschien. Ein Jahr später veröffentlichte sie den Roman Vorurteile, in dem sie sich mit den Vorurteilen ihrer gesellschaftlichen Schicht in Weltbild und Lebensanschauungen auseinandersetzte. In ihren Memoiren berichtet sie, dass die Veröffentlichung ihr eine „jahrelange Entfremdung“ von ihrer Familie ein, unter der sie sehr litt[5]; der Kontakt zur Familie brach allerdings nie ab.

Werdegang als Frauenrechtlerin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1895 reiste Anna Pappritz aus gesundheitlichen Gründen zum ersten Mal nach England. Durch die Kontakte, die sie dort knüpfte, erfuhr sie nicht nur von der Existenz der Prostitution und deren staatlicher Reglementierung, sondern auch von der Frauenbewegung.[6] Nach ihrer Rückkehr suchte sie den Kontakt zur deutschen Frauenbewegung, besuchte Vorträge des Vereins Frauenwohl und abonnierte die von Minna Cauer herausgegebene Zeitschrift Die Frauenbewegung. 1898 erfuhr Pappritz durch einen Artikel von Cauer in der Frauenbewegung über den Kongress der Internationalen Abolitionistischen Föderation (IAF) in London von der Arbeit der Föderation und deren Gründerin Josephine Butler. Sie begann, sich mit den Grundsätzen dieser Organisation, die sich für eine Abschaffung der staatlich reglementierten Prostitution einsetzte, zu beschäftigen, und lernte ein Jahr später Butler auf dem Internationalen Frauenkongress in London persönlich kennen.[7] Im April 1899 gründete Pappritz daraufhin einen Zweigverein der IAF in Berlin. Ihre anfängliche Zusammenarbeit mit Minna Cauer begann bald unter unterschiedlichen Auffassungen über Strategien und Cauers Führungsstil zu leiden; ab etwa 1900 wandte Pappritz sich stärker den Kreisen um Helene Lange und den Bund Deutscher Frauenvereine zu. Ebenfalls um diese Zeit lernte sie ihre spätere Lebens- und Arbeitsgefährtin Margarete Friedenthal kennen, die auch in der Berliner Frauenbewegung aktiv war.

Mit der Gründung und Leitung des Vereins wurde die Frauenbewegung immer mehr zu Anna Pappritz' Lebensinhalt; in ihren Memoiren bezeichnet sie den „Kampf um eine Höherentwicklung der sexuellen Moral, um die Befreiung meines Geschlechtes aus der schrecklichen, sexuellen Hörigkeit“ als ihre Lebensaufgabe.[8] Sie eignete sich zunehmend Wissen besonders in Fragen der Sittlichkeit und Sexualhygiene an, das sie in Publikationen in fast allen Zeitschriften der bürgerlichen Frauenbewegung, in Fachzeitschriften und in der allgemeinen Presse weiterzuvermitteln suchte. Ferner unternahm sie insbesondere zwischen 1900 und 1912 unzählige Vortragsreisen und wurde so nach zu einer der bekanntesten Expertinnen in Sittlichkeits- und Jugendschutzfragen. Auch die Sexualethik war ihr ein wichtiges Thema; hier vertrat sie deutlich konservativere Auffassungen als die Vorsitzende des Bundes für Mutterschutz, Helene Stöcker, die für die freie Liebe eintrat. Pappritz lehnte dieselbe nicht nur aufgrund ihres eigenen Moralempfindens ab, sondern auch, weil sie befürchtete, dass sich die Folgen einer freien Sexualität ausschließlich zu Lasten von Frauen auswirken würden.

Pappritz arbeitete in zahlreichen Kommissionen und Vereinen mit. So war sie neben ihrem Engagement im Berliner Zweigverein der Internationalen Abolitionisischen Föderation von 1902 bis 1914 Schriftführerin des Bundes Deutscher Frauenvereine und als einzige Frau im Vorstand der 1902 gegründeten Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (DGBG) vertreten. Gemeinsam mit Katharina Scheven leitete sie den 1904 gegründeten deutschen Zweig der IAF. Zuerst Scheven, dann Pappritz gaben das Organ des deutschen Zweiges der IAF, Der Abolitionist heraus.

Mit Scheven unternahm Anna Pappritz im Winter 1912/13 eine viermonatige Reise nach Indien. Nach ihrer Rückkehr verschlechterte sich ihr ohnehin stets labiler Gesundheitszustand auf mehrere Jahre hin so radikal, dass sie ihr Arbeits- und insbesondere ihr Reisepensum stark zurückschrauben musste.

Als 1927 das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten verabschiedet wurde, das die Reglementierung formal-rechtlich abschaffte, schien das Ziel der abolitionistischen Bestrebungen in Deutschland erreicht. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass die Rechtsnorm in der praktischen Durchführung nicht so leicht durchzusetzen war, da weder eine einheitliche Handhabung noch ein wirksames Strafmaß bestanden.[9]

Grabstein der Frauenrechtlerin Anna Pappritz (1861–1939) in Radachów, Polen

Schließlich musste Anna Pappritz miterleben, wie die Nationalsozialisten die Frauenbewegung nach und nach zerschlugen. 1933 konstatierte sie, dass es wieder Bestrebungen gab, „Bordelle polizeilich zu genehmigen“.[10] Die Nationalsozialisten führten neue, verschärfte Strafbestimmungen gegen Prostituierte ein, wodurch das Gesetz von 1927 teilweise rückgängig gemacht wurde. Anfang 1934 legte sie den Vorsitz ihres Vereins nieder. Wie zahlreiche Briefwechsel in ihrem Nachlass belegen, blieb sie bis zu ihrem Lebensende immer gut informiert über die Entwicklungen ihrer Arbeitsgebiete. Die endgültige Wiedereinführung des Bordellwesens am 9. September 1939 erlebte Pappritz nicht mehr. Sie starb im Sommer 1939 nach einer schweren Bronchitis in ihrem Heimatort Radach und wurde dort auf dem Familienfriedhof beigesetzt.

Forderungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anna Pappritz setzte sich für die (sittliche) Autonomie der Frau und ihre staatsbürgerliche Gleichberechtigung ein. Eine Verbesserung der Stellung der Frau in der Gesellschaft sollte vor allem durch eine Hebung der „Volkssittlichkeit“ und die Durchsetzung gleicher moralischer Grundsätze für beide Geschlechter sowie durch soziale und rechtliche Reformen erfolgen. Dies spiegelt sich auch im Wahlspruch der Abolitionisten: „Es gibt nur eine Moral, sie ist die gleiche für beide Geschlechter“.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Aus den Bergen Tirols (1894)
  • Vorurteile (1894)
  • Die Wahrheit (1897)
  • Ein Enterbter (1898)
  • Das Reichsgesetz zur Bekampfung der Geschlechtskrankheiten vom Standpunkt der Frau (1902)
  • Herrenmoral, Leipzig [ca. 1903]
  • Die wirtschaftlichen Ursachen der Prostitution, Berlin 1903
  • Die Welt, von der man nicht spricht. Aus den Papieren einer Polizeibeamtin bearbeitet (1907)
  • Prostitution und Abolitionismus (1917)
  • Der Mädchenhandel und seine Bekämpfung (1924)
  • Handbuch der amtlichen Gefährdetenfürsorge (1924)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Reclam, Leipzig 1913, S. 226.
  • Heidi Koschwitz, Birgit Sauer: Pappritz, Anna. In: Who is Who der sozialen Arbeit, hg. v. Hugo Maier, Freiburg 1998, S. 458–460.
  • Pappritz, Frl. Anna. In: Sophie Pataky (Hrsg.): Lexikon deutscher Frauen der Feder. Band 2. Verlag Carl Pataky, Berlin 1898, S. 115 f. (Digitalisat).
  • Kirsten Reinert: Pappritz, Anna. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 55 f. (Digitalisat).
  • Kerstin Wolff: Herrenmoral: Anna Pappritz and abolitionism in Germany. In: Women's History Review. Vol. 17, 2. April 2008, S. 225–237.
  • Kerstin Wolff: Anna Pappritz. 1861-1939. Die Rittergutstochter und die Prostitution, Sulzbach/Taunus 2017.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Margit Göttert: „Mir sind die frauenrechtlerischen Ideen direkt eingeboren.“ Anna Pappritz (1861–1939). In: Ariadne. Heft 28, 1995, S. 50–55; hier: S. 55
  2. Pappritz, Anna: Wie ich zu meiner Arbeit kam, unveröffentlichtes Manuskript, Berlin 1908, S. 5. Zum bürgerlichen Frauenbild des Kaiserreichs vgl. Peters, Dietlinde: Mütterlichkeit im Kaiserreich. Die bürgerliche Frauenbewegung und der soziale Beruf der Frau (=wissenschaftliche Reihe, Bd. 29), Bielefeld 1984, S. 26-35, S. 40-42.
  3. Pappritz: Wie ich zu meiner Arbeit kam, S. 21.
  4. vgl. Pappritz, Frl. Anna. In: Sophie Pataky (Hrsg.): Lexikon deutscher Frauen der Feder. Band 2. Verlag Carl Pataky, Berlin 1898, S. 115 f. (Digitalisat).
  5. Pappritz: Wie ich zu meiner Arbeit kam, S. 23.
  6. Vgl. Pappritz: Wie ich zu meiner Arbeit kam, S. 25-33; hierzu auch u.a. Göttert: Frauenrechtlerische Ideen, S. 51.
  7. Pappritz: Wie ich zu meiner Arbeit kam, S. 58 + 94f.
  8. Pappritz: Wie ich zu meiner Arbeit kam, S. 20.
  9. Vgl. Der Große Herder. Nachschlagewerk für Wissen und Leben, 4. völlig neubearb. Aufl., Bd. 9, Freiburg i. Br. 1934, Sp. 1191.
  10. Pappritz, Anna; Mittermaier, Wolfgang: Abschiedsgruß an die Leser des Abolitionist, in: Der Abolitionist 32(1933)6, S. 82.