Anna Pappritz

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Anna Pappritz 1904

Anna Pappritz (* 9. Mai 1861 in Radach [heute Radachów] bei Drossen [heute Ośno Lubuskie] in der Provinz Brandenburg; † 8. Juli 1939 ebenda[1]) war eine deutsche Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und Abolitionistin (Gegnerin der staatlichen Reglementierung der Prostitution und der damit verbundenen polizeilichen und rechtlichen Ausnahmebestimmungen zu alleinigen Lasten von Frauen).

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anna Pappritz wurde als einzige Tochter eines Ritterschaftsrates auf dem Rittergut Radach in der Neumark (Provinz Brandenburg) geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie mit ihren drei Brüdern auf dem Land. Pappritz erhielt Privatunterricht von Erzieherinnen und dem örtlichen Geistlichen; zudem verbrachte sie nach eigenen Aussagen viel Zeit in der Bibliothek ihres Vaters. Im Gegensatz zu ihren Brüdern, die die Klosterschule in Roßleben besuchten und danach universitäre und militärische Ausbildungen genossen, blieb ihr eine weiterführende Ausbildung verwehrt; auch Kontakt zu Altersgenossinnen hatte sie wenig.[2] Neunzehnjährig erlitt sie bei einem Reitunfall schwere innere Verletzungen und musste in einer Frauenklinik in Berlin operiert werden. An den Spätfolgen des Unfalls (unter anderem chronische neuralgische Schmerzen) litt sie ein Leben lang.[3]

1884 zog Pappritz mit ihrer Mutter nach Berlin, wo sie in den ersten Jahren privaten Philosophie-, Geschichts- und Literaturunterricht nahm und schriftstellerisch tätig wurde.[4] Ihr Erstlingswerk war der Novellenband Aus den Bergen Tirols, der 1893 erschien. Ein Jahr später veröffentlichte sie den Roman Vorurteile, in dem sie sich mit dem engstirnigen Weltbild ihrer großbürgerlichen Herkunftsschicht auseinandersetzte. In ihren Memoiren berichtet sie, dass die Veröffentlichung ihr zu ihrem Leidwesen eine „jahrelange Entfremdung“ von ihrer Familie einbrachte[5]; der Kontakt zur Familie brach allerdings nie ab.

Werdegang als Frauenrechtlerin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1895 reiste Anna Pappritz aus gesundheitlichen Gründen zum ersten Mal nach England. Durch die Kontakte, die sie dort knüpfte, erfuhr sie nicht nur von der Existenz der Prostitution und deren staatlicher Reglementierung, sondern auch von der Frauenbewegung.[6] Nach ihrer Rückkehr suchte sie den Kontakt zur deutschen Frauenbewegung, besuchte Vorträge des Vereins Frauenwohl und abonnierte die von Minna Cauer herausgegebene Zeitschrift Die Frauenbewegung. 1898 erfuhr Pappritz durch einen Artikel von Cauer in der Frauenbewegung über den Kongress der Internationalen Abolitionistischen Föderation (IAF) in London von der Arbeit der Föderation und deren Gründerin Josephine Butler. Sie begann, sich mit den Grundsätzen dieser Organisation, die sich für eine Abschaffung der staatlich reglementierten Prostitution einsetzte, zu beschäftigen, und lernte ein Jahr später Butler auf dem Internationalen Frauenkongress in London persönlich kennen.[7] Im April 1899 gründete Pappritz daraufhin einen Zweigverein der IAF in Berlin. Ihre anfängliche Zusammenarbeit mit Minna Cauer begann bald unter unterschiedlichen Auffassungen über Strategien und Cauers Führungsstil zu leiden; ab etwa 1900 wandte Pappritz sich stärker den Kreisen um Helene Lange und den Bund Deutscher Frauenvereine zu, in dessen Vorstand sie bald gewählt wurde. Ebenfalls um diese Zeit lernte sie ihre spätere Lebens- und Arbeitsgefährtin Margarete Friedenthal kennen, die auch in der Berliner Frauenbewegung aktiv war.

Mit der Gründung und Leitung des Vereins wurde die Frauenbewegung immer mehr zu Anna Pappritz' Lebensinhalt; in ihren Memoiren bezeichnet sie den „Kampf um eine Höherentwicklung der sexuellen Moral, um die Befreiung meines Geschlechtes aus der schrecklichen, sexuellen Hörigkeit“ als ihre Lebensaufgabe.[8] Sie eignete sich zunehmend Wissen besonders in Fragen der Sittlichkeit und Sexualhygiene an, das sie in Publikationen in fast allen Zeitschriften der bürgerlichen Frauenbewegung, in Fachzeitschriften und in der allgemeinen Presse weiterzuvermitteln suchte. Ferner unternahm sie insbesondere zwischen 1900 und 1912 unzählige Vortragsreisen und wurde so nach zu einer der bekanntesten Expertinnen in dem zeitgenössisch so bezeichneten Themenkomplex „Sittlichkeit“ (worunter insbesondere Prostitution und Verbreitung von Geschlechtskrankheiten zu verstehen waren). Auch die Sexualethik war ihr ein wichtiges Thema. Hier vertrat sie deutlich konservativere Auffassungen als die Vorsitzende des Bundes für Mutterschutz, Helene Stöcker, die für die freie Liebe eintrat. Pappritz lehnte dieselbe nicht nur aufgrund ihres eigenen Moralempfindens ab, sondern auch, weil sie vermutete, dass sich die Folgen einer freien Sexualität ausschließlich zu Lasten von Frauen auswirken würden. Wie weite Teile der bürgerlichen Frauenbewegung befürchtete sie, dass in einer nichtehelichen Partnerschaft sich Männer zunehmend ihren Verpflichtungen gegenüber Frauen und gemeinsamen nichtehelichen Kindern entziehen würden. Praktische Auswirkung dieser Befürchtung war, dass sie in ihren öffentlichen Äußerungen stets die Ehe als gesellschaftliches Leitbild hochhielt.

Pappritz arbeitete in zahlreichen Kommissionen und Vereinen mit. So war sie neben ihrem Engagement im Berliner Zweigverein der Internationalen Abolitionistischen Föderation von 1902 bis 1914 Schriftführerin des Bundes Deutscher Frauenvereine und als einzige Frau im Vorstand der 1902 gegründeten Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (DGBG) vertreten. Gemeinsam mit Katharina Scheven leitete sie den 1904 gegründeten deutschen Zweig der IAF. Zuerst Scheven, dann Pappritz gaben das Organ des deutschen Zweiges der IAF, Der Abolitionist heraus.

Mit Scheven unternahm Anna Pappritz im Winter 1912/13 eine viermonatige Reise nach Indien. Nach ihrer Rückkehr verschlechterte sich ihr ohnehin stets labiler Gesundheitszustand auf mehrere Jahre hin so radikal, dass sie ihr Arbeits- und insbesondere ihr Reisepensum stark zurückschrauben musste.[9]

1927 wurde das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten verabschiedet und die Reglementierung der Prostitution formal-rechtlich abgeschafft. Damit schien das Hauptziel der abolitionistischen Bestrebungen in Deutschland erreicht zu sein. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass die Rechtsnorm in der praktischen Durchführung nicht so leicht durchzusetzen war, da weder eine einheitliche Handhabung noch ein wirksames Strafmaß bestanden.[10] Ohnehin war die rechtliche Bestimmung nicht von Dauer: Kurz nach 1933 führten die Nationalsozialisten sie wieder ein und genehmigten später auch wieder Bordelle, deren Abschaffung die Abolitionistinnen und Abolitionisten stets gefordert hatten.[11] Die Nationalsozialisten führten neue, verschärfte Strafbestimmungen gegen Prostituierte ein und machten damit das Gesetz von 1927 weitgehend rückgängig.

Grabstein der Frauenrechtlerin Anna Pappritz (1861–1939) in Radachów, Polen

Anfang 1934 legte Pappritz den Vorsitz ihres Vereins nieder. Gesundheitlich geschwächt und durch Inflation und Krankheit mittlerweile in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, zog sie, die das Alleinwohnen stets geschätzt hatte, endgültig zu ihrer Lebensgefährtin Margarete Friedenthal, deren anfangs beträchtliches Vermögen auch aufgezehrt war. Wie die Briefwechsel in ihrem Nachlass belegen, verfolgte sie die Entwicklungen ihrer Arbeitsgebiete auch weiterhin. Die tatsächliche Wiedereinführung des Bordellwesens am 9. September 1939 erlebte Pappritz jedoch nicht mehr. Sie starb im Sommer 1939 nach einer schweren Bronchitis in ihrem Heimatort Radach und wurde dort auf dem Familienfriedhof beigesetzt.

Anna Pappritz und der Abolitionismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihre Ansichten und Vorschläge zur Prostitutionsfrage legte Pappritz in mehreren Schriften dar. Hintergrund ihrer politischen Arbeit war die Tatsache, dass der Staat Prostitution polizeilich „reglementierte“. Diese Reglementierung fußte auf der Annahme, dass Prostitution notwendig sei, da regelmäßiger Geschlechtsverkehr für Männer medizinisch erforderlich sei. Um die Männer (und nur diese) jedoch vor Ansteckung durch Geschlechtskrankheiten zu schützen, wurden Prostituierte regelmäßigen polizeilich-medizinischen Kontrollen unterworfen.[12] Die Abolitionistinnen und Abolitionisten kritisierten diese Praxis aus mehreren Gründen. Zum einen wurden unter dem Reglementierungssystem nur Frauen für die Verbreitung der damals noch nicht wirksam behandelbaren Geschlechtskrankheiten verantwortlich gemacht und ggf. kriminalisiert; zum anderen war die polizeiliche Reglementierung in der Praxis anfällig für Korruption und Schikane.

Der Abolitionismus forderte eine Abschaffung dieser polizeilichen Reglementierung und befürwortete stattdessen ein Paket aus sozialen und gesetzlichen Maßnahmen. Da man die Ursachen der Prostitution auch in schlechten Erwerbsmöglichkeiten für Frauen der Arbeiterschicht sowie in beengten Wohnverhältnissen sah, sollten Verbesserungen im Wohnungswesen und in den Arbeits- und Lebensbedingungen erwerbstätiger Frauen, ausgeweitete Jugendfürsorge, günstige und „edle Volksunterhaltungen“ sowie bessere medizinische Versorgung für ärmere Menschen vorbeugend greifen. Auf der repressiven Seite sollte strenger gegen Mädchenhandel und Zwangsprostitution vorgegangen werden; ferner wurde ein Verbot von Bordellen befürwortet, um die Ausbeutung Prostituierter durch die Betreiberinnen und Betreiber zu verhindern. Des Weiteren sollte nur noch die wissentliche Ansteckung einer anderen Person mit einer Geschlechtskrankheit auf Antrag der Person strafverfolgt werden, anstatt wie bisher schon den Geschlechtsverkehr einer wissentlich infizierten Person als Offizialdelikt zu behandeln.[13] Seit den 1920er Jahren unterstützte Pappritz allerdings auch die Einweisung so genannter „gefährdeter“ Mädchen und Frauen in geschlossene Heime, wo sie unter der Aufsicht von Fürsorgerinnen zu „nützlicher Arbeit“ angehalten werden sollten. Der Abolitionismus grenzte sich damit zwar von der Verbotspolitik Hanna Bieber-Böhms ab, war aber selbst nicht frei von repressiven Maßnahmen bis hin zur Befürwortung von Freiheitsentzug für deviantes Verhalten.[14]

Pappritz’ Bild von Prostituierten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die in weiten Teilen der zeitgenössischen Publizistik vertretene Auffassung, es gebe „geborene“ Prostituierte, lehnte Anna Pappritz ab. Im Einklang mit dem zeitgenössischen populärwissenschaftlichen Diskurs vertrat sie zwar sehr wohl die Ansicht, dass es vererbbare „belastende“ Faktoren gäbe; die Hauptursache machte sie jedoch in sozialem Elend und materieller Not aus, sowie in einem Lohnniveau, das einer Arbeiterin oder weiblichen kaufmännischen Angestellten selbst bei Vollzeitarbeit selten die Deckung ihres Existenzminimums erlaubte. Hinzu kam die Doppelmoral einer Gesellschaft, die außereheliche Sexualität beim Mann akzeptiere, bei der Frau jedoch zum Anlass für dauerhafte gesellschaftliche Ächtung nahm.[15]

Aussagen von Prostituierten selbst finden sich bei Pappritz nur in einer einzigen ihrer zahlreichen Schriften[16]; ansonsten werden die Betroffenen ausschließlich passiv dargestellt. Die Abolitionisten sahen sich als Fürsprecher der Prostituierten, nicht als deren Mitstreiter. „Die Idee, dass eine Prostituierte eventuell nicht gerettet werden wollte, ist in abolitionistischen Kreisen wohl kaum diskutiert worden.“[17] Dass Frauen keine einheitliche Gruppe sind und Interessenlagen zwischen Frauen auch je nach sozioökonomischer Lage unterschiedlich sein konnten, nahm Pappritz nicht zur Kenntnis. Diese Einstellung teilte sie mit vielen bürgerlichen Frauenrechtlerinnen. Tief im bürgerlich-meritokratischen Denken verwurzelt, begriff man sich als eine weibliche Elite, die sich sowohl für Frauen der eigenen als auch der anderen Schichten einsetzte, dabei aber auch häufig beanspruchte, deren Interessen zu kennen und für sie sprechen zu können. Vor diesem Hintergrund war es für Pappritz offenbar auch kein Widerspruch, die Einweisung ehemaliger Prostituierter und „gefährdeter“ minderjähriger Mädchen in geschlossene Erziehungsanstalten zu befürworten. Pappritz-Biografin Wolff hierzu:

„Die ‘Sozialdisziplinierung’ ist grundsätzlich in den Ideen des Abolitionismus und in seinem Verhalten gegenüber Prostituierten angelegt, da seine Mitglieder eben nicht mit Prostituierten sprachen und mit ihnen auch nicht gemeinsam politische Forderungen entwickelten, sondern über sie redeten. Dies formulierten Prostituierte zu Beginn der 1920er-Jahre selbst. Wäre es zu einem gemeinsamen Gespräch gekommen, hätten die Abolitionistinnen und Abolitionisten eine interessante Entdeckung gemacht: Auch die Prostituierten sprachen und sprechen nicht mit einer Stimme, auch hier gab und gibt es unterschiedliche Vorstellungen und Wünsche [...].“[18]

Anna Pappritz in der Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie viele Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung sah Anna Pappritz sich nach 1933 mit der Frage konfrontiert, wie mit der neuen Machtkonstellation umzugehen sei. Obwohl die bürgerliche Frauenbewegung in weiten Teilen dem liberalen Spektrum zuneigte, verstand man sich als Vertretung aller Frauen und damit als (partei)politisch neutral. Vor diesem Hintergrund versuchten große Teile der Frauenbewegung, ihre Arbeit zumindest in Ansätzen auch unter dem nationalsozialistischen Regime fortführen zu können. Insbesondere die ersten Jahre sind dabei noch von Versuchen gekennzeichnet, Kompromisse mit den neuen Machthabern zu finden. So existiert ein Artikel von 1933, in dem Pappritz sich mit Hitlers Ausführungen zur Bekämpfung der Syphilis in Mein Kampf auseinandersetzt und zu der Interpretation gelangt, „dass Hitler sich dafür einsetzen werde, eine erneute Reglementierung der Prostitution zu verhindern, und ebenso wie der Abolitionismus vor allem durch Erziehung der jüngeren Generation die Ursachen der Prostitution bekämpfen wollte und nicht nur das Symptom.“[19] Dabei handelte es sich jedoch um einen Trugschluss, da der Nationalsozialismus auf völlig andere Mittel setzte (unter anderem die Wiedereinführung von Bordellen zur schärferen Kontrolle der Prostituierten, was der Abolitionismus stets abgelehnt hatte).

Das erkannte nach einiger Zeit vermutlich auch Anna Pappritz. 1939 kritisierten sie und ihre Mitstreiterinnen Marie-Elisabeth Lüders und Dorothee von Velsen die ebenfalls der bürgerlichen Frauenbewegung angehörende Publizistin und vormalige liberale Reichstagsabgeordnete Gertrud Bäumer dafür, zu viele Zugeständnisse an die nationalsozialistische Zensur zu machen, um ihre Zeitschrift Die Frau weiter herausgeben zu können.[20] Die Zeitschrift Der Abolitionist hatte Ende 1933 ihr Erscheinen bereits eingestellt; im Februar 1934 gab Pappritz – wohl aus gesundheitlichen Gründen – ihr Amt als Vorsitzende des deutschen Zweigvereins auf. Schon im April des Vorjahres hatte sie resigniert festgestellt: „Der Verein hat aufgehört, eine Kampforganisation zu sein, weil freie Meinungsäusserung in Wort und Schrift verboten ist.“[21]

In der Literatur wurde Anna Pappritz bisweilen Antisemitismus vorgeworfen.[22][23] Die Kritik stützte sich hauptsächlich auf zwei Publikationen: In Der Mädchenhandel und seine Bekämpfung (1924) zitiert sie Beispiele für verurteilte Mädchenhändler, von denen auffallend viele jüdische Namen tragen. Ob Pappritz’ Darstellung die Zahlenverhältnisse der ihr zugänglichen Statistiken realistisch wiedergibt, kann mangels Evidenz nicht rekonstruiert werden. In einer anderen Publikation, Einführung in das Studium der Prostitutionsfrage (1919), findet sich eine Stelle, in der Pappritz den Mädchenhandel in Russland unter Berufung auf russische Quellen als „fest in der Hand polnischer Juden“ beschreibt. Ferner erwähnt sie dort in einer Fallstudie zu einer Prostituierten gleich im ersten Absatz deren jüdische Religionszugehörigkeit und hebt später darauf ab, dass die Frau auch „jüdische Kundschaft“ hatte. Biografin Wolff weist in dem Zusammenhang darauf hin, dass Pappritz in derselben Schrift noch mehrere andere Fallstudien vorstellt, in denen auch christliche Konfessionszugehörigkeiten erwähnt werden, wobei sich die Erzählungen ansonsten durchaus ähneln. Man könne die Hervorhebung der jeweiligen Religionszugehörigkeit auch so lesen, dass Pappritz betonen wolle, wie unterschiedslos der Weg in die Prostitution in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen verlaufen konnte. Auf der Grundlage dieser beiden isolierten Textpassagen einen Antisemitismusvorwurf zu erheben, greife zu kurz. Was die beiden Schriften in ihrem Gesamtkontext jedoch sehr wohl zeigten, sei Pappritz’ Anspruch, für Frauen anderer gesellschaftlicher Gruppen und Schichten sprechen und entscheiden zu können: „Sie spricht selbstverständlich in Namen aller Frauen und scheut sich auch nicht, andere Menschen aufgrund ihres Verhaltens zu pathologisieren.“[24]

An anderer Stelle sprach Pappritz sich gegen die rechtliche Schlechterstellung von Jüdinnen und Juden aus.[25] Als 1933 die jüdischen bzw. nicht arischen Mitglieder des Vorstands des Berliner Zweigvereins zurücktraten, da ansonsten die öffentliche Finanzierung eingestellt worden wäre, wollte Pappritz selbst den Vorsitz niederlegen und blieb nur auf nachhaltiges Drängen der jüdischen/nicht arischen Mitstreiterinnen im Amt.[26][27]

Es kann als sicher gelten, dass Pappritz in der Weimarer Republik den Liberalen nahestand. Die Mehrzahl ihrer Mitstreiterinnen und Mitstreiter rekrutierte sich aus dem liberalen Spektrum; ihre Lebensgefährtin Margarete Friedenthal war Stadtverordnete für die DDP. Bis 1933 vermietete Pappritz ein Zimmer an die DDP-Landtagsabgeordnete Martha Dönhoff. Belege für einen Wechsel der Weltanschauung finden sich nicht: In Pappritz’ Nachlass befinden sich mehrere an sie adressierte Briefe aus der Nazizeit, die das Regime kritisch behandeln. Ebenso findet sich dort zwar auch ein Entwurf eines Briefs an die Leiterin der NS-Frauenschaft, Gertrud Scholtz-Klink, in dem die mittlerweile 75-jährige Pappritz versucht, jener ein positives Bild der Frauenbewegung der Weimarer Republik zu vermitteln und sich dabei scharf vom pazifistischen Flügel der Frauenbewegung um Lida Gustava Heymann abgrenzt.[28] Die Gesamtheit der Privatkorrespondenz deutet jedoch darauf hin, dass Pappritz den Nationalsozialismus ablehnte und unter der Zensur und den Repressionen gegenüber ihren jüdischen Freundinnen und Mitstreiterinnen litt – allerdings kann man davon ausgehen, dass sie seinen Charakter wie viele Frauen der bürgerlichen Frauenbewegung massiv unterschätzte.[29] Eigene Möglichkeiten zur Einflussnahme wurden hingegen, zumindest in der Anfangszeit, stark überschätzt.

Ein Erklärungsansatz für die Versuche, sich mit dem nationalsozialistischen Regime zu arrangieren, besteht darin, dass die bürgerliche Frauenbewegung sich aufgrund ihrer Geschichte als Interessenvertretung aller Frauen in jedem System verstand. In Kaiserreich und Weimarer Republik hatten sie mit diesem Ansatz durchaus Erfolge. Die Erkenntnis, dass Ähnliches in einem totalitären System wie dem nationalsozialistischen nicht mehr möglich war, scheint sich bei Anna Pappritz bis zu ihrem Tod 1939 nicht vollständig durchgesetzt zu haben.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Aus den Bergen Tirols (1893)
  • Vorurteile (1894)
  • Die Wahrheit (1897)
  • Ein Enterbter (1898)
  • Das Reichsgesetz zur Bekampfung der Geschlechtskrankheiten vom Standpunkt der Frau (1902)
  • Herrenmoral, Leipzig [ca. 1903]
  • Die wirtschaftlichen Ursachen der Prostitution, Berlin 1903
  • Die Welt, von der man nicht spricht. Aus den Papieren einer Polizeibeamtin bearbeitet (1907)
  • Prostitution und Abolitionismus (1917)
  • Der Mädchenhandel und seine Bekämpfung (1924)
  • Handbuch der amtlichen Gefährdetenfürsorge (1924)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Franz Brümmer: Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Reclam, Leipzig 1913, S. 226.
  • Margit Göttert: „Mir sind die frauenrechtlerischen Ideen direkt eingeboren.“ Anna Pappritz (1861–1939). In: Ariadne. Heft 28, 1995, S. 50–55.
  • Heidi Koschwitz, Birgit Sauer: Pappritz, Anna. In: Who is Who der sozialen Arbeit, hg. v. Hugo Maier, Freiburg 1998, S. 458–460.
  • Pappritz, Frl. Anna. In: Sophie Pataky (Hrsg.): Lexikon deutscher Frauen der Feder. Band 2. Verlag Carl Pataky, Berlin 1898, S. 115 f. (Digitalisat).
  • Kirsten Reinert: Pappritz, Anna. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 55 f. (Digitalisat).
  • Kerstin Wolff: Herrenmoral: Anna Pappritz and Abolitionism in Germany. In: Women's History Review. Vol. 17, 2. April 2008, S. 225–237.
  • Kerstin Wolff: Anna Pappritz. 1861-1939. Die Rittergutstochter und die Prostitution, Sulzbach/Taunus 2017.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Göttert, Margit: „Mir sind die frauenrechtlerischen Ideen direkt eingeboren.“ Anna Pappritz (1861–1939). In: Ariadne. Heft 28, 1995, S. 50–55; hier: S. 55
  2. Pappritz, Anna: Wie ich zu meiner Arbeit kam, unveröffentlichtes Manuskript, Berlin 1908, S. 5. Zum bürgerlichen Frauenbild des Kaiserreichs vgl. Peters, Dietlinde: Mütterlichkeit im Kaiserreich. Die bürgerliche Frauenbewegung und der soziale Beruf der Frau (=wissenschaftliche Reihe, Bd. 29), Bielefeld 1984, S. 26–35, S. 40–42.
  3. Pappritz: Wie ich zu meiner Arbeit kam, S. 21. Zu den biografischen Angaben siehe auch Wolff, Kerstin: Anna Pappritz. 1861-1939. Die Rittergutstochter und die Prostitution, Sulzbach/Taunus 2017, ISBN 978-3-79741-399-3 und Göttert, Frauenrechtlerische Ideen.
  4. vgl. Pappritz, Frl. Anna. In: Sophie Pataky (Hrsg.): Lexikon deutscher Frauen der Feder. Band 2. Verlag Carl Pataky, Berlin 1898, S. 115 f. (Digitalisat).
  5. Pappritz: Wie ich zu meiner Arbeit kam, S. 23.
  6. Vgl. Pappritz: Wie ich zu meiner Arbeit kam, S. 25–33; hierzu auch u. a. Göttert: Frauenrechtlerische Ideen, S. 51.
  7. Pappritz: Wie ich zu meiner Arbeit kam, S. 58 + 94f.
  8. Pappritz: Wie ich zu meiner Arbeit kam, S. 20.
  9. Vgl. hierzu Wolff, Anna Pappritz, S. 254ff.
  10. Vgl. Der Große Herder. Nachschlagewerk für Wissen und Leben, 4. völlig neubearb. Aufl., Bd. 9, Freiburg i. Br. 1934, Sp. 1191.
  11. Pappritz, Anna; Mittermaier, Wolfgang: Abschiedsgruß an die Leser des Abolitionist, in: Der Abolitionist 32(1933)6, S. 82.
  12. Vgl. z. B. Pappritz, Anna: Herrenmoral, 3. Aufl., Leipzig 1903, S. 7ff.
  13. Pappritz, Anna: Einführung in das Studium der Prostitutionsfrage, Berlin 1919.
  14. Wolff, Anna Pappritz, S. 339.
  15. Pappritz, Anna: Die wirtschaftlichen Ursachen der Prostitution, Berlin 1903.
  16. Pappritz, Anna: Die Welt von der man nicht spricht. Aus den Papieren einer Polizei-Beamtin, Leipzig 1908.
  17. Wolff, Anna Pappritz, S. 304.
  18. Wolff, Anna Pappritz, S. 351.
  19. Wolff, Anna Pappritz, S. 335.
  20. Schaser, Angelika: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft. 2. durchges. u. aktualis. Aufl. Köln u. a. 2010, S. 304. ISBN 978-3-412-09100-2.
  21. Wolff, Anna Pappritz, S. 332.
  22. Omran, Susanne: Frauenbewegung und Judenfrage. Diskurse um Rasse und Geschlecht nach 1900. Frankfurt am Main 2000, S. 154.
  23. König, Malte: Der Staat als Zuhälter. Die Abschaffung der reglementierten Prostitution in Deutschland, Frankreich und Italien im 20. Jahrhundert. Berlin/Boston 2016, S. 350.
  24. Wolff, Anna Pappritz, S. 336–338.
  25. http://periodika.digitale-sammlungen.de/abwehr/Blatt_bsb00000939,00054.html.
  26. Zu den zurückgetreten Vorstandsmitgliedern gehörte auch Margarete Friedenthal, die aufgrund ihrer jüdischen Vorfahren zu den „Nichtariern“ zählte.
  27. Wolff, Anna Pappritz, S. 331.
  28. Heymann lebte seit 1933 mit ihrer Lebensgefährtin Anita Augspurg im Exil.
  29. Wolff, Anna Pappritz, S. 356; vgl. auch Schaser, Helene Lange und Gertrud Bäumer, S. 304f.