Annette Kuhn

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Annette Kuhn (* 22. Mai 1934 in Berlin) ist eine deutsche Historikerin und Friedens- und Frauenforscherin. Sie war von 1966 bis 1999 Professorin für Geschichtsdidaktik und später auch für Frauenforschung an der Pädagogischen Hochschule Rheinland (Abteilung Bonn) und nach deren Auflösung 1980 an der Universität Bonn.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Annette Kuhn ist die Tochter des Philosophen Helmut Kuhn. Vater und Mutter Käthe, geborene Lewy, waren protestantische Konvertiten jüdischer Herkunft. Annette Kuhn wurde 1934 von Martin Niemöller christlich getauft, Antonie Meinecke, die Frau von Friedrich Meinecke, war ihre Taufpatin. Annette Kuhn erfuhr erst nach dem Tod ihrer Mutter von ihrer jüdischen Herkunft.

Prägende Kindheitserfahrungen machte sie in der englischen und US-amerikanischen Emigration, in die der Nationalsozialismus 1937 ihre Familie aus Berlin vertrieb. Seit 1948 wieder zurück in Deutschland, ging sie ab 1951 auf die Elisabeth-von-Thadden-Schule in Heidelberg und machte dort im Frühjahr 1954 ihr Abitur. Im Sommersemester 1954 begann sie zunächst Geschichte, Germanistik, Anglistik und Philosophie in München zu studieren. Nach einem Aufenthalt am Connecticut College, damals noch „for Women“, schloss sie 1959 ihr Studium in München mit einer Promotion bei Franz Schnabel über Die Staats- und Gesellschaftslehre Friedrich Schlegels ab. Anschließend ging sie zum Abschluss des Staatsexamens und der Habilitation an die Universität Heidelberg, wo sie maßgeblich von Werner Conze geprägt wurde. Von dort aus konvertierte sie, begleitet von Romano Guardini, wie zuvor schon die Eltern zum Katholizismus.

Bereits vor Abschluss ihrer Habilitation wurde sie 1966 als jüngste Professorin der Bundesrepublik Professorin für Mittelalterliche und Neuere Geschichte und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Bonn (zuständig für Lehrerausbildung und Diplompädagogik). Ihre Vorgängerin auf dem Lehrstuhl war die politisch umstrittene Professorin Klara Marie Faßbinder. Annette Kuhn hatte bis dahin keine didaktische Veröffentlichungen und noch keine Unterrichtsstunden gegeben. In den 1960er und 1970er Jahren nahm sie in ihren Arbeiten zur kritischen kommunikativen Geschichtsdidaktik und Friedenspädagogik die Kritik und Forderungen von außerparlamentarischer sowie studentischer Opposition auf. Sie setzte sich mit Wolfgang Hilligens politikdidaktischem Ansatz, Jürgen Habermas' Kritischer Theorie und Johan Galtungs Friedensforschung auseinander.

Der emanzipatorische Aufbruch der Frauen prägte ihre wissenschaftliche Arbeit seit den 1980er Jahren. 1986 erhielt sie die erste Professur für historische Frauenforschung. Sie trug dazu bei, dass eine neue sich kritisch erinnernde Sicht, auch an die jüngste deutsche Vergangenheit, möglich und in die Richtlinien für Geschichte und politische Bildung aufgenommen wurde. Diese Sichtweise stellte eine Provokation dar. Sie wurde von 1992 bis 1996 wegen ihrer zu der Studienordnung nicht passenden Themen vom Wissenschaftlichen Lehrerprüfungsamt in Bonn ausgeschlossen wurde.[1]

In wissenschaftlichen Veröffentlichungen und als Herausgeberin geschichtsdidaktischer und frauengeschichtlicher Periodika arbeitete sie an der Überwindung der tradierten Trennung von Wissenschaft und Weiblichkeit und begründete eine kritisch-feministische Erkenntnistheorie. Sie orientierte sich an Christine de Pizan und der italienischen Philosophin Luisa Muraro (Die symbolische Ordnung der Mutter).

Als wissenschaftliche Mentorin brachte sie wesentliche Projekte auf den Weg, um Frauenleistungen in der Geschichte sichtbar zu machen, u. a. die Quellen-Reihe „Frauen in der Geschichte“, die umfassende „Chronik der Frauen“ sowie mehrere große Ausstellungen zur Frauenkulturgeschichte. Annette Kuhn war die wissenschaftliche Leiterin des Politeia-Projekts zum Gender Mainstreaming.

1999 wurde sie emeritiert.

Annette Kuhn wurde 2006 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse geehrt.

2009 gründete sie die Annette-Kuhn-Stiftung zur Förderung frauenhistorischer Forschung und Bildung. Um die Ziele der Stiftung praktisch umzusetzen, strebte die Stiftung die Realisierung eines Hauses der Frauengeschichte an, das 2012 als Haus der FrauenGeschichte in der Bonner Altstadt eingerichtet wurde.[2] Annette Kuhn setze sich schon früher für ein solches Projekt ein und ist Vorsitzende des 2000 gegründeten Vereins zur Förderung des geschlechterdemokratischen historischen Bewusstseins als Trägerverein für das Bonner Frauenmuseum.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografien
  • Die Staats- und Gesellschaftslehre Friedrich Schlegels. LMU, München 1959 (philosophische Doktorarbeit)
  • Die Kirche im Ringen mit dem Sozialismus 1803–1848. Eine historische Studie. Pustet, München u. a. 1965.
  • Theorie und Praxis historischer Friedensforschung. Klett, Stuttgart 1971, ISBN 3-466-42107-1.
  • Einführung in die Didaktik der Geschichte. Kösel, München 1974, ISBN 3-466-35022-0.
  • mit Gerhard Schneider: Geschichtsunterricht 5–10. Urban und Schwarzenberg, München u. a. 1981, ISBN 3-541-41041-8.
  • mit Valentine Rothe: Frauenpolitik im NS-Staat. Schwann, Düsseldorf 1982, ISBN 3-590-18013-7.
  • mit Valentine Rothe: Frauenarbeit und Frauenwiderstand im NS-Staat. Schwann, Düsseldorf 1982, ISBN 3-590-18014-5.
  • Historia. Frauengeschichte in der Spirale der Zeit. Barbara Budrich, Leverkusen/ Farmington Hills 2010, ISBN 978-3-86649-261-5.
Aufsätze
  • Was heisst »christlich-sozial«? Zur Entstehungsgeschichte eines politischen Begriffs. In: Zeitschrift für Politik. Band 10, 1963, S. 102–122.
  • Der Herrschaftsanspruch der Gesellschaft und die Kirche. In: Historische Zeitschrift. Band 201, 1965, S. 334–358.
  • Kirche und soziale Frage. In: Zeitschrift für Politik. Band 13, 1969, S. 421–428.
  • Das Geschlecht – eine historische Kategorie?. In: Dies. u.a. (Hrsg.) Frauen in der Geschichte, Bd. 4. Düsseldorf 1985.
als Mitherausgeberin
  • Zeitschrift: Geschichtsdidaktik. 1976–1987.
  • mit Jörn Rüsen: Frauen in der Geschichte. 5 Bände. Schwann, Düsseldorf (2. Band 1982, 3. Band 1983)
  • mit Johanna Geyer-Kordesch: Frauenkörper, Medizin, Sexualität. Düsseldorf 1986.
  • Die Chronik der Frauen. Harenberg, Dortmund 1992, ISBN 3-611-00195-3.
  • „Da wir alle Bürgerinnen sind…“ Frauen- und Geschlechtergeschichte in historischen Museen. In: Schriften aus dem Haus der FrauenGeschichte. Band 2, Barbara Budrich, Opladen/ Farmington Hills 2008, ISBN 978-3-86649-129-8.
Autobiografie
  • Ich trage einen goldenen Stern. Ein Frauenleben in Deutschland. Aufbau, Berlin 2003, ISBN 3-351-02556-4.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Homepage: Annette Kuhn Stiftung. Oktober 2012, abgerufen am 4. Januar 2014.
  • POLITEIA-Rede Prof. Dr. Annette Kuhn. Deutscher Bundestag, 2003, abgerufen am 4. Januar 2014 (Eröffnungsrede zur Ausstellung „Frauen, die Geschichte mach(t)en“; Kuhn gehörte zur wissenschaftlichen Leitung).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vergleiche Annette Kuhn: Ich trage einen goldenen Stern. Ein Frauenleben in Deutschland. Aufbau, Berlin 2003, ISBN 3-351-02556-4.
  2. Homepage: Haus der FrauenGeschichte. Abgerufen am 4. Januar 2014.